DIGITAL- und VIDEOKUNST im Fokus

Aktuell sehenswerte Präsentationen im Überblick


Eelco Brand, „R.movi“ (Still), 2005,  im Museum Sinclair-Haus (© Eelco Brand, Courtesy of DAM Gallery, Berlin)


Digitale Medien sind aus der gegenwärtigen Welt nicht mehr wegzudenken und prägen die Lebenswirklichkeit der Menschen des 21. Jahrhunderts entscheidend. Die technische Basis ihrer Entwicklung reicht jedoch weit ins letzte Jahrhundert zurück: Der Computer wurde in den 1940er Jahren als Maschine entwickelt, die in erster Linie komplexe Rechenoperationen lösen sollte und die zunächst nicht als künstlerisches Werkzeug gedacht war. Er geriet jedoch in 1960er Jahren, als die ersten bildhaften Grafiken mit dem Computer hergestellt wurden, schnell in den Radius künstlerischer Möglichkeiten. Mit den frühesten computerbasierten Zeichnungen war der Grundstein für eine neue Bildgenerierung der Kunst gelegt, die unser ästhetisches Verständnis seitdem fortwirkend verändert.  In der Ausstellung „Illusion Natur. Digitale Welten“ zeigt das Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg vom 10. November 2019 bis zum 2. Februar 2020 Arbeiten von 12 nationalen und internationalen Künstlern. In diesen nähern sie sich mit ihren digitalen Kompositionen einem traditionellen Thema der Kunst an – der Natur. Es entstehen virtuell komponierte Sehnsuchtsorte, deren Idyll jedoch immer wieder durch die kühle Hyperrealität der künstlichen Animation durchbrochen wird. Die digitalen Landschaften erscheinen fremd und vertraut zugleich. Mit ihren Werken loten die Künstler die Grenze zwischen Wirklichkeit und Abbild aus und hinterfragen die menschliche Wahrnehmung der Welt. Es werden digitale Arbeiten zum Thema „Natur“ von den 1980er Jahren bis heute gezeigt – mit Werken von Arno Beck, Eelco Brand, Miguel Chevalier, Driessens & Verstappen, Joanie Lemercier, Vera Molnár, Casey Reas, Michael Reisch, Laurent Mignonneau & Christa Sommerer, Studer / van den Berg, Jennifer Steinkamp und Tamiko Thiel. 

www.museumsinclairhaus.de

 

Hito Steyerl, die unsere Welt in Zeiten von Hyper-Kapitalismus, digitalem Lebenswandel, Globalisierung und zunehmenden politischen Krisen künstlerisch und gesellschaftstheoretisch reflektiert, gehört zu den einflussreichsten Künstlern der Gegenwart. Sie studierte Dokumentarfilm und -theorie an der Academy of Visual Arts in Tokio sowie an der Hochschule für Fernsehen und Film München und promovierte in Philosophie an der Akademie der Bildenden Künste Wien.

Aktuell, im Jahr des 50. Gründungsjubiläums des Neuen Berliner Kunstvereins, widmet der n.b.k. Steyerl eine Einzelausstellung, die die Videoinstallation „This is the Future“ gemeinsam mit der speziell für die Ausstellung entstandenen, raumgreifenden Arbeit „Mission Accomplished: Belanciege“ präsentiert. Die Schau vom 23. November bis 26. Januar 2020 zeigt die Dringlichkeit und Aktualität von Steyerls künstlerisch-politischer Praxis und ihren Themenschwerpunkten. Zusammen mit den Künstlern Giorgi Gago Gagoshidze  und Miloš Trakilovic entwickelte Steyerl im Rahmen der Ausstellung eine neue Lecture, in sie ihre Beschäftigung mit kapitalistischen Produktionsverhältnissen, Konsumkultur und Kommodifizierungsmechanismen fortführt.

