Aus Pablo Wird Picasso

Die Fondation Beyeler zeigt das Frühwerk des Jahrhundert-Künstlers/ Von Raphaël Bouvier

Links: Pablo Picasso „Acrobate et jeune arlequin“, 1905, Gouache auf Karton, 105 x 76 cm, Privatsammlung

(© Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich)

Mitte: Pablo Picasso „Autoportrait“, 1901, Öl auf Leinwand, 81 x 60 cm, Musée national Picasso-Paris

(© Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich. Foto: © RMN-Grand Palais (Musée national Picasso-Paris) / Mathieu Rabeau)

Rechts: Pablo Picasso, „Famille de saltimbanques avec un singe“, 1905, Gouache, Aquarell und Tusche auf Karton, 104 x 75 cm, 

Göteborg Konstmuseum, Ankauf, 1922 (© Succession Picasso / 2018, ProLitteris, Zürich, Foto: © Göteborg Konstmuseum)


Mit Pablo Picassos wegweisenden Werken der Blauen und der Rosa Periode, die sein Wirken von 1901 bis 1906 kennzeichnen, wird die Kunst des 20. Jahrhunderts eingeleitet und zugleich zu einem Höhepunkt geführt. Tatsächlich gehören Picassos Arbeiten dieser Zeit zu den subtilsten der Moderne und zählen heute zu den kostbarsten Kunstschätzen überhaupt. Umfangreiche Präsentationen dieser Bilder sind daher überaus selten. 

Die Ausstellung „Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode“ in der Fondation Beyeler stellt somit auch einen herausragenden Meilenstein in der Geschichte der Fondation Beyeler dar. Sie spürt der beispiellosen künstlerischen Entwicklung nach, die mit den Arbeiten des kaum zwanzigjährigen Picasso Anfang 1901 einsetzt und bis 1907 fortgeführt wird. In dieser Zeit entfaltet der junge Pablo Ruiz Picasso seinen eigenen Stil und avanciert so gleichsam zu „Picasso“, wie er ab 1901 signieren wird. Die eindringlichen Bilder der Blauen und Rosa Periode charakterisieren sich durch ihre einzigartige emotionale Kraft und Tiefgründigkeit und zeigen den Künstler von einer äußerst sensiblen Seite. Dadurch vermitteln sie auch einen differenzierten Eindruck von Picassos Œuvre und Persönlichkeit. Die Ausstellung setzt mit den Werken ein, die Anfang 1901 zunächst noch in Madrid und danach vor allem während Picassos zweitem Aufenthalt in Paris entstehen. Diese überaus farbenfrohen Gemälde, die auch den Einfluss van Goghs und Toulouse-Lautrecs spürbar machen, zeigen Picassos persönliche Sicht auf die mondäne Pariser Welt der Belle Époque. In der Erinnerung an den tragischen Selbstmord seines Künstlerfreundes Carles Casagemas, mit dem Picasso um 1900 erstmals nach Paris gereist war, entstehen ab dem Spätsommer 1901 Arbeiten, in denen die Farbe Blau zum vorherrschenden Ausdrucksmittel wird und welche die sogenannte Blaue Periode einleiten. Diese in eine ebenso melancholische wie spirituelle Atmosphäre entrückten Bilder schafft Picasso bis 1904 während seiner wechselnden Aufenthalte zwischen Paris und Barcelona nicht zuletzt unter dem Eindruck des Symbolismus und der singulären manieristischen Malerei El Grecos. Er beschäftigt sich darin auf bewegende Weise mit existenziellen Fragen von Leben, Liebe, Sexualität, Schicksal und Tod, die durch in sich gekehrte, zerbrechliche Menschen jeden Alters verkörpert werden. 

