Abstrakte Bildwelten aus Papier

Die Mainzer Künstlerin Lore Bert ist eine globale Akteurin / Von Petra Schaefer


Oben links: Lore Bert, „Bunte Vierpässe in Schwarz", 2016, Bildobjekt mit Japanpapier

Oben rechts: Lore Bert, „Tiefen", 2012, Bildobjekt mit Japanpapier und Blattgold

Unten links: Lore Bert, , „Goldenes Ornament", 2015, Bildobjekt mit Japanpapier und Blattgold,

Sammlung Sheikha Paula Al Sabah, Kuwait

Unten rechts: Lore Bert, „Koi", 2006, Bildobjekt mit Japanpapier, Sammlung Prof. Dr. Reinhold Würth, Museum Würth, Künzelsau


Die Künstlerin Lore Bert (geboren 1936 in Gießen) ist zwei Jahre nach ihrem 80. Geburtstag aktiver denn je. In ihren drei Ateliers – in der CADORO, Zentrum für Kunst und Wissenschaft in Mainz-Hechtsheim,  in ihrem Erfinder-Atelier in Mainz-Bretzenheim und in ihrem kleinen Studio in San Marco in Venedig – arbeitet sie parallel an verschiedenen Kunstwerken und Projekten. Während sie in Mainz vor allem großformatige dreidimensionale Papierobjekte und Transparente konzipiert und gestaltet, die von ihren Mitarbeiterinnen vollendet werden, widmet sie sich in Venedig mit Vorliebe kleinformatigen Papierarbeiten wie Collagen und Aquarellen.

In ihrer langen Karriere – ihre erste internationale Ausstellung führte sie 1985 nach Montreal in Kanada – zeigte Lore Bert bisher über 260 Ausstellungen in 28 Ländern auf beinahe allen Kontinenten, zuletzt unter anderem in Korea, Mexiko und St. Louis. Als eine der ersten westlichen Frauen wurde sie Ende der 1990er-Jahre zu Einzelausstellungen in die Vereinigten Arabischen Emirate eingeladen, 1998 nach Abu Dhabi und 1999 (und wieder 2007) nach Sharjah, wo sie als Ehrenkünstlerin der damals erst seit wenigen Jahren gegründeten „Sharjah International Arts Biennal“ ausgezeichnet wurde. Im Jahr 2002 folgte die von Dr. Dorothea van der Koelen kuratierte Gruppenausstellung „Wasser – Sand – Weite. Ein kultureller Dialog“, an der Lore Bert als einzige Frau mit namhaften internationalen zeitgenössischen Künstlern wie Eduardo Chillida, Heinz Gappmayr, Raimund Girke, Joseph Kosuth, François Morellet, Fabrizio Plessi, Günther Uecker, Bernar Venet und Lawrence Weiner teilnahm. 

Die in den Raum greifenden, dreidimensionalen Bildobjekte aus Japanpapier – das Lore Bert einfärbt, einrollt und vertikal auf den Bildträger appliziert und mit anderen Elementen wie Blattgold oder Nepalpapier kombiniert – sind von handwerklicher Präzision und ihre reduzierten abstrakten Formen sind kulturübergreifend erfahrbar. Die Künstlerin, die im Laufe der Jahre vor allem in den Papierbildern einen großen Farben- und Formenkanon erarbeitet hat, ist bekannt für ihre schlichten aber effektvollen Bildmotive wie im Bildobjekt „Goldenes Ornament“ aus dem Jahr 2015, das von der  Sheikha Paula Al Sabah aus der Königsfamilie in Kuwait für ihre Sammlung angekauft wurde. Dieses 180 x 180 cm

große Bildobjekt zeigt eine geometrische Form aus Blattgold, die aus Halbkreisbögen besteht, die ineinander verschränkt sind und eine blütenähnliche Struktur bilden. Lore Bert schafft hier eine Form, die einerseits, durch die vier zentralen übereinander liegenden Halbkreisbögen, in sich ruht, gleichzeitig jedoch, durch die acht kleineren Halbkreisbögen, die vom Bildzentrum aus nach außen weisen, über eine erstaunliche Dynamik verfügt. So verleiht sie dem Werk eine doppelte Bildästhetik. Während das in den Emiraten befindliche Bildobjekt in dunkelrotes Japanpapier gebettet ist, ist das gleichnamige Werk von 2018, das mit 

65 x 65 cm etwas kleiner ist und derzeit in der Ausstellung „Attached Beside Beyond Architecture“ in der Galerie „La Galleria“ in Venedig präsentiert wird, auf weißem Grund gestaltet. Beide Werke sind frei von inhaltlichen oder kulturellen Implikationen und erreichen durch ihre global begreifbare Bildsprache ein großes Publikum. 

