„Herausragendes Element                 in meinem Lebenswerk“

Interview mit Karl Stangenberg, Gründer des Museums Stangenberg Merck, anlässlich seines 90. Geburtstags /

Von Katrin Neuwirth


Links: Karl Stangenberg

Mitte: Das Museum Stangenberg Merck

Rechts: Karl Stangenberg,  „Straßenszene Sant Angelo d'Ischia“


Der 1928 in Oberhausen geborene Karl Stangenberg ist vor allem als Musiker und lyrischer Dichter bekannt. Außerdem widmete er sich einige Jahre der Malerei. Einblick in sein künstlerisches Werk können Interessierte im Museum Stangenberg Merck in Seeheim-Jugenheim bei Darmstadt erhalten, in dem eine Auswahl seiner Bilder ausgestellt wird. Hauptsächlich ist dort aber das Œuvre der Künstlerin Heidy Stangenberg-Merck zu sehen, mit der Karl Stangenberg das Museum 2010 gemeinsam eröffnete. Die Realisierung des Museums ist als das Lebenswerk von Karl Stangenberg anzusehen, der am 19. August seinen 90. Geburtstag feiert. ZEITKUNST hat den runden Geburtstag des Gründers zum Anlass für ein Interview genommen, in dem er von der Entstehung und Architektur des Museums sowie dessen Besonderheiten erzählt. 

 

Das Museum Stangenberg Merck wird von den Besuchern oft als „Gesamtkunstwerk“ bezeichnet.

Wie treffend finden Sie diesen Begriff?

Karl Stangenberg: Richard Wagner komponierte zu eigenen Texten seine Musik und dirigierte diese im selbst erfundenen Konzertraum. Damit könnte man den Begriff des Gesamtkunstwerks kurz umreißen. In unserem Museum befinden sich die Bilder von Heidy Stangenberg-Merck im eigenen Haus und sie werden in Räumen gezeigt, die unter ihrer Mitwirkung für die Ausstellung ihrer Werke optimiert wurden. Unterstrichen wird diese Aussage noch durch dieses hochkünstlerische Bauwerk des Jugendstils inmitten einer einmalig schönen Landschaft.

 

Das Museum ist in dem „Haus auf der Höhe“, einer 1860 erbauten und 1904 vom damaligen Architekten Prof. Metzendorf erweiterten Villa, beheimatet. Was ist das Besondere an der Architektur und der Lage des Hauses?

Stangenberg: Prof. Metzendorf, der Stararchitekt der Bergstraße, hat dem Haus innen und außen seinen prägenden Stil gegeben. Wie schon erwähnt, in einer außergewöhnlichen Lage mit weitem Blick über die Rheinebene.

 

Bereits 2006 zeigten und verkauften Sie in einigen Räumen im „Haus auf der Höhe“ unter dem Namen „Artificium“ Werke von Heidy Stangenberg-Merck. Wie hat sich diese „Vorstufe“ zum 2010 eröffneten Museum Stangenberg-Merck entwickelt?

Stangenberg: Es fanden jeden Sommer Ausstellungen statt mit den jeweils neuesten Werken meiner Frau – soweit diese im Souterrain Platz fanden. Durch Hinzunahme weiterer Räume konnte schließlich auch eine ganzjährige Präsentation realisiert werden. Bei der Eröffnung des Museums standen bereits 275 Quadratmeter zur Verfügung, davon 108 Quadratmeter im Artificium.

 

Was hat sich seit der Eröffnung des Museums bis heute alles verändert?

Stangenberg: Seit der Eröffnung im September 2010 hat sich die Gesamtfläche von Museum und Shop in drei Bauphasen bis zum heutigen Stand auf rund 600 Quadratmeter erweitert. Derzeit arbeiten wir an einer nochmaligen und letztmöglichen Erweiterung, die uns weitere 200 Quadratmeter im obersten Stockwerk erschließen werden.

 

Die Künstlerin Heidy Stangenberg-Merck ist in diesem Haus aufgewachsen. Welche Emotionen und Erinnerungen verband sie mit ihrem Elternhaus?

