Jenseits von Europa

Eine Übersicht aktueller Ausstellungen mit Schwerpunkt „Außereuropäische Kunst“/ Von Nicole Büsing und Heiko Klaas


 

Abb. links: Der Künstler Nobuyuki Tanaka in seinem Atelier.  Werke des Künstlers sind jetzt im Museum für 

Lackkunst in Münster ausgestellt.

Abb. rechts: Antje van Wichelen, „Noisy Images – The exoticized other“, aktuell zu sehen im Rautenstrauch-Joest Museum


Auch die diesjährige Biennale von Venedig hat es wieder gezeigt: Der Blick geht weg von der eurozentristischen Perspektive und richtet sich vermehrt auf die Kunstproduktion in außereuropäischen Ländern. Stammeskunst, angewandte und zeitgenössische Kunst aus Asien, Auseinandersetzungen mit der Kolonialgeschichte und die Kunst von indigenen Völkern sind im Ausstellungsbetrieb und nicht zuletzt auch auf dem Kunstmarkt zur Zeit en vogue. Die Zeitkunst stellt sechs Häuser vor, in denen aktuell außereuropäische Kunst gezeigt wird.

 

Ein Juwel unter den Museen im deutschsprachigen Raum ist das Museum für Lackkunst Münster. 1993 eröffnete dieses weltweit einzigartige Museum in einem historischen Stadtpalais in zentraler Lage der westfälischen Universitätsstadt. Der Schatz des kleinen, feinen Museums besteht in der ungewöhnlichen Sammlung von Lackkunst aus Ostasien, Europa und der islamischen Welt. Diese rund 1000 Objekte haben zwei passionierte Sammler zusammengetragen, die in großen Unternehmen professionell mit Farben und Lacken zu tun hatten. Die mittlerweile fusionierten Sammlungen und das Museum für Lackkunst sind heute im Besitz der BASF. Die langjährige Museumsdirektorin Monika Kopplin gilt als ausgewiesene Kennerin der Lackkunst. Sie betreut nicht nur die Sammlung mit Lackkunst aus über zwei Jahrtausenden und die rund 4.500 Bände umfassende Spezialbibiothek. Auch in zahlreichen Sonderausstellungen werden spezifische Aspekte der Lackkunst vorgestellt. Noch bis zum 30. Juni ist die Ausstellung „Urformen. Primordial Memories“ des japanischen Künstlers Nobuyuki Tanaka, Jahrgang 1959, zu sehen. Seine organischen Lack-skulpturen in Schwarz und Rot verbinden die Tradition der japanischen Lackkunst mit zeitgenössischer Formensprache.

www.museum-fuer-lackkunst.de

 

Das Rautenstrauch-Joest-Museum – Kulturen der Welt gilt als eines der bedeutendsten ethnologischen Museen Deutschlands. Es ist im Besitz der Stadt Köln und verfügt über eine heute mehr als 65.000 Objekte aus Ozeanien, Afrika, Asien und Amerika umfassende ethnografische Sammlung. Ende des 19. Jahrhunderts erhielt die Stadt Köln 3.400 Objekte aus dem Nachlass des Kölner Geografen und Völkerkundlers Wilhelm Joest von dessen Schwester Adele Rautenstrauch als Geschenk. Somit war der Grundstock der Sammlung gelegt. Seit dem 1. Januar 2019 ist die junge niederländische Anthro-

pologin und Kulturmanagerin Nanette Jacomijn Snoep Direktorin des Museums unweit des Neumarkts. Im Rahmen des „Artist meets Archive“-Projekts der Internationalen Photoszene Köln ist noch bis zum 16. Juni die Ausstellung „Noisy Images“ der belgischen Künstlerin Antje Van Wichelen zu sehen. Die Brüsselerin hinterfragt in ihren fotografischen und filmischen Werken den so genannten „kolonialen Blick“. Dafür hat sie mit dem Historischen Fotoarchiv im Rautenstrauch-Joest-Museum gearbeitet und insbesondere die Kolonialfotografie des 

19. Jahrhunderts als Grundlage ihrer künstlerischen Bearbeitung genommen.

www.museenkoeln.de/rautenstrauch-joest-museum

 