Zur Architekturbiennale in Venedig zeigt die Galeristin Dr. Dorothea van der Koelen in diesem Jahr von Lore Bert  – neben Arbeiten von internationalen Künstlern wie Daniel Buren, Mohammed Kazem, Arne Quinze, Vera Röhm, Turi Simeti und Günther Uecker – unter anderem auch das Werk „16 bunte Vierpässe in Schwarz“ (90 x 90 cm) aus dem Jahr 2017. Es ist eine kleinere Version des 2016 entstandenen großformatigen Bildobjekts „Bunte Vierpässe in Schwarz“, das mit 

180 x 180 cm mehr als doppelt so viele kleinformatige bunte Vierpässe zeigt. Diese beiden Arbeiten auf schwarzem Grund haben eine Sonderstellung im Œuvre der Künstlerin, die hier zum ersten Mal mit einer so starken Dominanz dieser Farbqualität arbeitet und offenbar dezidiert den Gegensatz zu den hellen und leichten Arbeiten auf weißem Grund wählt.

Bildobjekte mit schwarz-weißen geometrischen Formen auf weißem Grund sind bereits vorher entstanden, unter anderem in der Beschäftigung mit den venezianischen Marmorfußböden in Kirchen und Palästen. Das aus dem Jahr 2012 stammende Werk „Tiefen“ 

(180 x 180 cm) zeigt anschaulich die geometrischen Studien, die Lore Bert mit dem ihr innewohnenden tektonischen Interesse immer weiter treibt. Formal referiert sie auf den Fußboden der historischen Markusbibliothek in Venedig und kombiniert in dem für die Struktur zu Grunde liegenden Quadrat zwei gleich große feine längsrechteckige Streifen in Weiß und Schwarz, die an einer Seite eine Kante haben und dort aufeinander treffen, sodass sie zu einem tragenden Element für das darüber liegende goldene Quadrat werden. Das Blattgold wurde auch hier – in 23 Karat – direkt auf die Oberfläche aufgetragen. Dr. Dorothea van der Koelen schreibt über die Fußbodenstudien von Lore Bert im Jahr 2013 – aus Anlass der Ausstellung in den Prunkräumen der Marciana-Bibliothek in Venedig als offizielles Collateral-Event der Kunstbiennale – „Es ist verblüffend zu sehen, wie Tiefen entstehen allein durch die Suggestion von Licht und Schatten, wie Raum und Flächen miteinander einen Dialog eingehen, sich vermischen, ein Ganzes werden.“ 

Die gleiche reliefartige Papierstruktur hat auch das Bildobjekt „Koi“ aus dem Jahr 2006 (180 x 180 cm, Sammlung Prof. Dr. Reinhold Würth), das zuletzt 2016 in der Ausstellung „Wasser. Wind. Wolken. Elementar- und Wetterphänomene“ in der Kunsthalle Würth gezeigt wurde. Anders als in den bisher vorgestellten Werken verwendet Lore Bert hier keine geometrischen, sondern abstrakte amorphe Formen. Auf dem weißen Bildgrund befindet sich am rechten oberen Bildrand ein größeres rotes fleckenartiges Element, darüber liegt eine kleinere wellenartige schwarze Masse. Diese Komposition wird ergänzt durch drei kleinere Flächen in Rot und Schwarz, die wie zufällig an den Außenrändern angeordnet sind. Ähnlich wie in ihren Aquarellen lässt Lore Bert die Bildelemente förmlich schweben: es gibt keine Anhaltspunkte für eine Ausrichtung im Raum. Einzig der Bildtitel „Koi“ konkretisiert das Bildthema auf einer übergeordneten intellektuellen Ebene: der große rote Fleck ist das Wesen eines Kois, eines japanischen Zuchtfisches, wie er im Teich von Lore Bert in ihrem Mainzer Garten schwimmt. Mit diesem Wissen ändert sich die Wahrnehmung der abstrakten Darstellung, die zur Detailaufnahme eines weißes Fisches wird, mit den signifikanten schwarzen und roten Markierungen eines Kois, der in einem imaginären Seerosenteich herum schwimmt. Trotz dieses Bild-Text-Bezuges hat das Werk eine hohe abstrakte Qualität und weist ein sehr ähnliches Bildformular auf, wie eine Reihe von Bildobjekten, die im Jahr 2003 in der Ausstellung „Architettura Veneziana“ in Venedig präsentiert wurden. Mit den Titeln „Il fuoco del Teatro“ (das Feuer des Theaters), „Flammen“ und „Il fuoco della Fenice“ (Die Flammen des Fenice-Theaters) referiert Lore Bert auf den Brand des berühmten Opernhauses Teatro La Fenice in Venedig im Jahr 1996, das 2003 nach dem Wiederaufbau eingeweiht wurde. So lassen auch hier die Bildtitel eine Interpretation der amorphen roten Strukturen und der kleinen schwarzen Elemente zu: als züngelnde Flammen im Wind. Ihre verschiedenen künstlerischen Interessen und Techniken führt Lore Bert im Kontext von ortsbezogenen Installationen zusammen. In ihren so genannten Papierräumen ordnet sie verschiedene Objekte – wie Lichtwerke, Skulpturkörper oder Spiegelobjekte – auf einer dreidimensionalen Fläche aus kunstvoll eingefaltetem Japanpapier an, das mit einer Höhe von circa einem Meter eine Art Bühne für ihre Kunst bietet. Im Jahr 2013 präsentierte Lore Bert ein solches Meer aus Papier mit fünf großformatigen verspiegelten platonischen Körpern in der Markusbibliothek in Venedig im Rahmen ihrer Ausstellung „Kunst & Wissen – der Geist des Ortes in den 5 Platonischen Körpern“, einem offiziellen Collateral-Event zur Kunstbiennale. Zuletzt schuf sie im Rahmen der Ausstellung „Im Banne der Kulturen – Fragile Werte“, einer Wanderausstellung anlässlich des 80. Geburtstages der Künstlerin im Jahr 2016 mit Stationen in Rom, Venedig, Schloss Mochental, Lugano, Mexiko Stadt und schließlich, im Jahr 2017, Lublin, jeweils verschiedene In-Situ-Environments. Für die Schau in Lublin entstand der Papierraum „Karussell“, in dem Lore Bert bunte konische mit Buchstaben beschriftete Objekte in einer Reihe anordnet und eine künstlerische deutsch-polnische Verbindung schafft. Aus Anlass dieser Ausstellung hat der Präsident der Stadt Krzysztof Zuk die Künstlerin für ihre Verdienste um das kulturelle Leben der Stadt mit der Medaille der Stadt Lublin ausgezeichnet.

