Mythos, Zerrbild und Ausstrahlung

Vincent van Gogh und seine Rezeption in Deutschland im Frankfurter Städel Museum/ Von Nicole Büsing & Heiko Klaas


Links: Vincent van Gogh, „Weiden bei Sonnenuntergang“, 1888, Öl auf Leinwand auf Karton, 31,6 cm x 34,3 cm

(© Kröller-Müller Museum, Otterlo, Niederlande)

Vincent van Gogh, „Selbstporträt“, 1887, Öl auf Malpappe, montiert auf parkettierter Holztafel, 41 x 32,5, cm,

(The Art Institute of Chicago, Joseph Winterbotham Collection, 1954.326)


Um keinen anderen Künstler der letzten gut 130 Jahre ranken sich wohl mehr Mythen als um Vincent van Gogh. Der von ihm vermeintlich verkörperte Typus des verkannten Künstlergenies dient bis heute als Vorlage für zahlreiche Filme, Bücher und Ausstellungen“, so Philipp Demandt, der Direktor des Frankfurter Städel Museums. Was Demandt mit dieser Äußerung anspricht, ist der berechtigte Zweifel, mit dem zeitgenössische Kunsthistoriker der popkulturellen Mythenbildung, ja den pseudowissenschaftlichen Klischees und Zerrbildern begegnen, die in Bezug auf Vincent van Gogh international in Umlauf sind. Zur Tragik seiner Biografie gehört nach landläufiger Auffassung der Umstand, dass es dem vom Wahn befallenen van Gogh zu Lebzeiten so gut wie gar nicht vergönnt gewesen sein soll, seine Bilder öffentlich zu zeigen. Kurz nach seinem Tod im Jahr 1890 habe sich das dann schlagartig geändert, so die meisten Biografen.

Doch stimmt das überhaupt? Die umfangreiche Ausstellung „Making van Gogh. Geschichte einer deutschen Liebe“ im Frankfurter Städel Museum erzählt von der Entstehung und Wirkung des „Mythos van Gogh“ in Deutschland. Alexander Eiling, Sammlungsleiter für die Kunst der Moderne am Städel, hat die Schau zusammen mit seinem Vorgänger, Felix Krämer, der mittlerweile Generaldirektor im Museum Kunstpalast in Düsseldorf ist, kuratiert. Den Mythos vom verrückten und zu Lebzeiten vollkommen verkannten Genie bezweifelt Elling: „Als Vincent van Gogh im Juli des Jahres 1890 seinem Leben ein Ende setzte, war er keineswegs der unbekannte und gescheiterte Künstler, den die Nachwelt aus ihm gemacht hat“, so Eiling.

Die Frankfurter Schau präsentiert nun auf mehr als 2.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche in den unterirdischen Gartenhallen des Städel über 120 Gemälde und Arbeiten auf Papier. Rund 50 davon geben einen profunden Einblick in alle Schaffensphasen Vincent van Goghs. Weitere 

70 Werke verdeutlichen den enormen posthumen Einfluss, den der Maler auf heute weltberühmte, damals in Deutschland tätige Künstlerinnen und Künstler wie Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Alexej von Jawlensky, Paula Modersohn-Becker oder Gabriele Münter hatte. Neben diesen sehr bekannten Vertretern des Expressionismus sind aber auch unbekanntere Positionen zu sehen, deren Wiederentdeckung lohnt. Darunter etwa der westfälische Expressionist Peter August Böckstiegel oder Heinrich Nauen, ein Vertreter des Rheinischen Expressionismus.

Geboren wurde Vincent Willem van Gogh am 30. März 1853 in Groot-Zundert, einem kleinen Ort in der Nähe der belgischen Grenze als Sohn eines Pfarrers. Sein Bruder Theo, der zur wichtigsten Bezugsperson des Künstlers werden sollte, kam vier Jahre später zur Welt. Beide Brüder absolvierten zunächst eine Ausbildung zum Kunsthändler in der Galerie ihres Onkels. Erst 1880, da ist er

bereits 27 Jahre alt und hat unter anderem als Hilfslehrer und Laienprediger seinen Lebensunterhalt bestritten, fasst Vincent van Gogh den Entschluss, selbst Künstler zu werden. Abgesehen von zwei kurzen Intermezzi an den Kunstakademien von Brüssel und Antwerpen, bringt er sich das Malen autodidaktisch bei, indem er zunächst Werke seiner damaligen Vorbilder Rembrandt, Hans Holbein des Jüngeren und Eugène Delacroix kopiert.

