zwischen bEwahren und Erneuern

Die berühmte Bibilioteca Nazionale Marciana feiert 550-jähriges Jubiläum /

Direktor Dr. Maurizio Messina im Interview/ Von Manfred Möller


Mit der Biblioteca Nazionale Marciana, verfügt das italienische Venedig über ein herausragendes kulturelles Erbe. In dieser Nationalbibliothek, die auch Libreria Sansoviniana – nach ihrem Erbauer, dem Architekten Jacopo Sansovino – genannt wird, sind Schätze wie mittelalterliche Handschriften sowie frühe Globen und Weltkarten beheimatet. Sie ist die einzige venezianische Institution, die noch aus der Zeit Venedigs als Republik erhalten ist. In diesem Jahr feiert das ehrwürdige Haus sein 550-jähriges Jubiläum. Die Sammlung wurde im 15. Jahrhundert durch die kostbare Spende des Kardinals Bessarion begründet. Dieser überließ der Republik Venedig zunächst einen Teil, später seine gesamte Kollektion von hochkarätigen Manuskripten. Allerdings mit der Prämisse, dass ein Gebäude errichtet werden müsse, das als Behausung für ein solch kostbares Erbe angemessen ist. Diese Bedingung erfüllten die Stadtverantwortlichen und gaben ein imposantes Bauwerk direkt am Markusplatz in Auftrag, das das Bild Venedigs maßgeblich geprägt hat und noch immer prägt. Bis heute versteht es die Marciana als ihre Aufgabe Wissen zu bewahren, ist jedoch auch immer darauf bedacht, die Institution Bibliothek dem Zeitgeist anzupassen. Unter dem Direktor Dr. Maurizio Messina wurden viele wichtige Projekte realisiert und Neuerungen eingeführt. Er hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Bibliothek noch heute ein solches Renommee genießt und zu den wichtigsten Kulturinstitutionen Italiens zählt. ZEITKUNST hat ihn zum Interview getroffen.  

(Abb.: Blick auf das Becken von San Marco vom Wasser aus. Direkt am Markusplatz befindet sich das Gebäude der ehrwürdigen Biblioteca Nazionale Marciana (links))

 


 Seit 2012 sind Sie nun der Direktor der ehrwürdigen Biblioteca Nazionale Marciana. Bereits davor waren Sie jedoch schon lange für das Haus tätig, unter anderem als stellvertretender Direktor. Was hat Sie in Ihrer Zeit in der Bibliothek besonders bewegt?

Messina: Es ist die Geschichte eines ganzen Berufslebens. Zunächst möchte ich auf meinen beispiellosen Arbeitsplatz eingehen. Aus den Fenstern meines Büros – mit Blick auf das Becken von San Marco – genießt man eine unvergleichliche Aussicht, man kann die Stadt mit ihrer istrischen Steinarchitektur, die Lagune, die grünen Gärten und den Lido sehen. Jenseits davon nimmt man das Meer wahr.

Darüber hinaus erlaubte mir die Marciana große Projekte zu realisieren, internationale Beziehungen aufzubauen und mit anderen Institutionen zusammenzuarbeiten. Ausgangspunkt jeder Aktivität jedoch war stets eine Verbindung zur bibliothekseigenen Sammlung von Büchern und Dokumenten. Natürlich ist die Sammlung sehr wichtig für wissenschaftliche, historische und künstlerische Belange, wer aber für ihre Verwaltung verantwortlich ist, sollte sie nicht mit dem Blick des Gelehrten sehen. Dies ist ein Blick, der für einen Bibliothekar irreführend ist. Man muss vielmehr das Verhältnis zwischen der Sammlung und ihren Nutzern lebendig halten. Denn ebenso, wie die unterschiedlichen historischen Epochen ihre Veränderungen mit sich bringen, betrachteten auch die Nutzer die Sammlung mit ständig anderen Augen, interpretierten sie um oder verlangten angepasste Werkzeuge – die immer neu und nicht nur technologischer Natur sind – um sich ihr zu nähern. Zudem muss der Verwalter einer solchen Sammlung einen Weg finden, diese Beziehung harmonisch wachsen zu lassen. Persönlich habe ich es immer als nötig empfunden, das nachkommende Publikum, bei meiner vermittelnden Arbeit zwischen den Dokumenten und den Nutzern, mit zu berücksichtigen. Technologien, samt Digitalisierung, können sich als sehr nützlich erweisen, und manchmal führen sie sogar dazu, dass Menschen digitalisierte Bilder von Dokumenten in einer Weise nutzen oder für ganz andere Zwecke verwenden als wir es uns vorstellen können. 

