Ein Haus mit großen Plänen

Das Museum Wiesbaden lockt mit Jugendstil und norwegischer Landschaftsmalerei/ Von Klaas-Büsing


Außenansicht des Museum Wiesbaden


Als sich Johann Wolfgang von Goethe in den Jahren 1814/15 in Wiesbaden zur Kur aufhielt, gab der weltgewandte Dichter so ganz nebenbei auch die Anregung zu einer Museumsgründung. 1825 war es dann soweit. Die Basis der Museen in der hessischen Landeshauptstadt bildet die umfangreiche Privatsammlung des Frankfurters Johann Isaak Freiherr von Gerning (1767-1837). Goethe überzeugte den Schriftsteller und Diplomaten, seine bedeutende Sammlung von Kunstwerken, Altertümern und Naturalien dem Herzogtum Nassau zu überlassen. Als Gegenleistung erhielt von Gerning dafür eine Leibrente. Viele Wiesbadener Bürger unterstützten dieses Arrangement. Es wurden schnell neue Vereine gründet, die unter der Kontrolle der herzöglichen Regierung standen. Mithilfe dieser Konstruktion konnten die Sammlungen, gefördert durch starkes bürgerliches Engagement, schnell wachsen. So entstanden im 19. Jahrhundert drei selbstständige Museen in Wiesbaden.

Das heutige Museum Wiesbaden ist in einem 1913 nach Plänen des Architekten Theodor Fischer errichteten Bau mit drei Flügeln untergebracht. Heute ist es eines der drei Hessischen Landesmuseen und fungiert als Zweispartenhaus für Kunst und Natur. Das Museum Wiesbaden liegt an der zentralen, verkehrsumtosten Kreuzung Friedrich-Ebert-Allee/Rheinstraße. Einige Stufen führen hinauf zum imposanten Bau. Bei gutem Wetter steht vor dem Gebäude ein kleiner Espressowagen. Mittagspäusler und Besucher des Museums können auf den bunten Kissen Platz nehmen, die auf den Treppenstufen hinauf zum Eingang verteilt sind. So öffnet sich der Musentempel zur Stadt, lockt Besucher an und baut idealerweise Schwellenängste ab.

Die Sammlung des Museums Wiesbaden zählt zu den wichtigsten in Deutschland. Ihr Grundstock, die ehemalige Sammlung von Johann Isaak Freiherr von Gerning, ist durch zahlreiche Ankäufe, Schenkungen und Leihgaben über die bald 200 Jahre ihres Bestehens kontinuierlich angewachsen. Vor allem auf dem Gebiet des 19. und 20. Jahrhunderts ist die Sammlung des Museums Wiesbaden stark aufgestellt. Besonders herausragend sind hier die Arbeiten des russisch-deutschen Künstlers Alexej von Jawlensky (1864 oder 1865 -1941). Von dem für die starke Farbigkeit seiner Arbeiten bekannten, überwiegend expressionistisch arbeitenden Maler und Grafiker, der die letzten zwanzig Jahre seines Lebens in Wiesbaden verbrachte, besitzt das Museum allein 57 Gemälde und 35 Grafiken. Darunter das weltberühmte, 1910 entstandene Porträt „Nikita“.

Generell gut aufgestellt ist das Museum Wiesbaden mit Werken des Expressionismus. Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die zeitgenössische Avantgarde hier mutig angekauft. Nachdem die Nationalsozialisten einen großen Teil der Expressionismus-Bestände als so genannte „Entartete Kunst“ beschlagnahmt hatten, begann man in Wiesbaden gleich nach 1945 damit, neue Werke aus dieser Epoche zu erwerben. So kamen wichtige Bilder von Künstlern und Künstlerinnen wie Paula Modersohn-Becker, Emil Nolde, Conrad Felixmüller und Jawlenskys Weggefährtin Marianne von Werefkin in die Sammlung.

Stark aufgestellt ist das Museum Wiesbaden auch in der Kunst nach 1945. Neben einem Schwerpunkt mit informeller Kunst und Werken von Karl Otto Götz, Hann Trier und Emil Schumacher finden sich in der Sammlung auch Arbeiten der ZERO-Gruppe sowie von Gerhard Richter und Sigmar Polke. Kunsthistorisch besonders interessant ist auch die Tatsache, dass im Jahr 1962 im Museum Wiesbaden das bis heute legendäre erste Fluxus-Festival stattfand. Aus dieser Zeit gelangten Werke von Joseph Beuys, Wolf Vostell und Nam June Paik in die Sammlung. Außerdem besitzt das Museum eine der größten Sammlungen von Werken der früh verstorbenen deutsch-amerikanischen Prozesskünstlerin Eva Hesse. Bis zum 23. Juni ist noch die Ausstellung „Eva Hesse. Zeichnungen“ zu sehen, die das selten gezeigte zeichnerische Werk der in Hamburg geborenen und in New York verstorbenen Ausnahmekünstlerin in den Mittelpunkt rückt. Weitere zeitgenössische Künstler wie Ilya Kabakov, Rebecca Horn, Katharina Grosse und Franz Erhard Walther sind im Museum Wiesbaden mit großen, teils raumbezogenen Installationen vertreten.

