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Ein Einblick in die Ideenwelt des Künstlers/ Von Marianne Hoffmann

Impression von Ottmar Hörls Skulptureninstallation „Black Magic: gutenberg@eltville, 2018“ in der Kurfürstlichen Burg Eltville


Er geht stramm auf die siebzig zu, aber keiner würde es ihm abnehmen, wenn man ihn so anschaut. In den Augen des Konzeptkünstlers Ottmar Hörl blitzt der Schalk, er lächelt wissend vor sich hin und wenn er den Mund aufmacht, dann sprudelt er vor Ideen. Ottmar Hörl ist ein seltenes Phänomen in der Riege der Künstler, die von ihrer Kunst leben können. Das sind nur magere 4%. Eine kleine Menge, wenn man einmal darüber nachdenkt, dass Künstler, die von Galerien vertreten werden, heute 50% ihrer Verkaufssumme an diese abgeben müssen, da sie Ausstellungen, Messebeteiligungen, Einladungen, Kataloge und Presse organisieren. Ottmar Hörl nimmt das als selbstverständlich, denn eigentlich bräuchte er keine Galerie. Er vermarktet sich bestens selbst, und „Heute lade ich die Galeristen ein,“ sagt er, „und nicht umgekehrt, wie man denken könnte.“ Was zeichnet diesen Künstler aus, den, sobald man ein Zauberwort wie Hase, Zwerg oder Marx sagt, sofort jeder vor seinem geistigen Auge hat? Hörl hat die Zeichen der Zeit erkannt. Er wusste schon sehr früh, dass es ihm nicht genügen würde, wenn er mit seiner Kunst eine elitäre Menge erreicht. Er wollte von Anbeginn an die Menschen erreichen, und damit meint er alle. Das ist ihm gelungen, von der Putzfrau, über Scheichs aus den Emiraten, dem Papst bis hin zum amerikanischen Präsidenten. Alle besitzen einen Hörl, signiert oder unsigniert. Hörl hat ganz klassisch an der Städelschule in Frankfurt Kunst studiert und wechselte dank eines Stipendiums an die Düsseldorfer Kunstakademie, wo er bei Klaus Rinke weiter studierte. Hörl hatte viele Ideen. Eine davon war, dass er Kühen ein individuelles Zuhause geben wollte. Also fuhr er zu einem Bauern, mietete Kühe und baute ihnen durchsichtige Plexiglashäuser. Ein anderes Mal warf er teure Kameras aus einem Flugzeug. Die Kameras waren so präpariert, dass sie im Fall fotografierten. Der Pilot musste bestochen werden, da man ja nichts aus dem Flugzeug werfen darf. Ein anderes Mal warf er die Kameras vom Dach eines Hochhauses. Allein an diesen Aktionen zeigt sich, dass Otmar Hörl in seinem Künstlerdasein nur zwei Dinge wolte: die Kunst durfte ihn nicht langweilen oder überhaupt langweilig sein, und sie durfte sich nicht wiederholen, was seinen Multiplegedanken ad absurdum führt. Einmal war er in Wiesbaden zu Besuch im Polizeipräsidium und besuchte den Chef des Hauses, um ihm eine Idee vorzutragen und um Unterstützung zu bitten.“ Gehen Sie eine Etage tiefer,“ sagte der damalige Polizeipräsident, “und wenn Sie die Herren mit den schwarzen Masken überzeugen, dann soll es an mir nicht scheitern.