Im Universum des Meisters

Leonardo da Vinci zum 500.Todestag/ Von Marianne Hoffmann


Leonardo da Vinci, eigentlich Lionardo di ser Piero da Vinci, Sohn des Piero aus Vinci, starb am 2. Mai 1519. Denkt man an da Vinci, denkt man an die Mona Lisa oder umgekehrt. Leonardo da Vinci war ein Multitalent, ausgestattet mit vielen Begabungen und Fähigkeiten, wovon die Menschheit, die Kunst und die Wissenschaft nachhaltig profitiert haben. Wen wundert es also, dass sich das Jahr 2019 rüstet, ein unvergessliches da-Vinci-Jahr zu werden. Nicht nur, dass es viele Bücher zu da Vinci geben wird, wie das wieder aufgelegte prächtige, umfassend informierende Standardwerk des Leipziger Kunsthistorikers Frank Zöllner zu sämtlichen Gemälden Leonardos, jetzt ergänzt um ein neues, ausführliches Vorwort zum umstrittenen Salvator Mundi, sondern auch Ausstellungen europaweit. Die Retrospektive zum Leonardo-Jahr zeigt der Louvre in Paris, mit Leihgaben aus aller Welt, wenngleich mit den Uffizien in Florenz, die den größten Leonardo-Bestand beheimaten, noch intensiv verhandelt wird. Genaue Termine gibt es noch nicht, wahrscheinlich beginnt die Ausstellung im September. An der Loire, wo Leonardo vor 500 Jahren im Schloss Clos Lucé in Amboise stirbt, gibt es ein großes Festival zu Ehren des Meisters – weitgehend ohne originale Werke.(www.vivadavinci2019). In Großbritannien geht es weiter. Dort wird die Royal Collection mit ihrem großartigen Bestand an Leonardo-Zeichnungen zunächst an zwölf Orten im Königreich gezeigt (vom 1. Februar bis zum 6. Mai). Über 200 Blätter sind anschließend vom 24. Mai bis zum 13. Oktober im Buckingham Palace in London zu sehen (www.rct.uk). Und in Deutschland? Als einziges deutsches Museum besitzt die Alte Pinakothek in München ein Gemälde von Leonardo: die Madonna mit der Nelke. Noch bis zum 2. Februar ist das Werk im Rahmen einer großen Ausstellung über Florenz und seine Maler zu sehen. Eine weitere Möglichkeit, sich mit Originalen von Leonardo zu beschäftigen, bieten zahlreiche Kupferstichkabinette, etwa das der Hamburger Kunsthalle, der Albertina in Wien oder der Preußen-Stiftung in Berlin. Man kann sich dort nach Anmeldung einzelne Grafiken oder Zeichnungen vorlegen lassen. Das heißt, noch nie war so viel Leonardo zu sehen wie in 2019. Das heißt aber auch, dass man einmal getrost den Louvre und die dort ausgestellte „Mona Lisa“ vergessen kann, denn wer es geschafft hat, trotz Menschentrauben vor dem kleinen Bild einen Blick darauf zu erhaschen, wird sich von dieser Enttäuschung nie mehr erholen. Der „Hype“ um dieses kleine Werk kann eigentlich nur damit erklärt werden, dass es einst gestohlen wurde und lange als verschollen galt. Leonardo da Vinci, der große Maler, Bildhauer, Baumeister und Naturforscher des 15. Jahrhunderts, hat geglaubt, dass die Wirklichkeit über das Sehen vollständig zu erfassen sei: sein Erkenntnisinstrument ist das Auge, für ihn ist alle Wissenschaft Erfahrungswissenschaft. Seine Methode ist das theoriebezogene Experiment, denn nur das Experiment könne die Wahrheit in der Wissenschaft belegen - zu seiner Zeit ein völlig neuer Wissenschaftsbegriff. Leonardos damals neuartiger Wissenschaftsbegriff wird heute mit einem Zitat belegt: „Sagst du, die Wissenschaften, die vom Anfang bis zum Ende im Geist bleiben, hätten Wahrheit, so wird dies verneint vornehmlich deshalb, weil bei solchem reingeistigen Abhandeln die Erfahrung nicht vorkommt; ohne dies gibt sich aber kein Ding mit Sicherheit zu erkennen.“ Das philosophische Prinzip Leonardos, so sieht es Professor Michael Sukale von der Universität Oldenburg, sei einfach: Das Sehen stellt für Leonardo eine gegenüber allen anderen Sinnen und Erkenntnismöglichkeiten besondere Beziehung zur Welt her. Leonardo hat geglaubt, dass alle Realität entweder schon sichtbar ist oder doch wenigstens sichtbar gemacht werden kann. Nun ist dieses Prinzip aber offenbar falsch. Man weiß, dass die Wirklichkeit nur bedingt mit den Sinnen erfahren werden kann. Dennoch lassen sich mit diesem Prinzip fast alle Forschungen Leonardos erklären. Leonardo musste den konstruktiven Beweis dafür erbringen, dass alles zeichnerisch darstellbar ist. Mit größter Genauigkeit bildete er deshalb das ab, was er in der Natur sah, und übertrug es damit von der dreidimensionalen Wirklichkeit auf die zweidimensionale Fläche. Um das Innere von Objekten sichtbar zu machen, arbeitete Leonardo mit zu seiner Zeit völlig neuen Prinzipien. So stellte er sich den Menschen als durchsichtig vor, um dadurch die inneren Organe und ihre genaue Lage sichtbar zu machen, ohne dabei die äußere Form aus den Augen zu verlieren.

Leonardo hat die Welt durch das Experiment und die Wahrnehmung rastlos erforscht und seine Theorien, seine Experimente und seine Beobachtungen durch sein zeichnerisches Können für die Nachwelt anschaulich gemacht.

(Abb.: So genanntes Selbstbildnis Leonardo da Vincis, um 1512, Rötelzeichnung, Biblioteca Reale, Turin © Wikipedia.de)