auf der Suche nach der Wirklichkeit

B3 Biennale des bewegten Bildes 2019 mit dem Fokus auf Realities/ Von Ulla Fölsing 


Victor Morales, „Esperpento (Monstrosität)“, 2019


 

Für ihren vierten Auftritt vom 15. bis 20. Oktober 2019, der unter dem Motto „REALITIES“ steht, hat die „B3 Biennale des bewegten Bildes“ einen potenten kulturpolitischen Partner gewonnen. Die von der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) konzipierte internationale  Veranstaltung für Künstler, Medienschaffende und Wissenschaftler findet ab jetzt zeitgleich und in langfristig ausgelegter Kooperation mit THE ARTS+ statt, dem erfolgreichen  Festival zur Zukunft der Kreativ- und  Kulturwirtschaft, das im Rahmen  der alljährlichen Frankfurter Buchmesse, der größten ihrer Art mit 285.000 Besuchern, Netzwerke und Synergien schafft. „Durch die inhaltliche Verzahnung der beiden Events erweitern wir den Blick auf die Kultur- und Medienbranchen im digitalen Zeitalter,“ sagt Professor Bernd Kracke (*1954), der Initiator und Künstlerische Leiter der B3. Er ist Hochschul-Präsident in Offenbach und dort seit 1999 nach Erfahrungen am MIT Lehrstuhl-Inhaber für Elektronische Medien. Der Vorschlag, ab sofort strategisch  mit der Buchmessen-Ausgründung THE ARTS+ zusammen zu gehen, fand volle Zustimmung beim Träger der B3, dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst (HMWK), das mit dieser Initiative die Potenziale am Kreativ-Standort Hessen gestärkt sieht. 

Tatsächlich steht mit dem Duo B3/THE ARTS+ nunmehr für die Fachwelt eine neue, einzigartige europäische Plattform für zeitgenössische Medienkunst und das bewegte Bild zur Verfügung. Sie macht es möglich, unter einem Dach mit kurzen Wegen innovative Medien-Entwicklungen zu verfolgen und sich am wissenschaftlichen Diskurs darüber zu beteiligen. Adressaten für das Angebot sind Kreativschaffende, die im Zeitalter der Digitalisierung und den damit verbundenen gesellschaftlichen, ökonomischen und technologischen Umbrüchen medienübergreifend arbeiten und sich weiter vernetzen wollen. Rein praktisch führt der Schulterschluss der Biennale mit THE ARTS+ aktuell dazu, dass die zentrale B3-Leitausstellung in Halle 4.1 inmitten des Areals von THE ARTS+ auf der Buchmesse angesiedelt ist. Die B3 bedankt sich für die Gastfreundschaft, indem sie mit wesentlichen Programmteilen inhaltlich an das Festival andockt. Das geschieht u.a. mit exklusiven Filmpremieren, Sondervorstellungen und Previews rund um das Leitthema „REALITIES“ im Frankfurter Cinema Arthouse, dem offiziellen B3 Festivalkino.

Unabhängig von ihrer neuen Kooperation mit der Kulturmesse THE ARTS+ ist die B3 schon heute eine bekannte Marke. Das bis dato wiederkehrende zweijährige  Ereignis, das 2013 mit seiner ersten Ausgabe startete, gilt bereits jetzt als einer der zentralen europäischen Treffpunkte für zeitgenössische Medienkunst und das bewegte Bild. Auch als Bühne für innovative Medien-Entwicklungen und als fachspezifisches  Diskussionsforum hat sich die B3 weltweit einen Namen gemacht. Seit ihrer Premiere vor sechs Jahren fanden Themen und Exponate der Biennale breite Resonanz im In- und Ausland und haben rund 800.000 Menschen international begeistert. Zuletzt im Februar 2018, als die B3 mit einer Ausstellung in der estnischen Hauptstadt Tallin nach langjährigen Kooperationen der HfG mit Partnereinrichtungen in Peking und Shanghai ihre dritte internationale Satelliten-Veranstaltung feierte. Als ihre Mission sieht die Biennale weiterhin die Aufgabe, in großem Stil eine interdisziplinäre, genreübergreifende Allianz für das bewegte Bild zu schaffen und global allerorts den professionellen Austausch der Kreativ- und Kulturwirtschaft über dieses Thema nachhaltig zu fördern.

