Weißes Gold in Vollendung

Die Porzellankollektion des Ehepaars Tafel im Heidelberger Auktionshaus Metz/ Von Klaas-Büsing


Abb. links: Teekanne Ottweiler, 1770-71, Höhe 11,7 cm, 6.000 Euro.

Rechts: Bedeutende Kanne, Würzburg, 1775, Höhe 15,6 cm, 7.000 Euro.


Mit dieser Auktion schließt sich ein über viele Jahrzehnte währender Kreis. Denn etliche der erlesenen Stücke, die am Samstag, dem 18. Mai 2019 im traditionsreichen Heidelberger Kunstauktionshaus Metz zum Aufruf kommen, wurden einst auch dort erworben. Die kommende Auktion umfasst zahlreiche rare Porzellankannen des 18. Jahrhunderts aus der Sammlung des zu Lebzeiten in Weinheim beheimateten Ehepaars 

Dr. Alexander und Ilse Tafel. Neben Tee- und Kaffeekannen sind auch Chocolatièren, Milch- und Wasserkannen, Teedosen, Teller und Schalen im Angebot. Die Kollektion der beiden ausgesprochenen Kenner und Connaisseure umfasst Stücke aus allen bedeutenden Porzellanmanufakturen des 18. Jahrhunderts, darunter Berlin, Kassel, Kelsterbach, Meissen, Nymphenburg, Ottweiler, Wien und Würzburg. Alexander Tafel ist am 13. Januar 2019 im gesegneten Alter von 99 Jahren verstorben. Seine Frau Ilse starb bereits 2016. Was die beiden zeitlebens miteinander verband, war ihre Begeisterung für edles Porzellan. 

Geweckt wurde diese Leidenschaft durch eine Kanne mit klassizistischem Rosendekor, die  Alexander Tafel seiner Frau 1962 als Geburtstagsgeschenk überreichte. Das Ehepaar war gerade von der Großstadt in eine eher ländlich geprägte Umgebung gezogen, wo der Mediziner sich eine Landarztpraxis aufbaute. Seiner Frau, die zuvor eine eigene Konzertagentur in der Stadt betrieben hatte, wollte er mit diesem Präsent, dem gleich zu Weihnachten eine weitere besondere Kanne folgen sollte, die Türen zu einem neuen Interessen- und Beschäftigungsgebiet aufstoßen. Der Versuch gelang, auch wenn Ilse Tafel viele Jahre später in einem Interview scherzhaft einräumte: „Ich hätte viel lieber etwas Hübsches zum Anziehen gehabt.“  

Schnell entbrannte dann bei beiden der Wunsch, sich eingehender mit diesem Sammelgebiet zu beschäftigen und eine eigene, viele unterschiedliche Provenienzen und Dekore des 18. Jahrhunderts umfassende Porzellankannen-Sammlung aufzubauen. Dass dieses nicht in erster Linie unter Gesichtspunkten der Geldanlage und einer möglichen Wertsteigerung geschah, sondern vielmehr aus unbedingter Hingabe an das Sammelgebiet, sollte hier ausdrücklich betont werden. Das Motto der Tafels lautete nämlich: „Freue dich jeden Tag über deine Schätze, denke an Geld nur für deren Erwerb und nicht an Wert und Erlös.“ Schnell entwickelten die beiden ein Gefühl für Qualität. Sie begannen, kulturhistorische Hintergrundinformationen zu sammeln und Entwicklungen und Zusammenhänge immer besser zu verstehen. Um die Erwerbung der einzelnen Stücke ranken sich zahlreiche Geschichten und Anekdoten.

Ilse Tafel sagte dazu 2001 in einem Gespräch: „Jedes Stück hat seine eigene Geschichte, und ich weiß genau, wann, wo und zu welchem Preis wir es erworben haben. Nach der zweiten Kanne habe ich mir den ‚Danckert‘  (Anm. d. Red.: Handbuch des europäischen Porzellans) gekauft und begonnen, mich mit der Materie auseinanderzusetzen.“ Getrieben von nahezu wissenschaftlichem Interesse, abonnierten die Tafels Fachzeitschriften, sie traten der „Gesellschaft der Keramikfreunde“ als Mitglieder bei und pflegten von Anfang an den professionellen Austausch mit anderen Sammlern, Porzellanexperten, Museumskuratoren und Händlern. Alexander Tafel veröffentlichte auch wiederholt Aufsätze in Fachpublikationen wie „Keramos“ oder der „Weltkunst“. 

