Vereinigung von Tanz, Kunst    und Wissenschaft

Ausstellung „Between us“ in Mainzer Kunsthalle/ Von Marianne Hoffmann


Installationsansicht: Tim Etchells: „Best of All“, 2018, KunstFestSpiele Hannover 


Die Mainzer Kunsthalle, mit ihrem um sieben Grad geneigten, grün leuchtenden Turm als Kennzeichen, gehört in der Kunsthallenlandschaft in Deutschland sicherlich zu den Kleinsten und wahrscheinlich auch zu den jüngsten Kunsthallen. Seit nunmehr drei Jahren leitet Stefanie Böttcher die Mainzer Kunsthalle. Es ist ihr gelungen, das Haus innerhalb kürzester Zeit ins Bewusstsein der Mainzer und darüberhinaus zu katapultieren. Ihr Geheimnis, wenn es denn eines ist, ist, dass sie sich sehr genau in der zeitgenössischen Kunst auskennt und außerdem sehr genau Zeitphänomene im Blick hat. Mit „Virtual Reality“ hat sie die Schattenseiten der allseits verbreiteten virtuellen Welten aufgezeigt und durch ein ausgefeiltes Beiprogramm die Thematik von allen Seiten beleuchtet. Nun geht sie einen großen Schritt weiter und entwickelt mit dem Mainzer Staatstheater und der Mainzer Hochschule ein ungewöhnliches Ausstellungsprojekt, das am 14. März eröffnet wird.

„Um in die Zukunft zu schreiten, muss man wissen, wo man im Heute steht. Um sich in Relation zu setzen, muss man Position beziehen. Um sichtbar zu werden, muss man auffindbar sein. Durch Triangulierung kann mittels Bestimmung des Abstands zu zwei anderen Positionen eine dritte ermittelt werden. Diese Methode erlaubt es Fledermäusen, sich mittels Schall zu orientieren, und hält selbstfahrende Autos in der Spur. Die zugrunde liegende Figur, das Dreieck, ist eine der elementaren und stabilsten geometrischen Formen. Sie findet sich auf nahezu allen Ebenen unserer materiellen Welt wieder, vom Molekül bis zur Architektur“. Was im Ankündigungstext auf der Internetseite der Kunsthalle kompliziert klingt, lässt sich fein säuberlich in Ausstellung, Tanzstück und Computersimulation zerlegen. Nehmen wir den Tanz: Tanz ist eine flüchtige Kunst. Choreographen denken sich komplexe Bewegungen für Tänzer aus. Stellt sich die Frage, ob man Tanzbewegungen für die Zukunft festhalten kann. Das Forschungsprojekt „Motion Bank“ an der Hochschule Mainz ist diese Herausforderung angegangen. Die Idee dazu hatte der weltbekannte Choreograf und Tänzer William Forsythe. Projektleiter ist Florian Jenett, der dazu die sogenannten codebasierten Gestaltungsmethoden und -techniken nutzt. Das Mainzer Staatstheater hat sich seit einigen Jahren im Bereich Tanz hervorgetan. Das „tanzmainz“ Projekt unter der Leitung von Honne Dormann, dem es immer wieder gelingt, ausgezeichnete Choreografen und Tanzcompanies nach Mainz zu holen, hat den Ruf des Staatstheaters als bemerkenswertes Haus für zeitgenössischen Tanz etabliert und das nicht nur deutschlandweit. Die Mainzer Kunsthalle hat sich mit den internationalen zeitgenössischen Künstlern und Künstlerinnen Tim Etchells, Sissel Tolaas, Tamara Grcic, Søren Lyngsø Knudsen, Žilvinas Kempinas und Isabel Lewis Kreative eingeladen, die aus dem Tanz und der dazugehörigen Choreografie Kunstwerke geschaffen haben. Diese Kunstwerke, die Vorstellungen von „tanzmainz“ und die digitale Tanzvermittlung durch Motion Bank verbinden sich zu „Between Us“. Vielschichtige Prozesse zwischen den Projektpartnern, die immer um die Frage der Informationsweitergabe zirkulieren, werden so sichtbar gemacht. 


Abb. links: Installationsansicht: Tamara Grcic, „Gaggiandre“, 2009, La Biennale di Venezia, 53. Esposizione Internationale d‘Arte

(Photo: Wolfgang Günzel, Courtesy the Artist)

Abb. rechts: Tim Etchells, „Will Be“, 2010 (Courtesy the Artist)


 