1988 gründete die Sammlerin Maritta von Miller die Galerie von Miller in Frankfurt am Main. Ihr Spezialgebiet: traditionelle Afrikanische und Ozeanische Kunst aus Ländern wie Angola, Kamerun, Tansania, Nigeria, der Südsee oder Westafrika. Masken, Kultobjekte, Schmuck, Textilien oder Skulpturen mit seriöser Provenienz werden seit nunmehr 30 Jahren in themenbezogenen Ausstellungen in den Galerieräumen in der Braubachstraße unweit des Römer präsentiert. Seit 20 Jahren betreibt auch Sohn Michael von Miller eine Dependance der Galerie in bester Münchner Lage. Die Galerie wurde im Mai nach Umzug in der St.-Anna-Straße 16 neu eröffnet. Dort zeigt er zur Zeit eine Jubiläumsausstellung unter dem Titel „Skulpturen, Masken und Magie. Die magische Welt der Afrikanischen Kunst“. Im Frankfurter Stammhaus hingegen wird die Jubiläumsausstellung „Mein Afrika. Ein Leben mit Göttern und Geistern“ gezeigt, die einen sehr persönlichen Querschnitt der Sammler- und Galeristentätigkeit Maritta von Millers widerspiegelt. Rituale, Ahnenkult, Fruchtbarkeitsamulette oder religiös-spiritistische Bräuche – in der Galerie von Miller werden mit großer Expertise die immer wieder neu zu entdeckenden Charakteristika dieses speziellen Sammelgebiets vermittelt.

www.galerievonmiller.de

 

Neo-Japan trifft auf alte Keramik-Techniken: Die Münchner Micheko Galerie hat sich ganz auf zeitgenössische Kunst aus Japan spezialisiert. Die ambitionierte Galerie wurde von der japanischen Kunstpädagogin Keiko Tanaka und dem deutsch-italienischen Unternehmer Michele Vitucci, der zuvor als Geschäftsführer diverser internationaler Bildagenturen tätig war, im Jahr 2010 gegründet. Sie ist somit seit fast zehn Jahren im Geschäft. Die Micheko Galerie hat sich mit der Vermittlung von in Europa bislang unbekannter bildender und angewandter Kunst aus Japan international einen Namen gemacht. Regelmäßige Messeteilnahmen an der auf Arbeiten auf Papier spezialisierten Kunstmesse „Paper Positions“ sowie ein Auftritt auf der diesjährigen Art Busan in Südkorea unterstreichen die Aktivität der Galerie. Noch bis zum 29. Juni zeigen die in der Theresienstraße unweit der Pinakotheken angesiedelten Japan-Spezialisten die Ausstellung „New Kutani – Zeitgenössische Kutani-Keramik“ mit Arbeiten von Masako Inoue & Kayoko Mizumoto. Mit poppigen, zeitgenössischen Motiven und extravaganten Formen interpretieren die beiden jungen Designer die von lebhafter Farbigkeit geprägte, aus dem 17. Jahrhundert stammende Tradition der Kutani-Keramik vollkommen neu und überraschend zeitgemäß.

www.micheko.com

 

Sie lassen sich nicht von aktuellen Kunstmarkttrends leiten. Die Sammler Alison und Peter W. Klein aus der Nähe von Stuttgart haben schon immer nur das gekauft, was ihnen auch wirklich gefällt: Fotografien der Helsinki School oder Gemälde von Karin Kneffel, Anselm Kiefer und Sean Scully. In den vergangenen 30 Jahren haben der Schwabe und die Amerikanerin knapp 2000 Werke zusammengetragen. Im Jahr 2007 verkaufte Klein sein Unternehmen für Kupplungssysteme und eröffnete im selben Jahr unweit seines Firmengeländes in Eberdingen-Nussdorf das Privatmuseum „Kunstwerk – Sammlung Klein“. Regelmäßig reisen die Kleins nach Australien, Neuseeland und in die Südsee. Die Kunst aus dieser Region bildet daher auch die zweite Säule ihrer Sammlungstätigkeit. In der aktuellen Sammlungspräsentation „Hängung #20“,

die noch bis zum 10. Juni zu sehen ist, stellt die Sammlung Klein jetzt erstmals auch Kunst aus Polynesien, darunter selten gezeigte Rindenbaststoffe aus Samoa, Tonga und von den Fiji-Inseln vor. Außerdem trifft der Besucher auf Holzschnitzkunst des maorischen Meisterschnitzers James Rickard, zeitgenössische neuseeländische Gemälde von Daryn George und Arbeiten des in Polynesien geborenen Neuseeländers John Pule, der als einer der wichtigsten Repräsentanten pazifischer Kunst gilt.

www.sammlung-klein.de

 

