Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit

Markus Lüpertz: „Im Atelier des Bildhauers“, eine Ausstellung im Musée de la Vie Romantique in Paris/ Von Gaëlle Rybienik 


Links: Markus Lüpertz „Flora“, 2016, Gipsabguss 1/6, gefärbtes Wachs 35 x 13,5 x 22 cm

(© Galerie Michael Werner/cl. Jörg von Bruchhausen, Berlin)

Rechts: Markus Lüpertz „Ohne Titel (zu: Standbein - Spielbein)“, 1983 bis 1985 Kohle, Tinte, Gouache

(© Galerie Michael Werner/cl. Jörg von Bruchhausen, Berlin)


Die Serie der neuesten Skulpturen, die Markus Lüpertz zwischen 2016 und 2018 gestaltet hat, werden im „Musée de la Vie Romantique“ in Paris zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Diese Sonderausstellung konnte dank der Partnerschaft mit der Galerie Michael Werner organisiert werden, die auch die Mehrzahl der Kunstwerke für diese Schau zur Verfügung gestellt hat. Die letzte bedeutende Retrospektive über Markus Lüpertz in Frankreich fand 2015 im Musée d‘Art Moderne de la Ville de Paris statt. Der innovative Aspekt dieser aktuellen Schau besteht vor allem darin, die bisher weitgehend unbekannten, kleinformatigen, bildhauerischen Arbeiten von Lüpertz zu zeigen. Der Kurator der Ausstellung und Direktor des Museums, Jérôme Farigoule, hat diesen sehr spezifischen Blickwinkel auf das Œuvre von Lüpertz anhand einer Serie von sechsundzwanzig Skulpturen illustriert, die vornehmlich in den letzten zwei Jahren (2016-2018) entstanden sind. Jene im Vergleich zu den vorhergehenden Schaffensphasen des Künstlers eher kleinformatigen Skulpturen, die aus farbigen Gips oder Ton geformt und mit einer feinen Wachsschicht überzogen sind, muten wie eine miniaturistische Wiederbelebung jener Entwürfe von monumentalen Bronzefiguren an, die Markus Lüpertz auf diese Weise in einer neuen Dimension wiederauferstehen lässt, indem er ihnen eine andersgeartete Gestalt verleiht. Diese Miniatur-Skulpuren werden zusammen mit einer Reihe von Gemälden und Zeichnungen präsentiert und bilden zusammen ein Ensemble von etwas mehr als fünfzig Exponaten. Die ikonographischen Themen beziehen sich vornehmlich auf die antike Mythologie mit Figuren wie Poseidon, Triton oder Zerberus, oder stellen mehr oder weniger explizite Anspielungen auf weltweit bekannte Künstler der letzten Jahrhunderte wie Fragonard oder Beethoven dar. Lüpertz’ ausgeprägtes Interesse für jene kulturellen Referenzen und fast schon symbolischen Figuren rührt aus seiner tiefen Leidenschaft für Kulturgeschichte und wie auch immer geartete Kunstformen her. Er ist nämlich nicht nur für seine Gemälde und Kunstwerke bekannt, sondern auch für seine Gedichte wie die Waldnymphe „Flora“ (2016), die in der Pariser Schau in drei verschiedenen Versionen repräsentiert ist und geradezu beispielhaft eine der immer wiederkehrenden Figuren seiner phantasmagorischen Welt darstellt, der in Lüpertz Werk eine ganz besondere Bedeutung zukommt. Jene Nymphe „Flora“ wird auf einem Hügel thronend dargestellt, ihre Hände auf den Oberschenkeln liegend und in die Betrachtung mehrerer großer rotfarbiger Blumen versunken, die ihren Körper umgeben und gleichsam durch den Kontrast hervorzuheben scheinen. 

Bemerkenswert bei dieser Schau ist, dass diese überaus originelle Ausstellung mit der Atmosphäre des Musée de la Vie Romantique in absolut perfekter Harmonie zu stehen scheint. Jenes einzigartige Museum stellte ein künstlerisches Refugium dar, in dem Zeichnungen und Hinterlassenschaften der berühmten französischen Schriftstellerin George Sand (1804-1876) ausgestellt sind, aber auch das Atelier eines bekannten Malers der französischen Romantik Ary Scheffer (1795-1858). Ein eher kleines Museum, das direkt am Montmartre im neunten Pariser Arrondissement etwas abgeschieden gelegen ist. Im ersten Stockwerk werden hier die Werke der Lüpertz-Ausstellung unter dem Glasdach jenes lichtdurchfluteten Künstlerateliers, als Anspielung auf Lüpertz eigenes Atelier, ausgestellt. Die künstlerischen Wurzeln des in Böhmen geborenen Kunstschaffenden, der 1947 nach Deutschland eingewandert ist, situieren sich in der deutschen Nachkriegszeit. Die Wahl zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit umgehend entwickelte er in den 1960er-Jahren seine so genannte „dithyrambische Malerei“, ganz offensichtlich inspiriert von der Philosophie Nietzsches bezüglich des dionysischen Ritus, indem er sich fortan auf die maximale Vereinfachung der Formen und des künstlerischen Materials fokussierte. Dieses ausgeprägte Interesse für das verwendete Rohmaterial setzt sich in der Tat bis zu jener aktuellen Ausstellung fort, in diesem Falle Gips und Tonerde. Schon in den 1980er-Jahren hatte Lüpertz damit begonnen, gewisse mythologische und antike Themen auf seine Weise neu zu interpretieren und mit diesen Materialien zu arbeiten. Die Ausstellung stellt also in gewisser Weise einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart dar, zwischen nicht vollendeten Werken und neuen noch nicht ausgeführten Projekten. Lüpertz hat häufig seine großen Skulpturen erst als Kleinformat gestaltet. Diese Arbeiten in „Miniatur-Format“ entwickeln sich also in gewisser Hinsicht stringent als Experiment, Parallele und Ergänzung zu seinen eher monumental gestalteten Werken. 

