Ein Tisch, ein Stuhl, Akten                und ein Kunstwerk

Das Kunsthaus NRW Kornelimünster zeigt eine Ausstellung zum Komplex Büro-Politik-Kunst/ Von Leila Haschtmann


Viele Erwachsene in Deutschland verbringen einen Großteil ihres Lebens, nämlich mindestens 40 Stunden in der Woche im Büro. Damit man sich hier wohler fühlt, werden Arbeitsplätze oft personalisiert, mit Pflanzen, privaten Fotografien – oder mit Kunstwerken. Auch in der Landesverwaltung Nordrhein-Westfalen ist letzteres eine gängige Praxis. Die Besonderheit ist hier allerdings, dass den Beamten eine ganze Sammlung von Werken als Leihgaben-Fundus zur Verfügung steht: Die Fördersammlung des Landes Nordrhein-Westfalen. Die Sammlung wurde 1948 gegründet, um nach dem Ende des NS-Regimes junge und entrechtete Kunstschaffende unbürokratisch zu unterstützen. Bereits seit ihrer Gründung hatte sie außerdem die Funktion, die Landesbehörden „auszustatten“, seit 2017 wird offiziell der Begriff „Artothek“ verwendet. Rund 1200 Werke werden derzeit an Amtstragende der Landesverwaltung verliehen.

Die Fördersammlung umfasst inzwischen knapp 4000 Werke, die die letzten 100 Jahre moderner Kunst im Rheinland und in Westfalen abbilden. Anlässlich des 70-jährigen Jubiläums der Fördersammlung beschäftigt sich nun die aktuelle Ausstellung des Kunsthauses NRW Kornelimünster, welches in den 90er-Jahren als Museum für die Sammlung entstand, mit den anderen Räumen, in denen deren Kunstwerke zu sehen sind: die Büros, Konferenzsäle und Foyers der Landesverwaltung Nordrhein-Westfalen. Unter dem Titel „büro komplex – Die Kunst der Artothek im politischen Raum“ werden nicht nur über 160 Werke aus der Sammlung, sondern vor allem der räumliche Kontext ihrer Wirkungsorte und der zeitliche Kontext ihrer Entstehung präsentiert. Die Ausstellung soll in einer chronologischen Abfolge die parallelen Zeitstränge von Kunst, Büro und Politik von der Gründung der Sammlung bis in die Gegenwart erfahrbar machen. In den barocken Räumen der ehemaligen Abtsresidenz von Kornelimünster wurden hierfür Büroräume inszeniert und nachgebaut, in denen die Kunstwerke wie im Arbeitsalltag der Verwaltung präsentiert werden. So entsteht nicht nur ein Einblick in die jüngere nordrhein-westfälische Kunstgeschichte, sondern auch in die Entwicklungen, die das Büro als Arbeitsplatz in den letzten 70 Jahren durchlaufen hat. Das repräsentative Büro der 50er-Jahre ist ebenso vertreten wie das Großraumbüro mit Schreibzellen und die studioähnliche Bürolandschaft der Gegenwart. 

Die Ausstellung thematisiert, wie die Kunst zum Mittel der Repräsentation gemacht und durch politische Machtstrukturen in Anspruch genommen werden kann, indem sie einen thematischen Bogen von der Malerei des Expressionismus und der neuen Sachlichkeit in den bewegten Jahren der Weimarer Republik bis heute spannt. Nach der Unterdrückung und ideologischen Vereinnahmung der Kunst während des NS-Regimes, galt in den 1950er-Jahren die informelle, autonome Malerei jener Zeit als Ausdruck des demokratischen Westens. In der Ausstellung wird sie vor der politischen Kunst der 60er- und 70er-Jahre gezeigt, die als Reaktion auf die fortlebenden autoritären Machtstrukturen entstand. Die 1980er-Jahre mit ihrer Verschiebung von der Bürokratie zum Managerbüro werden durch die neue expressive Malerei repräsentiert, gefolgt von der Düsseldorfer Fotografie der 1990er-Jahre, als Ausdruck der Nüchternheit, Sachlichkeit und der Folgen der Globalisierung, die zu dieser Zeit den „Büro-Komplex“ prägten. Die Auflösung der konventionellen Arbeitsverhältnisse und –räume, mit der wir uns heute konfrontiert sehen, wird in Form von aktuellen digitalen und medialen Experimenten und politischen Statements zeitgenössischer Kunst aufgegriffen.

Die Ausstellung vereint Werke von Joseph Beuys, Bruno Goller, Ida Kerkovius, Martin Kippenberger, Sigmar Polke, Gerhard Richter, Thomas Schütte und vielen anderen. 

„büro komplex – Die Kunst im politischen Raum“ stellt den Auftakt des einjährigen Jubiläumsprogrammes im Kunsthaus NRW Kornelimünster dar. Im Rahmen der Ausstellung wird am Freitag, den 5. April 2019, eine Tagung das Thema Büro und Kunst in unserer Gegenwart vertiefen. Diese wird sich unter anderem mit Fragestellungen wie beispielsweise „Wie wird die sogenannte Digitalisierung die Bürowelt verändern?“ und „Wie geht man damit um, dass von jedem von uns eine professionelle ‚Selbstverwaltung’ gefordert ist?“ beschäftigen. 

 

(Abb.: Ausstellungsansicht mit: Gerhard Wind, „Figuration XXXII (Variante von K. F.XVI)“, 1959, Öl auf Leinwand, 100 × 80 cm,

Kgt. 615, Ankauf 1960; Hann Trier, „La Cumbia“, 1954, Öl auf Leinwand, 116 × 81 cm, Kgt. 949, Ankauf 1962; Gerhard Hoehme, „Sonnenblüten“, 1952, Öl auf Leinwand, 65 × 90 cm, Kgt. 395, Ankauf 1954; Ludwig Chateau, „Bisonrind“, vor 1950, Bronze,

12 × 16 × 8 cm, Kgt. 134, Ankauf 1949; Heide Dobberkau, „Suchendes Pferd“, vor 1958, Bronze, 22 × 37 × 4 cm, Kgt. 542, Ankauf 1957,

Foto: Carl Brunn)

 

büro komplex – Die Kunst im politischen Raum

Bis 28.4.19

Kunsthaus NRW Kornelimünster

Abteigarten 6 

52076 Aachen-Kornelimünster

Do-Sa 14-18 h, So 12-18 h

www.kunsthaus.nrw