Im Frühjahr 2017 machte das Museum Wiesbaden mit einer Sensationsmeldung auf sich aufmerksam. Das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst teilte mit, das Museum erhalte 570 Werke aus der Zeit des Jugendstils und des Symbolismus in Form einer Schenkung. Damit werde das Haus zu einem „wichtigen europäischen Zentrum des Jugendstils“. Schnell wurde auch die Identität des großzügigen Stifters bekannt. Es handelt sich um den Kunsthändler Ferdinand Wolfgang Neess, der in Wiesbaden in einer architektonisch interessanten Jugendstil-Villa seinen Wohnsitz hat. Anlässlich seines 90. Geburtstags wird seine außerordentliche Sammlung ab dem 29. Juni im eigens umgebauten Südflügel des Museums dauerhaft präsentiert. Das Spektrum der Objekte reicht von Gemälden, Möbeln, Glasobjekten, Keramik, Lampen und Leuchten bis hin zu Silber. 



Sammlungkustos Peter Forster betont die Qualität dieser Sammlung und erläutert, wie sie sich in den Sammlungsbestand des Museums Wiesbaden einfügt: „Die Sammlung darf man mit Fug und Recht als die größte europäische Jugendstil- und Symbolismus-Sammlung bezeichnen. Damit schließt sie eine Lücke in unserem Sammlungsbestand, die den Übergang vom ausgehenden 19. Jahrhundert zur klassischen Moderne schließt.“

Die Einrichtung der Sammlung Neess wird mit besonders großer Sorgfalt vorgenommen. Dazu noch einmal Peter Forster: „Die Präsentation steht ganz im Zeichen der Jugendstilidee des Gesamtkunstwerks. Besonders hervorstechend ist das Zusammenspiel der Möbel, Gläser, Lampen, Vasen und Gemälde. Deshalb präsentieren wir die Sammlung in Ensembles, so dass sich die Objekte gegenseitig unterstützen. Insbesondere die Majorelle- und Guimard-Möbel sind in diesem Kontext hervorzuheben.“

Für Wiesbaden besonders erfreulich ist der Umstand, dass die international renommierte Sammlung Neess nicht durch eine Auktion in alle Winde verstreut wurde, sondern geschlossen zusammengehalten werden konnte. Dies betont auch Peter Forster: „Die Sammlung hat einen stark internationalen Stil. Sie versammelt renommierte Jugendstilkünstler mit Exponaten von herausragender Qualität. Es ist ein großes Glück, dass wir durch die Schenkung die Sammlung beisammen halten konnten, weil damit eben jene Internationalität sowie die außergewöhnlich hohe Qualität der Objekte geschlossen präsentiert werden können und so die einheitliche Idee des Gesamtkunstwerks umgesetzt werden konnte.“

In Zeiten der chronischen Unterfinanzierung vieler Museen in Deutschland stellen solche Schenkungen von Privatpersonen natürlich einen Glücksfall dar. Es stellt sich angesichts solch großzügiger privater Zuwendungen jedoch auch die Frage, ob nicht auch die öffentliche Hand die Ankaufspolitik von Museen grundlegender unterstützen sollte, um deren Handlungsspielraum zu erweitern. Oder müssten Museen noch aktiver um private Mäzene werben? Peter Forster hat da aus Sicht des Museums Wiesbaden eine eindeutige Position: „Als Landesmuseum wünschen wir uns insgesamt mehr finanzielle Unterstützung, da eine solche großzügige bürgerliche Schenkung wie durch die Familie Neess eher die Ausnahme als die Regel ist“.

Szenenwechsel. Ein weiteres Highlight im Museum Wiesbaden wird dann ab Mitte Juli die erste Retrospektive des norwegischen Malers Harald Sohlberg (1869-1935) auf dem europäischen Festland sein. Die von Roman Zieglgänsberger kuratierte Ausstellung mit rund 80 Werken des norwegischen Malers und Grafikers entstand in enger Kooperation mit dem Nationalmuseum Oslo. Harald Sohlberg ist bekannt für seine menschenleeren, atmosphärisch dichten Darstellungen von Natur, ländlichen Gebäuden und jahreszeitlichen Stimmungen. Außerhalb Norwegens gilt der große Landschaftsmaler jedoch noch als Geheimtipp. Warum wird er gerade jetzt in Deutschland (wieder-)entdeckt?

