Mehr als nur Luft- und Lichtquellen

Das Museum Sinclair-Haus zeigt zeitgenössische Bearbeitungen des Sujets „Fenster“/ Von Leila Haschtmann


Karin Kneffel, „Untitled”, 2013/09 (© VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Privatsammlung)


Wer im Hochtaunuskreis Zeitgenössische Kunst betrachten möchte, dem sei das Museum Sinclair-Haus ans Herz gelegt. In unmittelbarer Nähe des Bad Homburger Schlossparks gelegen, zeigt das Ausstellungshaus seit 1982 wechselnde Einzel- und Gruppenausstellungen rund um den Themenkomplex „Natur, Kreatur und Schöpfung“. Seit Februar 2018 war es aufgrund einer technischen Sanierung geschlossen, nun erfolgt am 9. Dezember die feierliche Wiedereröffnung. Die Besucherinnen und Besucher erwartet ein ausgezeichnetes Raumklima, optimierte Beleuchtung und eine hervorragende Sound-Anlage. Passend zur Wiedereröffnung zeigt das Museum Sinclair-Haus eine Gruppenausstellung, die sich mit dem Motiv „Fenster“ auseinander setzt. Ein Thema, das uns Menschen im Alltag wohl schon seit unserer Sesshaftwerdung begleitet. Die Haupteigenschaft des Fensters ist es, Schnittstelle von Drinnen und Draußen, sozusagen von Kultur und Natur zu sein. 

Die Ausstellung dokumentiert, wie der durch das Fenster zugänglich gemachte, bildhafte Ausschnitt der Welt von der Zeitgenössischen Kunst in unterschiedlicher Art und Weise bearbeitet wird. Im Zentrum stehen, wie der Titel der Ausstellung „Aussicht – Einsicht. Blick durchs Fenster“ verrät, hauptsächlich Blicke durchs Fenster, von drinnen nach draußen und von draußen nach drinnen. Menschen, die am Fenster stehen, sind zu sehen, wie auch hinter dem Fenster liegende Landschaften und Räume. Die Ausstellung vereint 45 Arbeiten von 19 Künstlern und Künstlerinnen: Nicole Ahland, Jessica Backhaus, Peter Braunholz, Elisabeth Brockmann, Thomas Demand, Sven Fennema, Caroline von Grone, Jens Hausmann, Sibylle Hoessler, Aino Kannisto, Barbara Klemm, Fritz Klemm, Karin Kneffel, Bernd Lieven, Annette Schröter, Lynn Silverman, Melanie Wiora, Julia Willms und Arnold von Wedemeyer. Präsentiert werden zeitgenössische Filme, Fotografien, Installationen, Gemälde, Zeichnungen und Scherenschnitte. 

Unter den ausgestellten Arbeiten findet sich auch ein beeindruckendes Werk von Karin Kneffel – „Ohne Titel“, 2013/09. Es zeigt eine beschlagene Fensterscheibe vor einer verschneiten Landschaft. Jemand hat mit dem Finger ein X auf die feuchte Oberfläche gemalt, einige Wassertropfen sind die Scheibe hinuntergelaufen und haben Spuren auf dem Fenster hinterlassen. Sie korrespondieren mit den Zaunpfählen, die vor dem Fenster schneebedeckte Wiesen oder Felder von einem Weg trennen. Die beschlagene Scheibe suggeriert Wärme, die Scheibe schützt vor der winterlichen Kälte, die Natur bleibt draußen. Was auf den ersten Blick wie eine Fotografie erscheint, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als ein illusionistisches Gemälde. Eine beschlagene Scheibe mit herunter rinnenden Wassertropfen findet sich auch in der Fotografie „Untitled (Sauna Window)“, 2015, der finnischen Künstlerin Aino Kannisto. Sie zeigt das Fenster von außen, der Fensterrahmen begrenzt auch das Sichtfeld der Kamera. Hinter der Glasscheibe ist eine Frau zu sehen. Sie schaut aus dem Fenster hinaus, eine Hand liegt auf der Scheibe, als habe sie soeben die Wassertropfen damit weggewischt. Im Glas spiegeln sich der Himmel und zwei Bäume in blau und grün. Natur und Kultur sind getrennt und bilden doch eine Einheit. 

Kuratiert wurde die Ausstellung „Aussicht – Einsicht. Blick durchs Fenster“ von Johannes Janssen und Ina Fuchs. Die Ausstellung ist bis zum 3. März 2019 zu sehen. Zum 31. Dezember 2018 verlässt Direktor Johannes Janssen das Museum Sinclair-Haus und übernimmt im Januar 2019 als geschäftsführender Direktor die Leitung der Niedersächsischen Sparkassenstiftung und der VGH-Stiftung in Hannover. Die Nachfolge tritt Frau Dr. Andrea Firmenich, Geschäftsführerin der Stiftung Nantesbuch, die das Museum Sinclair-Haus betreibt, an.

Ende März folgt eine Einzelausstellung: „Chiharu Shiota – Vernetzung“. Die 1972 in Japan geborene Künstlerin studierte zunächst Malerei in Kyoto. Anschließend war sie Schülerin bei Marina Abramovic und Rebecca Horn, deren Einfluss besonders in Shiotas frühen Werken sichtbar ist, in denen ihr ihr Körper als fester Bestandteil und Ausgangspunkt ihres künstlerischen Schaffens dient. In ihren neueren Arbeiten knüpft sie aus Fäden kleine bis raumfüllende Installationen. Mit den Netzen umspinnt sie Alltagsgegenstände, die Ausdrucksträger menschlicher Handlungen sind und Vergessenes in Erinnerung rufen. So nutzt sie für ihre Arbeiten Objekte wie ein ausgebranntes Klavier, ein Brautkleid, einen Damenmantel, zahlreiche Schlüssel oder Holzboote, wie zuletzt 2015 bei der Biennale in Venedig. Alle Arbeiten bilden poetisch-pulsierende Raum-Körper, die unmittelbar mit ihren frühen Performances in Zusammenhang stehen. Auf die Präsentation im Museum Sinclair-Haus darf man sich freuen. 


Aussicht – Einsicht. Blick durchs Fenster 

9.12. 18 bis 3.3.19

 

Chiharu Shiota. Vernetzung

31.3. bis 16.6.19

 

Museum Sinclair-Haus

Löwengasse 15

Eingang Dorotheenstraße

61348 Bad Homburg v. d. Höhe

Öffnungszeiten siehe Homepage

www.museum-sinclair-haus.de