Expressionismus, Jugendstil      und mehr

Ausstellungen zur Klassischen Moderne im deutschsprachigen Raum/ Von Leila Haschtmann


Links: E. L. Kirchner: „Zwei Tänzerinnen”, um 1910/11, Courtesy Galerie Rotermund. (Foto: Punctum/Bertram Kober)

Mitte: Gustav Klimt, „Bildnis Marie Henneberg”, 1901/1902, Öl auf Leinwand, 140 x 140 cm, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt – 

Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale) (Foto: Punctum/Bertram Kober)

Rechts: Georg Kolbe, „Stürzender Flieger (Ikarus)”, 1917-1919, Georg Kolbe Museum (Foto: Markus Hilbich)


Die Bezeichnung Klassische Moderne umfasst alle Stilrichtungen und Kunstströmungen in Europa und Nordamerika vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 1950er-Jahre: Jugendstil, Expressionismus, Kubismus, Futurismus, Konstruktivismus, Dadaismus, Surrealismus, Neue Sachlichkeit und American Scene. Zu beachten ist allerdings, dass das Nationalsozialistische Regime in Deutschland ab 1933, die Ermordung der europäischen Juden sowie der Zweite Weltkrieg von 1939 bis 1945 auch für die Kunstwelt eine folgenreiche Zäsur bedeuteten. So galten viele Werke und Künstler der Klassischen Moderne in Deutschland ab 1937 als „entartet“. Im Folgenden stellt Ihnen ZEITKUNST aktuelle Ausstellungen zu dieser Kunstepoche vor.

 

Georg Kolbe (1877-1947) ist einer der wichtigsten deutschen Bildhauer der Klassischen Moderne. In seinem Testament hatte der Künstler sich gewünscht, dass in seinem Berliner Atelierhaus ein Museum eingerichtet wird. So entstand 1947 das Georg Kolbe Museum und steht seit jeher unter weiblicher Führung. Der Schwerpunkt der Sammlung liegt noch immer auf dem Werk Georg Kolbes und anderen Bildhauern seiner Zeit, umfasst jedoch inzwischen auch zeitgenössische Arbeiten. Vom 19. September bis zum 3. Februar 2019 zeigt das Museum im Rahmen des Themenwinters „100 Jahre Revolution 1918/19“, der an die Errungenschaften der Weimarer Republik erinnern soll, „Zarte Männer in der Skulptur der Moderne.“ Rund 60 von Männern geschaffene Skulpturen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden präsentiert. Dem Jugendkult, der um 1900 entstand, geschuldet, handelt es sich hauptsächlich um junge Männerfiguren. Sie bilden die Pluralität der modernen Gesellschaft ab, indem sie zum Teil stark der damaligen Auffassung von Männlichkeit widersprechen. Vertreten sind Werke von Bildhauern dreier Generationen, darunter Adolf von Hildebrand (1847-1921), George Minne (1866-1941), Hermann Blumenthal (1905-1942), Wilhelm Lehmbruck (1881-1919), Georg Kolbe und Gerhard Marcks (1889-1981). Die ausgestellten Figuren bilden ein Spektrum fragiler Männlichkeitsdarstellungen ab. Während zum Beispiel Kolbes und Lehmbrucks zur Zeit des Ersten Weltkriegs entstandene Darstellungen jugendlicher Schönheit und körperlicher Unversehrtheit in starkem Kontrast zur Brutalität ihrer zeitgenössischen Realität stehen, wird bei Blumenthal und Marcks ein Bewusstsein für innere und äußere Verletzlichkeit sichtbar.

www.georg-kolbe-museum.de

 

Ein bedeutender Vertreter der Klassischen Moderne in Deutschland ist auch Karl Schmidt-Rottluff. Im Jahre 1905 gründete er mit Fritz Bleyl, Erich Heckel und Ernst Ludwig-Kirchner die Berliner Künstlergruppe Brücke, deren Schaffen maßgeblich für die Entstehung und Entwicklung des deutschen Expressionismus war. Nach der Auflösung der Brücke im Jahre 1913 wurde er 1914 Mitglied der Freien Secession in Berlin. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte er hierher zurück. Nach produktiven Jahren des Schaffens, geprägt von Malreisen im Sommer und Malen im Atelier im Winter, wurde Schmidt-Rottluff 1937 als „entartet“ diffamiert und bekam 1941 schließlich ein Malverbot erteilt, dem er sich jedoch zeitweise widersetzte. Im Zuge der Diffamierung kam es außerdem zur Zerstörung einiger seiner Werke. Zwei der aus den 1920er-Jahren erhaltenen Ölgemälde Schmidt-Rottluffs werden nun bis zum 31. Dezember in der Galerie Schüller zu bewundern sein. Die beiden Bilder, „Katholische Probsteikirche St. Patrokli, Soest“ und „Dame mit Hut“, gehören zu seinem malerischen Hauptwerk. Sie stammen aus der Sammlung Franz Zöllners, einer der bedeutendsten Expressionisten-Sammlungen in Deutschland. Diese entstand aus engem persönlichen Kontakt zwischen Sammler und Künstlern. Außerdem werden in „Karl Schmidt-Rottluff (1884-1976). Zwei Meisterwerke – eine Holztafel erstmals öffentlich“ mehrere Aquarelle des Künstlers, darunter eine Landschaft und ein Stillleben – seine favorisierten Genres – ausgestellt.

www.galerie-schueller.de

 



