Ort des Rückzugs

Das Kunstmuseum Ahrenshoop feiert sein fünfjähriges Jubiläum / Von Katrin Neuwirth


Kunstmuseum Ahrenshoop, Südansicht, 2013. (Foto: Georg Kranz)


In goldenen, beigen und braunen Nuancen schimmern die fünf Einraumhäuser aus Stahlbeton. Dabei wirkt das mit Messingtafeln verkleidete Ensemble der Natur verbunden und kommt wie ein traditionelles Reetdach aus Schilfrohr daher. Ein Flachdach verbindet die einzelnen Häuser mit jeweils 100 bis 120 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Mit einigen Preisen wurde die Architektur des am 30. August 2013 eröffneten Kunstmuseum Ahrenshoop ausgezeichnet. So erhielt das von Staab Architekten entworfene Haus im Sommer 2014 den Landesbaupreis von Mecklenburg-Vorpommern und kurze Zeit später den Iconic-Award des vom Deutschen Bundesrat initiierten Rates für Formgebung. Bemerkenswert ist auch das Lichtdesign des Museums, das ebenfalls mit Preisen ausgezeichnet wurde. Denn das Haus kommt hauptsächlich mit Tageslicht aus. 

2018 feiert das Kunstmuseum Ahrenshoop sein fünfjähriges Bestehen. Mittlerweile hat das Haus auf der Halbinsel Fischland/Darß eine Sammlung vorzuweisen, die rund 900 Gemälde, Grafikkonvolute und Skulpturen umfasst. Werke von Künstlern, die in Ahrenshoop und in der nahen Küstenregion gelebt oder dort als regelmäßige Sommergäste künstlerisch tätig waren. Neben Arbeiten der Klassischen Moderne, gegenständlichen Positionen der 1920er-Jahre bis 1940er-Jahre sowie DDR-Kunst bilden die Kompositionen der Gründergeneration der Künstlerkolonie Ahrenshoop einen Schwerpunkt der Kollektion. Letztes Jahr feierte die Künstlerkolonie Ahrenshoop ihr 125-jähriges Jubiläum. Anlässlich dazu wurde die Ausstellung „Licht, Luft, Freiheit“ gezeigt. 

Ab 1882 siedelten in Ahrenshoop die Gründer der Künstlerkolonie, unter ihnen Paul-Müller-Kaempff, Friedrich Wachenhusen und Elisabeth von Eicken. Der Oldenburger Maler und Lithograf Paul-Müller Kaempff begründete nicht nur die Künstlerkolonie, sondern auch zwei Malschulen auf dem schmalen Landstreifen zwischen Ostsee und Bodden. In Bildern wie „Sonnenuntergang am Bodden“ (1910), „Ostseedünen“ (um 1910) oder „Weiter Blick über das Dorf Ahrenshoop“ (1890) wird die Faszination von Ahrenshoop und der umgebenden vielfältigen und ursprünglichen Landschaft offenbar. Müller-Kaempff entdeckte das 700-Seelen-Dorf zufällig auf einer Wanderung mit seinem Malerfreund Oskar Frenzel. „Wir hatten von seiner Existenz keine Ahnung und blickten überrascht und entzückt auf dieses Bild des Friedens und der Einsamkeit“, heißt es in Müller-Kaempffs Notizen etwa drei Jahrzehnte später. 1892 baute er sich in Ahrenshoop ein Haus. Seitdem kamen immer wieder Künstler, darunter einige Frauen – die anderswo Schwierigkeiten hatten, sich fachlich weiterzubilden – in den Küstenort. 1892 gründete Müller-Kaempff dann gemeinsam mit Friedrich Wachenhusen die Sommermalschule im „Haus Lukas“. In impressionistischer Malweise fertigte der Landschaftsmaler, Zeichner und Radierer Friedrich Wachenhusen vor allem ländliche mecklenburgische Motive. Kunstschaffende wie Gerhard Marcks, Dora Koch-Stetter, Alfred Partikel und Wilhelm Löber fanden in den 1920er-Jahren und während der Zeit des Nationalsozialismus in Ahrenshoop einen Ort des Rückzugs. In der Zeit der DDR suchten ebenfalls immer wieder zahlreiche Künstler den Ort im Norden Deutschlands auf. 

 


Abb. links: Edmund Kesting, „o. T.” (Strandblick mit roter Sonne), 1968, Mischtechnik auf Krepp, auf Leinwand kaschiert, 55 x 97 cm, Sammlung Kunstmuseum Ahrenshoop. (© VG Bild-Kunst, Bonn 2018) Rechts: Ulrich Knispel, „Wald”, 1950, Öl und Tempera auf Hartfaser, 93,5 x 80 cm, Sammlung Kunstmuseum Ahrenshoop (© VG Bild-Kunst, Bonn 2018)


Es ist die Zielsetzung des Kunstmuseum Ahrenshoop, mit seiner Sammlung, die durch Ankäufe und Zustiftungen ergänzt wird, die Erinnerung an die wachsende Zahl von Freilichtmalern aufrechtzuerhalten und die Wiederentdeckung sowie Neubewertung von Kunstschaffenden des späten 19. und des 20. Jahrhunderts zu ermöglichen. Leihgaben der Gemeinde Ahrenshoop, des Förderkreises Ahrenshoop e.V., der FAMA-Kunststiftung und der Ostdeutschen Sparkassenstiftung sowie vieler privater Leihgeber vervollständigen die Sammlung. „Wir finden es eben auch wichtig, dass öffentlich zu sehen ist, wie ausgedehnt das Œuvre der Künstler ist, die wir im Museum teilweise nur mit wenigen Werken vertreten haben. Und auch zu zeigen, dass die Lebenswerke dieser Künstler, anders als möglicherweise in Worpswede, auch noch nicht ausreichend erforscht und aufgearbeitet sind und einfach vieles noch versteckt ist“, so Katrin Arrieta, künstlerische Leiterin des Kunstmuseum Ahrenshoop, in einem Interview. 

