Inspiration Norden

Kulturelle Highlights in Norddeutschland / Von Elena Zompi


Links: Franz Radziwill, „Das Vordringen der Quadrate”, 1956, Franz Radziwill Haus

Rechts: Elisabeth v. Eicken, „Herbst”, Öl, signiert, 47 x 44 cm


Frische Nordseeluft, feiner Sandstrand und das weite Meer – viele Deutsche fahren regelmäßig zum Entspannen in den Norden Deutschlands. Doch nicht nur für den Urlaub eignet sich die Ruhe des Nordens. Auch fanden viele Künstler in ihr die optimale Voraussetzung für die Malerei. Dementsprechend hat der Norden Deutschlands zahlreiche interessante Ausstellungen für die Kunstwelt zu bieten. ZEITKUNST stellt Ihnen in dem Spezialthema „Kunst im Norden“ einige davon vor.

 

In Hannover können sich Kunstliebhaber am Sprengel Museum erfreuen. Im vergangenen Jahr wurde dieses zum „Museum des Jahres 2017“ gekürt. Zum Ausstellungsprogramm gehören hier unter anderem Werke von Pablo Picasso, Paul Klee, Emil Nolde und Max Beckmann – hauptsächlich Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Eine Besonderheit des Museums ist die – im Vergleich zu anderen Museen – umfangreiche Grafiksammlung. Umfangreich ist auch das Ausstellungsangebot des Hauses. Ganze sieben Projekte finden zurzeit parallel statt. Jüngst eröffnete die als mehrteilige Reihe konzipierte Ausstellung „Kleine Geschichte(n) der Fotografie“. Dort werden bis zum 2. September in einer außergewöhnlichen Präsentationsform Werke bekannter sowie weniger populärer Fotografen exemplarisch gezeigt. Ebenfalls bis Herbst laufen noch die Ausstellungen „Ella Bergmann-Michel und Robert Michel. Ein Künstlerpaar der Moderne“ und „Günter Haese – Hans Uhlmann. Bildhauer der Zweiten Moderne“. Analog dazu finden auch noch bis Ende des Jahres die Präsentation „Fake News – Original + Fälschung + Kopie + …aus der Sammlung des Sprengel Museum Hannover“ statt. Wer die Ausstellungen „Olav Christopher Jenssen. Estragon“ und „Unfavourable Tactical Position. Asmus Petersen (90. Geb.)“ besuchen möchte, sollte schnell sein. Diese enden Mitte beziehungsweise Ende Juli.

www.sprengel-museum.de

 

Dangast ist ein kleiner Kurort im Landkreis Friesland. Den idyllischen Charme des Ortes haben auch viele Künstler schon für sich entdeckt. Einer von ihnen ist der bereits verstorbene deutsche Künstler des Magischen Realismus Franz Radziwill. Wie auch viele andere Künstler siedelte er zum Malen nach Dangast über. In dem Haus, in dem Radziwill damals gelebt hatte, finden inzwischen jährlich wechselnde Ausstellungen statt. Noch bis zum 13. Januar 2019 sind dort Werke Radziwills unter dem Titel „Fläche wird Bild“ zu sehen. Dies ist die dritte Station des fünfjährigen Jubiläumsprojekts, welches zu Ehren des sich nähernden 125. Geburtstages des Malers stattfindet.  Die Ausstellung thematisiert Radziwills eigenwilligen Umgang mit der Fläche. In seinem Frühwerk betont er die Autonomie der Fläche, er legt hier bewusst zweidimensionale Darstellungen an. In seinem Hauptwerk hebt er die Flächigkeit durch bildparallele Darstellungen hervor. Zudem schafft er es, unverwechselbar exakte Flächendarstellungen der Materialien anzufertigen. In seinem Spätwerk kombiniert er oft räumliche Darstellung und flächenhafte Gestaltung. So ergänzt er beispielsweise seine Bildräume immer wieder um Schachbrettmuster und Gitterstrukturen. Gezeigt werden 20 ausgewählte Ölgemälde aus allen Werkphasen, die als Leihgabe aus Privatbesitz und Museen stammen.

www.radziwill.de

 



 