Die Basis dieser Kooperation bildet eine für „Between Us“ entwickelte Choreografie des finnischen Choreografen Taneli Törmä. Die Digitalisierung des Tanzes bildet auch den Ausgangspunkt für die Erforschung von Tanzerfassung und -vermittlung sowie das Experimentieren mit den entstandenen Daten in einem Choreographic Coding Labor. In der Kunsthalle Mainz verbinden sich schließlich Produktion und Ausstellung, Prozess und Aufführung, Erfassung und Vermittlung. Sie zeigt und öffnet einerseits den Prozess und die Ergebnisse einer einzigartigen Zusammenarbeit und schafft andererseits einen lebendigen Ort des Erfahrens und Erforschens. Wie hat sich die ursprüngliche Information der Choreografie verändert und wie werden die Bewegungen in Kunstwerke übertragen? Welchen Informationsgehalt beinhalten Daten und für wen sind sie lesbar? Dies zu erforschen ist die Aufgabe der in Mainz ansässigen „Motion Bank“. Ihr Leiter Florian Jenett ist beherrscht  das „Motion Capturing“. Mit diesem Verfahren werden die Bewegungsdaten in einen Reigen stilisierter Strichmännchen übertragen. Auf dem Bildschirm zeigen sich zu dichten Linienbündeln geronnene Bewegungsmuster, die Florian Jenett auf den Monitor der Mainzer „Motion Bank“ zaubert. „Sie gleichen bunten Wollknäueln, Sternen, Kreisen, Spiralnebeln oder einfach nur einer verknoteten Acht. Es sind in Bits und Bytes aufgelöste Dynamismen, abstrakte Datensignaturen einer Choreografie“; so Michael Jacobs in der Mainzer Allgemeinen Zeitung. Sechs Wochen lang hat Jenett, Professor für Medieninformatik an der Hochschule Mainz, den gesamten Entstehungsprozess des für fünf Tänzerinnen und Tänzer konzipierten Stücks „Effect“ des finnischen Choreografen Taneli Törma nach allen Regeln filmischer und digitaler Aufarbeitung begleitet. 90 Prozent der Proben wurden mit einer Videokamera aus zwei Perspektiven abgefilmt, über eine Zeitleiste mit Kommentaren eines Tanzwissenschaftlers verknüpft. Phase für Phase enthüllt so das gesammelte Material die Entwicklung der Struktur des Stücks. Nachdem dieser erste Datensatz im Kasten war, folgte die Kür im großen Ausstellungsraum der Kunsthalle. An drei Tagen brachten Jenett und sein Team acht Kameras in Stellung, um über das Motion-Capturing- Verfahren die sechzig Minuten lange Choreografie in drei Durchläufen aus möglichst vielen Perspektiven aufzunehmen. Komplettiert wurde die wissenschaftliche Ballett-Rundumerfassung von vier Audiokanälen und einem 3D-Scanner. Damit sei der Entstehungsprozess von „Effect“, dem Tanzstück des Projektes, der weltweit best- dokumentierte, sagt Jenett. Circa 2 Terrabytes beträgt das Datenvolumen. Das gesamte Material – Videofilme, Motion-Capturing-Daten, Soundfiles - ist die Grundlage für die Künstler und Künstlerinnen, die daraus die passende Kunst entwickelt haben. Nur knapp drei Monate hatten sie Zeit, sich auf dieses transistorische Experiment einzulassen.  Interessant in dieser Künstlerauswahl ist auch, dass mit Tamara Grcic eine Professorin der Mainzer Kunsthochschule dabei ist. Seit 2014 hat sie an der Hochschule die  Professur für Bildhauerei inne. 2009 war sie an der 53. Biennale von Venedig beteiligt. Im Ausstellungsrund führt ein Parcours die Besucher durch Installationen, Soundarbeiten und multisensorische Settings, die die unterschiedlichen Auffassungen eines zukunftsträchtigen Projektes verbildlichen.Tamara Grcic griff für ihren künstlerischen Beitrag das Gehen der Tänzer und Tänzerinnen und die damit verbundenen Geräusche auf. Durch die Wanderschuhe, die sie tragen, entsteht ein spezifischer Sound und die Schritte erhalten eine Schwere. Sie legen sich als eigenständiger Rhythmus über die Musikkomposition der Choreografie, der nur aufgehoben wird, wenn die Agierenden das beständige Laufen im Kreis unterbrechen. Aus extrahierten Tonaufnahmen der Schritte aus der Choreografie Effect hat die Künstlerin eine abstrakte Soundarbeit konzipiert, die sich in der gesamten Halle 1 entfaltet. Sie springt zwischen den Lautsprechern hin und her, schwillt mal zu einem Crescendo an, verklingt dann wieder kaum noch hörbar in den Weiten der Halle. Neben dem Ton hat Tamara Grcic ein Bild beigesteuert, indem sie mittels schwarzen Lautsprechern und Teppichbahnen in erdigen Farben den Raum rhythmisiert.  So verbinden sich in der Kunsthalle neue Sichtweisen und Umsetzungen aus vorgegeben Elementen, die sicherlich für jeden Künstler und Künstlerin eine besondere Herausforderung darstellte. Zumal Verbindungen dreier höchst unterschiedlicher Disziplinen hergestellt werden mussten. So zeigt sich das Ergebnis einer einzigartigen Zusammenarbeit und bildet andererseits einen lebendigen Ort des Erfahrens und Erforschens. Dieses anspruchsvolle und sicherlich in der Umsetzung einmalige Kulturprojekt hat eine Förderung durch die Kulturstiftung des Bundes erhalten und das zu Recht.

 

„Between us“ in der Kunsthalle Mainz im Mainzer Zollhafen zu sehen und läuft bis zum 16.06.2019. Das Tanzstück „Effect“ von Taneli Törma ist am  29.03.2019, 1.04.2019, 2.04.2019, 3.04.2019, 12.04.2019, 26.04.2019, 7.05.2019, 15.05.2019, 16.05.2019, 17.05.2019, 16.06.2019 zu sehen.

Alle Informationen unter : www.kunsthalle-mainz.com, www.staatstheater-mainz.com


Between us

15.3. bis 16.6.

Kunsthalle Mainz

Am Zollhafen 3–5

55118 Mainz

Di/Do/Fr 10-18 h, Mi 10-21 h, Sa/So 11-18 h

www.kunsthalle-mainz.com