Die Sammlung des Ehepaars Peter und Irene Ludwig umfasst über 12.000 Kunstgegenstände. Die studierten Kunsthistoriker und Schokoladenfabrikanten stellten ihre beeindruckende Kollektion seit 1957 in den Dienst der Öffentlichkeit. Zu den zwölf Museen weltweit, die den Namen „Ludwig“ tragen, gehört auch das Ludwigmuseum im Deutschherrenhaus Koblenz. Der gebürtige Koblenzer Peter Ludwig (1925-1996) sah in dem historischen Gebäude des Deutschherrenhauses, das dem „Deutschen Eck“ in Koblenz seinen Namen gab, einen adäquaten Ort für das 1992 gegründete Ludwigmuseum. Auf vier Etagen werden zeitgenössische Kunst nach 1945 aus der Sammlung Ludwig sowie Wechselausstellungen mit internationaler Ausrichtung präsentiert. So wird vom 15.6. bis zum 18.8. die Einzelausstellung „Gesture in Space“ des bedeutenden südkoreanischen Künstlers Nam Tchun Mo gezeigt. Der 1961 in Daegu geborene Künstler arbeitet konsequent in einer reduzierten, abstrakten Formensprache, mit der er sich auf die in den 1950er Jahren gegründete, koreanische „Dansaekhwa-Bewegung“ bezieht. Nam Tchun Mo geht stets von der Linie und ihrer Verortung im Raum aus. In seinen Zeichnungen, Gemälden, Objekten und Installationen variiert er in einem nahezu meditativen Prozess stets wiederkehrende Motive.

www.ludwigmuseum.org

 

 

 


Auf Augenhöhe. Kunst aus Afrika

Gedanken zur Restitutionsdebatte. Ein Gastbeitrag von Dr. David Zemanek


Bei dieser Nachricht rieb sich die Kunstwelt verwundert die Augen – verständnislos, was sie da gerade vernommen hatten: Frankreich will innerhalb von fünf Jahren die Bedingungen herstellen für die endgültige oder vorübergehende Restitution des afrikanischen Kulturguts aus französischen Museen. Mit seiner Rede an der Universität von Ouagadougou zu den französisch-afrikanischen Beziehungen löste Präsident Emmanuel Macron im November 2017 in Europa und einer Reihe afrikanischer Staaten eine Debatte um Restitution aus, die auch jetzt wie ein Sturm über den Kunstmarkt zieht, und Sammler und Händler höchst verunsichert zurücklässt. 

Zur Erinnerung: Schon einmal – von 1978 bis 1982 – wurde eine Debatte um koloniale Sammlungen in europäischen Museen geführt. Ob sie auch diesmal wieder im Sand zu verlaufen droht, ist derzeit noch offen. Was jedenfalls derzeit folgt, ist eine weitgehend abstrakt geführte Debatte, auf Grundlage verallgemeinernder Statements mit moralisierender und ideologischer Haltung, wie es Dr. Andreas Schlothauer darlegt. Eine sachliche und ausgewogene, auch konträre Standpunkte einbeziehende Diskussion findet kaum statt. Stattdessen wohlgemeinte, mitunter auch medienwirksame Rückgaben durch öffentliche und private Institutionen, und zurückgelassene, beunruhigte Sammler.  

Indes sollten auch die Chancen in dieser nun angestoßenen Debatte gesehen werden, sich mit den herausragenden Werken Afrikas und seiner Künstler – 100 Jahre

nach ihrem Erfolgszug durch die Moderne – wieder intensiver zu befassen. Selten zuvor war die Quellenlage so umfangreich und leicht zugänglich wie heute:  Fachliteratur hierzu füllt mittlerweile Bibliotheken. Datenbanken wurden in den vergangenen Jahren aufgebaut und werden kontinuierlich weiter gepflegt. All dies schafft nicht nur Transparenz. Es hilft Werke ihren Künstlern oder Künstlerwerkstätten zuzuordnen, und so das Œuvre eines Künstlers zu erschließen, weg von der weit verbreiteten ethnographischen Klassifizierung über ethnische Gruppen, hin zu wissenschaftlich fundierten Zuordnungen unter Einbeziehung vergleichender Werke. 

Auch die großen Tribal Art Ausstellungen, wie Cultures BRUNEAF (Brüssel), Parcours des Mondes (Paris), oder Tribal & Textiles Artshow (San Francisco) versuchen diesen Weg zu gehen. Sie sind neben den Tribal Art Auktionshäusern seit vielen Jahren erfolgreiche Formate für traditionell-klassische Tribal Art und – anders als Museen – immer auch am Puls der Zeit. Auf den internationalen Kunstmessen, wie der TEFAF in Maastricht, der BRAFA Art Fair in Brüssel, der Art Cologne ist Tribal Art längst fester Bestandteil. Dort stehen Wahrnehmung und Wertschätzung auf Augenhöhe mit den großen Stilrichtungen der hohen Bildenden Kunst. 

Denn nichts weniger als ihre künstlerische Vielschichtigkeit, ihre Ästhetik und wegweisende Formensprache machte die Kunst Afrikas zum Impulsgeber für 

Picasso und die gesamte bildende Kunst des 

20. Jahrhunderts. Und: Keine andere Kunstrichtung zuvor hat es geschafft bis in die Gegenwart hineinzuwirken. Das macht die Kunst Afrikas so zukunftsversprechend. Für Kunstschaffende, Kunstbegeisterte und Kunstsammler gleichermaßen.