Der Mensch im Spiegel der Kunst

Aktuelle Ausstellungen, die sich auf Darstellungen des Menschen konzentrieren

Links: Pier Dandini, „Esther mit Ahasverus”, 1690er-Jahre (© Haukohl Family Collection. Foto: Tom Lucas / MNHA Luxembourg)

Rechts: Arnulf Rainer, Scaramouche, 1970, Öl/Foto, 95,1 x 74,2 cm (©  Arnulf Rainer. Sammlung Kunsthalle Emden)


Der Mensch ist eines der beliebtesten Sujets der Kunst: Von Höhlenmalereien und Fruchtbarkeitsskulpturen über Da Vinci und Rembrandt, von Picasso und Laserstein bis hin zu Lüpertz und Cahn. Gelegentlich lassen die Darstellungen dabei Rückschlüsse auf die Gesellschaft und das jeweilige vorherrschende Menschenbild oder zumindest auf das der Kunstschaffenden zu. Zeitkunst stellt Ihnen aktuelle Ausstellungen vor, die künstlerische Interpretationen des Menschen in den Mittelpunkt stellen.

 

Oft gehen Zeiten des politischen Umbruchs mit einem veränderten Menschenbild Hand in Hand, welches sich in der jeweils zeitgenössischen Kunst niederschlagen kann. Dies demonstriert die Ausstellung „Menschenbilder“ im Kunsthaus Kaufbeuren auf eindrückliche Weise. Sie zeigt Arbeiten auf Papier von Samuel Jessurun de Mesquita (1868-1944), einem niederländischen Meister des Holzschnitts jüdischen Glaubens, dessen Bekanntheit seine Ermordung Auschwitz nicht überlebte, neben denen seiner Zeitgenossen Ernst Barlach (1870-1938), Otto Dix (1891-1969) und Georg Grosz (1893-1959). Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, in die primär das künstlerische Schaffen der vier Künstler fällt, war nicht nur geprägt von gravierenden politischen und sozialen Umwälzungen, sondern es war auch die Zeit der Entstehung zahlreicher Avantgarde-Bewegungen. In dieser durch zwei Weltkriege und mehrere schwere Wirtschaftskrisen erschütterten Zeit waren es immer wieder menschliche Zustände seelischer Zerrissenheit, die die Künstler zu ebenso fantasievollen wie häufig grotesk und dramatisch wirkenden Bildwerken anregten. Die 160 Zeichnungen, Aquarelle und Druckgrafiken der Ausstellung machen die eigenwilligen, teils skurrilen und sehr persönlichen Anschauungen der vier Künstler sichtbar. Dabei bezeugen die „Menschenbilder“ eine häufig bizarre, teils zynische, traurige, bisweilen auch humoristische Weltsicht. Vor allem in der Zeit vor und zwischen den beiden Weltkriegen entwickelten Barlach, Dix, Grosz und Jessurun de Mesquita eine unverwechselbare Bildsprache, die ebenso ambivalente wie eindrucksvolle künstlerische Reaktionen auf Krisen und Herausforderungen der Zeit veranschaulicht: Liebe und Hass, Begeisterung und Skepsis, Leidenschaft und Schwermut, Aggressivität und Selbsthingabe, die Stellung zur Religion, gegenüber den Mitmenschen und gegenüber einer Welt, die aus den Fugrn gerät. Die Ausstellung ist noch bis zum 22. April zu sehen.

www.kunsthauskaufbeuren.de

 

