Facing fear –                                            geballte Bildhauerkraft

Alberto Giacometti und Lynn Chadwick im Museum de Fundatie in Zwolle / Von Marianne Hoffmann


Links: Alberto Giacometti, „Tête de Diego au col roulé”, 1951/52, Bronze, 34 x 13,5 x 13 cm, Sammlung Fondation Marguerite et Aimé Maeght, Saint-Paul-de-Vence, Frankreich (Foto: Claude Germain).

Rechts: Lynn Chadwick, „Two Winged Figures Golden Wedding”, 1968-71, Lithografie auf Papier, 33,3 x 24,8 cm, Courtesy of The Estate of Lynn Chadwick and Blain|Southern (Foto: Steve Russell Studios)


Lynn Chadwick war Engländer, Alberto Giacometti war Schweizer. Beide waren Bildhauer, und beide lernten sich 1956 anlässlich der Biennale in Venedig kennen. Chadwick wurde 1914 geboren, Giacometti 1901. Auf der Biennale von Venedig 1956 erwarteten alle Kunstkenner, dass Giacometti den Preis für sein bildhauerisches Werk bekommen würde, aber da hatten sie sich getäuscht. Die Jury entschied sich für Chadwick. Damals eine Sensation und für Chadwick der Durchbruch, es war schon seine zweite Biennale-Teilnahme. Beide repräsentierten in ihren Pavillons ihr Heimatland. Im Jahr der Biennale  modellierte Giacometti eine stehende Frauenfigur, die er in verschiedenen Fassungen in Ton formte. Von den fünfzehn frontal und unbeweglich stehenden Figuren stellte sein Bruder Diego Gipsabgüsse her. Zehn waren 1956 unter dem Titel „Les Femmes de Venise“ (Die Frauen von Venedig) im französischen Pavillon aufgestellt. Diese Figurengruppe, bestehend aus „verschiedene[n] Versionen einer einzigen Frauenfigur, die nie eine endgültige Form erhielt“, wurde 1958 als Bronzeguss erstmals in der Galerie Pierre Matisse in New York gezeigt. Nur neun dieser Frauenfiguren wurden allerdings in Bronze gegossen. Liest man über Wikipedia hinaus die Berichte zur Biennale-Teilnahme von Giacometti, findet man keinen Hinweis auf die Beziehung zu Lynn Chadwick, und selbst Wikipedia verschweigt, dass Chadwick den Preis bekam. Das Gleiche passiert, wenn man über Chadwick liest, der 1956 den Preis „Biennale Grand Prix für Bildhauerei“ erhielt. Chadwick arbeitete zu diesem Zeitpunkt erst seit sechs Jahren als Bildhauer und war der jüngste Künstler, dem jemals so eine Auszeichnung zuteil wurde.


Alberto Giacometti,  „Chien“, 1957, Bronze, 47 x 100 x 15 cm, Sammlung Fondation Marguerite et Aimé Maeght, Saint-Paul-de-Vence, Frankreich. (Foto: Claude Germain)


Auch hier steht kein Wort über den großen Bildhauer Giacometti und darüber, dass sich die beiden kannten. Chadwick und Giacometti gemeinsam in einer Ausstellung zu vereinen, das macht jetzt das „Museum de Fundatie“  in Zwolle. Die Skulpturen Alberto Giacomettis und Lynn Chadwicks verkörpern die während der Zeit des Kalten Krieges in Europa herrschende Stimmung von Desillusion und Furcht. Mit diesen beiden Künstlern verabschiedete sich die Bildhauerkunst endgültig von der Romantik und Ästhetik der Vorkriegszeit und kam in der rauen Wirklichkeit an. In der Skulptur der Nachkriegszeit wurde das Nebeneinander von Figuration und Abstraktion, von phantastischer Deformation und Verletzung des Menschenbildes, die erweiterte Materialdiskussion, die Neubestimmung von Form oder Nicht-Form, die Beziehung zum Raum, zum Licht, zur Bewegung und zum Boden hinterfragt. Rodin fasste es so zusammen: „Die natürliche Bewegung des Gangs eines Körpers folgt dem Gang der Gestirne, die eine vorgezeichnete Ellipse durchlaufen. Hat man die Bewegung in der halben Ellipse, dann bewegt man sich auf einer Geraden.“  So reduzierte Giacometti den Menschen auf sein elementarstes Erscheinungsbild, während Chadwick seine kräftigen Urbilder von Menschen und Tieren schuf. Die Ausstellung umfasst mehr als 150 Werke, davon sind 29 Skulpturen von Giacommetti und 40 von seinem jüngeren Kollegen. Nie zuvor wurden Werke Giacomettis und Chadwicks so unmittelbar zusammengebracht. Die Ausstellung spiegelt die unterschiedlichen Auffassungen vom menschlichen Körper wider. Giacomettis Reduktion der Figur, die Überzeichnung der Figur, indem er sie in die Höhe zieht und immer schmaler werden lässt, hatte sicherlich mit dem äußeren Erscheinungsbild Giacomettis zu tun, der von hagerer Gestalt war und ein kantiges, schmales Gesicht hatte, wie frühe Fotografien zeigen. Und Lynn Chadwick? bei ihm spiegeln sich in seinen aus konstruktiven Formen, glatten Flächen und vor allem aus Polygonen (Vielecken) zusammengestellten Körper der studierte Architekt. Chadwick hatte das Privileg, an einer Eliteschule in England Architektur zu studieren und kam erst sehr spät zur Kunst. Zunächst befasste er sich mit Zeichnungen und später mit Aquarell und Ölmalerei.