Der Mensch in Bewegung ist eines der bedeutendsten Sujets der Künstlergruppe „Brücke“. Das Kirchnerhaus Aschaffenburg, welches sich im Geburtshaus Ernst Ludwig Kirchners (1880-1938) befindet und letztes Jahr den Status eines Museums erlangte, widmet nun einer ganz besonderen Art der Bewegung in Kirchners Werk eine Ausstellung: dem Tanz. Immer wieder finden sich in Kirchners Œuvre Arbeiten, die tanzende Menschen zeigen, vom Frühwerk bis zum Spätwerk. Die Schau „Kirchners Kosmos: Der Tanz“ vereint vom 21. September bis zum 30. Dezember erstmals eine Auswahl von 70 Arbeiten des Künstlers – Gemälde, Zeichnungen, Aquarelle, Lithografien – zu diesem Thema, welches der Künstler fast obsessiv verfolgte. Die frühesten der zusammengestellten Werke stammen aus der Gründungszeit der Künstlergruppe Brücke, die spätesten aus den letzten Jahren des Schweizer Exils. Inspiriert durch das Varieté, den Zirkus und Tänze in Dresden und Berlin, entstanden zunächst von 1905 bis 1914 erotisierte Tanzbilder. Zu Beginn des Ersten Welt-

kriegs meldete sich Kirchner als Freiwilliger. Nach einem psychischen Zusammenbruch während des Kriegsdienstes, auf den eine Medikamentenabhängigkeit folgte, ging der Künstler 1917 in die Schweiz, wo tanzende Bauern ihn dazu anregten, sich wieder dem Tanz als Sujet zu widmen. Dies wurde 1926 durch die Bekanntschaft mit der Ausdruckstänzerin Mary Wigman, die ihn zwei Jahre lang als Muse und Geliebte begleitete, verstärkt. Durch das Zusammenführen von Werken aus allen Schaffensphasen zeigt die Ausstellung die Entwicklungen von Kirchners Stil in allen Kunstgattungen am Thema Tanz.

www.kirchnerhaus-aschaffenburg.de

 

Zur Sammlung des Von der Heydt-Museums gehören herausragende Werke des Impressionismus und Expressionismus. Dazu zählen auch 20 Arbeiten der Künstlerin Paula Modersohn-Becker (1876-1907), die eine der wenigen Frauen ist, die zum Kanon der Klassischen Moderne gehören. Vom 9. September bis zum 6. Januar 2019 zeigt das Museum diese Werke in der Ausstellung „Paula Modersohn-Becker – zwischen Worpswede und Paris“ und stellt sie in Dialog mit Gemälden bekannter Zeitgenossen aus den beiden Heimatorten der Malerin. Im Jahr 1898 kam diese in die Künstlerkolonie Worpswede, heiratete Otto Modersohn und wurde Schülerin bei Fritz Mackensen. Frankreichs Hauptstadt diente ihr Zeit ihres kurzen Lebens als Inspiration, immer war sie hin- und hergerissen zwischen dem Leben in der Kunstmetropole und dem mit der Familie in Worpswede. Ihre eindrucksvollen Porträts, Selbstporträts, Stillleben und Landschaften werden präsentiert mit Werken ihrer Malerfreunde aus Worpswede wie Mackensen und Bodersohn, aber auch Fritz Overbeck, Hans am Ende und Heinrich Vogeler. Um Modersohn-Beckers Œuvre außerdem in den Kontext der Pariser Avantgarde zu setzen, werden Werke von Rodin, Maillol, Cézanne, Gauguin und Bernard gezeigt.

 vdh.netgate1.net

 

Gustav Klimt (1862-1918) ist noch immer einer der beliebtesten Künstler der Klassischen Moderne. Anlässlich seines 100. Todestages ist es dem Museum Moritzburg Halle (Saale) gelungen, seit 1945 die erste Einzelausstellung des Jugendstilmeisters in Mitteldeutschland umzusetzen. Vom 14. Oktober bis zum 6. Januar 2019 werden in der Ausstellung „Gustav Klimt“ mehr als 60 Zeichnungen und zehn Gemälde gezeigt, die sein Schaffen von 1980 bis circa 1917 exemplarisch abbilden. Früher hauptsächlich als Studien und Skizzen für seine malerischen Werke betrachtet, werden Klimts Zeichnungen inzwischen berechtigterweise als eigener Werkkomplex angesehen. Viele von ihnen zeigen Frauenfiguren, oft in erotischer Pose. Hochgeschlossen gekleidet ist dagegen die Protagonistin des sich unter den ausgestellten malerischen Werken befindenden „Bildnis Marie Henneberg“, das 1901/ 1902 entstand. Es wird durch zeitgenössische Möbel aus der Villa Henneberg ergänzt. Komplettiert wird dieser Teil der Ausstellung durch Fotografien des Pioniers Hugo Henneberg, des Ehemanns der Porträtierten. So entsteht nicht nur ein Überblick über Klimts Werk, sondern auch ein Eindruck des Lebens seiner Auftraggeber. Auch das unvollendete Gemälde „Bildnis Amalie Zuckerkandl“, das wohl eines der letzten war, an denen der Künstler vor seinem Tod arbeitete, wird zu sehen sein. Die Schau wird ermöglicht durch zahlreiche Leihgaben unter anderem aus der Albertina, dem Belvedere und dem Kunstforum aus Wien sowie den Kunstsammlungen Chemnitz und Dresen. 

 

www.stiftung-moritzburg.de