ALPINE SCHATZTRUHE

300 Jahre Liechtenstein: Die Jubiläumsausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein Von Heiko Klaas und Nicole Büsing


Außenansicht des Kunstmuseum Liechtenstein


Zugegeben, es gibt noch ein paar andere kleine Staaten in Europa. Andorra, Monaco, San Marino oder den Vatikanstaat etwa. Das Fürstentum Liechtenstein jedoch gehört zur deutschen Sprachgemeinschaft und ist allein schon aufgrund dieser Tatsache sehr eng mit seinen Nachbarn Schweiz, Österreich und Deutschland verknüpft. 38.000 Einwohner zählt der alpine Kleinstaat. Das entspricht etwa der Größe von mittleren deutschen Städten wie Buxtehude oder Neu-Isenburg.Das Fürstentum verfügt allerdings über einige Alleinstellungsmerkmale, auf die es zurecht stolz sein kann. Am 23. Januar 1719 erhob Kaiser Karl VI. die Herrschaft Schellenberg und die Grafschaft Vaduz zum neuen Reichsfürstentum Liechtenstein. Und dieses existiert bis heute un-verändert. Die endgültige Unabhängigkeit erlangte das Land dann 1806 unter Napoleon. Damit begann eine Erfolgsgeschichte, deren bisheriger Höhepunkt eigentlich erst heute erreicht ist. Abgesehen von Plünderungen während des napoleonischen Zeitalters, blieb Liechtenstein über die ganze Zeit von Kriegen und Besatzungen durch fremde Mächte verschont. Dennoch ging es den Liechtensteinern längst nicht immer so gut wie heute.Erbprinz Alois von und zu Liechtenstein, amtsausführender Stellvertreter des Staatsoberhaupts, seines Vaters Fürst Hans Adam II, beschrieb in einer Rede, die er am 23. Januar 2019 anlässlich des Jubiläums vor Staatsgästen, darunter den Bundespräsidenten von Österreich, Deutschland und der Schweiz, hielt, die Situation bei der Gründung des Fürstentums so: „Vor 300 Jahren war Liechtenstein ein bitterarmes Bergbauernland, noch gezeichnet von der unsicheren Zeit der Hexenprozesse unter den Grafen von Hohenems und wirtschaftlich ein Schlusslicht in Europa.“ Erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg begann langsam der wirtschaftliche Aufstieg. Industrieunternehmen, insbesondere aus der Werkzeugbranche und der Nahrungsmittelindustrie, Banken und andere Finanzdienstleister trugen erheblich dazu bei. Heute rangiert das Land, was das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen betrifft, weltweit auf Rang Zwei, nur noch übertroffen von Monaco.Kunst gesammelt hat das Fürstenhaus schon seit dem frühen 17. Jahrhundert. Die Sammlung der fürstlichen Familie gilt als eine der größten und wertvollsten Privatsammlungen der Welt. Sie umfasst Gemälde und Plastiken von der Frührenaissance bis hin zum Klassizismus und zum Bieder-meier. Der Schwerpunkt liegt aber auf einer exzellenten Auswahl an barocker Malerei, insbesondere Werken von Peter Paul Rubens. Im Rahmen von gebuchten Führungen kann die Sammlung an ihren zwei auch architektonisch besonderen Wiener Standorten, dem Stadtpalais und dem Gartenpalais Liechtenstein, besichtigt werden.Doch auch im Fürstentum selbst wird das Thema Kunst groß geschrieben. Und zwar im überaus sehenswerten Kunstmuseum Liechtenstein in der Hauptstadt Vaduz. Das Museum begreift sich primär als Ort der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst und deren Wurzeln in der Moderne. Immer mal wieder gezeigt wird aber auch ältere Kunst aus den Fürst-lichen Sammlungen. Untergebracht ist das Kunstmuseum Liechtenstein in einem modernen Museumsbau mit Hinguckerqualitäten.Das im Jahr 2000 eröffnete Hauptgebäude wurde vom Basler Architekturbüro Morger & Degelo, das unter anderem auch den Basler Messeturm gebaut hat, gemeinsam mit Christian Kerez geplant und realisiert. Es stellt sich von außen als eine vornehm dunkel eingefärbte Schatztruhe dar, die mit ihren modernen Linien und den rundumlaufenden Fensterbändern ganz klar im Kontrast zu der benachbarten Bebauung steht. Die unverwechselbare Fassade des Komplexes besteht aus schwarz gebrochenem Basaltgestein und schwarz eingefärbtem Zement, in den kleine Kieselsteine aus dem Rhein eingeschlossen sind. Die oberste Schicht wurde abgeschliffen und poliert, was der Oberfläche eine einzigartige Optik und große Noblesse verleiht. Der aus dem Rhein stammende Flusskies stellt zudem einen Bezug zum Rheintal und damit zur unmittelbaren Umgebung des Hauses dar.In seinem Inneren ist das Haus ebenso klar und präzise ausgeführt. Sechs „White Cubes“ verfügen über modernste Ausstellungstechnik und lassen so alle Kuratorenwünsche wahr werden. Die ganz unter-schiedliche Epochen und Kunstrichtungen abdeckende Ausstellungsbilanz seit der Eröffnung kann sich sehen lassen: Gleich eine der ersten Ausstellungen beschäftigte sich mit dem Bild des Menschen in der Videokunst der Gegenwart. Es gab Einzelschauen zu Künstlern und Künstlerinnen wie Andy Warhol, Jannis Kounellis, Sean Scully, Leiko Ikemura oder Monika Sosnowska ebenso wie thematische Ausstellungen etwa zu Themen wie Migration oder Nachhaltigkeit. In Sammlungspräsentationen wurden auch die Neuerwerbungen der Fürstlichen Sammlungen gezeigt. Aber es waren auch stark zeitgenössisch orientierte Sammlungen wie etwa die des Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich zu Gast in Vaduz.Aktuell, noch bis zum 1. September, ist die Ausstellung „entrare nell’opera“ zum Thema Prozess und Aktionen in der Arte Povera zu sehen. Ein abwechslungsreiches Begleit- und Vermittlungsprogramm mit Führungen, Künstlergesprächen, Vorträgen, Performances, Konzerten, Filmvorführungen und vielem mehr bietet dem Liechtensteiner Publikum und den Besuchern von außerhalb einen Veranstaltungsreigen auf Großstadtniveau. So wird zum Beispiel der Arte-Povera-Star Michelangelo Pistolet-to am 1. September zum Künstlergespräch erwartet.2015 erfolgte dann ein zweiter Bauabschnitt. Die private Hilti Art Foundation hat sich mit einem strahlend weißen Bau der Basler Architekten Morger + Dettli gewissermaßen an das Kunstmuseum an-gedockt. Beide Häuser sind zwar eigenständig, verstehen sich aber als perfekte Nachbarn. So bilden sie ein kompositorisches Ensemble mit nur einem gemeinsamen Eingang und Foyer.Mit der großen Ausstellung „Liechtenstein. Von der Zukunft der Vergangenheit“, die sich als Dialog der Sammlungen begreift, wird das Jubiläum „300 Jahre Fürstentum Liechtenstein“ ab dem 19. September 2019 im Kunstmuseum Liechtenstein gefeiert. Aus den Fürstlichen Sammlungen werden hochkarätige Gemälde und Skulpturen von der Frührenaissance bis zur ös-terreichischen Romantik mit von der Partie sein. Das Kunstmuseum selbst bringt ausgewählte Exponate aus allen Samm-lungsgebieten mit ein. Diese reichen von der Kunst der Klassischen Moderne bis hin zu ganz zeitgenössischen Werken aus unse-rer unmittelbaren Gegenwart. Die Absicht der drei Kuratoren ist es, Werke aus unterschiedlichen Epochen auf ihre Gemein-samkeiten und ihre zeitlose Botschaft hin zu befragen. Im Fokus der Schau steht da-her: „Das Gespräch zwischen Meisterwerken aus unterschiedlichen Jahrhunderten über Fragestellungen, die die Künstler und die Menschen zu allen Zeiten bewegten und bewegen.“ Kuratiert wird das Mammutunternehmen von Johann Kräftner, dem Direktor der Fürstlichen Sammlungen, Friedemann Malsch, dem Direktor des Kunstmuseums Liechtenstein, und Christiane Meyer-Stoll, Konservatorin und Mitglied der Direktion des Kunstmuseums Liechtenstein. Friedemann Malsch erläutert den Grundgedanken der Ausstellung im Interview folgendermaßen: „Rund um die Themen „Die Erde“, „Das Portrait“, „Menschliches“ und „Kunst“ entsteht ein Parcours, der sich sowohl grundlegenden Themen widmet, die KünstlerInnen zu allen Zeiten beschäftigt haben, wie auch die unterschiedlichen Facetten deutlich macht, die diese Themen in den verschiedenen Epochen durchlaufen haben. Dabei wurde auf die besondere künstlerische Qualität eines jeden Exponates besonderer Wert gelegt.“ Friedemann Malsch, der Gründungsdirektor des Kunstmuseum Liechtenstein, stammt übrigens aus Deutschland. Geboren wurde er 1955 in Bielefeld. Der promovierte Kunsthistoriker ist nach Tätigkeiten in Köln, Nancy und Strassburg bereits seit 1996 in Liechtenstein tätig, zunächst als Konservator der Liechtensteinischen Staatlichen Kunstsammlung und seit dem Jahr 2000 als Direktor des Kunstmuseums Liechtenstein. Mit der Ausstellung zum 300. Jubiläum des Fürstentums dürfte es dem gut vernetzten Kurator gelingen, die internationale Aufmerksamkeit ein wenig stärker auf sein beachtenswertes Haus zu lenken.

 


Liechtenstein.  Von der Zukunft der Vergangenheit. 

Ein Dialog der Sammlungen

20.9.2019 bis 23.1.2020

 

Kunstmuseum Liechtenstein 

mit Hilti Art FoundationStädtle

329490 Vaduz/Liechtenstein

Di-So 10-17 h, Do 10-20 h

www.kunstmuseum.li