Ihr geradezu intimes Verhältnis zu den Objekten lässt sich auch daran ablesen, dass sie ihre Kannen gerne als „unsere Kinder“ bezeichneten. Alexander Tafel realisierte nach dem Tod seiner Frau mit Hilfe des Auktionators und Sachverständigen Mike Metz und dessen Neffen sogar noch ein groß angelegtes Buchprojekt zum Thema Porzellankannen, dessen ungewöhnlicher Titel denn auch „Sie sind alle unsere Kinder“ lautet.   

Erworben haben die Tafels ihre Preziosen im Kunsthandel, auf Auktionen, Messen und gelegentlich auch von Privatleuten. Da sie nicht immer über die teils erheblichen Beträge für den Erwerb besonders begehrter Stücke verfügten, hielten sie sich zugunsten der Sammlung oft mit anderen Konsumausgaben zurück. Eine Handtasche musste da schon mal 20 Jahre lang halten, und in die Ferien fuhr die fünfköpfige Familie mit dem Wohnwagen. Durch den engen und freundschaftlichen Kontakt mit den Kunsthändlern ergab sich aber immer wieder auch die Möglichkeit, einzelne Stücke nach und nach in Raten abzuzahlen. Die Tafels galten als äußerst gesellige und großzügige Gastgeber, die ihre Raritäten gerne auch in erweiterter Runde vorstellten und erläuterten.

Was aber macht ausgerechnet Porzellankannen aus dem 18. Jahrhundert so besonders? Ihre mal eher bauchige, mal eher zylindrische Form wird in erster Linie von ihrer Funktion bestimmt, Heißgetränke wie Tee, Kaffee oder heiße Schokolade zuzubereiten, sie warmzuhalten und bei Tisch stilvoll zu servieren. Aufgrund ihres Volumens bieten sie sich für vielfältige Formen der Oberflächengestaltung geradezu an. Und innerhalb eines größeren Porzellanservices sind sie sozusagen der unumstrittene Hingucker auf der Tafel – das Aushängeschild des Entwerfers und der Manufaktur zugleich.

Porzellan aus dem Fernen Osten war im Europa des 16. und 17. Jahrhunderts eine beliebte Importware. Festzuhalten ist auf jeden Fall die Tatsache, dass es den Europäern über lange Zeit nicht gelungen war, hinter das Geheimnis der chinesischen und japanischen Porzellanherstellung zu kommen. Erst unter der Führung des Chemikers und Tüftlers Johann Friedrich Böttger (ca. 1682-1719), gelang es einem kleinen Team von Erfindern,  herauszufinden, wie man makelloses weißes Porzellan herstellt. 1708 gilt als das Geburtsjahr des ersten europäischen Hartporzellans. Am 23. Januar 1710 wurde dann die Gründung der ersten Porzellanmanufaktur in Dresden öffentlich gemacht. Die Produktionsanlagen wurden aber schon ab März 1710 Schritt für Schritt nach Meissen auf die Albrechtsburg verlagert und Böttger zum Gründungsadministrator ernannt.

Knapp zehn Jahre später wurden dann nahezu überall in Europa Porzellanmanufakturen gegründet. Als erste Modelleure kamen ehemalige Gold- und Silberschmiede zum Einsatz, die ihre im Umgang mit Metallformen erworbenen Fertigkeiten zunächst einfach auf das neue Material übertrugen. Im Laufe der Zeit entwickelte sich dann der eigenständige Berufsstand der Porzellanmodelleure und -maler.

