Die Utopie einer besseren Welt

Das Museum der bildenden Künste Leipzig zeigt Yoko Ono/ Von Heiko Klaas und Nicole Büsing


Yoko Ono, „Word Piece“ (© Foto Punctum)


Weltberühmt geworden ist Yoko Ono vor ziemlich genau 50 Jahren mit einer Demonstration der etwas anderen Art. Am 20. März 1969 gaben sich die japanische Avantgarde-Künstlerin und John Lennon, der Sänger und Gitarrist der Beatles, in Gibraltar das Ja-wort. Nun wäre es wohl die normalste Sache der Welt gewesen, mit geheimem Ziel in die Flitterwochen abzuhauen. Die beiden hatten jedoch einen ganz anderen Plan: Ihre Flitterwochen verbrachten sie im Bett, und sie luden die Weltöffentlichkeit dazu ein, sie dabei zu beobachten. Die beiden jeweils einwöchigen, so genannten „Bed-Ins“, zunächst in Amsterdam und danach im kanadischen Montreal, gehören bis heute ins kollektive Gedächtnis der Menschheit. Da saßen zwei im weißen Nachthemd und Pyjama im Bett und gaben unablässig Interviews, um sich so für den Weltfrieden einzusetzen.

Ihrem Engagement für Gewaltlosigkeit und das Ende aller Kriege ist Yoko Ono, die im Februar 86 Jahre alt geworden ist, bis heute treu geblieben. Das Leipziger Museum der bildenden Künste (MdbK) zeigt noch bis zum 7. Juli die bisher größte Werkschau der Künstlerin, Musikerin, Feministin und Aktivistin in Deutschland. Yoko Ono gilt als eine der einflussreichsten Künstlerinnen des 20. und 21. Jahrhunderts. Die zweimalige Documenta-Teilnehmerin erhielt 2009 auf der Biennale Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk. Zahlreiche weitere Auszeichnungen, Einzelausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen in aller Welt unterstreichen ihre Bedeutung.

71 Arbeiten und Werkreihen sind nun in der Ausstellung „Peace is Power“ zu sehen, darunter Installationen, Filme, Fluxus-Objekte und – selten gezeigte – Zeichnungen. Eröffnet wurde die Mammut-Schau, die sich auf rund 2.250 Quadratmetern Ausstellungsfläche bis in den dritten Stock des Museums ausbreitet, mit zwei frühen Performances der Künstlerin, die jetzt in Leipzig zur Wiederaufführung kamen.

In diesem Zusammenhang wichtig zu betonen ist, dass Yoko Ono eben nicht nur die Witwe John Lennons ist, sondern, was einem breiten Publikum vielleicht weitgehend unbekannt ist, eine der wichtigsten Pionierinnen der Avantgardekunst, namentlich der Fluxus-Bewegung, der 1960er Jahre. Darüberhinaus lieferte sie auch wichtige Impulse für die Entwicklung der künstlerischen Performance, der experimentellen Musik, der Konzeptkunst und der Frauenrechte.

Die Kunst Yoko Onos einfach nur im Vorbeigehen zu konsumieren, ist nahezu unmöglich. Viele ihrer Werke sind partizipativ angelegt, das heißt, die Ausstellungsbesucher sind aufgefordert, sich aktiv in die Vollendung des Werks mit einzubringen. Ein besonders gutes Beispiel für diese Art von Arbeiten stellt das Werk „Mend Piece“, ursprünglich aus dem Jahr 1966, dar. Die Besucher sind dazu eingeladen, zerbrochene Porzellanteile wieder zusammenzukleben und so – gemeinsam mit anderen – Erinnerung wiederherzustellen beziehungsweise nicht verlorengehen zu lassen.

Alfred Weidinger, der Direktor des MdbK, hat die Ausstellung gemeinsam mit dem New Yorker Jon Hendricks, einem langjährigen Freund und engen Berater der Künstlerin, eingerichtet. Weidinger charakterisierte Yoko Onos künstlerischen Ansatz in einem TV-Interview so: „Es ist wichtig, dass sich die Besucher auf ihre Kunst einlassen. Manches Mal geht es einfach darum, nur ein Wort zu lesen, manches Mal darum, zu versuchen, einen Satz zu verstehen oder auf Musik zu horchen. Erst dann wird man Teil des Werks. Dann beginnt man, das Werk zu verstehen. Und wenn das dann erfolgt ist, die Partizipation gewissermaßen vollzogen ist, dann entsteht das Werk.“

 


Abb. links: Yoko Ono, „Mend Piece“, 1966/2019, Museum der bildenden Künste Leipzig

(© Yoko Ono, Foto: Alexander Schmidt/PUNCTUM)