Auch verfügt die Marciana über sehr schöne Ausstellungsräume; ich habe aber Bücherausstellungen nie wirklich geschätzt. Bücher sind nicht dazu bestimmt, in einer Vitrine zu liegen, sondern vielmehr dazu sie in der Hand zu haben, in ihnen zu blättern, sie zu lesen. In einigen Fällen erwiesen sich die Ausstellungen jedoch als effektives Werkzeug und waren sehr erfolgreich.

Durch meine Kollegen, Antiquaren, (meine Ausbildung war hingegen eher die eines „modernen" Bibliothekaren) und vor allem durch die Restauratoren lernte ich erst die Bedeutung und den Wert der materiellen Bestandteile von Büchern (Papier, Pergament, Ligaturen) zu schätzen: Bücher zeugen von Material- und Handwerkskulturen aus verschiedenen Epochen. Die Art und Weise, in der sie produziert wurden, erzählt uns sehr viel über das jeweilige Zeitalter und den Entstehungsort.

Von einigen Strömungen der zeitgenössischen Buch- und Bibliotheksgeschichte bin ich sehr fasziniert: darunter zum Beispiel Recherchen zu Buchhaltern, zur Entstehung von Buchbeständen, zum Buchhandel, ebenso wie von vielen originellen Einblicken in die Geschichte von Gesellschaft und Kultur.

 

Die Bibliothek verfügt über einen unvergleichbaren Bestand an Kostbarkeiten. Welches ist Ihr Lieblingsbuch aus dem Bestand der Marciana und warum?

Messina: Mein erster Platz in der Marciana – als ich hier Mitte der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zu arbeiten begann – war in einem der zurückgenommenen Zimmer, die wir vor kurzem restauriert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben. Die Wände waren alle mit Regalen zugestellt, und hinter meinem Tisch befand sich ein schönes Folioformat. Eines aus dem 18. Jahrhundert, mit zoologischem Inhalt – wahrscheinlich französisch – verziert mit schönen Gravuren. Ich erinnere mich noch lebhaft an zwei Affen, die auf einem Ast saßen. Dieses Buch habe ich aus den Augen verloren. Leider habe ich Autor und Ausgabe vergessen. Aber ich werde es wieder finden, oder vielleicht findet es auch mich wieder, wie so oft.

Es ist schwierig ein Lieblingsbuch aus den erlesenen und kostbaren Marciana-Sammlungen auszuwählen. Doch ich bin sehr angetan von unseren fünf byzantinischen Ligaturen: außergewöhnliche Goldschmiedearbeiten, die zwischen dem 9. bis 10. und dem 14. bis 15. Jahrhundert entstanden sind. Diese wurden in einer relativ späten Epoche in die Sammlung der Bibliothek integriert – erst nach dem Fall der Republik. Ihre Provenienz liegt im Schatz der herzoglichen Basilika von San Marco. Doch zusammen mit dem ursprünglichen Kern des Bessarion-Codes gehören sie zu den Exponaten, die die Marciana am besten charakterisieren. Und sie stehen für eine Brücke zwischen dem Okzident und dem Orient.

Und dann ist da noch der musikalische Fundus, aus dem die 120 Handschriften, die Marco Contarini (1632-1689) gehörten, herausstechen. Diese Dramennoten aus dem 17. Jahrhundert stehen für Musik, die bereits die Geburt der Oper in Venedig bezeugte. Lange Zeit hatte ich die Idee, in unseren Prunksälen, den Sale Sansoviniano, eine Reihe von musikalischen Aufführungen, die auf diesen Exponaten basieren, zu veranstalten. Aber die Organisation erwies sich als schwierig und sehr teuer.

