ALLES KUNST, ALLES POLITIK?

In bewegten Zeiten wie diesen hat politische Kunst Hochkonjunktur


Links: Azadeh Akhlaghi, Tehran – Mirzadeh Eshghi, 3 July 1924, 2012, Digitalprint auf Fotopapier

Rechts: Installationsansicht: Latifa Echakhch, Platanus Hispanica, 2019 (© Latifa Echakhch)


Es ist vielleicht ein wichtiges Zeichen, dass der diesjährige Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an einen Foto-grafen verliehen wird, der es wie kaum ein anderer geschafft hat, sein Publikum mit ebenso überwältigenden wie dramatischen Aufnahmen für das Schicksal von Minenarbeitern und Migranten, indigenen Völkern, bedrohten Tierarten und Landschaften zu sensibilisieren. Der brasilianisch-französische Fotograf Sebastião Salgado, Jahrgang 1944, führt in seinen weltweit entstehen-den Schwarz-Weiß-Fotografien vor Augen, wie stark der Lebensraum Erde bedroht ist. Man darf gespannt sein auf die Rede dieses politisch engagierten Künstlers bei der Preisverleihung am 20. Oktober in der Frankfurter Paulskirche. Doch Salgado ist nicht der Einzige. Die ZEITKUNST hat sechs Ausstellungen zusammengestellt, bei denen Kunst mit politischer Aufladung im Fokus steht.

 

Die Halle 14 – Zentrum für zeitgenössische Kunst auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei ist ein unabhängiges Kulturzentrum für Gegenwartskunst. In einem fünfstöckigen Industriedenkmal werden hier auf einer Gesamtἀäche von 20.000 Quadratmetern ambitionierte, viel diskutierte Ausstellungen gezeigt. Während des letzten Rundgangs der Baumwollspinnerei Ende April eröffnete in der Halle 14 die Gruppenausstellung „Vergessene Aufklärung. Unbekannte Geschichten über den Islam in der zeitgenössischen Kunst“, die noch bis zum 4. August zu sehen ist. 16 Künstlerinnen und Künstler aus islamisch geprägten Ländern von Marokko bis Indonesien haben für die Schau Arbeiten entwickelt, die sich mit dem reichen islamischen Erbe auseinandersetzen. Ausgehend von einer vormodernen muslimischen Gesellschaft, in der sich orientalische, persische und in-dische Einflüsse miteinander verbanden, stellen sich die jungen Teilnehmer Fragen nach der heutigen Gesellschaft, aber auch nach stereotypen Rollenbildern von Geschlecht, Herkunft und Glauben.

www.halle14.org

 

Er gilt als einer der bekanntesten chinesischen Gegenwartskünstler: Der 1957 in Peking geborene Ai Weiwei hat spätestens seit seiner mehrwöchigen Inhaftierung im Jahr 2011 an einem geheimen Ort in China eine starke mediale Aufmerksamkeit erlangt. Wer sich jetzt einen umfassenden Überblick über das Œuvre des heute im Berliner Exil lebenden Künstlers, dessen Leitmotiv „Alles ist Kunst, alles ist Politik“ lautet, machen will, sollte nach Düsseldorf fahren. In der Kunstsammlung NRW, aufgeteilt auf die beiden Häuser K20 und K21, ist noch bis zum 1. September die bisher größte Ausstellung Ai Weiweis in Europa zu sehen. Schlüsselwerke wie „Straight“, eine Arbeit, die auf eine von Ai Weiwei gegründete Bürgerinitiative nach dem Erdbeben von Sichuan Bezug nimmt, oder raum-füllende Wandtapeten mit Bildern von Geflüchteten zeugen von dem persönlichen Risiko, das Ai Weiwei in seiner Kunstproduktion immer wieder eingeht, um Kritik an den Machthabern zu üben. Frühe Fotografien aus den 1980er Jahren, die während seiner New Yorker Zeit entstanden, zeugen allerdings auch von seinen Anfangsjahren als junger Konzeptkünstler.

www.kunstsammlung.de

 

Am 1. März 2008 wurde die Kunsthalle Mainz eröffnet. Das Ausstellungszentrum für zeitgenössische Kunst befindet sich in der früheren Energiezentrale des Zollhafens, die von dem Berliner Architekten und Künstler Günter Zamp Kelp zu einem funktionalen Ausstellungshaus mit 840 Quadratmeter Ausstellungsfläche umgebaut wurde. Seit Juni 2015 leitet Stefanie Böttcher die Kunsthalle Mainz und realisiert monografische und themenbezogene Ausstellungen, die von einem interdis-ziplinärem Rahmenprogramm begleitet werden. So eröffnet am 12. Juli die Solo-Schau „Freiheit und Baum“ der in Marokko geborenen französischen Künstlerin Latifa Echakhch, Jahrgang 1974. Die für ihre ortsspezifischen, minimalistischen Interventionen bekannte Künstlerin lebt heute in Paris und in der französischen Schweiz. Ins Zentrum ihrer Arbeit für Mainz stellt Echakhch das in Mainz bekannte Symbol des Freiheitsbaums, das seit der Französischen Revolution für Proteste gegen soziale Missstände, ökonomische Ungleichheit und gesellschaftliche Unterdrückung steht. In einer parkähnlichen Kulisse werden nationale und religiöse Identitäten ebenso verhandelt wie der Wandel des Revolutionsbegriffs in unserer Gegenwart.