1886 erfolgt dann der Umzug zu seinem Bruder nach Paris. Kurz nach seiner Ankunft verkehrt van Gogh bereits mit anderen aufstrebenden jungen Malern. Darunter Paul Gauguin, Henri de Toulouse-Lautrec, George Seurat und Paul Signac. Was diese heute weltberühmten Künstler damals alle miteinander verbindet, ist die mangelnde Anerkennung. Ausstellungen finden nur in Cafés, Restaurants oder Schaufenstern statt. Verkäufe bleiben die Ausnahme.

Doch van Gogh gibt nicht auf. Er bereist die Bretagne und legt dort die ersten Grundlagen für seine konturbetonte und farbintensive Malerei. Er lässt sich von der faszinierenden Ästhetik der damals überaus populären, japanischen Farbholzschnitte verzaubern, und er entdeckt das warme Licht und die wogenden Sonnenblumen- und Weizenfelder des französischen Südens für sich. Im Herbst 1888 mietet er sich schließlich in das sogenannte Gelbe Haus im provenzalischen Arles ein. Die Vision, weitere Pariser Avantgardisten dorthin zu locken und eine Künstlerkolonie zu gründen, zerplatzt. Mit Paul Gauguin, der als Einziger die Reise gen Süden angetreten hat, verkracht er sich. In der Folge kommt es zu jener autoaggressiven Verletzung, die bis heute entscheidend zum „Mythos van Gogh“ beiträgt: Mit einem Rasiermesser schneidet sich van Gogh einen Teil seines linken Ohres ab. Es folgen weitere krankhafte Episoden.

Im Frühjahr 1889 begibt er sich für ein Jahr freiwillig in eine private psychiatrische Heilanstalt in Saint-Rémy. Nach einem letzten Besuch bei seinem Bruder Theo in Paris zieht van Gogh schließlich im Mai 1890 nach Auvers-sur-Oise, wo er sich von dem Nervenarzt Paul-Ferdinand Gachet behandeln lässt. In nur zwei Monaten entstehen rund 70 Bilder, darunter gleich zwei Versionen des weltberühmten Gemäldes „Bildnis des Dr. Gachet“.

In nur einem Jahrzehnt hatte der junge Niederländer ein opulentes Gesamtwerk geschaffen: Über 800 Gemälde, 1.100 Zeichnungen und eine kleine Anzahl Druckgrafiken, so lautete am Ende seines kurzen Lebens die Bilanz seines künstlerischen Schaffens. Ermöglicht wurde ihm das ungeheure Privileg, sich ganz seiner künstlerischen Arbeit widmen zu können, durch seinen Bruder Theo, der ihn zeitlebens finanziell unterstützt hat.

Nach Vincent van Goghs Tod war starkes Interesse an seinem Werk zunächst eindeutig in Frankreich und den Niederlanden vorhanden, wovon zahlreiche Ausstellungen zeugen. Nur wenige Monate nach Vincent starb auch sein Bruder Theo. So kam der Schwägerin des Künstlers, Johanna von Gogh-Bonger, die Aufgabe zu, den Nachlass van Goghs bekannt zu machen und seine Werke geschickt zu platzieren. „...bald aber waren es besonders Galeristen, Künstler, Sammler und Museumsdirektoren in Deutschland, viele von ihnen jüdischer Herkunft, die sich für van Goghs Malerei begeisterten und diese schließlich auch gegen nationalistische Tendenzen und politische Instrumentalisierung verteidigten“, beschreibt Städel-Direktor 

Philipp Demandt die Van-Gogh-Begeisterung hierzulande.

