Verborgene Schätze

Ausstellungshighlights der Keramik-, Lack-, und Textilkunst 

Links: Blick in die Ausstellungsräume des Porzellanikons (Foto: Andreas Gießler © porzellanikon) Rechts: Kragen, Italien,

1690–1715, im 19. Jh. neu montiert /Ausstellung „Spitzen der Gesellschaft“, Textilmuseum St. Gallen. (Foto: Michael Rast, 2018)


Keramik-,Lack- und Textilkunst wurden in der Kunstwelt lange stiefmütterlich behandelt. Doch neben klassichen Materialien – wie Acryl- und Ölfarbe, Leinwand, Papier (und vieles mehr) – wenden sich vermehrt Künstler diesen Materialien zu. Und damit wächst auch die Zahl der Ausstellungen, die diese spannenden Werke präsentieren. 

 

Die Ausstellung «Spitzen der Gesellschaft» im Textilmuseum St.Gallen widmet sich historischen Spitzen aus der Zeit von 1500 bis 1800. Die kostbaren Textilien, die über viele Jahrhunderte den obersten Gesellschaftsschichten wie Adel und Klerus vorbehalten waren, kamen einst als Vorlagen für die boomende Ostschweizer Textilindustrie in den Besitz des Textilmuseums, das heute über eine international bedeutende Spitzensammlung verfügt. Die Ausstellung wird bis zum 10. Februar 2019 zu sehen sein und konzentriert sich auf die Spitzenmode, wie sie an den Höfen von Spanien und Frankreich, die zu ihrer Zeit politisch, kulturell und modisch tonangebend in Europa waren, getragen wurde. Präsentiert werden mehr als 160 historische Textilien verschiedener Epochen und Macharten, die die Entwicklung der Spitze von ihren Anfängen im 16. Jahrhundert bis Ende des 18. Jahrhunderts zeigen und sie in den Kontext zeitgenössischer Modeströmungen stellen. Zu sehen sind unter anderem eine selten gezeigte Kasel aus dem 17. Jahrhundert sowie eine Prunkdecke, die aus dem Besitz des spanischen Hofes stammt. Seine Spitzensammlung hat das Textilmuseum St. Gallen der florierenden Ostschweizer Textilindustrie zu verdanken, die ihre Stickereien Ende des 19. Jahrhunderts weltweit exportierte. Gearbeitet wurde die berühmte ›St. Galler Spitze‹ nach der Vorlage historischer Spitzen, die von den Fabrikanten gezielt gesammelt worden waren, um auf der Maschine imitiert zu werden. Diese und andere historische Spitzen befinden sich heute im Textilmuseum St. Gallen, das mit einem Bestand von mehr als 5000 Spitzen über eine international bedeutende Sammlung verfügt. 

www.textilmuseum.ch

 

Das Textilmuseum Mindelheim – mit seinen rund 20.000 Objekten – widmet sich der Kulturgeschichte der Textilien und damit verbunden auch der Mode. Die neue Abteilung „Kunst.Stoff“ zeigt besonders luxuriöse edle Gewebe aus Samt und Seide, die seit jeher zu den Luxusgütern gehörten. Sie hatten die Aufgabe, ihre Träger  so zu inszenieren, dass deren herausragende Bedeutung offenkundig war.  In den Schlössern, Palästen und Kirchen waren aufwändig gemusterte Textilien die teuersten Ausstattungselemente. Hierzu bietet die Abteilung „Kunst.Stoff“ Seidengewebe und Samte mit üppigen Dekoren vom 17. bis in das 19. Jahrhundert. Dazu kommen festliche Messgewänder und ein prunkvoller Renaissance-Rauchmantel, um darzustellen, wie derartige Stoffe verarbeitet wurden. In der Abteilung „Mode.Kunst.Handwerk“ begegnen prachtvolle Roben, Kleider für Alltag und Feste, gewagte  Kleidchen der aufregenden 1920er Jahre sowie die knalligen Outfits der 1970er Jahre. Neben Mode werden auch modische Accessoires gezeigt, wie z.B. eine große Zahl kostbarer Fächer aus Elfenbein, Perlmutt, Holz oder Spitzen, die in feinster Malerei Geschichten aus dem höfischen Leben erzählen. Einige Räume präsentieren die schier unglaublichen Leistungen im Bereich der Stickerei und der Spitzen. Unentwirrbare Ornamente in Weiß- und Goldstickerei überziehen Stoffe in komplizierten Formen, so dass es eine wahre Augenlust ist, in diese reichen Dekore einzutauchen. Daneben schlagen die feinen Gespinste der Spitzen die Betrachter in ihren Bann. Abschließend eröffnen im festlichen Salon kostbare Bildteppiche Einblicke in biblische und mythische Welten. 