Die jetzt zur Versteigerung kommende Kollektion Dr. Alexander und Ilse Tafel offeriert Sammlern hochwertigen historischen Porzellans als kunstgeschichtlich wertvolle Höhepunkte unter anderem eine braune, unglasierte Teekanne aus Böttgersteinzeug (Meissen 1710). Das nur zehn Zentimeter hohe, hexagonale Objekt stammt aus dem Gründungsjahr der Meissener Manufaktur. Etwas ganz Besonderes stellt auch die Du Paquier-Kanne mit Adlerkopfausguss dar, deren Schauseiten mit Chinoiserien versehen sind (Wien 1718-20). Sie ist auf 12.000 Euro taxiert.

Auch wenn die Sammlung Tafel den Schwerpunkt dieser Versteigerung bildet, sind dennoch auch Stücke anderer Provenienzen im Angebot. Als ein Höhepunkt der insgesamt 841 Lose umfassenden Auktion darf ein um 1525-30 in Antwerpen entstandenes Triptychon gelten. Es wird dem „Meister der von Grooteschen Anbetung“ zugeschrieben. Zu sehen ist die Anbetung der Heiligen Drei Könige, ausgeführt auf drei rechteckigen Holztafeln, die in einen profilierten Rahmen gefasst wurden. Des Weiteren ist eine 1745 in Paris entstandene Louis-XV-Lackkommode mit asiatischem Floraldekor und Meisterschlagstempel von Jacques Dubois im Angebot. Ebenso diverse andere Großmöbel, Vasen, Terrinen, Figurengruppen und Tabatièren aus Porzellan. Eine auf 75.000 Euro taxierte Kaffeekanne mit Delphinmotiv aus dem Schwanenservice des Grafen von Brühl (Meissen 1739-41)

gehört zu den wertvollsten Objekten der Auktion. Ein Paar naturalistisch ausgeführter Schwäne (Meissen 1747-48) toppt diesen Preis jedoch noch. Für die exzellent modellierten, edlen Wasservögel auf feuervergoldeten Bronzesockeln beträgt die Taxe 120.000 Euro.

Der Kunsthandel Metz wurde 1967 durch das Ehepaar Gisela und Julian Metz (sen.) gegründet. Seit 2009 sind deren Söhne John und Mike die alleinigen Geschäftsführer des heutigen Kunsthauktionshauses Metz. Jedes Jahr finden zwei Porzellan- und Kunstauktionen sowie mehrere unlimitierte Art & Collect Auktionen statt. Zu den bisher herausragendsten Porzellanauktionen zählten 2009 die Versteigerung von 52 Meissener „Cris de Paris“-, „Cris de Londres“- und Schäferfiguren für insgesamt 653.000 Euro und 2014 die Versteigerung der im schweizerischen Lugano beheimateten Porzellansammlung von Francisco Antonio Cappuccio für 450.000 Euro. 2012 erbrachte darüberhinaus die Versteigerung einer einzelnen Teekanne von Sophie von der Pfalz aus der Hamburger Sammlung Horst Hoffmeister den stattlichen Betrag von 94.000 Euro.

In einem Brief an seine Frau anlässlich ihres bevorstehenden 98. Geburtstags resümierte Alexander Tafel 2016 noch einmal ihr gemeinsames Sammlerleben: „an Geldanlage und Renommée haben wir nicht gedacht, uns war es der reine Spaß an der Freude. Was uns vor allem bewegte, waren die begleitenden Erlebnisse und Erfahrungen, die Bekanntschaften und Freundschaften... Vielen müssen wir danken, besonders der Familie Metz, Heidelberg, wo wir schon bei der Mutter, nicht ohne gekauft zu haben, aus dem Laden gingen.“ Die bevorstehende Auktion im Kunstauktionshaus Metz bietet nun jüngeren Interessierten die Chance, mit dem Erwerb einzelner Stücke oder ganzer Konvolute aus der Sammlung des Ehepaares Tafel ein Stück weit an deren Leidenschaft und Begeisterung zu partizipieren.  


Nachlass Porzellansammlung 

Ehepaar Tafel – Auktion

18.5., 11 h

Auktionshaus Metz 

Friedrich-Ebert-Anlage 3-5

69117 Heidelberg

www.metz-auktion.de