Punkt, Punkt, Komma, Strich

Hochkarätige Zeichenkunst und verbindende Satire- und Comic-Ausstellungen im deutschsprachigen Raum /

Von Kathrin Albrecht


Links: Ulli Lust, „Baum“, aus „Air Pussy“, im Cartoonmuseum Basel (© Ulli Lust, Air Pussy, Spring Poem 6, 2005 Cobolt Verlag)

Rechts: Eine frühe Zeichnung Hans Hofmanns im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern 


Der Kinderreim der Überschrift wird der hochklassigen Zeichen-, Satire- und Comickunst, die ZEITKUNST Ihnen mit den folgenden Ausstellungen näherbringt, zwar nicht gerecht, er verdeutlicht aber, wie sehr eine Kunstgattung uns verbinden und von klein auf prägen kann. Verbindend wirkt sie insofern, dass sie es vermag ganze Kulturkreise zum gemeinsamen Lachen anzuregen und diese durch Witz und Charme vielleicht sogar einander etwas anzunähern. Prägend ist die Zeichenkunst allein schon dadurch, dass sie sich sowohl bei Kindern, als auch bei Erwachsenen äußerster Beliebtheit erfreut. Sie kann leicht und spielerisch sein, aber auch hochkomplex und schwermütig. In diesen Zeiten der Unbeständigkeit ist sie jedoch ein konstanter Begleiter durch unser Leben und sorgt für Heiterkeit – vor allem in Form von Comic- und Satirekunst – in unserer manchmal allzu ernsten Welt. Sie erlaubt es Künstlern, auf charmante Weise politisch-kritisch zu sein und eröffnet dem Betrachter häufig einen anderen Blickwinkel auf die Gesellschaft und nicht zuletzt auf sich selbst. Im Folgenden präsentieren wir Ihnen einige aktuelle Highlights der Zeichenkunst und des Comics, die verdeutlichen, wie facettenreich diese Kunstgattungen sind und welch großes Publikum sie begeistern und erreichen. 

 

Unter die Oberbegriffe Zeichenkunst und Comic lässt sich auch die Karikatur zählen. Satire und Karikatur sind intelligente Formen der kreativen Gesellschaftskritik und zudem hochsensible Kunstgattungen. Vieles ist erlaubt und somit werden auch brisante Themen angesprochen. Der Vorteil: Humor verbindet. Er eint nicht nur Einzelne sondern ganze Gruppen und auch Völker. Dies zeigt auch die Ausstellung „Ahoj Nachbar!“, die vom 3. Juni dieses Jahres bis zum 20. Januar 2019 im renommierten Karikaturmuseum Krems stattfindet. Gemeinsam mit der Galerie der bildenden Kunst Havlickuv Brod in Tschechien haben die Verantwortlichen eine Schau realisiert, die die engen kulturellen Verbindungen zwischen Niederösterreich und der tschechischen Region Vysocina verdeutlicht. Denn diese beiden Landstriche sind nicht nur geografisch, sondern auch durch denselben Humor verbunden. Zu sehen sind dann die mitreißenden Arbeiten international bekannter Zeichner, die dem Betrachter zum einen die tschechische Sichtweise auf Situationen näherbringen und ihn zum anderen erkennen lassen, wie sehr das Lachen verbindet. Die feinsinnigen Cartoons, Zeichnungen und komischen Gemälde bezeugen das große Talent der tschechischen Künstler. Das Karikaturmuseum Krems, das einzige österreichische Museum für satirische Kunst, widmet sich vor allem der politischen Karikatur, der humoristischen Zeichnung bis hin zu Comic und Illustration.

www.karikaturmuseum.at

 

