Versteckte Botschaften

In seiner Fotoserie setzt sich Joachim Hildebrand mit dem Wilden Westen auseinander /

Ausstellung bei Alp Galleries / Von Katrin Neuwirth


Links: Joachim Hildebrand, „Untitled #2189“, Serie „Wild West“, 2015-2017

Rechts: Joachim Hildebrand, „Untitled #5801“, Serie „Wild West“, 2015-2017


Legendäre Revolverhelden, Indianerstämme, große Viehtriebe und weite Landschaften – sie alle sind Teil des Mythos vom Wilden Westen. Dieser wurde nicht nur immer wieder in Spielfilmen thematisiert, sondern ist auch ein beliebtes Sujet in der Malerei und Fotografie. Während die US-amerikanischen Maler Charles M. Russell (1864-1926) und Frederic Remington (1861-1909) in ihren romantisch-verklärenden Gemälden die vorherrschende Vorstellung der US-amerikanischen Pionierzeit visualisierten, hielt der Fotograf Edward S. Curtis (1868-1952) in seinen Bildern den Alltag und die Kultur der Indianer des ausgehenden 19. Jahrhunderts fest. 

Bis heute hat der Wilde Westen nichts von seiner Faszination eingebüßt. Doch wie sieht es aktuell in den sieben Bundesstaaten des amerikanischen Südwestens aus, die geografisch dem Wilden Westen zuzurechnen sind? Welche Spuren sind geblieben von der damaligen durch Not, Gier oder Abenteuerlust motivierten Eroberung der Gebiete durch Kolonisten? Sind dort die weiten Landschaften und die beeindruckenden geologischen Formationen erfahrbar, die man erwartet? Welchen Menschen begegnet man und was passiert, wenn Zivilisation auf Wildnis trifft? Mit diesen und noch mehr Fragen setzte sich Joachim Hildebrand auseinander, als er in den Jahren 2015 bis 2017 die Staaten Arizona, Colorado, Kalifornien, Nevada, New Mexico, Utah und Texas bereiste. Während der drei Jahre suchte er immer wieder diese Orte auf, um dem Wilden Westen im Hier und Jetzt nachzuspüren. Dieser beeindruckte Hildebrand bereits in seiner Kindheit, besonders schätzte er die Geschichten von Karl May und Fernsehserien wie „Bonanza“, „Rauchende Colts“ und „Kung Fu“. „Jenseits dieser Kindheitserinnerungen fasziniert mich an diesem Mythos heute, in welcher Weise er unverändert unzählige Menschen einnimmt, obwohl es Vieles von dem, was aus heutiger Sicht den Mythos ausmacht, so vielleicht gar nicht oder nur als Einzelphänomene gegeben hat. Die Bedeutung, die dieser Mythos für das Selbstverständnis der USA hat, kann aber kaum überschätzt werden“, so der Fotograf. Neben dem Wilden Westen, der Hildebrand bereits seit mehreren Jahren interessiert, ist es auch die Reise zu den historischen Orten des Geschehens selbst, die ihn fasziniert. Er unternahm einen Road Trip, ließ sich treiben und begab sich auf sein persönliches „Abenteuer Light“, wie er seine Zeit in den USA selbst bezeichnet. „Am prägendsten waren für mich immer wieder die Erfahrungen und die Eindrücke, die ein Road Trip mit sich bringt. Ich hatte mir keine festen Ziele oder Routen zurechtgelegt. So konnte ich meiner Neugier, meinem Instinkt und meinem Gespür folgen, die mich immer wieder an besondere Orte geführt haben. Ich verzichte bewusst darauf, Orte zu nennen. Jedes Bild steht für das Ganze.“ 

