Porträts jenseits aller Regeln

Die renommierte Biblioteca Nazionale Marciana in Venedig zeigt die DNS-Porträts des Fotografen Kevin Clarke /

Von Katrin Neuwirth

Kevin Clarke, „Portrait of Joseph Beuys”, 2012, vier gerahmte Fotografien, 114 x 82 cm je Arbeit


Eine Bibliothek beherbergt eine Sammlung veröffentlichter Informationen, eine Vielfalt bewahrter Inhalte, ein komplexes Archiv. Als ein komplexes Archiv ist auch die DNS-Struktur anzusehen, die die Basis der entscheidenden Erbinformationen des Menschen darstellt. Auf diese Verbindung spielt der Titel der Ausstellung „Die Bibliothek in uns“ an, die vom 6. bis 22. Juli in der renommierten Biblioteca Nazionale Marciana in Venedig zu sehen ist. Gezeigt werden die außergewöhnlichen Porträts des Fotokünstlers Kevin Clarke. Der Großteil der präsentierten Werke stammt aus dem international bekannten Zyklus „DNA Portraits“. Dieser wird durch neue, eigens für die Ausstellung entstandene Arbeiten ergänzt. Die insgesamt 30 Fotografien werden auf Ständern und in Vitrinen präsentiert. 

Die DNS-Porträts des 1953 in Brooklyn geborenen Künstlers und Fotografen Kevin Allan Clarke sind als Idealporträts zu verstehen, mit denen er Unsichtbares sichtbar macht. Während das Genre der Porträts in der Regel naturgetreue Abbilder des Menschen vorsieht, revolutioniert Clarke gewissermaßen diese Gattung und schafft Werke jenseits aller Regeln. Der Künstler lässt von seinen Porträtierten eine Blut- oder Speichelprobe entnehmen und diese in einem Labor analysieren. Dieser genetische Fingerabdruck schlägt sich dann im Werk des Künstlers in Form von spezifischen Linien, Kurven oder Buchstabenfolgen nieder. Immer wieder tauchen die vier Zeichen A, T, C und G auf, bei denen es sich um die Basen der DNS Adenin, Thymin, Cytosin und Guanin handelt. Die aus der Genetik gewonnenen Informationen kombiniert der Künstler mit einer Metapher, die stellvertretend für den Charakter oder eine bestimmte Eigenschaft der jeweiligen Person stehen soll. Diese ist beispielsweise ein Objekt oder eine Pflanze. Das erste DNS-Porträt des Künstlers stammt aus dem Jahr 1988. Für dieses Selbstporträt stellte er sein eigenes Blut zur Verfügung und konnte es mittels eines Analyseverfahrens durch die Firma Applied Biosystems in Kalifornien realisieren. Kurze Zeit später entstand unter dem Titel „Tertulia“ eine Serie, die Porträts über Clarkes damalige Frau und Freunde umfasst. Mittlerweile existieren rund 100 DNS-Porträts des Künstlers. 

 


Links: Der Fotograf Kevin Allan Clarke

Rechts: Kevin Clarke, „Portrait of James D. Watson”, 2018, zwei Tafeln, jeweils 90 x 50 cm


Die Begegnung mit dem Nobelpreisträger James Watson beeinflusste die Entstehung dieser besonderen Werke maßgeblich. 1953 postulierte der Wissenschaftler gemeinsam mit Francis Crick das Doppelhelixmodell der Molekularstruktur der Desoxyribonukleinsäure (DNS). Von dem Wissenschaftler erfuhr der Künstler, dass es bislang noch an einem labortechnischen Verfahren fehle, um die DNS-Sequenz individualisiert und non-komparativ darzustellen. Also nahm er zu dem Unternehmen Applied Biosystems Kontakt auf um ein solches Sequenzierungsverfahren entwickeln zu lassen. Watson sequenzierte im Jahr 1998 seine eigene DNS für Clarke und gestattete ihm, sein ursprüngliches dreidimensionales Modell zu fotografieren. Und ebendieses Modell, das stellvertretend für die großartige Leistung des Wissenschaftlers steht, stellt der Künstler in das Zentrum seines neuen Porträts über Watson. Unter einem Glas ist hier das geometrische Gebilde der Doppelhelix zu entdecken – links und rechts umrahmt von Zahlenreihen der Zeichen A, T, C und G. Die Blau-, Grün- und Türkistöne des Hintergrunds finden sich auch in Form kleiner Farbflecken an dem Modell wieder. Diese metaphorische Bildkomposition stellt eines der Highlights dar, die in der Ausstellung in der Biblioteca zu sehen sein werden. Ebenfalls Teil der Schau ist ein Porträt von Dr. Maurizio Messina, langjähriger Direktor der ehrwürdigen Biblioteca Nazionale Marciana. Diese Hommage ist auch als Würdigung der Leistungen des Direktors zu verstehen, der Jahrzehnte in sein Lebenswerk investierte und nun in den Ruhestand geht. Die Biblioteca Nazionale Marciana, die monatlich circa 30 000 Besucher zählt, wurde im Jahr 1468 gegründet und feiert 2018 ihr 550-jähriges Bestehen. Anlässlich dieses Jubiläums finden in der Bibliothek und auf dem Markusplatz zahlreiche Veranstaltungen statt. Die Ausstellung „Die Bibliothek in uns“ ist eine der Attraktionen, die sich Besucher in dieser Zeit ansehen können. 