In der dritten Oktoberwoche werden nun rund 50  Bewegtbild-Künstler und Medien-Schaffende aus der ganzen Welt die noch recht junge, aber schon etablierte B3-Tradition fortsetzen und in Frankfurt ihre Projekte, Werke und Ansichten in Ausstellungen, Screenings, Konferenzen und weiteren Angeboten vorstellen. Seit Jahresfrist hatte das Kernteam der B3 Organisatoren, das von einer Reihe freier Mitarbeiter und vielen Volunteers unterstützt wird,  u.a. auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes sowie auf auf der gamescom in Köln intensiv nach interessanten Künstlern, Sprechern und Projekten für die B3 2019 Ausschau gehalten. Nun geht es darum, gleichermaßen den Ist-Zustand wie die Zukunft der Bewegtbild-Branche zu präsentieren und zu diskutieren. Entlang dem Leitthema „REALITIES“ machen sich die Teilnehmer, die nicht zuletzt aus Hotspots für das bewegte Bild wie New York, London und Peking kommen, dabei auf die Suche nach der Wirklichkeit. 

Die Zeitspanne seit der letzten Biennale zeigt, dass mit den technologischen auch die gestalterischen Möglichkeiten der Bewegtbild-Akteure weiter gewachsen sind: „Technische Entwicklungen wie Robotics, Künstliche Intelligenz oder erweiterte Realität geben Künstlern und Medienschaffenden dabei immer mehr neue Tools in die Hand, um sich künstlerisch und innovativ auszudrücken. Die neuen Technologien verändern unseren Blick auf die Wirklichkeit, schaffen sogar neue Realitäten,“ sagt Professor Kracke. Das B3 Programm 2019 stelle sich in diesem Zusammenhang den elementaren  Fragen, wie sich solche Veränderungsprozesse im Bewegtbild-Bereich und in der Kunst widerspiegeln und welche Auswirkungen sie auf künstlerische Schaffensprozesse haben. Ohne Zweifel verknüpfen sich allerorts existenzielle Fragen mit künstlerischen und technischen Aspekten: „Angesichts der einschneidenden politischen und ökonomischen Verwerfungen in der Welt – vom Brexit bis zum Klimawandel – fühlen sich viele Künstler aufgerufen, mittels ihrer Kunst klare Positionen zu beziehen. Entwicklungen wie zum Beispiel immersive Technologien geben ihnen Mit-tel in die Hand, ihre Handlungen und Perspektiven deutlich und zugleich für das Publikum fassbarer und erlebbarer zu machen,“ so Professor Kracke. Immersion ist denn auch neben Virtual Reality, Film und Künstlicher Intelligenz der vierte wichtige Themen-Block von „REALITIES“ in der diesjährigen B3 Leitausstellung, die als Herzstück der gesamten Veranstaltung gilt. Auf der Suche nach Antworten setzt die Biennale dazu ergänzend auf ihren bewährten Themen-Mix aus TV, Kunst und Games samt crossmedialer Schnittstellen.

