Re-Vision bildender Kunst

Die Sammlung Würth zeigt eine Auswahl internationaler Neuzugänge / Von Ulla Fölsing


Marc Quinn, „The eye of History (Atlantic perspective)”, 2011, Öl auf Leinwand, Ø 200 cm, Sammlung Würth


Die 2001 vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder eröffnete Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall, rund anderthalb Autostunden von Stuttgart entfernt, hat sich seither zum Publikumsmagneten entwickelt. Die spannenden Wechselausstellungen moderner Kunst aus der hochrangigen Sammlung des Unternehmers Reinhold Würth locken Millionen von Besuchern in die Fachwerkstadt mit rund 38 000 Einwohnern. Schon das Gebäude der Kunsthalle nach Entwürfen des dänischen Architekten Henning Larsen, ein zweigeteilter Kubus aus Glas und Stahl mit einer Fassade aus Crailsheimer Muschelkalk, gilt als Erlebnis. Ganz zu schweigen von den bislang 44 Werkschauen auf 2600 Quadratmetern Fläche im Inneren, die unter anderem Eduardo Chillida, Henry Moore und Fer-

nando Botero, Georg Baselitz, David Hockney und Niki de Saint Phalle präsentierten. Aktuell zeigt die Kunsthalle Würth unter dem verheißungsvollen Titel „Wohin das Auge reicht“ eine reizvolle Auswahl internationaler Neuzugänge der letzten zehn Jahre. Die rund 200 Werke aus Malerei und Skulptur sind seit den 1960er-Jahren entstanden. Sie werden zum größten Teil erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. 

Der aktuelle Einblick in die Ankäufe der Sammlung Würth aus dem letzten Jahrzehnt spiegelt die Fülle und Differenziertheit künstlerischer Positionen der letzten 60 Jahre. Die Ausstellung punktet nicht zuletzt mit gewaltigen Formaten und vereint, was gut und teuer ist  – von Tony Cragg über Pierre Soulages, Martin Kippenberger, Robert Longo und Sigmar Polke bis zu Gerhard Richter, Sean Scully, Antoni Tàpies und vielen anderen Malern und Bildhauern. So unterschiedlich die einzelnen Ansätze sind, gemeinsam ist ihnen das Bemühen, traditio-nelle Vorstellungen von Bild, Abbild und Form neu zu verhandeln und das oft mit unverkennbarer Lust an Provokation und Ironie. Alles in allem eine Art kunsthistorische Entwicklungsgeschichte zu Themen-, Methoden- und Materialvielfalt der Kunst ab 1960. Die Spannbreite reicht dabei von der Farbfeldmalerei über die Inszenierung von Kosmologie, Natur und Körperlichkeit bis hin zu politisch-parodistischen Szenarios.

Den Titel der Ausstellung „Wohin das Auge reicht“ visualisiert emblematisch ein Rundbild des britischen Künstlers Marc Quinn aus dem Jahr 2011, das den Blick des Betrachters suggestiv aufzusaugen scheint. Es heißt „The Eye of History (Atlantic Perspective)“ und zeigt ein Auge, das offenbar aus dem Weltall auf die atlantische Seite der Erdkugel blickt. Anstelle der Iris sehen wir blaue Formationen, die sich wie die ozeanischen Zonen auf einer Weltkarte über den weißen Augapfel ausbreiten, der dadurch zum Globus wird. Quinn versteht sein Bild aus der Werkserie „We Share Our Chemistry with the Stars“ als mahnenden Kommentar zur Winzigkeit, Begrenztheit und Verletzlichkeit unseres Erdenplaneten.