Einige der dort präsentierten Werke widmen sich auch Künstlern – so etwa Nam June Paik, Dieter Roth oder Peter Fend. Das 2012 entstandene Porträt des bekannten deutschen Aktionskünstlers, Bildhauers und Kunsttheoretikers Joseph Beuys besteht sogar aus vier gerahmten Fotografien à 114 x 82 Zentimeter. Der als bedeutendster Aktionskünstler des 20. Jahrhunderts geltende Kunstschaffende, den Clarke persönlich kannte, definierte einen „erweiterten Kunstbegriff“ und entwickelte eine Konzeption der Sozialen Plastik als Gesamtkunstwerk. Clarke wählte vier Tiere, die in ebenso vielen Bildern eine Aussage über den Künstler treffen sollen: Einen Esel vor rotem Hintergrund, einen Hasen vor blauem Hintergrund, einen Kojoten vor gelbem Hintergrund und einen grünlich schimmernden Schwan vor blassrosa Hintergrund. Tiermotive als Bildinhalte auszusuchen erweist sich als sehr passend, hatten diese für das Leben und Œuvre von Joseph Beuys eine große Bedeutung. Es ist naheliegend, dass der Hase ein Symbol für Beuys‘ Aktion „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ vom 26. November 1965 darstellt. Die Performance ist als Höhepunkt von Beuys‘ Entwicklung eines „erweiterten Kunstbegriffs“ anzusehen. In der Düsseldorfer Galerie Schmela versperrte der Künstler die Tür von innen, sodass die Besucher draußen bleiben mussten und sich das Szenario nur durch das Fenster ansehen konnten. Den Kopf mit Blattgold, Goldstaub und Honig bedeckt und mit einem toten Hasen auf dem Arm schlenderte Beuys durch die Ausstellung. Es hatte den Anschein, als ob er dem Kadaver die Objekte erklären würde. Als das Publikum nach drei Stunden wieder Zutritt zu den Räumlichkeiten hatte, saß der Kunstschaffende mit dem Hasen auf dem Arm auf einem Hocker im Eingangsbereich – den Besuchern seinen Rücken zugewandt. Bei den Römern und Germanen ist der Hase ein Symbol für Fruchtbarkeit, bei den Christen für Auferstehung. Indem der Künstler für seine Performance einen toten Hasen wählt, kann dieser gewissermaßen für die Wiedergeburt stehen. Wie der Hase in Clarkes Porträt verweist auch der Kojote auf eine Aktion von Joseph Beuys. In die vom 21. bis 25. Mai 1974 dauernde Performance „I like America and America likes Me“ in der Galerie René Block in New York bezog der Künstler diese Hundeart mit ein, die für ihn spirituelle Energien besitzt und von den nordamerikanischen Ureinwohnern als heiliges Tier verehrt wird. Der Schwan ist bereits in den frühen Arbeiten von Beuys präsent und hatte nicht zuletzt durch die Verbindung zu seiner Heimatstadt Kleve und zur Natur der niederrheinischen Landschaft eine große Bedeutung für den Künstler. 

 



Doch zurück zu den DNS-Porträts von Kevin Clarke: Die Chromosome spielen nicht nur für die Fotografien des Künstlers eine entscheidende Rolle, sondern schon vorher schuf er große plastische Chromosome. Zunächst war es auch die Bildhauerei, der sich der Kunstschaffende widmete, sein Interesse für Fotografie entwickelte er erst später. Im Jahr 1976 absolvierte Clarke ein Studium der Bildhauerei an der Cooper Union in New York bei Hans Haacke und Christopher Wilmarth. In den vier darauffolgenden Jahren hielt Clarke sich in der Schweiz und in Deutschland auf und arbeitete dort an konzeptuellen fotografischen Projekten und Ausstellungen. Schnell entwickelte er eine Passion für das Medium der Fotografie, die bis heute anhält. „Ich mag die Beweglichkeit einer Kamera. Fotografie erlaubt mir, Bilder zu konstruieren. Ich schieße nicht einfach nur Fotos, ich benutze das Medium um Ideen zu illustrieren“, so Kevin Clarke in einem Interview aus dem Jahr 2015. Während er zu Beginn seines fotografischen Schaffens Straßenbilder ablichtete, konzipierte er später gemeinsam mit anderen Künstlern einen Anti-Katalog zur 6. Documenta. Clarke fotografierte die Künstler für den Katalog – seine ersten Porträtfotografien entstanden. Seine Serie „Kaufhauswelt“ umfasst Porträts künstlerischer Dokumentationen der Angestellten und der jeweiligen Ware, die diese anboten. Seinen künstlerischen Durchbruch hatte Kevin Clarke mit seinem Projekt „The Red Couch“ (1979 bis 1984), zu dem 1984 der gleichnamige Fotoband erschien. Hier nahm der Fotograf Amerika und seine Klischees in den Blick, indem er die unterschiedlichsten Vertreter seines Heimatlandes auf einem roten Sofa Platz nehmen ließ und dieses in eine Umgebung stellte, die für sein jeweiliges Modell typisch war. Um eine weitere bedeutende Serie des Künstlers handelt es sich bei der Sequenz „Invisible Body“, die auf Leonardo da Vincis „Abendmahl“ referiert, das Jesus und seine zwölf Jünger zeigt. Kevin Clarke schuf 26 Porträts mit jeweils 13 Personen aus New York und 13 aus Frankfurt, Wiesbaden und anderen Orten der Rhein-Main-Region. 

 

 

Seine eigentliche Bildsprache und individuelle Handschrift findet sich allerdings erst in Kevin Clarkes DNS-Porträts. Man darf in jedem Fall gespannt sein auf diese besonderen Porträts, die in der Schau präsentiert werden, sowie auf weitere neue Kreationen des Künstlers. 


Kevin Clarke. Die Bibliothek in uns

6.7. bis 22.7. 

Biblioteca Nazionale Marciana

Piazza San Marco 7

IT-30124 Venedig

Mo-Fr 8-19 h, Sa 8-13:30 h

marciana.venezia.sbn.it

www.kevinclarke.com