Kernstück des 800 qm großen B3 Ausstellungsareals in der Frankfurter Messehalle 4 ist die begehbare Großinstallation der New Yorker Künstlervereinigung “3-Legged Dog”. Bis zu 90 Zuschauer können sich gleichzeitig in der ca. 350 qm-Installation aufhalten und körperlich wie geistig in das virtuelle Geschehen eintauchen. Das Ganze ist eine Europa-Premiere:  Von Peter Burr stammt „Dirtscraper“, ein Virtual-Reality-Spiel in Raumgröße. Es simuliert eine postapokalyptische Zukunft, in der Menschen in einem riesigen, vielschichtigen, unterirdischen Komplex leben, dessen Leben von den seltsamen Launen der künstlichen Intelligenz bestimmt wird. Ein ganz anderes Ambiente erschafft Burrs amerikanischer Kollege Matt Romein mit seiner generativen Installation „analmosh“, einer dynamischen audio-visuellen Landschaft, in der Bilder, Töne, Farben und Grafiken immer wieder programmgesteuert verzerrt und neu abgemischt werden. Grundverschieden davon wiederum ist „Esperpento“ (Monstrosität) von dem aus Venezuela stammenden Victor Morales. Seine digitale 3D-Performance wurde inspiriert von einer ästhetischen Vision des spanischen Malers Francisco Goya. Mittels VR- und AR-Techniken entsteht eine visuell aufgeladene Meditation über die Ablehnung des Anderen und die Entmenschlichung des Fremden. 

Ebenfalls in der Leitausstellung führt zeitgleich mit der Biennale in Venedig der chinesische Künstler Fei Jun, Associate Professor am Digital Media Lab der China Central Academy of Fine Arts (CAFA) Beijing, erstmals in Deutschland seine interaktive Installation „Interesting World, Installation 2“ (2019), vor. Sie basiert auf einem von Fei und einer Gruppe von Ingenieuren entwickelten KI-gesteuerten Kategorisierungssystem, das Informationen aus Google Maps verwendet. Die KI nimmt die Emotionen und die Gesichter der Zuschauer auf, um daraus Elemente ihrer Identität abzuleiten.

Die neuen VR-Technologien verändern  das Erzählen von Geschichten und die Rezeption von Filmen und Games massiv. Das macht nicht zuletzt Cyril Tuschi deutlich, der auf der B3 sein Projekt „Vonderland“ als Weltpremiere vorstellt. Ziel des deutschen Regisseurs und Media-Unternehmers ist es, via „Vonderland-Dreamdecks“ die besten Film- und Games-Inhalte mit VR- und Augmented Reality-Storywelten über alle Medienplattformen zu verschmelzen, um  so interaktive Abenteuer für die ganze Familie zu kreieren. „Über Tracked Objects, Full Body Avatare, Wärme, Wind, Gerüche soll ein optimales immersives Gemeinschaftserlebnis möglich werden,“ heißt es.

Von ganz anderer Machart quasi als Essenz von Realität überhaupt ist die ungewöhnliche Videoinstallation  „FIVE MEDITATIONS ON DEATH“ von Nico Weber. Die renommierte deutsche Filmemacherin montiert über eine knappe Viertelstunde lang Bilder von der klinischen Obduktion eines anonymen Toten. Das B3 Team nennt diese in der Leitausstellung gezeigte Sequenz eine „poetische Erzählung, verstörend, aber zugleich zärtlich und unbedingt empfehlenswert“. Daneben setzen sich im eigentlichen B3 Filmprogramm insgesamt 12 Langfilme u.a. aus Israel, USA, Mexiko und Kanada auf unterschiedlichste Weise mit dem Leitthema „REALITIES“ auseinander. 

Die B3 komplettiert ihr attraktives Biennale-Programm unter dem Motto „Konferenz“ mit mindestens vier Diskussionsrunden von Experten. Dort geht es vor allem um Ökonomisches. So um die Frage, ob finanzielle Förderung von außen, öffentlich oder privat, speziell die wachsende Abhängigkeit davon, letztlich nicht zu sehr Kreativität und künstlerische Freiheit einschränken. Besonders für junge Künstler sicher ein harsches Problem. Das Beste für manche von ihnen dürfte allerdings zum Schluss kommen: Erst am B3 Samstag, dem 19. Oktober, werden die mit Spannung erwarteten „B3 Ben Awards“ vergeben und bei dieser Gelegenheit auch der erstmalig vergebene Biennale Preis 2019 für einen höchst einflussreichen Künstler / eine höchst einflussreiche Künstlerin  öffentlich gemacht.