 

Dazu Kurator Roman Zieglgänsberger: „Harald Sohlberg wäre dieses Jahr 150 geworden. In Skandinavien ist Sohlberg ein Star – jeder Kunstfreund kennt ihn, und das Jubiläum wurde groß im Nationalmuseum Oslo begangen. Auf dem europäischen Festland hingegen kennt den reizvollen Maler niemand, obwohl er nachhaltig von der deutschen Kunst unter anderem in Weimar, wo er einige Zeit verbrachte, geprägt wurde. Das hat uns gereizt. Das bedeutet, dass es sich eigentlich nicht um eine Wiederentdeckung, vielmehr um eine Neuentdeckung handelt.“


Abb. links: Harald Solberg, „Sommernacht“, 1899, Öl auf Leinwand, 114 × 135,5 cm, Nasjonalmuseet, Oslo

Abb. rechts: Blick in das Oktogon im Museum Wiesbaden


Harald Sohlberg in Wiesbaden – auch der Zeitpunkt ist offenbar perfekt gewählt. Roman Zieglgänsberger erläutert: „Es passt freilich sehr gut, dass in diesem Jahr auf der Frankfurter Buchmesse Norwegen der Ehrengast ist – da liegt der Fokus natürlich deutschlandweit und international auf der Kultur dieses spannenden Landes, und da wollten wir – Wiesbaden liegt ja nur einen Katzensprung von Frankfurt entfernt – auch einen Beitrag dazu leisten.“

Harald Sohlberg war ein Zeitgenosse und Freund des international ungleich bekannteren norwegischen Malers Edvard Munch. Im Museum Wiesbaden achtet man darauf, die Unterschiede der beiden Maler herauszuarbeiten. „Verbunden zeigen sich die beiden Maler durch ihren Symbolismus und ihre Starkfarbigkeit, sie unterscheiden sich aber beispielsweise darin, dass der eine allgemeine Landschaften malte, der andere unverkennbar norwegisch-skandinavische“, so Roman Zieglgänsberger.

Harald Sohlbergs Hauptwerk „Winternacht in Rondane“, an dem er zwischen 1899 und 1914 rund 15 Jahre lang arbeitete, gilt als Ikone der norwegischen Malerei und wurde in den 1990er Jahren von den Norwegern zum beliebtesten Gemälde des Landes gewählt. Jetzt wurde es zum ersten Mal nach Deutschland ausgeliehen und ist ab Mitte Juli in Wiesbaden zu sehen. Warum wird gerade dieses Bild von den Norwegern so verehrt? Dazu Roman Zieglgänsberger: „Die erste Beschäftigung mit dem Bildthema der Bergwelt in Rondane geht auf eine Skiwanderung Sohlbergs im Jahr 1899 zurück. Immer wieder zieht es ihn dorthin, bis endlich 1914, nach vielen Studien und Varianten, das gewaltige Bild vollendet ist, das die Seele der Norweger im Kern zu berühren vermag. Es scheint alles zu fassen, was den BewohnerInnen durch und durch vertraut und damit unterbewusst »heilig« geworden ist: verschneite Berge, endlose Nächte und tiefste Melancholie oder diesseitige Kälte und überirdische Klarheit, die einen beruhigen, aber auch beunruhigen können. Seit 1918 hängt das Bild in Oslo im Nationalmuseum, und ich bin mir sicher, dass seitdem viele, viele Generationen vor dem Gemälde standen und im Geiste darin durch die abgestorbenen Bäume über die verschneiten Berge hin zum leuchtenden zentralen Stern »spazieren« gegangen sind, gerade weil Ihnen die Landschaft so vertraut ist, so nahe ist, so »sie« in ihrem Selbstverständnis sind. Ich bin mir nicht sicher, ob man als Nicht-Norweger so tief fühlen kann vor dem Bild, etwa so wie ein Schweinebraten für den Bayern auch mehr ist als nur ein gutes Gericht – er ist Familie, Tradition und Geborgenheit, und das alles isst der Bayer mit, wenn er an einem Sonntagmittag mit den Seinen diesen Braten isst.“

 

Anlass genug also, nach Wiesbaden zu fahren – das Museum Wiesbaden ist mit der Dauerpräsentation der neu ins Haus gekommenen Jugendstilsammlung und der sehenswerten Harald Sohlberg-Retrospektive zur Zeit sehr gut aufgestellt und darf auf große Besucherströme hoffen. Mit Spannung wird in der hessischen Landeshauptstadt allerdings auch auf einen Neubau in unmittelbarer Nachbarschaft des Museums geblickt. Dort baut der japanische Star-Architekt Fumihiko Maki ein Privatmuseum für die Reinhard & Sonja Ernst-Stiftung. Das streng puristische Gebäude wird die über 700 Gemälde und Skulpturen umfassende Sammlung abstrakter Moderne des Wiesbadener Unternehmers und Sammlers Reinhard Ernst beherbergen. Ernst, dessen Kollektion auf einen Wert zwischen 50 und 70 Millionen Euro geschätzt wird, übernimmt die gesamten Baukosten von über 50 Millionen Euro sowie die laufenden Betriebskosten. Die Fertigstellung des mit großer Bürgerbeteiligung geplanten Museums ist für Ende 2021 geplant.


Schenkung F.W.Neess 

ab 29.6.

Harald Sohlberg: 

Ein norwegischer Landschaftsmaler

12.7. bis 27.10.

Museum Wiesbaden

Friedrich-Ebert-Allee 2

65185 Wiesbaden

Di/Do 10-20 h, Mi/Fr 10-17 h, Sa/So 10-18 h

www.museum-wiesbaden.de