In Deutschland wurde van Gogh erstmals 1901 im legendären Berliner Kunstsalon von Paul Cassirer ausgestellt. Unter anderem zu sehen waren damals bereits die heute weltberühmten Bilder „Sonnenblumen“ (1888), „Erste Schritte, nach Millet“ (1890) und „Regen–Auvers“ (1890). Offenbar traf seine entschieden moderne Kunst den Nerv der Zeit. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs nämlich wurden seine Werke in fast 120 Ausstellungen in ganz Deutschland gezeigt. Sein Bekanntheitsgrad zu Beginn des 20. Jahrhunderts muss bereits enorm gewesen sein. Ihren damals größten Erfolg feierte seine Kunst in der Sonderbund-Ausstellung in Köln im Jahr 1912. Von insgesamt 25 Sälen waren die ersten fünf exklusiv van Gogh gewidmet.

Im Fokus der Frankfurter Ausstellung „Making Van Gogh. Geschichte einer deutschen Liebe“ steht denn auch die Rezeptionsgeschichte des niederländischen Ausnahmemalers in Deutschland, die im Laufe der Jahrzehnte immer wieder von einem Wechselspiel aus leidenschaftlicher Bewunderung und erzürnter Ablehnung geprägt war. Der deutsche Expressionimus, so eine der Hauptthesen der Schau, ist ohne van Gogh gar nicht denkbar. Insbesondere wurde der Niederländer von den Malern der Künstlervereinigung „Die Brücke“ und den Künstlern des „Blauen Reiters“ verehrt. Als einem der wenigen Maler gelang es Alexej von Jawlensky sogar, ein Gemälde van Goghs zu erwerben. In einem Brief an Johanna van Gogh-Bonger schrieb der russisch-deutsche Expressionist: „Als Mensch und Künstler ist er mir theuer und lieb. Etwas von seiner Hand zu besitzen war seit Jahren mein heißer Wunsch… Nie war ein Werk Ihres seligen Schwagers in 

pietätvollere Hände geraten.“

„Um ein derart komplexes Geflecht aus verschiedensten Biografien, der Rezeption van Goghs und dessen Wirkung auf die nachfolgende deutsche Künstlergeneration besuchergerecht zu präsentieren, wurde die Ausstellung in drei große Kapitel unterteilt, die sich nacheinander der Entstehung, des Mythos um die Person Vincent van Goghs, der Ausstrahlung auf die deutsche Künstlerschaft sowie schließlich der Analyse seines besonderen Malstils widmen.“ so 

Philipp Demandt.

Van Gogh selbst hat sein bildnerisches Schaffen einmal als „Malerei im Rohzustand“ bezeichnet, die die Anstrengungen ihres Entstehungsprozesses durch „dicke Farbkleckse, unbedeckte Leinwandstellen, hier und da eine völlig unfertige Ecke, Übermalungen, Rohheiten“ sichtbar machen sollte. Um diese Effekte zu erreichen, griff er zu Methoden, die für die damalige Zeit sehr unorthodox waren. So bemalte er etwa auf dem Boden liegende Leinwände. Außerdem malte er gelegentlich ganz einfach im Dunkeln, um auf diese Art und Weise die rationale Kontrolle über die Bildentstehung zumindest partiell auszuschalten. Aber was macht seine Werke so besonders? 

Uwe M. Schneede, der ehemalige Direktor der Hamburger Kunsthalle, der van Gogh ganz klar von seinen Vorläufern, den Impressionisten abgrenzt, wird im Katalog so zitiert: Bei ihm, so Schneede, musste „die Kunst immer auch tieferreichende Wahrheiten vermitteln“, „…die Wirklichkeit soll als etwas Seltsames, Erstaunliches, Fremdes vorgeführt werden.“

Van Gogh stirbt am 29. Juli 1890 an den Folgen einer Schussverletzung, die er sich 29 Stunden zuvor höchstwahrscheinlich selbst zugefügt hat. Doch auch das wird heute von Gerichtsmedizinern bezweifelt. 


Making van Gogh. 

Geschichte einer deutschen Liebe

23.10. bis 16.2.20

 

Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie

Dürerstraße 2

60596 Frankfurt am Main

www.staedelmuseum.de