“ Und er konnte die Männer überzeugen. Hörl wollte in seinem ganzen Leben einmal eines tun: ein Museum erschießen, und so erschoss er mit Hilfe des SEK das kulturhistorische Museum in Frankfurt. Eine Aktion, die heute undenkbar wäre. Sich nur nicht langweilen, den Menschen erreichen, ihn aufrütteln. Das sind die Kunstmaxime des Multiplemasters Ottmar Hörl. Vom Gedanken ausgehend, dass man dem Menschen Bilder in den Kopf einpflanzen muss und dass der Mensch, wenn er nur einen Bruchteil des Bildes besitzt, immer wieder das ganze Bild im Kopf haben wird, begann Hörl mit seinen Multiples. Angefangen mit der „Unschuld-Seife“ in schwarzer oder weißer Kunststoffbox, die es über 5 Millionen mal hätte geben sollen, oder dem größten Flop seiner Karriere, dem Schwarzgeld. Hierfür färbte er für den Verkauf auf der Frankfurter Kunstmesse 5000 DM schwarz ein, um sie aufgeteilt auf schwarze Geldbeutel in der Bankenstadt Frankfurt an den Mann zu bringen. Dieses misslang gründlich. Ein einziges Schwarzgeldportemonnaie hat er verkauft. Fertig. 5000 DM für nichts. Aber so ist Hörl. Er nimmt das mit Humor. „Ich muss, wenn ich ein Multiple im Kopf habe, es anfertigen, erst dann weiß ich, ob es funktioniert oder floppt.“ Und ob ein Künstler berühmt wird, das hängt seiner Meinung nach auch davon ab, ob er einen Skandal provoziert. Auch das ist Hörl trefflich gelungen. Im Juli 2009 leitete die Staatsanwaltschaft in Nürnberg ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen „Verwendung von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen“ ein. Was war geschehen? Anlass war eine anonyme Anzeige gegen Hörl und den Betreiber einer Nürnberger Galerie, in der ein goldener Gartenzwerg Hörls ausgestellt war, der die rechte Hand zum Hitlergruß erhoben hatte. Hörl selbst versteht den Zwerg, von dem rund 700 Exemplare existieren, als eine „Persiflage auf das Herrenmenschentum der Nazis“. Bei allen bisherigen Ausstellungen seien die Zwerge zwar Anlass für Diskussionen gewesen, aber er selbst sei dabei nie in die Nähe der Nazi-Ideologie gerückt worden. Sogar die Jüdische Gemeinde in Gent (Belgien), wo die Zwerge erstmals ausgestellt worden waren, habe sich von dem Werk beeindruckt gezeigt. Die Ermittlungen wurden wenige Tage nach Bekanntwerden eingestellt. Diese wenigen Tage reichten allerdings, um den Skandal rund um die Welt zu tragen. Jede Zeitung, inklusive der renommierten New York Times, beschäftigte sich mit dem aufmüpfigen Gartenzwerg. Aber seien wir doch mal ehrlich, dieser Hitler war doch nur ein Gartenzwerg, wenn auch ein brandgefährlicher. Danach waren die Multiples des Ottmar Hörl, die es meist in schwarz, rot, gold gibt, was gar nichts mit den deutschen Nationalfarben zu tun hat, grandiose Gesamtkunstwerke, wie „Das große Hasenstück.“ 7000 Mal der Hase von Albrecht Dürer, aufgestellt in Nürnberg. Sein letztes Kunststük stellte er im Rosengarten von Eltville auf. Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, der der Welt Bildung und Niveau gab, lebte in Eltville. Kurfürst Adolf von Nassau, der damals in der Kurfürstlichen Burg zu Eltville residierte, ernannte Johannes Gutenberg am 17. Januar 1465 mittels Urkunde zu seinem Hofmann und billigte ihm eine Leibrente – Getreide, Wein und Kleidung – zu. Gutenbergs Bruder, Friele Gensfleisch, lebte von 1434 bis zu seinem Tode 1447 in Eltville. Zwar feiert Mainz in 2018 das große Gutenbergjahr, doch eine Stadt, die so pleite ist wie die rheinland-pfälzische Hauptstadt, kann sich solche Events nicht leisten. Und so ist dem Gutenberg-Projekt des Ottmar Hörl nicht so viel Öffentlichkeitsbeachtung geschenkt worden, wie es ihm gebührt hätte. 

 

www.ottmar-hoerl.de