 



Dabei stellen die Bilder der Blauen Periode vornehmlich gesellschaftlich marginalisierte Personen in höchster Existenznot dar – Bettler, Behinderte, Prostituierte und Gefangene in Armut und Elend –, die in ihrer Verzweiflung zugleich Würde und Erhabenheit ausstrahlen. Darin spiegelt sich auch Picassos eigene prekäre Lebenslage vor seinem künstlerischen Durchbruch. Mit der endgültigen Übersiedlung nach Paris und dem Einzug in das Atelierhaus „Bateau-Lavoir“ 1904 beginnt eine neue Etappe in Leben und Werk des Künstlers. Es ist die Zeit, in der Picasso mit Fernande Olivier seine erste langjährige Weggefährtin und Muse kennen lernt. Allmählich löst sich der Maler von der blaudominierten Farbpalette zugunsten heitererer Rosa- und Ockertöne, wobei die melancholische Grundstimmung erhalten bleibt. Vermehrt finden Gaukler, Artisten und Akrobaten als Gruppe oder Familie Eingang in Picassos Motivik. Sie verkörpern das antibürgerliche Bohème-Leben der Zirkus- und Kunstwelt.

1906 erfährt Picasso seinen ersten großen kommerziellen Erfolg, als ihm der Galerist Ambroise Vollard nahezu alle neuen Werke im Atelier abkauft. Dies ermöglicht es Picasso, zusammen mit Fernande Paris zu verlassen und sich für einige Wochen im katalanischen Bergdorf Gósol einzurichten. Unter dem Eindruck der kargen Landschaft und der rustikalen Lebensweise malt Picasso vornehmlich Menschen in idyllischen, ursprünglichen Szenerien, die klassische und archaische Elemente vereinigen. Nach seiner Rückkehr verarbeitet Picasso in Paris im Herbst 1906 die zuvor gewonnenen Eindrücke der alten iberischen Skulptur und der Bildwelt Gauguins und gelangt so in seiner Suche nach einer neuen künstlerischen Authentizität zu einer als „primitivistisch“ bezeichneten Bildsprache. Diese drückt sich künstlerisch in einer neuartigen Form figürlicher Reduktion und Einfachheit aus. Im Gegensatz zu den zarten Gestalten der Zirkuswelt schafft Picasso nun meist imposante weibliche Akte, deren massige Körper bisweilen geometrisiert erscheinen. Ihre radikale Fortführung findet diese neuartige Figurenkonzeption 1907 in den Werken, die, auch unter dem zunehmenden Einfluss der afrikanischen und ozeanischen Kunst, zu Picassos revolutionären, den Kubismus einläutenden „Les Demoiselles d’Avignon“ hinführen sollten. Gerade die Entwicklung der Blauen und der Rosa Periode macht deutlich, wie der junge Picasso innerhalb von gerade einmal sechs Jahren im vorzeitigen Erlangen ästhetischer Vollendung unter Einbezug künstlerischer Manierismen und Archaismen neue darstellerische Prinzipien der Deformation und Dekonstruktion an der Auffassung des menschlichen Körpers herausarbeitet. In einem nur scheinbaren Widerspruch gelangt Picasso im Streben nach neuen ästhetischen Möglichkeiten über Formen der Verfeinerung und in einer sukzessiven Loslösung von klassischen Schönheitsidealen zu einer bahnbrechenden Form künstlerischer Ursprünglichkeit und Selbständigkeit. Somit eröffnet sich auch der Kubismus nicht mehr als radikaler Bruch in Picassos Schaffen, sondern vielmehr als Weiterentwicklung der künstlerischen Konzepte der Blauen und Rosa Periode. 

