Schattenseiten deutscher Geschichte

Aktuelle Ausstellungen zur NS- und Nachkriegskunst in der Museumslandschaft / Von Elena Zompi


Links: Gerhard Kurt Müller, „Die Demonstrantin“, 1988, Öl auf Sperrholz, 165 x 201 cm, Gerhard-Kurt-Müller-Stiftung Leipzig

(Foto: Hans-Dieter Kluge, Espenhain)

Mitte: Außenansicht des EL-DE-Haus Appellhofplatz 23-25/Ecke Elisenstraße, 2016 (Foto: Joern Neumann)

Rechts:  Fred Stein, „Subway Steps”, New York, 1943


Die Kunstlandschaft reflektiert meist auch die politische Lage des Landes und hält der Gesellschaft einen Spiegel vor. So kann sie auch an die Fehler der Vergangenheit erinnern. In Zeiten, in denen Flüchtlingsheime in Brand gesteckt werden, mehrere Tausend Rechtsextreme in Chemnitz protestieren und eine als rechtspopulistisch angesehene Partei so stark wie schon lange nicht mehr in Deutschland ist, ist diese Erinnerung wichtiger denn je. ZEITKUNST stellt Ihnen im Folgenden Ausstellungen zur NS- und Nachkriegskunst vor.

 

Gerhard Kurt Müller gilt als letzter lebender Vertreter der „alten“ Leipziger Schule. Sein umfassendes und vielseitiges Lebenswerk würdigt das Lindenau-Museum Altenburg nun mit der groß angelegten Schau „Gerhard Kurt Müller. Maler / Bildhauer / Zeichner“. Die Ausstellung versammelt rund 140 Werke unterschiedlicher Techniken. Schwerpunktmäßig werden 30 Gemälde, 22 plastische Arbeiten (Holzskulpturen und Bronzegüsse) und 62 Zeichnungen gezeigt. Darunter die zu Henri Barbusses „Le feu“ (dt. „Das Feuer“) geschaffenen 44 Zeichnungen des Zyklus „La Grande Guerre“ von 2003. In Feder, Ölpastell und Aquarell gefertigt enttarnt Müller in ihnen das sich hinter Masken verbergende Böse in schonungslosem Duktus und apokalyptisch-düsterer Farbgebung. Ergänzt werden diese Arbeiten durch 24 Druckgrafiken (Holzschnitte, Holzstiche und Radierungen), drei Skizzenbücher, eine Reclam-Ausgabe von „König Ubu“ mit Einzeichnungen des Künstlers sowie zwei Handpuppen. Die sogenannten Ubu-Blätter bilden seit den 1970er-Jahren einen wichtigen Themenkomplex im Schaffen Müllers. Inspiriert wurden sie durch Alfred Jarrys absurdes Drama „Ubu Roi“ von 1896. Die mangelnde öffentliche Wahrnehmung dieser außergewöhnlichen Künstlerpersönlichkeit hängt gewiss mit seinem Weggang von der Hochschule zusammen. Die von staatlicher Seite an die Institution getragenen kunstpolitischen Erwartungen widersprachen jedoch fundamental Müllers eigenen Vorstellungen eines freien künstlerischen Schaffens. Seine Kunst zeichnet sich durch eine originäre, eindringliche Bildsprache aus, die in sich die beiden Extreme der teils überbordenden Geometrie einiger seiner Gemälde und des Purismus seiner Holzskulpturen vereint.

www.lindenau-museum.de

 



Er war Sohn eines Rabbiners, engagierte sich schon früh in der jüdischen Jugendorganisation und wurde spätestens als Student der Rechtswissenschaften zu einem überzeugten Sozialisten. 1933 musste Alfred Stein dieses Leben hinter sich lassen und zusammen mit seiner Frau nach Paris fliehen. Die Leica-Kleinbildkamera, ein gemeinsames Hochzeitsgeschenk, wurde zum Schlüsselgegenstand seiner neuen Karriere als selbstständiger Fotograf. Mit „Fred Stein. Dresden – Paris – New York“ erinnert das Stadtmuseum Dresden noch bis zum 7. Oktober an den berühmten Fotografen. In kürzester Zeit entwickelte Alfred Stein einen präzisen und doch stimmungsvollen Blick auf die neue Heimat Paris und dessen Bewohner. Architektur, Freizeit und Arbeit, Milieu- und Charakterstudien verband Stein mit sozialpolitischen Fragen seiner Zeit, die er in eine formal versierte Bildsprache übersetze. Seine Werke zeichnen sich durch die Hinwendung zum Menschen aus, die sich auch in seinen Straßenfotografien aus New York widerspiegelt, wohin er 1941 erneut vor den Nazis fliehen musste. Ab den 1950er-Jahren konzentrierte er sich gänzlich auf die Porträtfotografie. Insgesamt schuf er über 1200 Aufnahmen von bekannten Persönlichkeiten, darunter Hannah Arendt, Albert Einstein, Willy Brandt ,

Marlene Dietrich und Salvador Dalí. Im Stadtmuseum Dresden werden nun durch eine Leihgabe des Jüdischen Museums Berlin 50 seiner Straßenaufnahmen von Paris und New York und 21 Porträts, unter denen auch Dresdner Berühmtheiten wie Erich Kästner, Mary Wigman und Will Grohmann ausgestellt sind. Darüber hinaus geben etwa zehn Originaldokumente sowie von Fred Stein publizierte Bücher den Kontext seines fotografischen Arbeitens.

www.stmd.de

 

