Links: Walter Giers, „Erotischer Zyklus“, 1975, Acryl, Schaltkreise, Leuchtdioden, Lautsprecher; Sammlung Petra und Victor Giers

(© ZKM, Foto: Felix Grünschloß)

Mitte: Walter Giers, „Erotischer Zyklus“, 1975, Acryl, Schaltkreise, Leuchtdioden, Lautsprecher; Sammlung Petra und Victor Giers (© ZKM, Foto: Felix Grünschloß)

Rechts: Peter Weibel (© ZKM | Karlsruhe, Foto: Christof Hierholzer)


Seit 1989 präsentiert das ZKM – Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe Ausstellungen zu raum- und zeitbasierten Künsten. Von Audiokunst über Fotografie und Malerei bis zu Performances und Videokunst findet hier alles einen Platz. Das Haus ist nicht nur ein Museum, es ist auch ein Ort der Erforschung der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts sowie der Produktion von Medienkunst. Noch bis zum 20. Januar 2019 ist hier die Ausstellung „Kunst in Bewegung. 100 Meisterwerke mit und durch Medien – Ein operationaler Kanon“ zu sehen. Sie bietet den Besuchern einen spannenden Einblick in die Geschichte der Medienkunst, deren Ursprünge länger zurück liegen als mancher wohl erwartet, ein Exponat beispielsweise entstand nach einem Entwurf aus dem Jahr 850. Die Ausstellung zeichnet die Entwicklungen nach, die dazu führten, dass die Kunst wortwörtlich in Bewegung geriet. Zeitkunst hat mit dem Medienkünstler und -wissenschaftler Peter Weibel gesprochen, der seit 1999 Vorstand und Direktor des ZKM ist und gemeinsam mit Siegfried Zielinski die Ausstellung kuratiert hat.

 

In einem Video-Interview mit Hack Film zur Ausstellungseröffnung von „Open Codes“ sagen Sie, dass die Aufgabe des Museums darin bestehe, den Leuten zu helfen, das Unbekannte, das Unwahrscheinliche kennen zu lernen. War dies auch der Maßstab für die Konzeption von „Kunst in Bewegung. 100 Meisterwerke mit und durch Medien“?

Peter Weibel: Wir haben tausende Jahre von Bildkultur. Doch die Bilder dieser Kultur sind alle statisch – von der Höhlenmalerei bis zum abstrakten Expressionismus. Mit der Erfindung des Films um 1900 begann das bewegte Bild. Die Bewegungsmaschinen des 19. Jahrhunderts, welche die industrielle Revolution unterstützten, waren Radtechnologien. Die ersten Bildmaschinen, die eine Weiterentwicklung der Bewegungsmaschinen waren, sind ebenfalls ein Triumph der Radtechnologie – von den Rädern des Projektors bis zu den Rädern der Filmkameras.

Mit Video und Computer begann eine neue Phase des Bewegtbildes durch die magnetische und elektronische Speicherung der Information. Die Imagination, mit der inspirative Funken aus den wechselnden technischen Trägermedien des bewegten Bildes geschlagen werden konnte, bildete den Maßstab für die Entwicklung.

 

In Interviews mit dem Deutschlandfunk und dem SWR beschrieb ihr Ko-Kurator Siegfried Zielinski die Ausstellung als „Forschungsparcours“ und als Präsentation eines „Forschungsprozesses“ [in die Geschichte der apparativen Kunst]. Welche historischen und künstlerischen Aspekte waren ausschlaggebend für die Auswahl der 100 Meister- und 400 Referenzwerke?

Weibel: Wir konnten erstmals zeigen, dass die Geschichte des Bewegtbildes als Geschichte der apparativen Produktion, Distribution, Speicherung und Rezeption nicht von der Technikgeschichte zu trennen ist. Die Kunstgeschichte hat aber die Technikgeschichte zu wenig berücksichtigt. Sie hat ihren Bildbegriff am statischen Bild und nicht am Bewegungsbild ausgebildet. Aus diesem Grund ist diese Ausstellung das Ergebnis einer Forschung und zugleich für das Publikum ein Forschungsparcours, da es in der Tat Neues kennenzulernen gibt.

 

Welche Kausalitäten und Korrelationen innerhalb der Medienkunstgeschichte sollen durch die Zusammenstellung der Werke sichtbar gemacht werden?

Weibel: Wir unterscheiden zwischen den innovativen Werken, die entweder eine neue Problemstellung ins Feld geführt haben, eine alte Problemstellung neu formuliert haben oder aber eine Problemstellung optimal gelöst haben. Die Werke, die diese Kriterien erfüllen, bilden die Meisterwerke. Der Rest sind ebenfalls gute Werke, aber sie beziehen sich auf diese innovativen Werke bewusst oder unbewusst und gelten daher als Referenzwerke. Dadurch entsteht innerhalb der Medienkunst ein bisher nicht geahntes Netz von Kausalitäten und Korrelationen.

 

Der Untertitel der Ausstellung beschreibt sie als „operationalen Kanon“. Warum ist es Ihnen trotz aller akademischen Diskussionen wichtig, am Begriff des Kanons als Hilfsmittel festzuhalten?

Weibel: Der Begriff Kanon ist wichtig auch als Diatribe, um die unzähligen Bücher, die seit 100 Jahren falsche Meisterwerke zitieren, zum Schweigen zu bringen. Wir relativieren aber unseren Kanon durch die Attribute »operativ« wie »optional«, das heißt der Kanon ist ein Werkzeug und der Kanon lässt zugleich weitere Optionen zu.

 

Auch ein Forschungsprozess ist ständig in Bewegung und die Entwicklung der Medien und der Medienkunst schreiten schnell fort. Denken Sie, Sie würden die Ausstellung anders konzipieren oder Werke hinzufügen, wenn Sie heute mit der Planung beginnen würden?

Weibel: Ich glaube, die Positionen und Optionen, die wir mit dieser Ausstellung entwerfen, bilden einen Horizont, den es zu erforschen noch langer Jahre bedarf. Dadurch bin ich der Ansicht, dass unser aufgestellter optionaler Kanon noch für einige Dekaden Gültigkeit besitzen wird.

 

Marie-Dominique Wetzel beschreibt in ihrem Beitrag „Wie aus Kunst Bewegte Bilder wurden“ für den SWR, die Werke der Ausstellung als vorwiegend „heiter“ und „selbstironisch“, Adjektive, die ich auch zur Beschreibung einiger Ihrer Kunstwerke verwenden würde. Was ist für Sie der besondere Reiz an solchen Werken?

Weibel: Eine große europäische Tradition ist bekanntlich die Selbstreflexion. Künstler, die den Mut haben, ihre Position selbstkritisch darzustellen, sind Heroen dieser Selbstreflexion. Dadurch entstehen selbstverständig selbstironische Werke. Aufgrund dieser Transparenz, die nicht nur die Werke, sondern auch die entsprechenden Reflexionen mitliefert, wirken die Werke ebenfalls heiter.

 

Wenn Sie aus allen der 500 in der Ausstellung gezeigten Arbeiten auswählen müssten, welches wäre Ihr Lieblingswerk und warum?

Weibel: Diese Frage kann ich beim besten Willen nicht beantworten.


Kunst in Bewegung. 

100 Meisterwerke mit und durch Medien –  Ein operationaler Kanon

bis 20.1.19

ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe

Lorenzstraße 19

76135 Karlsruhe 

Mi-Fr 10-18 h, Sa 14-18 h, So 11-18 h

https://zkm.de