Hommage an die Heimatstadt

Die „Rizzi“-Ausstellung in Kornwestheim zeigt einige Schlüsselwerke des Künstlers sowie sein nachgebautes New Yorker Studio / Von Katrin Neuwirth

Links: James Rizzi, „The Colors of my City”, 3D-Papierskulptur ( © Art Licensing Int. GmbH)

Mitte: Porträt des Künstlers James Rizzi, 2007 ( © James Visser, St. Louis)

Rechts: James Rizzis Studio/Loft, SoHo, New York; Innenansicht (© M. Civelli)


Ganz gewöhnlich und fast unscheinbar wirkt die schwarze Eingangstür der Lafayette Street 284 in New Yorks Stadtteil SoHo. Sie verrät dem Besucher nichts von dem Farbenreichtum, der in dem Inneren des Apartments 5c,  dem Studio-Loft des Künstlers und Designers James Rizzi (1950-2011), zu sehen ist. Hier treffen bunte Leinwände und Magnetbilder auf kuriose Dinge wie hawaiianische Blütengirlanden, einen gelben Gartenzwerg oder die Blechspielzeugsammlung des bekannten zeitgenössischen Pop-Art-Künstlers. Außerdem finden sich hier einige wenige Möbel, Kisten, Geschirr, Schulzeugnisse, Skizzenbücher und andere persönliche Gegenstände des Kunstschaffenden. Ein Nachbau des New Yorker Ateliers mit teils Original-Möbelstücken ist vom 20. Juli bis 2. September im Rahmen der Ausstellung „James Rizzi – The Colors of my City“ im K – Kultur- und Kongresszentrum in Kornwestheim zu sehen. „Wir bringen ein bisschen New York nach Kornwestheim“, so Bernhard Feil, Kurator der Schau und Geschäftsführer des Verlags Art 28. Enger Partner von Art 28 ist das Kunsthaus Watzl aus Ludwigsburg. Feil, der bereits an vielen Ausstellungen mitgewirkt hat, sammelt seit 1992 Rizzi-Arbeiten. Er war eng befreundet mit dem Künstler und empfindet die Kleinstadt Kornwestheim als sehr geeigneten Ausstellungsort für das Werk des Pop-Art-Künstlers. Denn obwohl sich Rizzi zeitlebens vor allem in der Metropole New York aufhielt, hatte der Künstler eher ein Faible für kleinere Städte, in denen er mehr Anerkennung erfuhr. Zuvor zeigte Feil die Arbeiten von Rizzi in einer Ausstellung in Neumarkt in der Oberpfalz. 

In der Kornwestheimer Retrospektive werden insgesamt rund 700 Werke des Künstlers präsentiert. Neben den überwiegend aus dem Studio-Loft des New Yorkers stammenden Arbeiten werden auch Schlüsselwerke gezeigt, die Einblick in das vielseitige Œuvre von James Rizzi geben. Absolutes Highlight der Schau ist aber das nachgebaute Loft des Künstlers, das er als Studio, Wohnung und Galerie nutzte und in dem er Tag und Nacht arbeitete. „Wir präsentieren in Kornwestheim nicht nur einige noch nie zuvor gezeigte Werke von des Meisters Hand, sondern auch das Rizzi-Studio wird so liebevoll und detailliert wieder zum Leben erweckt wie noch nie zuvor“, sagt Feil. Sogar der Blick aus den Fenstern des im Festsaal arrangierten Studios soll an Rizzis Aussicht aus seinem Apartment erinnern. Indem der Besucher aus den Fenstern auf fotorealistische Plots blickt, sieht er das, was Rizzi damals von seinem New Yorker Studio aus gesehen hat. Einige der persönlichen Gegenstände des Künstlers – darunter Schulzeugnisse und Skizzenbücher – sollen nach Ablauf der Ausstellung an ein neu zu gründendes Museum gehen.

 


Oben: Von links: Claudia Münkel, Ursula Keck, Barbara Watzl und Bernhard Feil (Foto: art.Producer.de)

Unten links: James Rizzi, „Borderless Buildings”( © Art Licensing Int. GmbH, Foto © Michael Kleß, www.artproducer.de)

Unten rechts: James Rizzi, „Free as a bird”, Berliner Mauer ( © Art Licensing Int,. GmbH Foto © Michael Kleß, www.artproducer.de)


Einen weiteren Höhepunkt der Präsentation stellt das titelgebende 3D-Bild „The Colors of my City“ aus dem Jahr 2008 dar, das letztes Jahr erst aufgetaucht ist und erstmals der Öffentlichkeit gezeigt wird. Wie die meisten Bilder des Künstlers zeichnet sich auch dieses durch einen Farbenreichtum und eine kindlich-naive Einfachheit aus. Es beschäftigt sich mit Rizzis Heimatstadt New York und deren Einwohnern und strahlt urbane Lebensfreude und Optimismus aus. Nicht zuletzt deswegen wurde der Künstler auch immer wieder von der Kunstpresse als „Urban Primitive Artist“ bezeichnet. „The Colors of my City“ ist voll von glücklich wirkenden Figuren in farbenfroher Kleidung. In der dynamisch dargestellten Stadt sieht man Personen im Gespräch, Sekt und Wein trinkend, Zeitung lesend, sich küssend oder flanierend. Umgeben sind sie von ebenfalls bunten Autos und Häusern. Die dargestellten Wolkenkratzer besitzen an ihrer Spitze ein Gesicht, das mit ihrem Lächeln die fröhliche Wirkung des Bildes unterstreicht. Rizzis New-York-Bilder sind eine Hommage an seine Heimatstadt. Mit immer neuer Faszination betrachtet er die US-amerikanische Stadt, die für ihn ein vorbildliches Sozialmodell darstellt. „In meiner Arbeit geht es um die Menschen, um das alltägliche Leben. Und das ist vor allem ein Zusammenleben“, so Rizzi. In anderen seiner New-York-Bilder entdeckt man Leuchtreklame, Hotdog-Verkäufer, den Hudson, das Guggenheim und den Central Park, die Brooklyn Bridge und den Broadway. 