Stangenberg: Abgesehen von Schilderungen der Schulzeit sind gewiss die Jahre des Krieges mit ihren Schrecken und Einschränkungen – auch Entbehrungen – zu erwähnen. Immerhin ist die nahe liegende Stadt Darmstadt zu 90 Prozent zerstört worden. Im Verlauf der Besetzung durch amerika-

nische Truppen wurde das Haus auf der Höhe beschlagnahmt und die Bewohner mussten für längere Zeit ausziehen.

 

Das Museum Stangenberg Merck beherbergt hauptsächlich Werke der Malerin Heidy Stangenberg-Merck. Was zeichnet ihre Kunst besonders aus?

Stangenberg: Die Malerei meiner Frau ist prinzipiell gegenständlich, figürlich, modern in ihrer Zeit, aber nicht modernistisch. Thematisch betrachtet überwiegen Darstellungen des einfachen Lebens, beispielhaft in Griechenland bei Bauern und Fischern. Öl auf Leinwand ist ihre wichtigste Ausdrucksweise, ansonsten Tempera auf Papier und immer wieder Radierung in unterschiedlichen Techniken.

 

Neben den Arbeiten von Heidy Stangenberg-Merck präsentiert das Museum auch Werke ihrer Mutter Marietta Merck und Temperabilder von Ihnen. Wie passen diese drei künstlerischen Positionen zusammen?

Stangenberg: Soweit man unterschiedliche künstlerische Positionen überhaupt zusammenbringen kann, ist dies selbstverständlich eher zwischen Marietta Merck, der Mutter, und ihrer Tochter zutreffend. Zum Beispiel bevorzugte Marietta Merck wie Heidy Stangenberg-Merck griechische Motive, die sie zum Teil auch während gemeinsamer Reisen verwirklichte. Obgleich ich selber die Gelegenheit hatte, Anregungen meiner Frau wahrzunehmen, zielten doch meine Arbeiten in eine völlig andere Richtung. Ausgehend von architektonischen Motiven und vielleicht durch meinen Musikberuf beeinflusst, entstanden Bilder mit übergreifenden Farbflächen in pastelligen Farbtönen.

 

Ein Raum widmet sich Ihrem vielseitigen Œuvre – Ihrer Malerei, Musik und Literatur. Was genau erwartet die Besucher in diesem Raum?

Stangenberg: Ein gut gefüllter Vitrinentisch enthält Hinweise auf meine berufliche Tätigkeit als Musiker. Ganz speziell widmet er sich der frühen Musik. Es werden einige meiner Instrumente und auch Tonträger gezeigt. Meine Tätigkeit als Soloflötist im Ensemble für Alte Musik, Capella Monacensis, wird im Bild dokumentiert, als Beispiel ein Konzert im Opernhaus Bellas Artes in Mexico City. Meine Musiktätigkeit fand in meiner Arbeit am Wort gewissermaßen ihre Fortsetzung. Dies wird durch mehrere Beispiele deutlich, etwa wie aus Lyrik ein Buch entstehen kann. Auf die Malerei zurückkommend zeigt dieser Raum zwölf ausgewählte Bilder mit Motiven aus Italien und Spanien.

 

Ihre Leistungen als Musiker und Dichter sind bemerkenswert. Doch die Realisierung des Museums Stangenberg Merck kann man als Ihr Lebenswerk ansehen. Was bedeutet Ihnen persönlich die Umsetzung und der Erfolg dieses Projekts?

Stangenberg: Vielen Dank für Ihre anerkennenden Worte. In der Tat kann man die Verwirklichung des Museums Stangenberg-Merck als das herausragende Element in meinem Lebenswerk bezeichnen. Zunächst war es das Anliegen von meiner Frau und mir, das durch zwei Kriege und die Unbilden der Zeit stark beeinträchtigte Haus überhaupt zu erhalten. Darüber hinaus lag es mir am Herzen, die außergewöhnliche Ästhetik dieses baulichen Juwels aufs Neue herauszustellen mit dem Ziel, dem gesamten Werk der Malerin Heidy Stangenberg-Merck und ihrer künstlerischen Umgebung eine bleibende Stätte zu bieten.