Runde Augäpfel starren auch immer wieder frech, kritisch und offensiv aus den surrealistisch anmutenden Malereien des vormaligen Düsseldorfer Kunst-Professors Albert Oehlen. In seinem Bildrepertoire kombiniert 


Johannes Itten, „Frühling”, aus „Vier Jahreszeiten” (4-teilig), 1963, Öl auf Leinwand, je 100 x 150 cm, Sammlung Würth


der Sigmar-Polke-Schüler, dessen Lehrer ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist, gegenständliche und figurative Motive mit rasch hingeworfenen Pinselstrichen, zarten grafischen Linien und Buchstaben oft seriell zu detailreichen, parodistisch wirkenden Mixturen. Neu bei Würth ist nun Oehlens Riesenformat „Erwachen im Zusammenhang“ von 2001, das verblüffende Nähe zu Quinns thematischem Ansatz beweist.

Die Vitrine „Opfergabe für den Gott der Schlaflosigkeit, Showcase III“ des Antwerpener Multimediakünstlers Jan Fabre punktet ebenfalls mit dem Augen-Motiv und das gleich massenhaft: Mundgeblasene, unnatürlich große, offene Glasaugen reichen bei dem Mann und der Frau im Vitrinen-Inneren über Kopf, Hals, Schultern und Arme und verleihen den beiden Gestalten etwas Surreales. Anlass für die Darstellung sind physische Erfahrungen des Künstlers, der seit seiner Geburt unter Schlaflosigkeit leidet.

Neben den Arbeiten von Quinn, Oehlen und Fabre nehmen sich die Farbfeldmalereien verschiedener Künstler im aktuellen Ausstellungsangebot diszipliniert und sachlich aus. Gleich zu Beginn des Rundgangs erwartet den Besucher ein großformatiger Bilderzyklus von Johannes Itten aus dem Jahr 1963, der sich mit den vier Jahreszeiten beschäftigt. Der 1888 im Berner Oberland geborene Pionier der Abstraktion hat eine einflussreiche experimentell-esoterische Farbenlehre entwickelt, die sein Quartett „Frühling, Sommer, Herbst und Winter“ atmosphärisch illustriert. Die pixelartigen Raster-Bilder jeweils aus neun mal neun Rechtecken greifen die unterschiedliche Farb-Realität der Natur im Jahresverlauf auf und erweitern sie mit harmonierenden Tönen. Entsprechend den Farben der Saison produzieren die bunten Rasterflächen mehr oder minder starke, stimmungsvolle Lichteffekte für das Auge.

Der Däne Per Kirkeby steht nicht zuletzt für seine Riesenformate. Gegenstände sind in seinen monumentalen Werken nicht abgebildet. Kirkebys vehementer Pinselstrich suggeriert Werke des abstrakten Expressionismus. Hinter dem kraftvollen Farbauftrag steht jedoch die Kenntnis der Natur, die der studierte Geologe in allen Facetten kennt und in seine Kompositionen sehr sinnlich einbringt.

Auch Anselm Kiefer gehört mit seiner ausladenden „Lichtung“ von 2015 zu Würths Neuerwerbungen. Das Werk zeigt ein verbranntes Buch auf einer Lichtung inmitten eines dichten Nadelwaldes. Der Künstler zitiert dort fragmentarisch sowohl das Sujet von Landschaftsdarstellungen der deutschen Romantik als auch das Thema von Buchverbrennungen im Nationalsozialismus. Kiefer gilt als Historienmaler im postmodernen Sinn.

Zwischen Tradition und Moderne bewegt sich auch der weltweit gefeierte japanische Bildhauer Katsura Funakoshi (*1951), der zugleich als kultureller Mittler zwischen Ost und West angesehen wird. Seine realitätsgetreu geschnitzten Männer- und Frauen-Torsi, die mit den Maserungen des Holzes spielen, kommen ebenso sinnlich wie poetisch daher. Die Würth-Sammlung besitzt jetzt das Kampferholz-Paar „The Tale of the Deep Forest“ (2001), ein weibliches Halbkörperporträt auf einem stilisierten Haus, und „Mountain“ (1997), ein männliches Pendant auf einem Sockel.