www.kunsthalle-mainz.de

 

Im Kunstverein in Hamburg läuft noch bis zum 21. Juli die Gruppenausstellung „Political Affairs. Language Is Not Innocent“. Kunstvereinsdirektorin Bettina Steinbrügge hat sich für dieses umfangreiche Projekt die in Berlin lebende bekannte italienische Künstlerin Monica Bonvicini als Co-Kuratorin mit an Bord geholt. Knapp 25 unterschiedliche Positionen sind in der mehrere Künstlergenerationen umfassenden Schau zu sehen. Darunter Arbeiten von Barbara Kruger, Allen Ruppersberg, Elmgreen & Dragset, Sam Durant, Jakob Kolding oder Art & Language. Historische und ganz aktuelle Arbeiten zeigen ein breites Spektrum künstlerischer Verarbeitungen von vorgefundenen Sprachmustern aus Politik, Massenmedien und Kultur auf. Insbesondere in Zeiten von Fake News und populistischer Agitation sei es wichtig, darauf hinzuweisen, dass jeder Sprachgebrauch eine größere Bedeutung impliziere, betonen die Ausstellungsmacherinnen. Oder wie Max Frisch sagt: „In einer demokratisch verfassten Gesellschaft brauchen wir nicht nur »Gegen-Mächte« innerhalb der politischen Sprache, sondern auch »Gegen-Positionen zur Macht«.“

www.kunstverein.de

 

Black Power im Martin Gropius Bau in Berlin. Noch bis zum 28. Juli läuft hier die Ausstellung „The Black Image Corporation“ des Documenta-Teilnehmers Theaster Gates. Der 1973 in Chicago geborene farbige US-Künstler erforscht für seine partizipatorische Fotoausstellung das weitreichende Erbe der Archive der Johnson Publishing Company. In diesem anspruchsvollen Verlag erschienen in den 1940er und 1950er Jahren zwei richtungsweisende Zeitschriften für ein schwarzes Publikum. In der Monatszeitschrift „Ebony“ und im Wochenmagazin „Jet“ wurden Themen aus der Lebensrealität schwarzer Amerikaner aufgegriffen. Im ersten Stock des Martin Gropius Baus präsentiert Gates nun zehn großformatige Abzüge der für den Verlag tätigen Fotografen Moneta Sleep Jr. und Isaac Sutton. Außerdem sind in vier eigens angefertigten Kabinetten über 100 Foto-grafien von eleganten schwarzen   Schauspielerinnen und Models ausgestellt. Der Betrachter ist aufgefordert, einzelne Bilder aus diesem Archiv neu zu arrangieren und seine persönliche Auswahl zu treffen.

www.berlinerfestspiele.de

 

Unter dem Titel „Spannungsfeld Weimar. Kunst und Gesellschaft 1919-1933“ sind noch bis zum 3. November Werke aus der Sammlung Bönsch sowie aus den eigenen Beständen des Museums für Kunst und Kulturgeschichte Schloss Gottorf in Schleswig zu sehen. Es war ein großer Glücksfall, dass im Jahr 2016 die hochkarätige Kunstsammlung des Wolfsburger Ärzte-Ehepaares Hans-Joachim und Elisabeth Bönsch mit mehr als 2.500 Werken als Dauerleihgabe in den hohen Norden kam. Vor dem Hintergrund der vor 100 Jahren gegründeten Weimarer Republik, die von politischen, sozialen und gesellschaftlichen Umbrüchen stark geprägt war, versammelt die abwechslungsreiche Schau zahlreiche Werke aus verschiedenen Strömungen und Stilrichtungen. Zentrale Themen wie Kriegserfahrungen, soziales Elend, rauschendes Nachtleben, aber auch die Suche nach neuen Formen der Kunst finden sich in den Arbeiten von George Grosz, Max Liebermann, Ernst Barlach oder Käthe Kollwitz. Bilder des Impressionismus und des Expressionismus wechseln sich ab mit Gemälden der Neuen Sachlichkeit, die in den 1920er und den frühen 1930er Jahren zur prägenden Kunstrichtung wurde. Die Schau endet im Schreckensjahr 1933 mit der Machtergreifung Adolf Hitlers.

www.schloss-gottorf.de