Parralell vom 26. November 24. Januar 2020 ist die Ausstellung „Joan Jonas. Vertical Roll, Left Side Right Side, Double Lunar Dogs, Brooklyn Bridge“ zu sehen. Joan Jonas (*1936 in New York, lebt in New York) begann Ende der 1960er Jahre mit medienübergreifenden Performances und Video zu experimentieren. Sie gilt heute als eine der einflussreichsten Wegbereiter dieser Kunstformen. Das neue Medium Video ermöglichte es Jonas, ihre Auseinandersetzung mit Skulptur, Tanz und Theater in einem zeitbasierten Format zu adaptieren und bis dahin nicht realisierbare Aspekte der Performancekunst auszuloten. Jonas kombiniert archetypische und symbolische Objekte mit gestischen Ausdrucksformen, darunter etwa Spiegel und Spiegelung, Maske und rituelle Handlung. Diese werden von der Künstlerin in neu entwickelten, körperbasierten erzählerischen Formaten jenseits traditioneller Kunst- und Theaterformen eingesetzt. Kennzeichnend für die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten aus der Sammlung des n.b.k. Video-Forums – „Vertical Roll“ (1972), „Left Side Right Side“ (1972), „Double Lunar Dogs“ (1982) und „Brooklyn Bridge“ (1988) – ist ihr Interesse an Literatur und weiblicher Subjektivität, an Semiotik und Medienreflexivität.

www.nbk.org

 

Mit seinem Schwerpunkt auf die Kunst der neuen Medien stellt das Edith-Russ-Haus in Oldenburg eine Besonderheit im norddeutschen Raum da. Es versteht sich als Ort der Präsentation und Kommunikation, der sich mit den Medien in der zeitgenössischen Kunstpraxis auseinandersetzt. Die aktuelle Schau „The Unknown Ideal“ (Das unbekannte Ideal) ist die erste Einzelausstellung des in London lebenden Künstlers, Filmemachers und Autors Zach Blas in Deutschland. In seinem weitreichenden Werk setzt er sich mit digitalen Technologien, mit sozialen und ideologischen Strukturen, die ihnen zugrunde liegen, und mit den umfassenderen Machtstrukturen in der Gesellschaft auseinander. Die Schau präsentiert bis 5. Januar 2020 einen Überblick über das Schaffen von Blas in den vergangenen zehn Jahren. Vor allem geht es um die Theorien und Ideologien, die sich hinter Technologien wie Künstlicher Intelligenz, dem Internet, prognostizierender Polizeiarbeit, Flughafensicherheit und Gesichtserkennung zeigen. Formal reicht die Spannweite des Künstlers von Skulpturen und Videos bis zu interaktiven Installationen. Blas untersucht die politischen und sozialen Auswirkungen dieser Technologien. Er kritisiert und re-imaginiert ihre Anwendungen und zeigt so ihre Konsequenzen in der realen Welt auf.

www.edith-russ-haus.de

 

Der Hartware MedienKunstVerein (HMKV) ist eine Plattform für die Produktion, Präsentation und Vermittlung von zeitgenössischer beziehungsweise experimenteller (Medien-)Kunst. Medienkunst wird dabei nicht als technisch determiniertes Genre verstanden, sondern als zeitgenössische Kunst, die sich inhaltlich und konzeptuell mit unserer in starkem Maße medial und technologisch geprägten Gegenwart auseinandersetzt. Bis zum 22. März 2020 ist die aufwändig recherchierte internationale Gruppenausstellung „Artists & Agents – Performancekunst und Geheimdienste“ im Dortmunder U, Ebene 3, zu sehen. Im Zentrum der Präsentation steht die Interaktion zwischen Geheimdiensten und Performancekunst – einer Kunstform, die als besonders gefährlich galt. Fast nur in Osteuropa sind die Archive zugänglich und offenbaren die „Zersetzung“ und „Liquidierung“ kritischer Künstler durch die Staatssicherheitsdienste. Dafür mussten die Agenten jedoch teils selbst zu „Performancekünstlern“ werden. „Artists & Agents“ versammelt zum Teil noch nie gezeigte Beispiele künstlerischer Subversion und geheimdienstlicher Unterwanderung.

www.hmkv.de