www.mindelheim.de

 

„Dick. Dünn. Fett. Mager. Porzellan in drei Jahrhunderten Esskultur“ heißt die neue Sonderausstellung im Porzellanikon und befasst sich mit dem Wandel der Dinge, von denen gegessen wird. Präsentiert werden etwa 1000 Exponate, unterteilt in drei Themenbereiche. Die verschiedenen Inszenierungen spiegeln den Wandel der Servicekultur, eine kleine Geschichte des Koch- und Backgeschirrs und die Folgen nationaler und internationaler Einflüsse auf die Entwicklung des Porzellans vom 19. Jahrhundert bis heute wider. Am Standort Hohenberg an der Eger werden unter dem Motto „Ausgelöffelt – Terrine, Teller, Tasse“ beinahe vergessene Teile, die man zum Servieren von Speisen benötigt hat,  wie Terrinen und Ragoutschüsseln, Bouillontassen und Saucengießer, vorgestellt. Der Ausstellungsbereich „Mahlzeit! Vom Herd auf den Tisch. Eine kleine Geschichte des Koch- und Backgeschirrs“ thematisiert, was es einst gab und heute vergessen ist, was blieb und als neues Produkt hinzukam. Am Standort Selb befasst sich der dritte Ausstellungsteil › Berlin, London, Paris, New York, Beijing...–  Eine Cool(e)-Tour des Speisens‹ mit der Frage danach, welche Auswirkungen die nationalen und internationalen Speisen auf die Porzellangestaltung haben. Bis zum 6. Januar können Interessierte diese vielfältige Ausstellung noch besuchen.

www.porzellanikon.org

 

Das Keramikmuseum Westerwald zeigt bis zum 3. Februar 2019 sowohl keramische Skulpturen als auch Malereien und Zeichnungen des 2012 verstorbenen Künstlers Norbert Prangenberg. Schon früh erkannte der Kunstschaffende das Wirkunspotenzial von Keramik. Prangenbergs Werk zeichnet sich geradezu durch seine offene Haltung dem Material gegenüber aus. Seine direkte und spontane Arbeitsweise sowie sein sensibler, poetischer Farbgebrauch lassen den Betrachter nicht unberührt. In Prangenbergs unkonventionellem und multimedialem Werk zeigt sich, dass die Keramik eine Wechselwirkung zwischen Malerei, Zeichnung und Bildhauerei in sich tragen und die unterschiedlichen Gattungen vereinen kann. Norbert Prangenbergs Lebenswerk ist ein starkes, zeitgenössisches Beispiel, wie das Material Keramik sich innerhalb der bildenden Künste erfolgreich behauptet hat und damit auch ein großes Vorbild für die heutige jüngere Generation ist.

www.keramikmuseum.de

 



Links: Kantha-Stickerinnen in Marajpur, Indien (© Galerie Morgenland, Sabine Heineken, Köln, 2018)

Rechts: Irina Voronina, „Labyrinth“ (Foto: Igor Sedakov)


