JUWEL DER KUNSTLANDSCHAFT

Das Landesmuseum Wiesbaden besticht durch eine hochkarätige Sammlung und ein vielfältiges Ausstellungsangebot /

Von Manfred Möller und Elena Zompi


Museum Wiesbaden, Fassade Juni 2018


Das prachtvolle Museumsgebäude auf der Friedrich-Ebert-Allee in Wiesbaden ist nicht zu übersehen. Vor ihm, am Beginn des Treppenaufsatzes steht eine Statue von Johann Wolfgang von Goethe.

Der deutsche Dichter spielt eine entscheidende Rolle in der Museumsgeschichte. So schrieb Goethe 1816 in „Ueber Kunst und Alterthum in den Rhein und Mayn Gegenden“, dass Wiesbaden als so bedeutende Stadt „durch Sammlungen und wissenschaftliche Anstalten noch bedeutender zu machen“ sei. Goethe war es auch, der die naturhistorische, Antiken- und Kunstsammlung des Frankfurter Privatier Johann Isaak von Gerning empfahl. Die ursprüngliche Sammlung umfasste 156 Ölbilder, vorrangig Italiener und Niederländer, Handzeichnungen, circa 6000 Kupferstiche, griechische und römische Münzen, Gemmen, Kameen, Plastiken (Götterbilder in Marmor, Bronze und Eisen), römische und „etruskische“ Vasen, Schalen und Gläser, ferner einige 100 Bände wertvoller Kupferwerke für die Bibliothek. 

Das Gründungsdatum des Museums wurde auf den 1. April 1825 festgelegt. An diesem Tag wurde in dem Kronprinzenpalais die Sammlung Isaak von Gerningens ausgestellt. Diese umfasst eine naturhistorische Kollektion, eine kleine Kunstsammlung sowie Exponate zur Nassauischen Geschichte. Einen Schwerpunkt hatte das Haus daher nicht. Man könne sich dies „wie eine Art Wunderkammerprinzip“ vorstellen, so Alexander Klar, Direktor des Museums Wiesbaden. Nachdem im Jahr 1900 die drei Museen in städtisches Eigentum übergingen, wurde 1915 ein Neubau nach den Plänen des Architekten Theodor Fischer von Karl Glässing eröffnet. In der Konzeption des Fischer-Baus entstand ein modernes Gebäude, das den unterschiedlichen Bedürfnissen der drei Sparten gerecht wurde und bereits Platz für wechselnde Ausstellungen bot. 

 



Heute gehören von den drei ursprünglichen Sammlungsbereichen nur zwei noch zum Museum Wiesbaden. Die Nassauischen Altertümer wurden 2010 in städtische Trägerschaft überführt. In den fast 200 Jahren hat sich also nicht nur das Museum selbst, sondern auch die Sammlung erheblich entwickelt. Die Kollektion des Hauses aus dem 19. Jahrhundert beschreibt Klar als „eine sehr orthodoxe Sammlung akademischer Malerei. Wir halten die so ein bisschen als Schatz für unseren Neubau beieinander. Das ist großartige Kunst, aber eben auch schwer akademisch, kein Narrativ der Avantgarde. Da ist Ludwig Thoma drin, da ist Lessing drin. Also von Historienmalerei bis zu den späten Naturalisten ist da alles vertreten, alles was bloß nicht auf Impressionismus oder Sezession hindeutet.“ 

Von 1917 bis etwa 1934 wurden dann vornehmlich private Sammlungen im Museum ausgestellt, unter anderem auch die Kollektion Heinrich Kirchhoffs. Diese legte sozusagen den Grundstock für die Moderne der gesamten Sammlung in dem bis dahin so konservativen Wiesbaden und trug dazu bei, dass das Museum zu einem Haus der Avantgarde wurde. 1934 änderte sich dies wieder durch den Antritt des neuen Museumsdirektors Hermann Voss. Dieser füllte das Haus in Übereinstimmung mit den kulturpolitischen Vorgaben der Nationalsozialisten mit altmeisterlicher Kunst des 19. Jahrhunderts. Erst 1946 entwickelte sich das Museum durch den ersten Nachkriegsdirektor Clemens Weiler wieder in eine andere Richtung. Welche Bedeutung Weiler für das Museum Wiesbaden hat, wird in der Begeisterung, mit der Alexander Klar über ihn spricht, erkennbar: „Und dann kam der großartige Clemens Weiler, den ich immer versuche auf das Tablett europäischer Direktoren zu heben.“ Weiler habe es geschafft ohne, jegliche Mittel nach dem Krieg den Grundstein für die heutige Sammlung zu legen. Auf ihn ist unter anderem ein Großteil der Sammlung der Werke Alexej von Jawlenskys und die erste deutsche Informel-Ausstellung in Wiesbaden zurückzu-

 

führen.