Ob zur Ikone stilisiert wie bei Alexej von Jawlensky, als Erscheinung wie bei Miriam Cahn oder expressiv übermalt wie bei Arnulf Rainer – kein anderer Körperteil wurde so häufig zum Bildthema  erhoben wie der menschliche Kopf. Diese künstlerische Faszination mag darin begründet liegen, dass wir hier das Bewusstsein verorten, den verstand und die Imagination. Die Kunsthalle Emden zeigt nun eine Ausstellung, die sich mit Darstellungen menschlicher Köpfe in der jüngeren Kunstgeschichte beschäftigt. „Hauptsache Kopf“ rückt dabei entpersonalisierte, stilisierte und verfremdete Interpretationen von Köpfen in den Fokus. Lediglich auf das Haupt reduziert und von allem zeittypischen Zubehör befreit werden die Kopfdarstellungen zu Metaphern der humanen Befindlichkeit und der unverfälschten Existenz. Die Ausstellung setzt rund 150 Werke von der Klassischen Moderne bis zur Gegenwartskunst in einen vielfältigen und anregenden Dialog. Zu sehen sind Werke von Miriam Cahn, Per Kirkeby, Emil Nolde, Meret Oppenheim, Andy Warhol und vielen Anderen. Die Ausstellung ist noch bis zum 19. Mai zu sehen.

www.kunsthalle-emden.de

 

Gemälde von Miriam Cahn (*1949) sind aktuell auch in der Schweiz zu bewundern. Das Kunstmuseum Bern präsentiert vom 22. Februar bis zum 16. Juni eine umfangreiche Gesamtschau, in der die wichtigsten Werkphasen vertreten sind. Die Künstlerin selbst hat für „Miriam Cahn – Ich als Mensch“ expressive Arbeiten auf Papier, farblich betörende Ölgemälde, monumentale Skulpturen, performative Videos und noch nie gezeigte Skizzenhefte ausgewählt, die in einer einzigartigen Chronologie und Thema überschreitenden Installation gezeigt werden. Miriam Cahn ist eine der wichtigsten Künstlerpersönlichkeiten ihrer Generation. Gerade ihre  Präsentationen anlässlich der documenta 14 in Athen und Kassel stellten die Aktualität ihres Werkes energisch unter Beweis. Dies ist Grund genug, um ihr vielfältiges Schaffen und ihre konsequente, radikale künstlerische Haltung in Erinnerung zu rufen: nach der großen Einzelausstellung im Kunstmuseum Bern wird ihr Gesamtwerk in ganz Europa gewürdigt werden.

www.kunstmuseumbern.ch



Links: Samuel Jessurun de Mesquita, „Ohne Titel (Stehende Figur)“, 1923, Holzschnitt

Rechts: Kristina Mukhachev, „Frauenparlament“, 2017/18, Permanentmarker auf Papier (© Kristina Mukhacheva)


Die wk-16-Parkhausgalerie zeigt wechselnde Ausstellungen aufstrebender Kunstschaffender in Frankfurt. Aktuell feiert hier noch bis 23. Februar die Nachwuchskünstlerin Kristina Mukhacheva ihr Galerie-Debüt. „HardwareBody – SoftwareSoul“ zeigt aktuelle Arbeiten auf Papier. Die linke Seite des Ausstellungsraumes ist der Serie „Broken Gods“ gewidmet. Die Großformatigen schwarz-weißen Filzstiftzeichnungen bestechen durch Detailreichtum und elegante Komposition. Die Inspiration für diese Werkserie bekam sie während des Besuchs der dokumenta 14 in Athen. Bei der jungen Künstlerin entstand beim Betrachten von durch Metallstäbe zusammengehaltenen antiken Skulpturen die Assoziation an Donna Haraways „A Cyborg Manifesto“. Die Zeichnungen zeigen fragmentierte Menschen, durch technologische Organe verbunden. In der Arbeit „Frauenparlament“ beispielsweise steht eine vielfältige Gruppe Frauen auf der abstrahierten, nur halb zu sehenden Weltkugel und scheint angeregt zu diskutieren. Durch Kabel und Stecker sind die Frauen, „Cyborg-Chimären“ wie die Künstlerin sie nennt, miteinander und durch andere Welten verbunden. Es enthält eine versteckte Botschaft: „Love like a Cyborg“, so Kristina Mukhacheva, die den Künstlernamen „Sensible Date“ (Einzahl von sensible Daten) angenommen hat. „Aus einer anderen Perspektive könnte die Cyborgwelt gelebte soziale und körperliche Wirklichkeit bedeuten, in der niemand mehr seine Verbundenheit und Nähe zu Tieren und Maschinen zu fürchten braucht und niemand mehr vor dauerhaft partiellen Identitäten und widersprüchlichen Positionen zurückschrecken muss,“ so lautete der Schlusssatz ihrer Performance bei der Vernissage – ein Zitat von Donna Haraway. Die Werke der Ausstellung „HardwareBody – SoftwareSoul“ werden als nächstes im Neuen Rathaus in Wiesbaden zu sehen sein.