Hildebrand schuf Bilder, die fast konstruiert anmuten, aber intuitiv und spontan entstanden sind und im Nachhinein nicht bearbeitet wurden. Er nahm verschiedene Aspekte des amerikanischen Südwestens in den Blick und hielt dort die durch den Menschen verursachte Veränderung fest. „Mal wird die Natur nicht gebändigt und mal bis zur Perfektion gezähmt“, so Hildebrand. Gerade diese Grenzen und Übergänge von Natur und Architektur sind es, die der Fotograf in beeindruckende Bilder übersetzt und durch Konturen und Farbschattierungen besonders herausarbeitet. Immer wieder sind es Gegensätze, die aufeinanderprallen. „Wenn Dinge zusammentreffen, die nicht zusammenpassen, passiert etwas. Es entstehen Dialoge, Reibungen und Spannungen, es kommt zu Veränderungen, zu Verdrängungen, zu Transformationen. Das ist etwas, was mich grundsätzlich interessiert“, verrät Hildebrand. Bei diesen Dingen handelt es sich etwa um Pflanzen und Gewächse, die sich an Stellen wiederfinden, in der man die Natur nicht vermuten würde. Häufig sind auch Fassaden oder Gebäude zu sehen, die mit Motiven aus der Natur versehen sind. Aufmerksamkeit erregt das maschinell erzeugte Gebilde in Form eines schräg liegenden Dreiecks, das wie eine Skulptur in der Landschaft erscheint und Inhalt des Bildes mit der Nummer „2189“ ist. Erst auf den zweiten Blick wird ersichtlich, dass es sich hierbei um das umgekippte Dach einer Tankstelle fernab der Zivilisation handelt.

Joachim Hildebrand, der bevorzugt in Serien arbeitet, hat aus seiner im Südwesten Amerikas entstandenen Fotoreihe 81 Arbeiten ausgewählt, die das Mitte Mai beim Kehrer Verlag erschienene Fotobuch „Joachim Hildebrand. Wild West“ versammelt. Neben einigen Hochformaten – das bevorzugte Format des Künstlers – sind hier auch Querformate auf Doppelseiten abgebildet. Plakativ ist das Coverbild: ein Cowboy mit Sombrero sitzt auf seinem Ross und blickt in die Ferne. Unter ihm die dunkelrote Erde mit Gräsern und Kakteen, im Hintergrund die untergehende Sonne. Diese für den Wilden Westen typisch erscheinende Momentaufnahme entpuppt sich allerdings als eine Fassadenmalerei auf einem Parkplatz. Dass es sich bei dem Motiv gewissermaßen nur um ein Abbild oder genauer gesagt um Fiktion handelt und nicht um etwas Reales, zeigt auf wunderbare Weise das Spiel des Künstlers mit Illusionen auf. Hildebrand: „Die Bilder im Buch haben eine sehr intensive Farbigkeit. Sie veranschaulichen, was vom Mythos heute übriggeblieben ist. Es sind oft nicht mehr als abziehbildartige Klischees und Stereotypen. Dennoch bin ich nach wie vor von dieser Gegend fasziniert, von der Leere und von dem einzigartigen Licht, das dort vorzufinden ist. Kurz gesagt: den Betrachter erwartet ein visuelles Abenteuer, das den Mythos des Wilden Westens und der Frontier dekonstruiert.“

Circa 20 Werke aus der Serie sind in der aktuellen Ausstellung „Joachim Hildebrand. Wild West“ in den Frankfurter Alp Galleries zu sehen. Die produzierten Bilder in den Formaten 150 x 100 Zentimeter, 90 x 60 Zentimeter und 42 x 28 Zentimeter sind gerahmt mit Passepartouts in der Schau nach thematischen und ästhetischen Aspekten gehängt. „Ein Schwerpunkt liegt auf den Arbeiten, die auch abstrakt aufgefasst werden können, obwohl sie es nicht sind“, so Hildebrand. Die selbe Fotoserie wird auch im Rahmen der Präsentation zum Aesthetica Art Prize bis 30. September in der York Art Gallery gezeigt. Wer sich für den Mythos des Wilden Westens und eine neuzeitliche Interpretation desselben interessiert, sollte sich auf den Weg nach Frankfurt oder York machen. 


Joachim Hildebrand. Wild West

7.6. bis 17.8.

Alp Galleries

Eschborner Landstraße 164

60489 Frankfurt am Main

Di-Fr 11-17 h u. n. Vereinbarung 

www.alpgalleries.com