Abb. rechts: Yoko Ono, „Arising“, 2013/19, Museum der bildenden Künste Leipzig

(© Yoko Ono, Foto: Alexander Schmidt/PUNCTUM)


 

Geboren wurde Yoko Ono 1933 in Tokio als erstes Kind kosmopolitisch geprägter, sehr wohlhabender Eltern, die auf die frühe musische Erziehung ihrer Tochter großen Wert legten. Sie studierte in Japan zunächst Philosophie, ehe sie 1953 nach New York umzog, um dort ihr Studium fortzusetzen. Zusätzlich belegte sie hier auch das Fach Musik. Bereits 1955 entstanden ihre ersten eigenen Kompositionen. Yoko Ono wurde schnell zu einem Mitglied der New Yorker Kunstszene und erregte bald mit radikalen Performances und denkwürdigen Konzerten großes Aufsehen. Nach einem kurzzeitigen Umzug zurück nach Japan und längeren Aufenthalten in London zog Yoko Ono nach der Auflösung der Beatles 1971 endgültig nach New York. Auch nach der Ermordung John Lennons am 8. Dezember 1980 blieb sie in der gemeinsam bezogenen Wohnung im weltberühmten Dakota Building am Central Park wohnen.

Westliches und fernöstliches Denken kommen im Werk Yoko Onos immer wieder zusammen. So bezieht sich die Künstlerin etwa in dem Werk „Wish Tree“ auf shintoistische und zen-buddhistische Traditionen, wonach kleine Zettel mit Gebeten oder Wünschen an Sträuchern befestigt werden. Auch die Leipziger Ausstellungsbesucher sind aufgefordert, Textbotschaften zu formulieren, und diese um die Äste des Wunschbaums zu wickeln, bis diese mit Wünschen bedeckt sind.

Einen zentralen Aspekt der Kunst Yoko Onos stellt auch ihr Umgang mit den Kategorien Leben und Tod, Auferstehung und Vergänglichkeit dar. Besonders eindrücklich nähert sie sich diesem Komplex in der Arbeit „Ex It“ aus dem Jahre 1997, die jetzt in Leipzig erneut verwirklicht wurde. Ihre Anleitung an das Museum besteht ganz einfach darin, 100 schlichte Särge für Männer, Frauen und Kinder, wie sie etwa im Falle von Naturkatastrophen eilig zusammengezimmert werden, in einem Raum aufzustellen. Alle Särge sind mit Blumenerde gefüllt. Aus einer viereckigen Öffnung im Deckel wachsen kleine Orangen-, Mandarinen- und Zitronenbäumchen. Die bunt sprießende und wohlriechende Opulenz schafft zusammen mit dem Vogelgezwitscher, das den Raum erfüllt, eine hoffnungsfrohe Metapher für den ewigen Kreislauf des Lebens und der Natur. „Instructions“, also Handlungsanweisungen wie dieser, gilt ein besonderes Augenmerk der Ausstellungsmacher. Yoko Ono besteht nicht einmal auf ihre Ausführung, lässt diese aber zu: „Wenn man die Anleitung liest, erhält man schon eine Vorstellung des Bildes, also warum noch ein Bild produzieren?“ fragt sie.

Spätestens seit sie 1972 in dem längeren Magazinartikel „The Feminization of Society“ zur Verschiebung der Geschlechterrollen in Richtung des Weiblichen aufgerufen hat, gilt Yoko Ono auch als wichtige feministische Stimme und Aktivistin. Davon zeugt auch ihre Installation „Arising“ in Leipzig. Die Künstlerin hat Frauen jeglichen Alters und jeglicher Herkunft dazu eingeladen, über das Leid, das ihnen aufgrund ihres Frau-Seins angetan wurde, zu schreiben und diese Zeugnisse männlicher Unterdrückung zusammen mit einem Foto, das nur ihre Augen zeigt, einzusenden. Entstanden ist ein eindrucksvolles, täglich wachsendes Konvolut mit bewegenden Statements misshandelter Frauen.

Auch wenn Arbeiten wie diese von der schonungslosen Rigorosität zeugen, mit der Yoko Ono zuweilen auf gesellschaftliche Missstände und die allgegenwärtige Gewalt in der Welt hinweist, so entfaltet die Ausstellung in ihrer sehr abwechslungsreichen Vielfalt jedoch ein durchaus poetisches, alle Sinne der Besucher ansprechendes Gesamtbild. Auf nach Leipzig also, mehr Yoko Ono gab es in Deutschland bisher noch nie zu sehen.


Yoko Ono. Peace is Power

bis 7.7.2019

Museum der bildenden Künste Leipzig

Katharinenstraße 10

04109 Leipzig

Di-So 10-18 h. Mi 12-20 h. / Feiertage 10-18 h

www.mdbk.de