King Kong als politische Metapher

Ottmar Hörl installiert Großskulptur in der Völklinger Hütte/ Von Eva Schickler


Die Völklinger Hütte – europäisches Zentrum für Kunst und Industriekultur steht 2019 ganz im Zeichen des 25-jährigen Jubiläums der Aufnahme in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes. Einst ein Hochtechnologiestandort, ist es seit 1994 das erste Industriedenkmal aus der Blütezeit der Industrialisierung, das in die Welterbe-Liste der UNESCO aufgenommen wurde und auch das einzig vollständig erhaltene ist. Damit zählt der Komplex des ehemaligen Eisenhüttenwerks zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern der Welt – ebenso wie der Kölner Dom, die Chinesische Mauer und die Pyramiden Ägyptens. Die besondere Faszination rührt darüber hinaus von dem Anspruch, nicht nur Zeugnis vergangener Jahrhunderte zu sein, sondern eine kommunikative Plattform zu bieten, auf der kunst- und industriegeschichtliche Momente erfahrbar sind. So wurde die Völklinger Hütte zu einem lebendigen Forum für vielfältigen Austausch und Dialog, an dem die Gegenwartskunst, insbesondere die Skulptur einen sichtbaren Stellenwert hat.

Wer aktuelle Kunst an einem der außergewöhnlichsten Orte der Welt erleben möchte, sollte sich auf den Weg nach Völklingen machen. Noch bis zum 3. November 2019 bietet die „5. UrbanArt Biennale® 2019 Unlimited“ atemberaubende Blickwinkel auf einem spannenden Parcours mit bleibenden Eindrücken. 120 Werke von 100 Künstlern aus 20 Ländern und 4 Kontinenten sind auf einer Fläche von rund 100.000 Quadratmetern zu entdecken. Laut Veranstalter lockt „das größte Urban-Art Projekt der Welt“ seit 2011 Scharen von Besuchern ins Saarland – bisher über 400.000. Kein Wunder, denn auf dem gigantischen Gelände entfalten sich entsprechende Wechselwirkungen. Kein Foto, kein virtueller Fotodrohnenflug ersetzt annähernd das Erleben dieser besonderen Atmosphäre vor Ort. Inspiriert folgten zahlreiche Urban-Art-Künstler der Einladung von Meinrad Maria Grewenig, der die Institution noch bis zum Sommer 2019 als Generaldirektor leitete und realisierten große ortsspezifische Projekte.

Der jüngste Neuzugang stammt von dem deutschen Konzeptkünstler Ottmar Hörl. Seit Ende August zieht seine überdimensionale Skulptur das Publikum in den Bann: „King Kong“, die 10 Meter hohe, monochrom schwarze, stehende Gorilla-Figur, positionierte Hörl per Kran an ihren endgültigen Standort im „Paradies“, dem so bezeichneten Industrie-Landschaftsgarten auf dem Gelände der ehemaligen Kokerei des früheren Eisenhüttenwerks.

„King Kong“ zählt zu den Mythen der Moderne. Er gilt als eine Ikone der Pop-Kultur. Fast jeder hat die Bilder der Filmszenen des Riesenaffen in der modernen Großstadt noch im Kopf. Das fiktive Geschöpf ist das erste für das Medium des Films erfundene und geschaffene Monster in der Geschichte des Kinos. Bis heute ist es ein Motiv, das Generationen von Menschen fasziniert und Filmemacher wie bildende Künstler zu Neuformulierungen inspiriert.

 

