EIN HOCH AUF DEN NORDEN

Nicht nur bei Regenwetter lohnenswert: Auch in diesem Sommer locken die Museen an Nord- und Ostsee  mit einem hochkarätigen Ausstellungsprogramm


Links: Kunsthalle Emden: Erich Heckel: Weidende Pferde, 1909, Öl auf Leinwand,  73,5 x 85,5 cm, Stiftung Sammlung Ziegler im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr, © Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen 2019 (© Foto: Stiftung Sammlung Ziegler)

Rechts: Ahrenshoop: Gerhard Marcks und Alfred Partikel: Kleiner Flügelaltar  (Osteraltärchen), um 1920, Holz, vergoldet und mit Ölfarbe bemalt,  41 x 44 cm, Gerhard-Marcks-Stiftung Bremen


Schlechtes Wetter an den Küsten, hohe Besucherzahlen in den Museen. Gut aufgestellte Häuser mit einem attraktiven, sommerlichen Ausstellungsprogramm bieten auch in diesem Jahr spannende Alternativen zu einem verregneten Strandtag – oft für die ganze Familie. So besuchen jedes Jahr rund 60.000 bis 70.000 Kunst-freunde die Kunsthalle Emden in der Urlaubsregion Ostfriesland. Aber auch ein Trip nach Hamburg in die Sammlung Falckenberg lohnt sich in diesem Sommer für Freunde der Videokunst. Und wer seinen Badeurlaub an der Ostsee für einen Tag unterbrechen möchte, kann „Meese total“ in der Hansestadt Lübeck erleben. Kunst statt Strand! Die ZEITKUNST stellt acht Museen an deutschen Küsten mit ihren Sommerausstellungen vor.

 

Der Berliner Jonathan Messe versteht sich als Totalkünstler. Er arbeitet in den Medien Malerei, Skulptur, Zeichnung, Collage, Installation, Video und Performance. Von seiner opulenten Bildsprache konnte man sich in der Hansestadt Lübeck seit März an gleich mehreren Ausstellungsorten überzeugen. Unter dem Titel „Dr. Zuhause K.U.N.S.T. (Erzliebe)“ waren Arbeiten aus allen Werkphasen zu sehen. Das gemeinsame Ausstellungsprojekt der Lübecker Museen endet nun langsam. Wer sich allerdings beeilt, kann noch bis zum 4. August in der Kunsthalle St. Annen und im Günter Grass-Haus fündig werden. Der 1970 in Tokio geborene Meese verbrachte seine Kindheit und Jugend im schleswig-holsteinischen Ahrensburg bei Hamburg unweit von Lübeck. Neben Berlin hat er dort nach wie vor einen Wohnsitz.

www.die-luebecker-museen.de/meese

 

Allein der Titel der Ausstellung gibt schon Rätsel auf. Noch bis zum 3. November läuft in der Sammlung Falckenberg, der Harbur-ger Dependance der Hamburger Deichtorhallen, die Schau „Fuzzy Dark Spot. Videokunst aus Hamburg.“ Kuratiert von dem Hamburger Videokünstler Wolfgang Oelze, bildet der ungewöhnliche Titel, der einem Internetforum entnommen ist, in dem über Schimmelbildung auf Kamera-linsen diskutiert wird, die Klammer für 56 Videoarbeiten von mehr als 30 Künstlern. Wer die Ausstellung in den Phoenixhallen südlich der Elbe besucht, sollte viel Zeit mitbringen. An vielen thematischen Stationen auf vier Etagen werden historische und aktuelle Positionen von Künstlern wie Christian Jankowsky, Harun Farocki, Stefan Panhans, Inga Svala Thorsdottir oder Paul McCarthy gezeigt. Untersucht wird der Einfluss von Videobildern auf unser kollektives Bewusstsein sowie der Zweifel am Wahrheitsgehalt elektronisch erzeugter Bilder. In Zeiten von „Fake News“ ein wahrhaft notwendiges Unterfangen.

www.deichtorhallen.de

 