Dieser spezifische Aspekt seines Schaffensprozesses veranschaulicht letztendlich eine Art kritischer Distanz zu seiner eigenen vielschichtigen Praxis als Bildhauer. Die sichtbaren Spuren der Plastizität werden nunmehr offensichtlich in Form von metallischen Elementen oder Holzstücken wie zum Beispiel im Werk „Kopf“ (2017). Sie existieren nicht mehr im Verborgenen, sondern werden vielmehr als integraler Bestandteil eines Kunstwerks veranschaulicht. Während der Schmelzungsprozess von Wachs oder aber Gips in Rohzustand gängigerweise als Vorstufe bei der Erschaffung eines Kunstwerkes betrachtet werden, vollzieht Lüpertz hier den entscheidenden Schritt zur Autonomisierung ihres Status vom Rohmaterial zu dem eines eigenständigen Kunstwerks. Bei dieser neuartigen Verwendung von Materialien, die sonst in dem künstlerischen Schaffensprozess einen Übergangsstatus haben, hinterfragt er auf diese Weise die Konzepte der für die Bildhauerei bislang spezifischen Charakteristika, wie zum Beispiel den Aspekt der Reproduzierbarkeit von Skulpturen. Markus Lüpertz experimentiert diesbezüglich mit allen möglichen Materialien, von der Unzerbrechlichkeit von Bronze bis hin zur Brüchigkeit von Gips. Die Kunstwerke sind mit einer mehrfarbigen Schicht bedeckt, manchmal eher bunt wie bei dem „Pilz“ (2017), manchmal eher schlicht gehalten wie im „Hölderlin (Der Morgen)“ (2018). 

Das Thema des menschlichen Körpers ist bei Lüpertz ein absolut zentrales Sujet, das durch die zahlreichen Zeichnungen illustriert wird, die in einem ständigen Dialog mit den dreidimensionalen Skulpturen stehen. Lüpertz Interesse für die Darstellung der nackten menschlichen Körper wird in der Serie „Standbein – Spielbein“ (1983 – 1985) deutlich. Die in Gips gestaltete dreidimensionale Darstellung des menschlichen Körpers wird somit auch in Form von Skizzen und Zeichnungen auf Papier übertragen. Ein im ersten Stockwerk der Ausstellung befindlicher Teil der Schau präsentiert eine Reihe von Skizzen, die eine systematische Recherche von bestimmten Bewegungen und Positionen des menschlichen Körpers illustrieren. Diese Bilder erinnern an antike griechische Skulpturen wie die des „Kouros“ (7. Jahrhundert v. Chr.), eine bekannte männliche Votiv- oder Grabfigur.

Diese Ausstellung ist auch insofern sehr originell und interessant, als dass sie die Frage des Großformats im Werk Lüpertz und seines systematischen Experimentierens mittels anderer Formate und Materialien unter Bezugnahme auf seine Werke seit 1981 aufwirft, insbesondere auf monumentale Bronzen von Göttern und Helden. Der gigantische Maßstab hat ihm die Möglichkeit verschafft, Skulpturen im öffentlichen Raum zu produzieren. Gemäß der spezifischen Sichtweise dieses Künstlers benötigt jedes Kunstwerk aber immer auch eine kritischen Distanz, um auf Dauer zu bestehen. Diese Herangehensweise wird überaus anschaulich demonstriert anhand von zwei Skulpturen, die sich außerhalb des Museums befinden. Die bemalten Bronzen „Standbein – Standspiel“ (1982) und „Hektor Kopf“ (2014) gemahnen an seine früheren dem Publikum schon vertrauten Werke, wie zum Beispiel die Skulptur „Hektor“, die auf dem Vorplatz des Bode-Museum 2015 zu sehen war. 

„Markus Lüpertz – das Atelier des Bildhauers“ ist letztendlich eine Ausstellung, die den bisherigen Schaffensprozess dieses überaus originellen Künstlers in einem angemessenen intimistischeren Rahmen dieses kleinen Pariser „Musée de la Vie Romantique“ illustriert und somit unter Beweis stellt, dass das Atelier eines Künstlers im Prinzip der ideale Ort ist, um die einzelnen Phasen des Schaffensprozesses der im Falle von Lüpertz von Mythologie und Poesie geprägten Skulpturen zu zeigen, die hier einen idealen Rahmen gefunden haben.


Markus Lüpertz – dans l’Atelier  

(Markus Lüpertz im Atelier) 

bis 20.1.19 

Musée de la Vie Romantique 

Hotel Scheffer-Renan

16, rue Chaptal 

75009 Paris 

Di-So 10-18 h

www.museevieromantique.paris.fr