Ein Stück Berlin                                              im NordschwarzwalD

Die Kunstsammlung Jutta und Manfred Heinrich ist die wohl größte Sammlung Berliner Kunst ab 1970 / Von Leila Haschtmann


Links:  Walter Stöhrer, „Aus diesen Elementen bildete die göttliche Aphrodite die unermesslichen Augen (Empedokles)“, 1982, Mischtechnik auf Leinwand, 195 x 250 cm. Rechts: Walter Stöhrer, „Es wäre an der Zeit, sich des konvulsivischen Charakters der Dinge bewusst zu werden, Hómmage à A. Artaud“, 1976, Mischtechnik auf Leinwand, 205 x 180 cm


Als Regina Fischer, Kunsthistorikerin und Kuratorin, einen Anruf von einem Notar erhielt, der ihr sagte es gäbe einen Bauunternehmer in Maulbronn, Baden-Württemberg, der in einer alten Scheune einige Bilder angesammelt hätte, war sie zunächst skeptisch. Doch beim ersten Betreten des Schafhofs, war sie höchst erstaunt – im positiven Sinne. Denn hier, in einer Umgebung, die der Inbegriff dessen ist, was man sich unter „Dorfidylle“ vorstellt, findet sich eine der wohl umfangreichsten Sammlungen Berliner Kunst seit 1970. 

Der erste Blick in das Innere des aufwendig sanierten Fachwerkgebäudes vermittelt den gleichen Eindruck, den ein erster Besuch in der deutschen Hauptstadt haben mag: „groß, bunt, wild“. Die bekanntesten Namen des Kritischen Realismus, der Jungen Wilden und des Neoexpressionismus sind in der Kunstsammlung Jutta und Manfred Heinrich vertreten. Von Peter Chevalier (*1953) über Rainer Fetting (*1949), Wolfgang Petrick (*1939) und Heike Ruschmeyer (*1956) bis Bernd Zimmer (*1948) umfasst sie Arbeiten von 41 Künstlern dreier Generationen, von denen nur einer nicht aus Berlin stammt – Rainer Wölzl (*1954) ist Wiener. Doch nicht nur ihre Herkunft verbindet die Werke miteinander: Es handelt sich meist um figürliche, großformatige Arbeiten die sich mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinandersetzen. Wie weit die Definition von „Figürlichkeit“ hier gefasst ist, darüber ließe sich wohl diskutieren, merkt Regina Fischer mit einem Lächeln an. Doch bemerkenswert ist sie allemal, waren doch mehr als zwei Jahrzehnte der deutschen Nachkriegskunst von Abstraktion gekennzeichnet. Zentrale Sujets der Werke sind neben der Teilung Berlins, Umweltkatastrophen, ethische Fragen und Verbrechen. Aber auch Skulpturen, vor allem von Hans Scheib (*1949) sind in der Sammlung vertreten.

Die Dauerausstellung ist hauptsächlich so aufgebaut, dass die Arbeiten eines Künstlers gruppiert präsentiert werden. Dies ermöglicht sowohl die Veranschaulichung von Schaffensphasen, als auch das Beobachten von Entwicklungen im Œuvre der Künstler. Seit der letzten Umhängung wird man beim Betreten der alten Scheune auf der rechten Seite von drei monumentalen Werken Iva Vachevas (*1981) empfangen, die zwischen 2015 und 2017 entstanden sind. An der Stirnseite des ersten Raumes hängt eine Werkgruppe von Walter Stöhrer (1937-2000), darunter „Aus diesen Elementen bildete die göttliche Aphrodite die unermesslichen Augen (Empedokles)“ (1982), der Ausgangspunkt der Sammlung.



Der Ursprung der Kollektion geht zurück auf das Jahr 1984. Eine zufällige Begegnung mit dem befreundeten Galeristen Willy Asperger führte zu einer Einladung nach Berlin, die der Bauunternehmer Manfred Heinrich spontan annahm. In der geteilten Hauptstadt angekommen verbrachten Heinrich und Asperger viel Zeit im Café Mora, dem Treffpunkt der ansässigen Kunstszene. Hier fand auch ein Austausch zwischen Kunstschaffenden aus Ost- und West-Berlin statt. Die Atmosphäre, die Diskussionen und nicht zuletzt die Künstler und ihre Werke faszinierten Manfred Heinrich. Als erstes kaufte er das besagte Bild von Stöhrer – der Beginn einer Leidenschaft. Fortan fuhr er häufig am Freitagnachmittag nach Berlin, zunächst alleine, später mit Ehefrau Jutta. Ihre Impulse für die Sammlung sind nicht zu unterschätzen, doch ihre Rolle ist eher die der kühlen Betrachterin, von Anfang an wahrte sie immer mehr Distanz. Seither verbindet Manfred Heinrich mit vielen Künstlern der Berliner Szene nicht nur sein Engagement als Mäzen und seine Kaufkraft als Sammler, sondern vor allem Freundschaft und Respekt. Dies findet sich auch in seiner Sammlung wieder. Diese beherbergt zum Teil sehr persönliche Werke der Künstler, zum Beispiel René Wirths Gemälde-Serie „David-Zyklus“, die sich mit einem Verlust in dessen Familie auseinandersetzt. Aufgrund der persönlichen Beziehungen zu den Künstlern ist es dem Ehepaar Heinrich außerdem möglich, die Werke direkt aus den Ateliers zu erstehen. Über das Café Mora konnten auch bereits vor 1989 Werke von Künstlern aus Ost-Berlin, wie Reinhard Stangl (*1950) und Hans-Hendrick Grimmling (*1947), erworben werden. Für Manfred Heinrich ist die Geduld eine der notwendigsten Eigenschaften eines Kunstsammlers. Denn nur durch Beobachten und Warten werde man Zeuge der wirklichen Höhepunkte künstlerischen Schaffens. Hierfür sind Atelierbesuche am besten geeignet. So stammt nur eine einzige Arbeit der Sammlung, die inzwischen über 340 Werke umfasst, aus einer Galerie. Auch nach der Überführung der Sammlung in eine Kunststiftung im Jahre 2012 und der Eröffnung des Ausstellungshauses im Schafhof 2014 hat Heinrichs Liebe zur Kunst und die Lust am Sammeln nicht abgenommen, jedes Jahr kommen Werke hinzu. Da das dreistöckige Fachwerkhaus „nur“ Platz für rund hundert Arbeiten bietet, hängt Manfred Heinrich anlässlich von Neuerwerbungen und Verleihungen ab und an um. Besonders gefragt sind in großen Museen die Werke der Ost-Berliner, Grimmlings „Die Umerziehung der Vögel“ (1972) war dieses Jahr ein Highlight der Ausstellung „Hinter der Maske“ im neuen Museum Barberini in Potsdam. Aber auch unabhängig von den Neuausrichtungen der Präsentation lohnt sich ein wiederholter Besuch der Sammlung. Die Fülle an Exponaten, deren schiere Größe, Vielfalt und Detailreichtum lassen den Besucher immer wieder Neues entdecken. 


Kunstsammlung Jutta und Manfred Heinrich

Schafhof 2

75433 Maulbronn

So. 13:30-17:00 h

Führungen jederzeit nach Vereinbarung

Tel.: 07043/103-0

kunstsammlung-heinrich@maulbronn.de 

www.kunstsammlung-heinrich.de