www.parkhaus-wk-16.de

 

Weit ältere Menschenbilder zeigt ab dem 10. Februar eine Ausstellung im Arp Museum Bahnhof Rolandseck. Hier ist vom 10. Februar bis zum 8. September die zweite Station der Haukohl Family Collection European Tour. Unter dem Titel „Im Lichte der Medici. Barocke Kunst Italiens“ zeigt das Arp Museum die wohl bedeutendste Sammlung Florentiner Barockkunst außerhalb Italiens neben Meisterwerken aus der Sammlung Rau für UNICEF. Die Haukohl Family Collection umfasst Allegorien, religiöse Motive, Genreszenen und Porträts. Herzstück der Sammlung sind die Gemälde der Künstler-Familie Dandini, die generationsübergreifend im Dienste der Medici stand. Diese und weitere Meisterwerke von Jacopo da Empoli, Giovanni Domenico Ferretti oder Felice Ficherelli treffen auf eine Fülle italienischer Kunstschätze aus der Sammlung Rau für UNICEF, darunter Gemälde und Skulpturen von Giovanni Angelo da Montorsoli, Carlo Dolci und Giovanni Battista Caracciolo. Makellose, fast strahlende, weich erscheinende Haut und elegante Gestik können als Ausdruck des Renaissance-Ideals des schönen gebildeten Menschen gelesen werden. 

www.arpmuseum.org

 

Im Kunstmuseum Ravensburg beschäftigt sich ab dem 16. März eine Ausstellung mit den Darstellungen menschlicher Figuren im Werk Ernst Ludwig Kirchners (1880–1938). Der Mitbegründer der Künstlergemeinschaft »Brücke«, zählt heute zu den bekanntesten deutschen Expressionisten. Das Kunstmuseum Ravensburg präsentiert mit „Ernst Ludwig Kirchner. Fantastische Figuren“ eine Einzelausstellung, die Kirchners fantastische Figuren anhand ausgewählter Gemälde, Papierarbeiten und Fotografien in den Fokus rückt. In ihnen spiegeln sich nicht nur alle Perioden seines Œuvres, sondern sie stehen auch stellvertretend für seine Formensprache, Stilbildung und künstlerische Entwicklung. Obwohl Kirchner ein meisterhafter Landschaftsmaler war, bildet die menschliche Gestalt doch immer das Zentrum seines Schaffens. Mit schnellem Strich gelingt es ihm, spielerisch Moment und Bewegung einzufangen. Aber erst nach einer schweren Nervenerkrankung und dem langwierigen Heilungsprozess nehmen die Figuren eine eigenständige Bedeutungsebene an. Während dieser Zeit rang und kämpfte Kirchner immer wieder mit seinem Selbstbild. Durch Verzerren und Erhöhen seiner farbkräftigen Bilder setzte er den expressiven Ausdruck als höchstes künstlerisches Gut vor eine Beschönigung und szenische Inszenierung, wie diese während seiner Zeit noch weit verbreitet waren. Die Ausstellung präsentiert auch Kirchners finale künstlerische Entwicklung: In seinem bis jetzt selten gezeigten Schweizer Spätwerk überträgt er die Alpenlandschaft in Porträts seiner Zeitgenossen, erhöht das Fantastische seiner Bilder durch extreme Farbigkeit und entwickelt eine neue konsequente Flächigkeit. 

www.kunstmuseum-ravensburg.de