Mit den Maßen von 146 x 46 x 91 Zentimeter sind Funakoshis Gestalten vergleichsweise klein. Die Holz bemalte „Red Figure“ von Tony Cragg (2014) dagegen bringt es auf stolze 230 x 197 x 79 Zentimeter. Die trotz ihrer imposanten Größe fragil wirkende Skulptur sieht auf den ersten Blick aus, als bestehe sie aus Kunststoff. Tatsächlich hat der britische Bildhauer jedoch bemalte Holzscheiben zu einer sich windenden Figur aufeinander gestapelt, die aus einer Achse heraus eine Art verbogene Wirbelsäule simulieren und dem Betrachter je nach Standort immer wieder neue Perspektiven eröffnen. 

Für Craggs Landsmann Antony Gormley ist der menschliche Körper ein Raum und kein bloßes Objekt darin. In seiner Skulpturengruppe „Expanded Family“, die wie Craggs Arbeit aus dem Jahr 2014 stammt, variiert er menschliche Körper in verschiedenen Größen. Das Resultat: trutzige Kerle in architektonisch-geometrischer, kubistischer Formensprache, die aus der Vorzeit zu kommen scheinen.

Die aktuell in der Kunsthalle Würth gezeigten 200 Exponate sind nur ein verschwindend kleiner Ausschnitt dessen, was die Sammlung Würth zu bieten hat. Die Kollektion, deren Grundstein von Reinhold Würth in den 1960er-Jahren gelegt wurde, umfasst heute 18 000 Kunstwerke von circa 2800 Künstlern. Sie ist damit eine der umfangreichsten und bedeutendsten privaten Kunstkollektionen des ausgehenden 19., 20. und 21. Jahrhunderts in Deutschland. Ihre Akzente liegen auf Malerei, Grafik und Skulptur. Die Klassische Moderne wird in der Sammlung eindrucksvoll von Max Beckmann, Max Ernst, Ernst Ludwig Kirchner, Edvard Munch, Emil Nolde und Pablo Picasso vertreten. Große Bedeutung genießen zudem Bildhauer wie Eduardo Chillida, Henry Moore, Tony Cragg und Anish Kapoor. Mit ganzen Werkblöcken sind unter anderem Hans Arp, Horst Antes, Max Bill, Georg Baselitz, Anselm Kiefer sowie Christo und Jeanne-Claude vertreten. Als überraschender neuer, ganz anderer Sammlungskomplex kam 2003 der spätmittelalterliche Fürstlich Fürstenbergische Bilderschatz hinzu, den Reinhold Würth durch seinen Ankauf vor der Zerschlagung rettete. Zu diesem Konvolut gehören Tafelbilder von Lucas Cranach, seiner Werkstatt und wichtigen Zeitgenossen. Ergänzt wurde das Ganze 2012 durch die „Darmstädter Madonna“ von Hans Holbein d.J..

Die auch „Schutzmantelmadonna“ genannte Schöne gilt als Hauptwerk deutscher Renaissancemalerei und als nationales Kulturgut.

Initialzündung für die Würth‘sche Firmen-Kollektion war ein Aquarell von Emil Nolde. Reinhold Würth gönnte sich das Bild mit dem Titel „Wolkenspiegelung in der Marsch“ in einer Galerie für rund 60 000 DM. 

Seine unternehmerische Leistung, aber auch sein soziales und kulturelles Engagement hat dem inzwischen 83-Jährigen, der in seinen Museen freien Eintritt gewährt, multiple Ehrungen, Preise, Orden und Doktorhüte sowie einen Lehrstuhl an der Universität Karlsruhe beschert. Das alles kam nicht unverdient: Ohne Zweifel hat es Reinhold Würth geschafft, Kunst zu einem wichtigen Bestandteil der Unternehmenskultur in seinem Konzern zu machen. Vor allem den Mitarbeitern dort habe die Kunst „ein neues Fenster an Lebensqualität eröffnet“, meint er. 


Wohin das Auge reicht. 

Neue Einblicke in die Sammlung Würth

bis 17.3.19

Kunsthalle Würth 

Lange Straße 35

74523 Schwäbisch Hall

Mo-So 10-18 h

www.kunst.wuerth.com