Wenn ich jedoch gezwungen wäre, ein einziges Exponat aus der Sammlung als Lieblingsstück zu wählen, würde ich mich ohne Zweifel entscheiden können: die Karte von Fra'Mauro, ein kartografisches Meisterstück aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Weil sie schön ist, weil ihre dreitausend Einträge (nicht nur Ortsnamen) in der Volkssprache Veneto verfasst sind (das bedeutet, dass Fra’ Mauro sich damit nicht nur an die Gelehrten wandte, er war zweifelsohne dem Lateinischen mächtig, doch er wollte mit der Karte jeden erreichen). Sie ist eine Wissensquelle und fast schon ein kulturanthropologisches Traktat. Denn sie bezeugt den genauen Moment des Übergangs zwischen spätmittelalterlicher und moderner Kartographie und gibt uns einen Einblick in die Welt eines Mannes, der schon zur Renaissance gehörte. Mauro war ein Mönch der Kamaldulenser, er lebte sein Leben lang in Venedig, genauer gesagt in San Michele, einer kleinen Insel vor Murano, von wo er sich scheinbar nicht wegbewegte. Aber es gelang ihm ein dichtes Netz aus Beziehungen mit Reisenden zu weben. Dazu zählten Seeleute, Kaufleute und Gläubige (darunter Äthiopier, die Venedig sicherlich auf ihrem Weg nach Florenz passierten, mit der Absicht dort den Rat von Ferrara-Florenz (1438-1439) zu konsultieren. Ihm verdanken wir aller Wahrscheinlichkeit nach für die damalige Zeit wichtige Informationen aus erster Hand über Afrika). Leider ist sein Archiv verloren gegangen.

 


Links: Die Biblioteca Nazionale Marciana feiert in diesem Jahr ihr 550-jähriges Bestehen. Vom Dogenpalast aus überblickt man das imposante Gebäude der Institution. Auch das namhafte Museo Correr ist heute in dem Bauwerk beheimatet.

(Foto: Matteo de Fina)

Mitte: Dr. Maurizio Messina, Direktor der italienischen Nazionalbibliothek Marciana.(a.D.) (Foto: Luca Rüedi)

Rechts: Das Gemälde von Mimmo Alfarone zeigt das Antlitz von Dr. Maurizio Messina. 


Welche Bedeutung hat die Biblioteca Nazionale Marciana für die Stadt Venedig? Und welche Bedeutung haben das Haus und Ihre Mitarbeiter dort für Sie persönlich?

Messina: Können Sie sich die Piazza und die Piazzetta San Marco in Venedig ohne das Gebäude der Sansovinischen Bibliothek Marciana vorstellen?  ürzlich war ich in China, und in der Ankunftshalle des Flughafens einer mittelgroßen chinesischen Provinzstadt (eine Stadt mit zehn Millionen Einwohnern) gab es eine große beleuchtete Tafel, auf der die Piazzetta San Marco vom Pier aus, mit dem Herzogspalast und eben auch die Marciana gezeigt wurden.

Die Spende von Kardinal Bessarion an die Republik Venedig aus seiner Sammlung von Manuskripten, hauptsächlich griechische, wurde 1468 komplettiert. Bessarion aber hatte, für die Spende seiner gesamten Sammlung, eine Bedingung gestellt. Er forderte, dass ein Gebäude errichtet werden müsse, das würdig ist, ein solch wertvolles Erbe zu beherbergen. 

Es wird danach etwa ein Jahrhundert vergehen, bis diese Bedingung erfüllt werden wird.  Beauftragt wurde der Architekt Jacopo Sansovino. Er sollte für Venedig eine Bibliothekssammlung errichten. Dies geschah zwischen 1468 und seinem Tod. 1588 erfolgte jedoch erst die Fertigstellung durch Vincenzo Scamozzi, der nach Entwürfen Sansovinos, die letzten fünf Bögen der Bibliothek, die in Richtung Dock zeigen, hinzufügte. Letzten Endes entstand ein Gebäude, ohne das die Geschichte, die Kultur, der Einfluss und die Wahrnehmung der Stadt Venedig heute eine vollkommen andere gewesen wären. Das Errichten der Bibliothek erwies sich als eines der Gründungselemente des umfassenden Programms zur Rekonstruktion der physischen, politischen und sozialen Identität der Stadt. Diese Stadterneuerung, die sogenannte „renovatio urbis“, wurde vom Dogen Andrea Gritti in Auftrag gegeben. Ab diesem Moment waren die Marciana und ihre Sammlung – die füreinander geschaffen wurden – untrennbar mit der Ideologie Venedigs verbunden. 

Die Marciana selbst jedoch versteht sich nicht als ausschließlich venezianische Einrichtung. Ihre Sammlungen überliefern uns Texte, die der Evolution des abendländischen Denkens seit der Renaissance zugrunde lagen, und so gehört die Bibliothek in Wahrheit der gesamten Menschheit.