Die Ausstellung in der Fondation Beyeler, die in Zusammenarbeit mit den Musées d’Orsay et de l’Orangerie sowie dem Musée national Picasso-Paris organisiert worden ist, hebt sich auch insofern von der ersten Station in Paris ab, als sie den Blick auf Picassos Blaue und Rosa Periode prospektiv auf die ersten 1907 geschaffenen protokubistischen Bilder Picassos rund um „Les Demoiselles d’Avignon“ öffnet. Gerade eine der im Vorfeld entstehenden Studien, „Femme (époque des ‚Demoiselles d’Avignon’)“, bildet den fulminanten Auftakt der umfangreichen Picasso-Sammlung der Fondation Beyeler und zugleich den Schlusspunkt der Ausstellung. Während die Präsentation in Paris neben den vollendeten Werken auch zahlreiche Entwurfsarbeiten und Archivmaterialien präsentiert, fokussiert sich die Fondation Beyeler auf Picassos malerisches Schaffen sowie sein skulpturales Werk dieser Zeit. Anhand von rund 75 Meisterwerken aus namhaften Museen und renommierten Privatsammlungen weltweit wird die Quintessenz von Picassos Œuvre der Jahre von 1901 bis 1907 aufgezeigt und damit eine der zentralen Umbruchzeiten im vielseitigen Schaffen des jungen Künstlers beleuchtet. Viele Hauptwerke dieser Zeit befinden sich heute in großen internationalen Museen, wo sie zu den Höhepunkten jeder Sammlung gehören. Zugleich sind mehrere Schlüsselwerke noch in Privatbesitz, von denen einige in Riehen seit Jahrzehnten erstmals wieder öffentlich gezeigt werden können. Die Ausstellung in der Fondation Beyeler ist die erste in der Schweiz, die sich sowohl der Blauen als auch der Rosa Periode widmet. So komplettiert sie gewissermaßen die beiden Präsentationen, die das Kunstmuseum Bern 1984 zunächst Picassos Frühwerk und der Blauen Periode und 1992 der Rosa Periode widmete. Tatsächlich sind die als Kooperation realisierten Ausstellungen in der Fondation Beyeler und im Musée d’Orsay die ersten in Europa, die in dieser Fülle und Dichte Picassos Blauer und Rosa Periode gewidmet sind. Nicht zuletzt versteht sich die Ausstellung in der Fondation Beyeler auch als Hommage an die Museumsgründer Ernst und Hildy Beyeler, die in Picasso einen künstlerischen Maßstab sahen und sich mit ihrem Engagement für den Künstler in vielfältiger Weise Verdienste erworben haben. So widmete die Galerie Beyeler Picasso elf monografische sowie zahlreiche Gruppenausstellungen und vermittelte über die Jahrzehnte mehr als tausend seiner Werke. 

Auch entstand im Laufe der Zusammenarbeit eine freundschaftliche Verbindung zwischen dem Künstler und dem Ehepaar Beyeler. Nicht weniger als 33 Werke Picassos gelangten in die Sammlung Beyeler, was die Fondation Beyeler heute zu einem der bedeutendsten Museen zum Schaffen des Künstlers weltweit macht. Dabei fällt auf, dass in der Sammlung Beyeler kein Beispiel der Blauen und Rosa Periode zu finden ist und sich die Sammler auf Picassos ab 1907 entstandenes Schaffen konzentrierten. Gleichwohl sind Hauptwerke der Blauen und Rosa Periode in der Galerie Beyeler präsentiert, vermittelt und verkauft worden, darunter „La Buveuse assoupie“ von 1902, „Femme au corbeau“ von 1904 sowie „Acrobate et jeune arlequin“ von 1905. Einige von ihnen bilden nun zusammen mit den zahlreichen anderen in der Ausstellung gezeigten Meisterwerken eine ideale temporäre Ergänzung zu den Picassos der Sammlung Beyeler. Nach der 2005 ausgerichteten Schau „Picasso surreal“ ist die Fondation Beyeler glücklich und stolz, mit „Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode“ die zweite große monografische Ausstellung des Künstlers präsentieren zu dürfen.

 

Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode 

Bis 26.5. 

Fondation Beyeler

Baselstrasse 101

CH-4125 Basel, Schweiz 

Mo/Di/Do-So 10-18 h, Mi 10-20 h

 

www.fondationbeyeler.ch