 

Neben „The Colors of my City“ werden mit Sicherheit auch die beiden Fragmente der ehemaligen Grenzmauer Berlins die Aufmerksamkeit der Besucher erregen. „Free as a bird“ und „Borderless Buildings“ sind mit den Entwürfen Rizzis versehen und sollen vor dem K – Kultur- und Kongresszentrum auf die dort veranstaltete Ausstellung verweisen. Zu dem 60. Geburtstag des Künstlers wurden drei Teile der Mauer nach dessen Vorlage gestaltet. Während bei „Borderless Buildings“ lachende Wolkenkratzer zu sehen sind, besteht „Free as a bird“ aus mehreren Einzelbildern, die Vögel zeigen und von kleinen Symbolen wie Sternen, Herzen oder Blumen getrennt sind.


Der Vogel, der in Rizzis Werken oft auftaucht, steht gemeinhin für Freiheit und ist ein passendes Sinnbild für ein vereintes und friedvolles Deutschland jenseits aller Grenzen. 

Doch wer war eigentlich James Rizzi und wie erklärt sich die Faszination, die von dem US-amerikanischen Maler ausgeht, der zu den bedeutendsten zeitgenössischen Pop-Art-Künstlern zählt? Rizzi wuchs mit seinen zwei Geschwistern im New Yorker Stadtteil Brooklyn in der East 8th Street auf. In den Jahren 1969 bis 1974 studierte er Kunst an der University of Florida in Gainesville. Bereits früh fand der sehr produktive Künstler zu seinem markanten Stil. Schon während seines Studiums setzte er sich mit der Möglichkeit auseinander, Malerei und Skulptur zu verbinden. Daraufhin entwickelte er die 3D-Technik, die oft von ihm verwendet wurde. Diese dreidimensionale Konstruktionstechnik ist so aufgebaut, dass aus einem Duplikat des Bildes, das als Hintergrund fungiert, die Bildelemente des Vordergrundes ausgeschnitten werden. Diese werden dann mittels Brücken aus Schaumstoff oder ähnlichem Material in eine zweite Bildebene gesetzt. Dadurch sowie durch die entstehenden Schatten erhalten die Betrachter den Eindruck eines 3D-Effekts. Die Arbeiten des Künstlers werden in aufwendigen Druckverfahren vervielfältigt. In Deutschland ist das Unternehmen Graffiti Siebdruck in Reutlingen für den Druck der Werke verantwortlich. Neben der Erfindung der 3D-Papierskulptur trugen auch Rizzis Acryl-Unikate sowie seine seit den 1970er-Jahren entwickelten 3D-Magnetbilder zu seiner Popularität bei. Mit seinen Magnetbildern regt Rizzi die Betrachter seiner Werke an, gestalterisch einzugreifen und so gewissermaßen ein Tabu zu brechen. Einen ersten Durchbruch erlebte der Künstler 1977 als eine seiner dreidimensionalen druckgrafischen Konstruktionen zwischen Werken von Andy Warhol, Frank Stella und Roy Lichtenstein im Rahmen der Ausstellung „Thirty Years of American Printmaking“ im renommierten Brooklyn Museum gezeigt wurde. Neben der Malerei war Rizzi auch in weiteren Bereichen aktiv. So gestaltete er etwa Platten- und CD-Cover, machte Animations-Musik-Videos und versah die unterschiedlichsten Gebrauchsgegenstände mit seinen Motiven, darunter Briefmarken und Goebel-Porzellan. Der Künstler war in vielen Ausstellungen vertreten und erhielt etliche Auszeichnungen für sein Werk. 

Die Verkaufsausstellung in Kornwestheim wird am 19. Juli eröffnet. An dem Abend wird der bekannte TV-Moderator Markus Brock durch das Abendprogramm führen. Neben kulinarischen Köstlichkeiten können sich die Besucher außerdem auf den Auftritt der Gruppe „Vocal Affair“ freuen. Zudem wird die Schau von einem museumspädagogischen Rahmenprogramm begleitet, das sich an Besucher ab sechs Jahren richtet. So demonstrieren etwa Mitarbeiter von Graffiti Siebdruck aus Reutlingen in drei Siebdruck-Workshops Interessierten wie ein Siebdruck entsteht. Dort erhalten die Teilnehmer außerdem die Möglichkeit, ihren eigenen Siebdruck zu fertigen und diesen mit nach Hause zu nehmen. Die Kurse finden am 26. Juli, am 16. August und am 30. August jeweils von 18 bis 20 Uhr im K – Kultur- und Kongresszentrum statt. 

Bernhard Feil hofft, dass die Ausstellung mindestens genauso gut besucht werden wird wie die von ihm zuvor veranstaltete in Neumarkt. Diese zählte während der Laufzeit 22 000 Besucher. „Wir wollen die Stadt Kornwestheim und die Region rizzifizieren“, so Feil. ZEITKUNST ist sich sicher, dass dies gelingen wird. 


James Rizzi – The Colors of my City

20.7. bis 2.9.

Das K – Kultur- und Kongresszentrum

Stuttgarter Straße 65

70806 Kornwestheim 

Mo-So 10-19 h

www.rizzi-kornwestheim.de