eigenwillig, ungemütlich und übersichtlich

Die Art Brussels 2019/ Von Marianne Hoffmann

Impression der Art Brüssel


Anne Vierstraete, die Direktorin der Brüsseler Messe für zeitgenössische Kunst, tritt vor die versammelte Journaille um eine knappe Stunde frei und emotional über die Art Brussels 2019 zu sprechen. Den einzigen Anhaltspunkt für ihre Rede ist der Plan der Messe.  Das ist ungewöhnlich, persönlich und spiegelt das, was die Brüsseler Messe ausmacht: sie ist jung, überschaubar, unbequem und übersichtlich. 

157 Galerien aus 32 Ländern sind auf der 37. Ausgabe der Art Brussels vertreten, das sind weit wenige als in den Vorjahren, als man noch weit über 200 Galerien auf der Messe finden konnte. In diesem Jahr präsentieren die internationalen Galerien Werke von 735 Künstlern in den Hallen von Tour & Taxis, einer ehemaligen Poststation derer von Tour & Taxis. Als die ehemaligen Hallen umgebaut wurden, kaschierten Teppiche tiefe Löcher und heute gibt es ein Designzentrum, eine Tiefgarage und die Bautätigkeiten sind noch nicht zu Ende. Es hat der Art Brussels gut getan 2016 aus den Messehallen in Nachbarschaft zum Atomium auszuziehen und sich hier zu etablieren. Anne Vierstraete weist in ihrer Rede  darauf hin, dass Kunstmessen in einer Zeit, die von neuen digitalen Technologien und sozialen Netzwerken nahezu besessen ist, es zunehmend schwerer haben, die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu lenken, das bedeutet: Schon im Vorfeld kann man sich informieren, was man auf der Messe zu sehen bekommt, welche Künstler vertreten sein werden. „Wir sind einem derartigen Übermaß an visuellen Reizen ausgesetzt, dass man sich zunehmend anstrengen muss, sein Publikum noch mitzureißen“. Und „Das Publikum, das wir in erster Linie im Blick haben, sind natürlich die belgischen Sammler“, so die Messedirektorin. Diese Stammklientel ist in Belgien eine Besonderheit und eine zuverlässliche Größe, auf die man hier verlässlich zählen kann. Sie bescheinigt dieser Klientel auch, besonders mutig zu sein, was die Bereitschaft angeht, auch etwas schwierigere Kunstwerke zu erwerben. 

Dabei spielen, so Vierstraete, über Generationen weitergereichte, familiäre Kunstsammlungen ebenso eine Rolle, wie die Bereitschaft, sich über Kunst und Künstler zu informieren und sich auszutauschen. So ist man es gewohnt, dass man auf der Messe  nicht nur schöne Kunst findet, sondern eine Kunst die herausfordert und die vor allem den zweiten Blick fordert. 

250 bis 300 Kunstmessen und messeähnliche Veranstaltungen gibt es mittlerweile weltweit. Parallel zur Art Brussels findet die Art Montecarlo statt, und in Berlin das 15. Gallery Weekend. Die Art Cologne ist gerade zu Ende gegangen und die Biennale von Venedig wirft ihre Schatten voraus, die in der nächsten Woche ebenso beginnt  die Frieze New York oder die  TEFAF New York. Für Anne Vierstrate und ihr Team ist diese Konkurrenz Ansporn genug, noch besser zu werden. Und in einem Punkt unterscheidet sich diese Messe von allen anderen: es gibt noch einen gedruckten, sorgfältig ausgearbeiteten Katalog, in dem man sich noch einmal in Ruhe umsehen kann, und vielleicht doch noch die ein oder andere Kaufentscheidung fällt.  

Nach 12 Jahren nach Brüssel zurückgekehrt ist Jochen Hampel aus Leipzig. Gerade hat er Köln beendet um sofort nach Brüssel zu reisen. Warum? „Ich habe einen belgischen Künstler neu im Program, den möchte ich den Sammlern vorstellen“,  sagt er. Nur zwei Künstler hat er dabei und fühlt sich gut damit. Und wer die Augen offen hält, wird wahre Kunstraritäten auf der Messe finden, wie den Computerkunst-Pionier Manfred Mohr, der seit Ende der 60er Jahre Zeichnungen von Programmen entwerfen und einem Plotter zeichnen ließ. Zu finden bei der Galerie Charlot mit Sitz in Paris und Tel Aviv, oder die noch junge  Brüsseler QG Gallery, die Karl Georg Pfahler präsentiert. Dieser zielt auf die materielle Präsenz von Fläche und Farbe und ist damit aktueller denn je. Großer Bahnhof auf der Messe auch für Jos de Gruyter und Harald Thys, die Belgien auf der Biennale in Venedig repräsentieren. Mit ihren, auf dem 3D Drucker hergestellten Köpfen von Politiker, Diktatoren, Mördern, Mordopfern aber auch B-Movie-Darsteller ziehen sie das Publikum magisch an. 

Diese Messe ist immer eine Reise wert und das nicht nur, weil sie in Brüssel stattfindet, wo man ja die besten Pommes in Europa bekommt und wo mehr Champagner getrunken wird als in Frankreich.