 

Petra Schaefer ist Kunsthistorikerin am Deutschen Studienzentrum in Venedig und promoviert an der Universität Mainz zum Thema „Im Dialog mit den Kulturen – zu grundlegenden Aspekten im Werk von Lore Bert“. In KUENSTLER, Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst erschien 2016 ein Beitrag von der Autorin zu Lore Bert (Ausgabe 115/Heft 15/ 3. Quartal 2016).


KOMMENTAR

von Chefredakteur Manfred Möller

Als ich mich in den Atelierräumen im imposanten Mainzer Kunstgebäude CADORO-Zentrum für Kunst und Wissenschaft mit der renommierten zeitgenössischen Künstlerin Lore Bert und der Galeristin Dr. Dorothea van der Koelen zum Gespräch traf, begrüßten mich die beiden eleganten Damen bei strahlendem Sonnenschein. Sie führten mich durch die beeindruckende Galerie und anschließend setzten wir uns zum Kaffee. Hier saß ich nun, mir gegenüber die große und viel geachtete Künstlerin Lore Bert, deren Ausstrahlung einen, ähnlich wie auch ihre Werke, in den Bann zieht. Daneben die ebenso stilvolle Hausherrin des CADORO, Dr. Dorothea van der Koelen – eine der bedeutendsten Kunsthändlerinnen Deutschlands, die nicht nur wegen der palastähnlichen Dimensionen ihrer Mainzer Galerie, sondern auch wegen ihrer außerordentlichen Leistungen wohl als eine Fürstin der Galerieszene bezeichnet werden kann. Führt sie mit La Galleria doch dazu noch eine der renommiertesten Galerien im italienischen Venedig. Knapp zehn Angestellte beschäftigt die tüchtige Galeristin alleine in Mainz. Eine Zahl, die erahnen lässt, wie umtriebig Frau van der Koelen ist. Als Verleger war ich besonders auch von den Tätigkeiten und der Bedeutung ihrer Buchstiftung begeistert, sowie von dem ebenfalls von Dr. Dorothea van der Koelen geführten Chorus-Verlages. Die Bibliothek des Verlages umfasst mittlerweile annähernd 40 000 Kunstbücher. 

Diese beiden starken Frauen haben mich sehr beeindruckt. Die Arbeiten Lore Berts faszinieren mich schon lange. Als umso wertvoller habe ich das Treffen empfunden und freue mich Ihnen hier einen umfangreichen Artikel zum Werk Lore Berts präsentieren zu dürfen.

 

Abb.: Lore Bert, „Karussell", 2017, Environment mit 9 konischen beschrifteten Objekten in verschiedenen Farben,

Lublin Muzeum Lubelskie