Heute sind wir verpflichtet, die Identität und Autonomie der Institution unter der Einwirkung zahlloser Schwierigkeiten, nicht nur finanzieller Art, zu verteidigen. Das größte Problem ist der Mangel an Nachwuchs und das fortschreitende Alter der meisten Mitarbeiter. Eines der größten Risiken, denen historische Bibliotheken wie die unsere ausgesetzt sind, besteht darin, die Fähigkeit zu verlieren Spracherneuerungen aufzugreifen, zu kommunizieren und Forschung in der heutigen Welt zu betreiben. Die meisten sind nicht in der Lage, mit anderen Akteuren – oft Konkurrenten in der Kette der Produktion und Verbreitung von Wissen – auf Augenhöhe zu spielen.

Eine historische Bibliothek riskiert viel, wenn sie nicht mehr zeitgemäß ist.

 

In Ihrer Zeit im Amt haben Sie viel für den Erhalt und das Weiterkommen der Bibliothek getan. Welches war Ihr wichtigstes Projekt?

Messina: Bevor ich die Direktion übernahm, war ich lange Zeit für die Informationsdienste der Bibliothek verantwortlich. 

In dieser Position war ich seit den frühen neunziger Jahren des 20. Jahrhunderts an der Schaffung und Verwaltung der venezianischen Stelle des National Library Service (SBN) beteiligt. SBN ist das Kooperationsnetzwerk zwischen einigen italienischen Bibliotheken, die zusammen einen umfangreichen Katalog bilden. Bis heute gehören 102 lokale Stellen und 6350 Bibliotheken zu dem System. Der Vorteil aus der Sicht der Benutzer ist, dass sie den Bestand der einzelnen Bibliotheken als einen Katalog einsehen können. Eine gute Dienstleistung und ein Vorteil beispielsweise bei Forschungsarbeiten. Für die Bibliotheken wiederum bedeutete die Schaffung dieses Netzwerks, neben anderen zahllosen Vorteilen, eine Einsparung von etwa 70 bis 80 Prozent der  Katalogisierungskosten: denn jedes Dokument wird nur einmal, von der ersten Bibliothek katalogisiert. Der erfasste Katalogdatensatz wird sofort allen anderen Netzwerkbibliotheken zur Verfügung gestellt.

Anschließend habe ich eines der ersten organischen Projekte zur Digitalisierung von Musikhandschriften herausgegeben, die sich auf die oben erwähnten contarinischen Codes beziehen und heute im Netz verfügbar sind. Und ich habe im Rahmen einiger europäischer Projekte darauf hingearbeitet, die dauerhafte Bewahrung digitaler Dokumente auf lange Sicht zu gewährleisten. Dies betrachte ich als eine echte kulturelle und technologische Herausforderung unserer Zeit. 

 

Nun verabschieden Sie sich aus dem Amt des Direktors. Häufig ist ein solcher Schritt, wie man so sagt, mit einem lachenden und einem weinenden Auge verbunden. Wie würden Sie Ihre Emotionen beschreiben?

Messina: Die Marciana, meine Kollegen – ich werde sie sehr vermissen. Aber ich glaube nicht, dass ich mich hier sehr oft sehen lassen werde, außer als Zuschauer bei den Veranstaltungen. An den Direktoren, die mir vorausgingen, habe ich die Tatsache sehr geschätzt, dass sie in keiner Weise versucht haben, meine Entscheidungen zu konditionieren, auch wenn sie es nicht versäumten, mir ihren Rat zu geben, wenn ich darum bat. In diesem Sinne bleibe auch ich verfügbar.

 

Was haben Sie für Ihre weitere Zukunft geplant?

Messina: Ich habe mehrere Programmpunkte geplant. Zunächst werde ich mich einer Tätigkeit widmen, die mir sehr gefällt: die Betrachtung der Berge. Dies mache ich solange, bis ich es leid bin zu kontemplieren. Darüber hinaus interessiert mich das oben erwähnte Thema, die Bewahrung digitaler Dokumente, weiterhin sehr.

 

In Ihrem Büro hängt eine Galerie an Kunstwerken mit den Konterfeis Ihrer Vorgänger. Haben Sie Ihr Porträt auch bereits in Auftrag gegeben? Wenn ja, würden Sie uns verraten, welcher Künstler es malt? 

Messina: Das Porträt ist bereits fertig. Es wurde von einem venezianischen Maler, Mimmo Alfarone, ausgeführt, der auch die letzten Direktoren vor mir porträtierte: Gian Albino Ravalli Modoni, Marino Zorzi, Marialetizia Sebastiani. Ich kann es Ihnen zeigen. Aber wie Sie wissen, gibt es innerhalb der Galerie kaum noch einen Platz, um es aufzuhängen ...