Schöne bunte                                                 Video- und Fotowelt

Von New Metallurgist aus China in Düsseldorf bis zu Esther‘s World in Stuttgart / Von Marianne Hoffmann


Links: „The Splash”, Olga, Miami, November 1999
Rechts: Nina Rike, „Verspielter Fluganzug”, 2018, Fine Art Print, 3+II AP, 80 x 80 cm (© Nina Rike Springer / Bildrecht Wien 2018)


Wir wollen Video-Kunst nicht nur zur großen Kunst hin entwickeln, sondern sie als die höchst entwickelte Kunstform sehen, die die Menschheit je geschaffen hat.“ sagte der koreanische Künstler Nam June Paik, der als Pionier der Videokunst gilt.  Im Jahr 1963 zeigte er in einer Wuppertaler Galerie die Installation »Exposition of Music – Electronic Television«. Sie bestand aus zwölf Fernsehgeräten, deren Empfang gestört wurde, kombiniert mit Klangobjekten und vier präparierten Klavieren. Obwohl Paik noch gar keine Videotechnik benutzte, diese war erst wenige Jahre zuvor für den professionellen Einsatz beim Fernsehen entwickelt worden, gilt „Exposition of Music – Electronic Television“ als erstes Werk der Videokunst. In Form und Aussage erwies sich die  Installation als richtungsweisend für ein Medium, das mittlerweile auf eine 40-jährige Geschichte zurückblicken kann. Es war die Hochzeit der Fluxus-Bewegung zu der Paik ebenso zählte wie als Pionier der Videokunst. Es war ein langer Weg, den die Videokunst beschreiten musste, um im Auge des Betrachters als Kunst zu landen. 1977 hatte die „documenta 6“ eine umfangreiche Abteilung unter dem Titel „Kunst und Medien“, 1997 wurde das ZKM in Karlsruhe eröffnet, das „Zentrum für Kunst und Medientechnologie“, Pipilotti Rist und Bill Viola hatten die Kunstwelt mit Videos
schon hinreichend provoziert. Die Biennale 2001 und die Documenta 2002 bildeten die Hochzeit der Viedeokunst. Im 21. Jahrhundert ist sie aus der Kunstszene nicht wegzudenken und die Fotografie? Ihr erging es ähnlich. Von Analog zu Digital vom vergessenen Polaroid zurück zum Polaroid, vom Digitalen zurück zum Analogen. Zeitkunst stellt Ihnen die aktuellsten Ausstellungen vor.



„New Metallurgists“ heißt die gerade eröffnete Ausstellung der Julia Stoschek Collection in Düsseldorf. Seit 2007 hat die Unternehmertochter Julia Stoschek in Düsseldorf zusammengeführt. Zentraler Gedanke der privaten Sammlung ist der Aspekt der Zeitgenossenschaft im Sinne einer Reflexion gesellschaftlicher, kultureller und sozialer Strömungen. Die stetig wachsende Sammlung konzentriert sich auf das bewegte Bild von den 1960er- Jahren bis heute und umfasst eine Reihe von Disziplinen: Video, Einzel- und Mehrfachprojektionen von analogem und digitalem Filmmaterial, Multimedia-Environments sowie computer- und netzbasierte Installationen, aber auch ephemere Kunstformen wie Performances. In ihrer gerade eröffneten Ausstellung hat sie die chinesische Künstlerin Cao Fei und den Wissenschaftler und Kurator Yang Beichen beauftragt, nach künstlerischen Positionen in der chinesischen Kunstlandschaft des 21. Jahrhunderts zu suchen, um sie in der Stoschek Collection in Düsseldorf zu präsentieren. Cao Fei wird seit 2000 von Julia Stoschek begleitet und gesammelt. Jetzt hat Fei zusammen mit Beichen sich der von den Franzosen Gilles Deleuze und Félix Guattari, die die Gewinnung und Verarbeitung von Metall, die sogenannte „Metallurgie“ als paradigmatisches Beispiel einer nomadischen Kunst bezeichnet haben, inspirieren lassen. Die New Metallurgists sind für die beiden Kuratoren, die an der Ausstellung beteiligten Künstlern und ihre Werke. Die Arbeit der neuen Metallurgen überwindet alle Grenzen zwischen Wissen und Tun, sie sind transdisziplinäre Schaffende, die sich in ihren Arbeiten über die eigene Körperlichkeit hinwegsetzen. Es ist das Wirken an sich, was die Ausstellung abzubilden versucht. “So entstand eine Ausstellung mit 16 Werken von acht zeitgenössischen Künstler- und Künstlerinnen aus China, die ihre pluralistische und global geprägte Weltanschauung reflektieren und deutlich machen, dass der vom exotischen Orientalismus geprägte Blick auf das klassische China obsolet geworden ist. Viele der Werke reflektieren diese neue Realität in der Sichtbarmachung einer Multidimensionalität  von Zeitlichkeit“, so Beichen. Beteiligte Künstler sind: Fang Di, Liu Yujia, Shen Xin, Song Ta, Wang Tuo, Yao Qingmei, Zheng Yuan, Zhu Payne.
www.julia-stoschek-collection.net