Wer in diesem Sommer in der Region Fischland-Darß an der mecklenburgischen Ostseeküste Urlaub macht, sollte einen Besuch im Kunstmuseum Ahrenshoop einplanen. Das im Jahr 2013 von Staab Architekten Berlin umgebaute Museumsensemble verfügt über eine große Sammlung von mehr als 800 Werken. Die Gemälde, Druckgrafiken und Skulpturen stammen allesamt von Künstlern, die in der Künstlerkolonie Ahrenshoop gelebt und gearbeitet haben oder dem Küstendorf als Sommerfrische oder temporärem Rückzugsort in politisch angespannten Zeiten verbunden waren. Dabei spielten Künstlerfreundschaften immer eine wichtige Rolle. So zeigt das Muse-um Ahrenshoop noch bis zum 8. September die Ausstellung „Gerhard Marcks und Alfred Partikel. Eine Künstlerfreundschaft in Ahrenshoop“. Außerdem zu entdecken: die noch bis zum 1. September laufende, sehenswerte Schau „Respekt und Widerhall“, die Werke des Rostocker Bildhauers Jo Jastram (1928-2011) im Dialog mit seinen Künstlerfreunden Kate Diehn-Bitt und Johannes Müller zeigt.

www.kunstmuseum-ahrenshoop.de

 

Ein beliebtes Ausflugsziel an der ostfriesischen Küste ist die 1986 gegründete Kunsthalle Emden. Ins Leben gerufen wurde das erfolgreiche Ausstellungshaus mit internationalem Ruf von STERN-Gründer Henri Nannen und seiner Frau Eske. Basis der Kunsthalle ist die Sammlung Henri Nannen mit dem Schwerpunkt in der Klassischen Moderne sowie die Schenkung des Münchner Galeristen Otto von de Loo, die die Zeit nach 1945 umfasst. Nordsee-Urlaubern sei ein Besuch der bis zum 15. September laufenden Ausstellung „Marc, Macke, Nolde. Meisterwerke der Sammlung Ziegler“ empfohlen. Gezeigt wird eine der bedeutendsten Privatsammlungen des Expressionismus und der klassischen Moderne in Deutschland, die ihre Heimat eigentlich im Kunstmuseum in Mülheim an der Ruhr hat. In der sehr persönlich geprägten Sammlung des Chemikers und Nobelpreisträgers Karl Ziegler (1898-1973) und seiner Frau Maria spiegelt sich die  Liebe des Paares zur Natur und zum einfachen Leben wider.

www.kunsthalle-emden.de

 

Noch bis zum 25. August sind im Ostholstein-Museum Eutin abstrakte und gegenständliche Gemälde des Freiburger Künstlers Ralph Fleck zu sehen. Der 1951 geborene Maler studierte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe und lehrte von 2003 bis 2015 als Professor für Malerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. In der Sommerausstellung im Ostholstein-Muse-um werden jetzt rund 70 Werke von Fleck gezeigt. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Landschaften, Stillleben und Stadtbilder, die auf der ganzen Welt entstehen. Ralph Fleck interessiert sich für Hochhäuser, Straßenschluchten und Fassadenstrukturen, die das urbane Leben prägen. Er findet seine Motive in Städten wie Frankfurt, London, Berlin, Amsterdam, Madrid, New York, Paris, Lissabon oder Venedig. Seine großformatigen Gemälde, häufig aus der Vogelperspektive, erzielen beim Betrachter eine dreidimensionale Wirkung. Neben seinem Hauptwohnsitz in Freiburg unterhält Ralph Fleck noch weitere Ateliers in Portugal und Spanien.

www.oh-museum.de

 

In der Hansestadt Bremen ist sie keine Unbekannte. Die 1957 in Marl geborene Künstlerin Karin Kneffel war von 2000 bis 2008 Professorin für Malerei an der Hochschule für Künste in Bremen. Noch bis zum 29. September zeigt die Kunsthalle Bremen eine Solo-Schau der Meisterschülerin von Gerhard Richter mit dem Titel „Still“. Bekannt geworden ist Karin Kneffel mit der realistischen Darstellung von überdimensionalen Früchten sowie mit Tierporträts in Nahsicht aus den frühen 1990er Jahren. Die Bremer Ausstellung zeigt die künstlerische Entwicklung der Malerin von ihrem Frühwerk bis in die Gegenwart. Seit vielen Jahren beschäftigt sich die Düsseldorfer Künstlerin in ihren monumentalen Gemälden und grafschen Arbeiten mit komplexen Raum- und Zeitschichtungen. Die jetzige Professorin an der Akademie der bildenden Künste in München ist mittlerweile auch auf dem Kunstmarkt ein Star. Sie wird unter anderen von der New Yorker Top-Galerie Gagosian vertreten. Ihre Werke werden von zahlreichen Museen und Privatsammlern wie etwa Frieder Burda gekauft.

www.kunsthalle-bremen.de