Das Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück besticht durch einen beeindruckenden Bau, entworfen von dem amerikanisch-jüdischen Architekten Daniel Libeskind, der bekannt ist für seinen multidisziplinären Ansatz und einen kritischen Diskurs in der Architektur. Der Namensgeber, Felix Nussbaum, war ein deutscher Maler der Neuen Sachlichkeit. Mit über 200 Werken des Künstlers ermöglicht die Dauerausstellung eine intensive Auseinandersetzung mit Leben und Werk Nussbaums. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verließ er Deutschland und lebte fortan in Italien, Frankreich und ab 1937 in Brüssel. Im Jahr 1940 marschierten dort deutsche Truppen ein, woraufhin Nussbaum wenige Tage später verhaftet und in ein südfranzösisches Internierungslager gebracht wurde. Bei seiner Rückführung nach Deutschland konnte er unterwegs nach Bordeaux fliehen und versteckte sich wieder in Brüssel. Dort schuf Nussbaum, bis zu seiner erneuten Verhaftung im Jahr 1944 und seiner anschließenden Deportation nach Auschwitz-Birkenau, sein Hauptwerk. Wie kaum ein anderer Künstler seiner Generation hat Felix Nussbaum in diesen Bildern den Holocaust in Europa künstlerisch verarbeitet. In der lebensbedrohlichen und aussichtslosen Situation im Versteck wurde die Malerei für ihn zur Widerstandshandlung, da sie ihm seine menschliche Würde und das Recht auf Selbstbestimmung erhielt. Der genaue Todestag kann nicht bestimmt werden, es wird jedoch angenommen, dass Felix Nussbaum zwischen dem 20. September 1944 und 27. Januar 1945 in Auschwitz ermordet wurde.

 

www.museumsquartier-osnabrueck.de


Links: Felix Nussbaum „Selbstbildnis mit Judenpass“, um 1943, Öl auf Leinwand, 56 x 49 cm, Felix-Nussbaum-Haus, 

Leihgabe der Niedersächsischen Sparkassenstiftung (Foto © Felix-Nussbaum-Haus Osnabrück)

Rechts: Reisebesteck Silber; Augsburg, Deutschland; 1773–1777 (Foto: Anja Jahn © Museum Angewandte Kunst)


Das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln, das 1988 von der Stadt Köln eingerichtet wurde, gilt heutzutage als eines der bundesweit größten lokalen Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus. Im Jahr 2000 bekam es die Auszeichnung als Europäisches Museum des Jahres. In der Dauerausstellung des Hauses wird die Geschichte Kölns in der Zeit des Nationalsozialismus thematisiert. Sie macht die Grundzüge des NS-Systems in der konkreten lokalen Ausprägung sichtbar. In der neuen Sonderausstellung „Angezettelt. Antisemitische und rassistische Aufkleber von 1880 bis heute“ präsentiert das Haus eine Schau zu Aufklebern, Marken und Stickern, die Judenfeindlichkeit, Rassismus und Hass gegen Minderheiten propagieren. Sie transportieren Feindbilder, schüren Vorurteile und rufen zum Teil unverhohlen zu Verfolgung und Gewalt auf. Neben Hass und Hetze findet aber auch die Gegenwehr ihren Ausdruck in diesem Kommunikationsmittel: Die Angefeindeten, engagierte Einzelne und gesellschaftliche Gruppen setzen der Bilderflut eigene Motive entgegen, um den aggressiven Botschaften mit Fantasie und Ideenreichtum zu begegnen. Zu sehen ist die Schau vom 14. September bis zum 4. November.

www.museenkoeln.de/ns-dokumentationszentrum

 

Seit 2016 betreibt das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt Provenienzforschung seiner Bestände. Die Entdeckungen, die dabei im vergangenen Jahr gemacht wurden, stellt das Museum bis zum 14. Oktober in einer Kabinettschau vor. „Geraubt. Gesammelt. Getäuscht. Die Sammlung Pinkus/Ehrlich und das Museum Angewandte Kunst“ erzählt exemplarisch die Geschichte der Silbersammlung des jüdischen Sammlers Joseph Pinkus und seiner Tochter Hedwig Ehrlich. Die Ausstellung dokumentiert den NS-verfolgungsbedingten Verlust der Sammlung, die Umstände der Erwerbung für das Museum und den Verbleib der Silberobjekte bis heute. Zudem veranschaulicht sie beispielhaft die Provenienzforschung am Museum und unterstreicht die Bedeutung einer in die Zukunft reichenden Erinnerungskultur.

www.museumangewandtekunst.de

 

Mit der Schau „London 1938. Mit Kandinsky, Liebermann und Nolde gegen Hitler“ erinnert die Liebermann-Villa am Wannsee an die 1938 in London stattgefundene Präsentation deutscher Moderne „Twentieth Century German Art“. Mit ihren mehr als 300 Werken der deutschen Moderne galt sie als die größte internationale Antwort auf die Münchener Ausstellung „Entartete Kunst“.  Der Maler Max Liebermann war in der Londoner Ausstellung mit mindestens 22 ausgestellten Werken vertreten. Seine Witwe Martha Liebermann gehörte ebenfalls zu den Leihgebern der Ausstellung. Im Jahr 2018 jährt sich dieses einmalige Ausstellungs-Ereignis zum 

80. Mal – Anlass für die Liebermann-Villa diesem „Statement für die deutsche Kunst“ eine Ausstellung zu widmen. Die Schau „London 1938. Mit Kandinsky, Liebermann und Nolde gegen Hitler“ rekonstruiert die Kunstausstellung aus dem Jahr 1938 mit einer großen Auswahl an Original-Ausstellungsstücken. Die Werke werden zusammen mit Informationen zu den Leihgebern des Jahres 1938 und der Resonanz der Ausstellung in Großbritannien und in Deutschland präsentiert.

www.liebermann-villa.de