Dass Comicfiguren zur Marke werden und ein ganzes Imperium kreieren können, beweisen nicht zuletzt die Kultfüchse Fix & Foxi. Seit 1953 sind die beiden auf dem Eroberungszug deutscher und deutschsprachiger Kinder- und auch Wohnzimmer. Sie werden als Pendant zu Micky Maus gehandelt. Erschaffen hat sie der begabte Zeichner Rolf Kauka (1917 -2000), unter dessen Anleitung ein ganzes Team von Zeichnern über die Jahre hinweg ständig an der Weiterentwicklung der Figuren gearbeitet hatte. Denn auch dafür steht Comic: Innovation. Um eine solche Marke aufrecht und bis heute aktuell zu erhalten, wurden die Figuren ständig modifiziert und dem Zeitgeist angepasst. Welchen großen Einfluss Kauka auf die Entwicklung des Comics in Deutschland genommen hat, zeigt nun die Schau „Fix & Foxi. Rolf Kauka, der deutsche Walt Disney, und seine Kultfüchse“, die vom 10. Juni bis 9. September in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen zu sehen ist. Darin wird die Entwicklung der beiden Füchse, von den ersten naturalistischen Zeichnungen bis hin zu den noch heute bekannten Comicfiguren, aufgezeigt. Der große Kosmos von Rolf Kauka wird durch originale Zeichnungen, Entwürfe, Dokumente, zeitgenössische Hefte, kurze Filme und authentischen Spielzeugzugaben aus den Heften veranschaulicht. Speziell für die Ludwiggalerie hat Bone Buddrus, der letzte Fix & Foxi-Comiczeichner, einen neuen Comic kreiert. Und dieser ist nicht der einzige nie beziehungsweise kaum gezeigte Schatz. Mit über 200 Originalzeichnungen ist dies die bisher umfangreichste Ausstellung zum Lebenswerk Rolf Kaukas. Parallel zu dieser Aufsehen erregenden Schau ist im Kleinen Schloss der Ludwiggalerie aktuell, in Kooperation mit den RuhrKunstMuseen im Rahmen des Ausstellungsprojektes „Kunst und Kohle“, noch bis zum 9. September „Glück auf! Comics und Cartoons von Kumpel Anton über Jamiri bis Walter Moers“ zu sehen. In diesem Jahr feiert die Ludwiggalerie Schloss Oberhausen, die für stets sehenswerte Ausstellungskonzepte bekannt ist, bereits ihr 20-jähriges Bestehen. 

 

www.ludwiggalerie.de


Eine Szene aus einem Fix & Foxi-Heft, zu sehen in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen


Wenn man den Namen Ulli Lust hört, könnte man sagen, der Name ist Programm. Denn diese international bedeutende Comiczeichnerin feiert in ihren vielfältigen Arbeiten die Lust am Leben. Doch Lust könnte man in diesem Zusammenhang auch ganz anders interpretieren, finden sich in ihrem Werk doch erotisch-mythologische „Spring Poems“ und andere deftige Fantasiegeschichten, in denen sie von Fruchtbarkeitsritualen und Halbgöttinnen erzählt. Dennoch ist ihr Gesamtwerk viel differenzierter als das. Von Kinderbüchern über ironische Beobachtungen städtischer Milieus bis hin zu Comicadaptionen scheint die begabte Zeichnerin nicht müde, ihr großes Können unter Beweis zu stellen. Einem großen Publikum bekannt wurde Ulli Lust mit ihrer autobiografischen Graphic Novel „Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“. In diesem vielfach gefeierten und prämierten Werk geht es auf 460 Seiten um die junge Punkerin Ulli und ihre Freundin, die nach Italien ausreißen und auf der Reise einige Abenteuer erleben. Im Zusammenspiel aus konzentrierter, offener Erzählung und lebendigen und vorantreibenden Zeichnungen wird allerlei Alltagskomik thematisiert und die Autorin selbst auch ironisiert. Eine Mischung, die eine große Leserschaft begeisterte. Im Baseler Cartoonmuseum findet vom 30. Juni bis 28. Oktober unter dem Titel „Ulli Lust. Zu viel ist nicht genug“ die erste Retrospektive der 1967 in Wien geborenen großen Künstlerin statt. Als einziges Schweizer Museum widmet sich das Cartoonmuseum Basel ausschließlich der Kunst der narrativen Zeichnung – ob als Comic, Graphic Novel, Reportage, Cartoon, Karikatur oder Trickfilm. Es sammelt, präsentiert und vermittelt und leistet damit einen Beitrag zur Diskussion über diese Kunstform und über die gesellschaftlichen Themen, die sie aufnimmt.

www.cartoonmuseum.ch

 


Ellen Keusen aus der Reihe „Fuchs mein Bote“, Kunstmuseum Villa Zanders (© Ellen Keusen, VG Bild-Kunst Bonn, 2018)