„Im Kontext der Industriekultur akzentuiert Ottmar Hörls „King Kong“ auch die Natur und das Kreatürliche. Was ist stärker – die menschliche Technik oder die ‚wilde‘ Natur? Wie das Werk, das der britische Künstler Dan Rawlings, ebenfalls im „Paradies“ installiert hat, ist die Skulptur von Ottmar Hörl eine Einladung, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen“, betont Frank Krämer, Ausstellungsleiter des Weltkulturerbes Völklinger Hütte. „Er wirkt eindrucksvoll, schon etwas unheimlich und auch gruselig“, meint eine verblüffte Besucherin nachdenklich beim Anblick der kolossalen Statue. Wie so oft erscheint bei den Skulpturen von Ottmar Hörl der Kontext auf den ersten Blick schnell zugänglich. Doch erst mit der intensiveren Auseinandersetzung entdecken Rezipienten, dass sich dahinter noch weitere, vielschichtige Interpretationsebenen eröffnen. Doch das überlässt der Künstler selbstverständlich jedem Besucher selbst. Ottmar Hörl versteht seine Skulptur auch als ein mehrdeutiges Sinnbild. Der Focus richtet sich dabei auf die Situation globaler Gesellschaften und deren dringlichsten Fragen: „Die Skulptur „King Kong“ steht als aktuelle, zugleich zeitlos universelle politische Metapher stellvertretend für die dunkle, die ambivalente, die zerstörerische, die unberechenbare Seite menschlicher Natur. Auch wenn ich die Kreatur respektvoll dargestellt habe, hat sie doch etwas Befremdliches, etwas Gefährliches an sich. Das Werk setzt einen Impuls, um über den Zustand unserer Welt, unserer Gesellschaften, unserer Regierungen und ihrer Repräsentanten, der latenten Bedrohung der Zukunft unserer Spezies sowie unserer Mitverantwortung nachzudenken. Denn, wenn wir unseren Lebensraum zerstören, rächt sich die Natur. Um nur ein Beispiel zu nennen: Wie es mit der Zerstörung des Regenwaldes unter Präsident Bolsonaro weitergeht, ist noch völlig offen“, so Ottmar Hörl.


Links: Der Künstler Ottmar Hörl

Mitte: Ausstellungsansicht der Urban Art Biennale

Rechts: Das Skulpturenprojekt „Second Life - 100 Arbeiter“ von Ottmar Hörl im Weltkulturerbe Völklinger Hütte, hier: Kohlegleis, im Hintergrund Erzschrägaufzug und Hochofengruppe


Bereits 2018 hatte der Künstler für das Weltkulturerbe Völklinger Hütte das Skulpturen-Projekt „Second Life“ mit 100 Arbeiter-Figuren geschaffen. Die seriellen Skulpturen, zeitgleich noch ausgestellt, sind knapp einen Meter groß, dem Völklinger Hüttenarbeiter mit Helm und Arbeitskleidung nachgebildet. Dabei geht es um nichts Geringeres als den Themenkomplex der menschlichen Arbeitskraft, des wirtschaftlichen Strukturwandels, dessen Folgen für gesellschaftliche Strukturen und somit um existentielle Dimensionen des Menschseins an sich. Besucherinnen und Besucher begegnen den Figuren überall auf dem Gelände der Völklinger Hütte. Sie stellen sie immer wieder um, positionieren diese neu. Dadurch werden die Werke Teil ihrer eigenen Erlebnis-Geschichte.

 

Ottmar Hörl (1950*) studierte an der Hochschule für Bildende Künste – Städelschule in Frankfurt am Main und der Kunstakademie in Düsseldorf. Bis 2017 war er Präsident der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg und lehrte dort bis 2018 als Professor. In seinen künstlerischen Arbeiten setzt er sich sowohl mit der Erforschung kunstimmanenter und erkenntnistheoretischer Fragestellungen zum Wesen von Skulptur, sowie ihrer gesellschaftlichen Bedeutung und Funktion, als auch mit der Rolle des Künstlers auseinander. Aus den daraus resultierenden Erkenntnissen entwickelt er stringente künstlerische Lösungen sowie einen erweiterten, interdisziplinären Skulpturenbegriff. Denn schon früh im Laufe seines künstlerischen Lebensweges entschied er sich nicht nur für eine Elite, sondern für die gesamte Gesellschaft zu arbeiten. Neben Großskulpturen mit einzelnen Figuren wurde er vor allem durch temporäre Installationen mit seriellen Skulpturen bekannt, die als Kommunikationsmodell funktionieren. Während Museumsmacher, Kuratoren, Politiker und Künstler immer wieder aufs Neue einfordern, dass Kunst akademische und museale Räume verlassen sollte, um in der Gesellschaft Wirkung zu entfalten, realisiert Hörl seit vielen Jahren aus dieser Konsequenz heraus, vermutlich als einziger Künstler überhaupt, entsprechende Installationen, die sich an alle Menschen richten. Seine Arbeiten für den öffentlichen Raum unterscheiden sich deshalb formal von den Arbeiten, die im White Cube eines Museums ausgestellt werden. Fazit: Der Besuch des Weltkulturerbes Völklinger Hütte ist einen Besuch wert. Bringen Sie Zeit mit!


5. UrbanArt Biennale® 2019 Unlimited

bis 3.11.

Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Europäisches Zentrum 

für Kunst und Industriekultur

Rathausstraße 75-79

66333 Völklingen

Mo-So 10-19:00 h

www.voelklinger-huette.org