In der Vergangenheit standen immer wieder weibliche Künstler im Zentrum von Ausstellungen im Kunstmuseum Ahrenshoop. So beispielsweise Dora Koch-Stetter (1881-1968), deren Werke in der bis 2. September dauernden Ausstellung „Dora Koch-Stetter (1881-1968) | Ein Ahrenshooper Weltbild der Moderne“ gezeigt werden. „Der Beitrag Dora Koch-Stetters zur Geschichte der Moderne in Ahrenshoop kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In ihrer an der internationalen Moderne, an Matisse, van Gogh, Gauguin und auch Munch geschulten Malerei ihrer besten Zeit zeigt sie sich qualitativ auf einer Höhe, die durchaus nationale Wertigkeit hat“, sagt Arrieta. Die teils sehr großformatigen Bilder der dänischen Künstlerin Inge Lise Westman, die spiegelnde Meeresflächen, Wälder und Felder zeigen, waren in der bis 26. August dauernden Schau mit dem Titel „Inge Lise Westman (*1945) | Wo die Saatkrähen wenden“ zu sehen.

Aktuell präsentiert das Kunstmuseum Ahrenshoop die Ausstellung „Sonnenfluten – Schattenburgen“, die sich in zwei Teile splittet. Während „Kunst nach 1968 aus den Sammlungen“ vom 1. September bis 25. November gezeigt wird, erwartet die Besucher vom 8. September bis 25. November „Kunst nach 1945 aus den Sammlungen“. Die in den Schauen vorgestellten Kunstwerke geben Einblick in das künstlerische Schaffen nach 1945 als Ahrenshoop und die Ostseeküste für einige Kunstschaffende mit Freiheit in Verbindung gebracht wurden. Während sich einige Künstler über Jahre in der Küstenregion von Fischland-Darß bis Usedom aufhielten, suchten andere die landschaftliche Idylle als temporäre Malgäste auf. Zu diesen zählt Ulrich Knispel, ein Maler der Halleschen Schule, der gegenständlich sowie abstrakt arbeitete. Während er sich zunächst dem Expressionismus zuwandte, enthalten später entstandene Arbeiten Anklänge an den Surrealismus. Ahrenshoop und seine Umgebung suchte auch der Berliner Wolfgang Frankenstein auf, der als Maler, Grafiker und Hochschulprofessor arbeitete und dessen Œuvre rund 800 Werke umfasst. Der Maler, Grafiker, Fotograf und Kunstpädagoge Edmund Kesting gehört zu den Vertretern der Informellen Malerei. Seit 1920 schuf er konstruktivistische Arbeiten und Schnittcollagen, Ölgemälde, Aquarelle und Gouachen. Um 1925 widmete er sich verstärkt der Fotografie. Hier war nicht nur die Abgeschiedenheit der einstigen Künstlerkolonie attraktiv für Künstler, sondern einen Reiz stellten auch die Ausstellungsmöglichkeiten im 1946 wiedereröffneten historischen Kunstkaten und in der Bunten Stube dar. Dort offerierte Fritz Wegscheider erst alleine und dann gemeinsam mit Kunsthistorikern der Ostberliner Nationalgalerie wie Roland März und Fritz Jacobi ein spannungsreiches Programm. Im Laufe der Zeit kamen Vertreter aller wichtigen Zentren und Strömungen ostdeutscher Kunst nach Ahrenshoop um sich in der Küstenlandschaft diversen gestalterischen Problemstellungen zu widmen und sich mit allgemein menschlichen Fragen auseinanderzusetzen. Das Meer wurde von den unterschiedlichsten Gesichtspunkten aus betrachtet und findet sich in Werken der Berliner „Schwarzen Periode“ um Harald Metzkes und Manfred Böttcher, Arbeiten von Malern der „Leipziger Schule“ und der oppositionellen Karl-Marx-Städter Künstlergruppe Clara Mosch. 

Neben der Dauerausstellung und den regelmäßig wechselnden Sonderausstellungen besticht das Kunstmuseum Ahrenshoop auch mit den Angeboten für Kita, Schule und Hort. So sind unter anderem interaktive Führungen und Projekte, die gemeinsam mit Schulen und anderen Kinder- und Jugendeinrichtungen sowie Kulturschaffenden durchgeführt werden, Teil des Programms. „Auf den Spuren der Ahrenshooper Künstlerkolonie“ heißt ein aktuelles Projekt, das das Kunstmuseum Ahrenshoop in Kooperation mit der Kulturförderung des Landkreises Vorpommern-Rügen veranstaltet. Neben der außergewöhnlichen Architektur, der Sammlung hochkarätiger Werke und den abwechslungsreichen Sonderausstellungen ist es mit Sicherheit auch das Bildungsangebot des Kunstmuseum Ahrenshoop, das für die hohe Besucherfrequenz sorgt. So suchen jährlich circa 30 000 bis 40 000 Kunstinteressierte das Haus auf, seit seiner Gründung zählt es rund 180 000 Besucher. ZEITKUNST ist sich sicher, dass diese Zahl in Zukunft weiter wachsen wird. 

 


Sonnenfluten – Schattenburgen

Teil 1: Kunst nach 1968 aus den Sammlungen

1.9. bis 25.11.

Teil 2: Kunst nach 1945 aus den Sammlungen

8.9. bis 25.11.

 

Kunstmuseum Ahrenshoop

Weg zum Hohen Ufer 36

18347 Ostseebad Ahrenshoop

Mo-So 11-18 h

www.kunstmuseum-ahrenshoop.de