Der künstlerische Kosmos von Ellen Keusen scheint unendlich. Zumindest hat diese herausragende deutsche Zeichnerin ein solch umfassendes Werk geschaffen, das es an Vielfalt erstmal zu übertreffen gilt. Dennoch lassen sich die Arbeiten einzelnen Untergruppen zuordnen. So finden sich zum einen lineare und netzartige Strukturen, die ungegenständlich sind, ebenso wie umfangreiche Blattfolgen mit kreisförmigen Gebilden. Dem gegenüber stehen introspektive, figürliche Arbeiten, die von zutiefst menschlichen Bewusstseinsschichten zu handeln scheinen, sowie intime Porträtreihen und Tier- und Pflanzendarstellungen. Gemeinsam ist allen Werkgruppen im Wesentlichen, dass sie das Zusammenspiel eigenständiger Elemente sind und eine besondere poetische Kraft entwickeln. Um zu diesem so charakteristischen und ausgeprägten Stil zu gelangen, durchlief sie verschiedene Stadien. Nachdem sie zu Beginn ihrer Karriere als bedeutende Vertreterin der Figuration galt, stellte sie in den 1940er-Jahren noch einmal alles auf Anfang, analysiert den Zeichenbegriff bis auf das Rudimentärste. In den Folgejahren sind die hervorragenden Zeichnungen entstanden, für die sie heute bekannt ist. Das in Bergisch Gladbach beheimatete Kunstmuseum Villa Zanders zeigt aktuell unter dem Titel „Ellen Keusen – Zeichnen“ noch bis zum 1. Juli eine repräsentative Auswahl an Arbeiten der namhaften Zeichnerin. In spannenden Wechselausstellungen wird dort überwiegend Zeitgenössische Kunst gezeigt. Gelegentlich widmet das Haus jedoch auch Klassischer Kunst Schauen. Die Villa Zanders nimmt als einziges Kunstmuseum im Rheinisch Bergischen und Oberbergischen Kreis zentrale Funktionen war.

www.villa-zanders.de

 

Dem deutsch-amerikanischen Künstler Hans Hofmann (1880-1966) widmet aktuell das Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern eine besondere Ausstellung. Es ist bereits die zweite Schau des Hauses, die sich mit dem Gesamtwerk Hofmanns befasst. In der ersten Ausstellung im Jahr 2013 wurde eine Auswahl der hochkarätigen abstrakt-expressionistischen Gemälde des Künstlers gezeigt, für die er bekannt ist. Nun (bis 9. September) geht das Museum Pfalzgalerie auf eine Facette seines Œuvres ein, das bislang weitgehend unbeachtet blieb, aber die Entwicklung seines unverkennbaren künstlerischen Stils auf beeindruckende Weise nachzeichnet. In „Hofmanns Wege. Frühe Zeichnungen 1898 – 1937“ geht es nämlich um das zeichnerische Frühwerk des namhaften Kunstschaffenden. Mit etwa 90 Zeichnungen verschafft das Museum dem Rezipienten einen repräsentativen Überblick über einen Aspekt seines Schaffens, der viel über seinen Weg hin zum malerischen Spätwerk verrät. Darunter Porträts, weibliche Akte und Landschaften. Auch gezeigt werden serielle Folgen, die die Experimentierfreude Hofmanns deutlich werden lassen. Angefangen hat der Künstler jedoch mit akademischen Aktzeichnungen, in denen er die klassischen Posen darstellte und somit die Relation von Figur und Raum erkundete. In den folgenden Porträts und Landschaftszeichnungen spielt der Raum ebenfalls eine zentrale Rolle. Zu erkennen ist, wie sich die Zeichnungen nach und nach hin zu formaler Reduktion und Abstraktion entwickelten und den Grundstein für die spätere Malerei des Abstrakten Expressionismus ebneten, als dessen wichtiger Vertreter Hans Hofmann zählt. Im Museum Pfalzgalerie bildet seit Mitte der 1990er-Jahre die amerikanische Kunst einen Schwerpunkt in der Museumsarbeit. Das Werk des Deutschen Hans Hofmann, der in die USA emigrierte und dort große künstlerische Erfolge feierte, fügt sich demnach hervorragend ins Konzept. 

 

www.mpk.de