Neben der Ausstellung zu dem Thema „Fast Fashion“ widmet sich das Rautenstrauch-Joest-Museum in einem eigenen Bereich der Alternative dazu: Slow Fashion. Unter dem Begriff „Slow Fashion“ versteht man fair gehandelte, ethisch bewusste Kleidung aus regionaler bzw. indigener Manufaktur, mit kurzer, sozial und ökologisch nachhaltiger Produktionskette. Produzenten und Konsumenten bemühen sich hier um mehr Verantwortung und Respekt gegenüber Menschen, Rohstoffen und Umwelt. Doch es geht nicht allein um die schonende Herstellung und Auswahl von teilweise äußerst seltenen und kostbaren Rohstoffen, um ihre kunstfertige Verarbeitung, um faire Entlohnung und fairen Handel. Es geht auch um kulturelle Identitäten und indigene Traditionen, um selten gewordene Handwerkskunst und um alternative Ansätze für ein sozial nachhaltiges Wirtschaften. Der zweite Teil der Ausstellung zum Themenkomplex Slow Fashion ist aus den Sammlungsobjekten des Kölner Rautenstrauch-Joest-Museums – Kulturen der Welt zusammengestellt: Es geht um Mode, die Tradition und Gegenwart textilen Gestaltens ausgewählter Herkunftsregionen repräsentiert, zugleich um alternative Materialien und umweltschonende Herstellungsprozesse. Diese Mode erfreut sich einer wachsenden kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Beachtung: Kantha-Stickereien aus Nordindien und Bangladesch, Alpaka-Designs aus Chile, der „langsamste Stoff der Welt“ – IKAT aus Ost-Indonesien, Bilum-Kleidung aus Papua Neuguinea, Lotos-Seide aus Myanmar, Brokat-Webereien aus Thailand, Batik-Arbeiten aus Indonesien, Rindenbast-Textilien aus Uganda, Faso Dan Fani aus Burkina Faso.

www.museenkoeln.de/rautenstrauch-joest-museum

 

Die europäische Quilt-Triennale findet dieses Jahr bereits zum siebten Mal im Kurpfälzischen Museum Heidelberg statt. Die haben dafür 41 Exponate aus 11 europäischen Ländern aus einer Gesamteinreichung von 161 Arbeiten ausgesucht. Wie

immer fiel die Wahl nicht leicht, denn das Niveau aller Einreichungen war recht hoch. Hilfreich waren bei der Jurierung die freiwilligen Arbeitsproben, die trotz des erstmaligen Angebots, sich online zu bewerben, zahlreich auf dem Postweg nachgereicht wurden. Die 17-jährige Malou Cecille can Draanen Glisman überzeugte die Jury mit ihrer Arbeit „Nightmare“ durch ihr kritisches Bewusstsein. „Die künstlerische Intention werde unterstützt von der exzellenten Ausführung, dem Design und den selbstgefärbten Stoffen“, so die Jury. Bereits zum zweiten Mal in Folge erhielt Urte Hanke aus Coswig den Preis für Innovation im großen Format für „Linear“. Mit Judith Mundwiler aus der Schweiz gewinnt eine der innovativsten und experimentierfreudigsten Künstlerinnen den diesjährigen Doris Winter-Gedächtnispreis. Die Jury war beeindruckt von der konzeptionellen Stärke des Objektes, das in Form eines Leporellos und anhand von familiären Zeugnissen eine Lebenslinie nachzeichnet: nicht geradlinig verlaufend und in teils kräftigen und teils blassen Farben gehalten. Ein komplexes

Netzwerk aus Stichen, Symbol für den Zusammenhalt in einer Familie, hält jedoch die sehr unterschiedlichen Bestandteile zusammen. Insgesamt stellt die Schau einen spannenden Schnappschuss der aktuellen europäischen Quiltszene dar. In Heidelberg ist sie noch bis zum 6. Januar zu sehen.

 

www.museum-heidelberg.de