Links: Ausstellungsansicht Kirchensaal (A© Museum Wiesbaden, Foto: Bernd Fickert)

Rechts: Eingangsoktogon mit Rebecca Horns, Jupiter, 2007 (© VG Bild-Kunst 2018, Foto: Bernd Fickert)


Die heutige Kunstsammlung reicht vom 12. Jahrhundert bis in die Gegenwart, unterteilt in die Bereiche Alte Meister, Klassische Moderne und Moderne und Gegenwart. 

Die Sammlung Alte Meister umfasst mit über 100 Exponaten, ausgehend vom frühen Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert, zentrale Werke aus allen Epochen der Kunstgeschichte.  Der Bereich der Klassischen Moderne besticht vorrangig durch das fast hundert Werke umfassende Konvolut des bekannten Expressionisten Alexej von Jawlensky. Zudem wird die Abteilung durch die Sammlung Hannah Bekker vom Raths und Werke verschiedener konstruktiver Künstler vervollständigt. Die Sammlung der Moderne und Gegenwart umfasst europäische und amerikanische Moderne nach 1945. Ihr Schwerpunkt liegt in der ungegenständlichen Malerei und Skulptur, die sich mit den Themen Linie, Farbe, Fläche, Volumen und Raum auseinandersetzt.

Das wechselnde Ausstellungsprogramm zeigt, dass sich das Museum immer auch seiner eigenen Geschichte bewusst ist und darauf zurückgreift. Erst kürzlich, im Juni, endete die Ausstellung „Gerhard Richter – Frühe Bilder“, mit welcher das Museum an eine der ersten Museumsausstellungen Gerhard Richters im Jahr 1966 im Museum Wiesbaden erinnerte.

Und auch vergangenen Winter gab es im Museum eine Schau zu Heinrich Kirchhoff, die auf die Historie des Hauses zurückzuführen ist. Kirchhoffs Sammlung, die einst so wichtig für das Museum war, galt nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten als „entartet“ und wurde an seine Familie zurückgegeben, die aus Mangel an Möglichkeiten der Unterbringung die Sammlung verkaufen musste. Anlässlich dieser Ausstellung hat das Museum wieder Gemälde zurückerworben.

 


Dr. Alexander Klar

 

Dr. Alexander Klar ist seit 2010 Direktor des Landesmuseums in Wiesbaden. Geboren wurde er in Waiblingen, auf-

gewachsen ist er allerdings in Athen. In Erlangen studierte

er Kunstgeschichte, Geschichte, christliche und klassische

Archäologie. Nach seinem Abschluss arbeitete er bei

Guggenheim in New York, in der Guggenheim-Collection

in Venedig, in der Kunsthalle Emden und in dem Victoria und Albert Museum in London. 


Zurzeit werden im Museum Wiesbaden vier verschiedene Sonderausstellungen präsentiert. Nur noch bis Ende September ist die Schau „Von Beckmann bis Jawlensky – Die Sammlung Frank Brabant“ zu sehen. Brabants umfassende Kunstsammlung, die vornehmlich expressionistische und neusachliche Tendenzen der Klassischen Moderne von etwa 600 Werken beinhaltet, wird zukünftig an das Museum Wiesbaden und das Museum Schwerin angeschlossen. Zu sehen sind Arbeiten von Otto Dix, Wassily Kandinsky, Ernst Ludwig Kirchner, Franz Marc, Emil Nolde und vielen mehr.

Die Ausstellungen „Liquid Light – Joseph Marioni“ und „Hommage à Palermo – Kabinettausstellung“ sind noch bis Mitte beziehungsweise Ende Oktober zu sehen. In „Liquid Light“ steht die radikale Malerei Joseph Marionis im Fokus. 40 Arbeiten aus 50 Schaffensjahren werden hier gezeigt. Die Arbeiten Blinky Palermos werden in der Schau „Hommage à Palermo“ präsentiert. Diese Kabinettausstellung zeigt die minimalistischen Druckgrafiken aus den 1960er- und 1970er-Jahren des Künstlers, ergänzt durch eine kleine Auswahl an Bildobjekten. 

Bis Januar 2019 zeigen die Naturhistorischen Sammlungen eine Kabinettausstellung anlässlich des 200. Geburtstages Carl Remigius Fresenius. In Zusammenarbeit mit der Hochschule Fresenius stellt das Museum die wichtigsten Aspekte seines Lebens und seine bedeutendsten Errungenschaften vor. 

 

Aber auch die Zukunft des Museums Wiesbaden verspricht eine spannende Entwicklung. Im vergangenen Jahr erhielt das Haus eine große Schenkung einer Jugendstil-Sammlung. Mit dieser möchte Alexander Klar nun den Flügel, in dem einst die Nassauischen Altertümer ihren Platz fanden, wieder füllen. Voraussichtlich Ende Juni 2019 wird die Sammlung Ferdinand Wolfgang Neess eröffnet.


Von Beckmann bis Jawlensky 

Die Sammlung Frank Brabant

bis 30.9.

Landesmuseum Wiesbaden

Friedrich-Ebert-Allee 2

65185 Wiesbaden

Di-So 10-17 h, Di/Do 10-20 h

www.museum-wiesbaden.de