Lynn Chadwick, „Cloaked Figure IX“, 1978, Bronze, 185 x 101 x 140 cm, Courtesy of The Estate of Lynn Chadwick and Blain|Southern

(Foto: Claude Germain)


Von 1946 bis 1952 war er selbständiger Designer für Textilien, Möbel, Architektur. Er wurde finanziell unabhängig. Das war  die Grundlage, in aller Ruhe mit Skulpturkonstruktionen zu experimentieren. Chadwick baute seine Skulpturen auf. Er fertigte ein Gerüst aus Metallstangen an, eckige Blöcke bildeten dann Ober- und Unterkörper und den Kopf. Rundungen finden sich erst später. Zurückgelassen hat Chadwick über tausend Werke. Charles Blanc schrieb 1867 in seinem noch heute geltenden Werk „Grammaire des arts et du dessin“ über die Bedeutung von Senkrechten und Waagerechten. „Dialogische Paarungen sind schon im Menschen angelegt. Die Senkrechte ist ein Zeichen für aufnehmend passives Sein, beide sind wertgleich: eines ohne das andere ist wertlos, nicht existenzfähig und somit nicht aussagefähig. Das nach oben gerichtete Dreieck mit seidenem Charakter verbindet sich zur Ganzheit erst mit dem nach unten gerichteten, sich nach oben öffnenden Dreieck“. Die waagerechte Linie drückt für Blanc Ruhe aus, Gleichgewicht und Weisheit, Heiterkeit, und das nach unten gerichtete Dreieck erzählt von Trauer, Meditation und Stolz. Giacometti machte eine  Ausbildung bei dem Bildhauer Émile-Antoine Bourdelle, danach entdeckte er für sich den Modernismus und die Kunst Afrikas und Ozeaniens. In der Folge wurde sein Werk abstrakter. In den frühen 30ern machte er mit surrealistischen Skulpturen Furore, die unterschwelligen Emotionen Ausdruck verliehen. Innere Spannungen führten ab 1935 zu einer persönlichen und künstlerischen Krise und einer Rückkehr zur menschlichen Figur. Chadwick, der seine Figuren, wie schon beschrieben, baute, füllte seine zusammengeschweißten Formen mit einer Art Zement aus. Die eckigen Formen der Werke Chadwicks und anderer junger Briten wurden 1952 als „the geometry of fear“ bezeichnet, ein Hinweis auf die ständige Drohung einer Nuklearkatastrophe. Mit seinen apokalyptischen Tänzern und stoischen Wächtern brachte Chadwick diese Beunruhigung auf eindringliche Weise zum Ausdruck. Chadwick hatte mit dieser Art zu arbeiten das Bildhauermonopol des berühmten Henri Moore durchbrochen. Jedoch kommt man nicht darum herum, dass es Ansätze gibt, die sagen, dass in Chadwicks Skulpturen die Einflüsse Moores und auch Calders sichtbar seien, genauso wie Giacomettis Werke der Vorkriegszeit Chadwicks Entwicklung beeinflusst haben. Beide Künstler waren sich der Existenz des jeweils anderen in hohem Maße bewusst, ihr Schaffen zeigt nicht nur Unterschiede, sondern auch viele Übereinstimmungen. Zum ersten Mal werden diese großartigen Bildhauer in einer großen Ausstellung repräsentiert. Damit die Werke zusammenkamen, hat die Fondation Maeght in St Paul de Vence  mit Giacometti ausgeholfen und die Galerie Blain/Southern in London mit Chadwick. 1951 zeigte die Galerie Maeght, damals in Paris ansässig, die erste Ausstellung mit Giacomettis schlanken Figuren. Vorher hatte er schon in der Galerie von Pierre Matisse in New York mit diesen den Weg angetreten, ganz Amerika zu begeistern. Jean Paul Sartre, der mit ihm eng befreundet war, schrieb für den in Amerika erschienenem Katalog ein Essay von zehn Seiten über „La Recherche de l‘absolu“, auf der Suche nach dem Absoluten. Chadwick war ab 1951 international unterwegs, wobei seine dreimalige Teilnahme an der Biennale von Venedig und die Teilnahme an den ersten drei Documenta-Präsentationen ihm sicherlich Tür und Tor öffneten. Nun hat man in Zwolle zu einer grandiosen Ausstellung unter dem Titel „Facing Fear „ eingeladen. Ein Titel, der in einer Zeit nicht enden wollender Kriege und Auseinandersetzungen, die nicht unbedingt mit Waffen ausgeführt werden, waren schon damals eine Bedrohung, eine Bedrohung durch Nuklearwaffen. Was hat sich bis heute daran geändert? Nichts, so scheint es, die Bedrohung des Menschen durch den Menschen ist sogar gestiegen. „Facing Fear“ ist aktueller denn je.


Giacometti – Chatwick -Facing Fear
bis 6.1.19
Museum de Fundatie
Blijmarkt 20
NE 8011 Zwolle
Di-So 11 -17 h
www.museumdefundatie.nl