Die ZF Kunststiftung wurde 1990 gegründet. 75 Jahre ZF Friedrichshafen AG war ein willkommener Anlass, um das Engagement für Kunst und Kultur, das fester Bestandteil der Corporate Identity ist, in neue Bahnen zu lenken. ZF wollte ein Zeichen setzen und eine Institution ins Leben rufen, die Bestand hat und den Menschen in der Bodenseeregion langfristig zugute kommt. Mit Nina Rike Springer, sie ist die 37. Stipendiatin der ZF Kunststiftung, wird der Abschluss des Präsenzstipendiums der ZF Kunststiftung  präsentiert. Nina Rike Springer hat eine ortspezifische Installation unter dem Titel „I believe I can fly“  mit Foto- und Videoarbeiten für das Zeppelin Museum in Friedrichshafen entwickelt. Dabei ist die Reduktion auf Foto- und Video zu wenig, denn die Arbeiten von Nina Rieke Springer entstehen an der Schnittstelle von Performance, Fotografie und bewegtem Bild. Sie arbeitet mit einem Zeichensystem aus Figuren und Posen, die aus alltäglichen Verrichtungen abgeleitet sind. Oft setzt sie den eigenen Körper als Ausgangspunkt dieses abstrakten Systems in Bezug zu Gegenständen, die von ihr erprobt, verwendet und animiert werden. Humorvoll thematisiert Nina Rike Springer so den Konflikt zwischen verschiedensten menschlichen Befindlichkeiten und den technischen Zwängen unserer bis ins Letzte durchorganisierten Gesellschaft. Bei der genauen Betrachtung ihrer in streng kubistischen Ordnungssystemen getanzten Performances mit ihren phantasievollen Kostümen, fällt einem spontan der Bezug zum Triadischen Ballett von Oskar Schlemmer ein, der seine Protagonisten in ebenso unbequeme wie phantasievolle Kostüme steckte. Schlemmer beschäftigte sich im Triadischen Ballett mit der korrespondierenden Beziehung zwischen Figur und Raum. Da er die Fixierung der Bewegungen in plastischen Werken als einschränkend empfand, wählte er den Tanz als darstellerische Alternative. Das Triadische Ballett besteht aus Raumtanz, Formentanz und Gestentanz in unwirklichen Kostümen. Nina Rike Springers „Bahnbrechender Fluganzug“ oder der „Elegante Fluganzug“ und der „Verspielte Fluganzug“ bilden einen Dreiklang, so wie im Triadischen Ballett gefordert, da der Begriff Triadisch ja nichts anderes bedeutet, als der Zusammenklang von drei geometrischen Grundformen oder drei Grundfarben wie rot-grün-blau oder drei Raumformen. Schlemmer wäre stolz auf Nina Rike Springer gewesen.
www.zf.com


Fang Di, „Triumph in the Skies”, 2017, 4K-Video, 5’4’’, Farbe, Ton / 4K video, 5’4’’, color, sound, Videostill / Video still,
Julia Stoschek Collection, Düsseldorf (Foto: Courtesy the artist)


Es gibt ein Buch von Esther Haase und dieses Buch heißt Esther´s World, verlegt hat es Hatje Cantz und das ist schon eine Ehre, wenn sich ein so renommierter Verlag der Fotografie von Esther Haase annimmt oder muss man den umgekehrten Weg gehen und sagen, es ist schon toll, dass eine so renommierte Modefotografin wie Esther Haase ihre Fotos von Hatje Cantz verlegen lässt? Es ist eine „Win-win-Situation“ an der sich nun auch die Galerie Abtart in Stuttgart beteiligt. Von sich selbst sagt Esther Haase, ihr Leben sei ein Tanz mit der Kamera durch die Welt. In der Tat hat die gebürtige Bremerin, die heute zwischen Hamburg und London pendelt, zunächst Ballett studiert und auf der Bühne gestanden, bevor sie sich der Fotografie zuwandte. Seit über 25 Jahren arbeitet sie für große Magazine und internationale Kunden und wechselt spielerisch zwischen Mode, Porträts von berühmten Zeitgenossen und Reportage. Ihr Werk durchzieht eine gewisse Leichtigkeit, die Frauen wirken fröhlich und ausgelassen, dabei sind sie stets selbstbestimmt und stark, sexy und stylish. Es geht Esther Haase darum, Geschichten zu erzählen, ob mittels Bewegungsunschärfen, lyrisch-zarten oder knalligbunten Farben oder kontrastreichem Schwarz-Weiß. Manche Bilder wirken wie cineastische Träume, andere sind barocke Inszenierungen, wieder andere witzige Momentaufnahmen. Mit Esther’s World öffnet die Galerie Abtart eine Welt zu der sicherlich nicht jeder den Zugang findet, da er gar nicht auf die Idee käme Modefotografie in den Bereich der Fotokunst zu setzen, höchsten dem kunstvollen Umgang mit der Kamera zuzustimmen. Das kommt dem Konzept der Galerie Abtart entgegen, die Galerie und Ausstellungshaus und Freiraum für zeitgenössische bildende Kunst ist. Abtart vertritt keine Kunst exklusiv, auch nicht die dahinter stehenden Künstler und Künstlerinnen – Programm ist was gefällt. In diesen Räumen herrscht Freiheit. Die Freiheit, unabhängig von Marktmechanismen, Kunst in verschiedensten Ausstellungsformaten zu präsentieren: von der Einzelausstellung bis hin zu kuratierten Gruppenausstellungen und diese in Räumlichkeiten mit Museumsqualität. Karin Abt-Straubinger, Galeristin, Sammlerin und Stifterin leitet die Galerie mit dem Credo „Kunst soll für alle zugänglich sein“, so wie die Fotografie von Esther Haase.
www.abtart.com