Ähnlich wie Dangast kann auch Ahrenshoop auf eine lange Tradition als Künstlerkolonie zurückblicken. Zwar hat die Forschung zu Künstlerkolonien erst in den letzten Jahren einen Aufschwung erfahren, doch legte Gerhard Wietek bereits 1976 eine erste grundlegende Publikation vor. An diese angelehnt, werden in Ahrenshoop Bilder von Künstlern, die sich in Ahrenshoop, Schwaan und Hiddensee aufhielten, versteigert. Der Auktionator Christopher Walther stellt dort Werke von Malern der Künstlerkolonie von 1850 bis 1930 vor und setzt damit den Schwerpunkt auf eine Zeit, deren Wichtigkeit für die Moderne bei vielen längst in Vergessenheit geraten ist. Zum einen zeichnen sich die Künstlerorte, vor allem Ahrenshoop, durch Verknüpfungen mit den Kunstentwicklungen der Moderne aus, die bis in die Gegenwart reichen. Zum anderen erneuerten die Kolonien gewissermaßen die Kunst und boten Frauen Freiräume, die sie sonst in der Kunst nicht hatten. Die angebotenen Werke können ab dem 3. August im Hotel Fischerwiege angeschaut und dort auch am 19. August ersteigert werden.

www.christopherwalther.com

 

 


Emil Nolde, „Blumengarten (O)“, 1922, Gemälde, 16,8 x 20,2 cm, Nolde Stiftung Seebüll

( © Nolde Stiftung Seebüll)


Jedes Jahr wieder ist die Emil-Nolde-Jahresausstellung in Seebüll mit den Werken Emil Noldes, einer der Hauptvertreter des Expressionismus, ein Höhepunkt für Kunstliebhaber in Schleswig-Holstein. Sowohl für die jüngeren als auch die älteren Besucher ist das vielfältige Programm ansprechend. Während die Erwachsenen die Bilder und den prachtvollen Garten genießen, gibt es für die Kinder viele interessante Angebote wie unter anderem eine Schnitzeljagd, den Spielplatz oder die Malecke. Zur beginnenden Ferienzeit empfiehlt sich ein Besuch der Jahresausstellung vom 14. Juli bis zum 18. August mit Kindern besonders an Samstagen. Da findet die „Kinderzeit“ statt. Von 14 bis 16 Uhr können hier Groß und Klein mit den angebotenen Materialien kreativ sein. Ein weiterer spannender Programmpunkt ist eine Exkursion am 28. Juli, die im deutsch-dänischen Grenzgebiet zu Stätten Emil Noldes führt. Und schließlich ist da noch der 7. August als Tipp für einen Seebüll-Besuch. Dieser Tag ist der 151. Geburtstag von Emil Nolde. Aus diesem Anlass kann man die Ausstellung an diesem Dienstag bei freiem Eintritt besuchen und sich an einem Programm für die ganze Familie erfreuen.

www.nolde-stiftung.de

 

Ebenfalls in Schleswig-Holstein befindet sich die Museumsinsel Schloss Gottorf. Sie dient als Sitz der Schleswig-Holsteinischen-Landesmuseen-Stiftung, zu der insgesamt neun Museen gehören. Darunter das Museum für Kunst und Kulturgeschichte, das seinen Besuchern eine umfangreiche Sammlung vom Mittelalter bis zur Gegenwart bietet. In regelmäßigen Sonderausstellungen in der Reithalle, im Kreuzstall oder im Schloss werden Arbeiten wechselnder Künstler präsentiert. Momentan findet anlässlich des 80. Geburtstages von Klaus Fußmann in der Reithalle die Ausstellung „Von Anfang an“ statt. Das Gebiet im Norden ist für seine Werke besonders wichtig. Seit Jahrzehnten verbringt der Künstler einen Teil des Jahres fernab des Berliner Großstadtrummels unweit der Flensburger Förde und schöpft durch die Schleswig-Holsteinische Landschaft und die Ostseeküste neue Inspiration. 150 Arbeiten des Künstlers sind noch bis zum 28. Oktober zu sehen. Der Fokus der Ausstellung liegt überwiegend auf noch nicht gezeigten Werken aus sechs Jahrzehnten, vorrangig aber auf neueren Arbeiten. Auf teils großformatigen Gemälden werden in pastoser Malweise Landschaften und Gärten des Nordens sowie eigenwillig-symbolische Frauenfiguren dargestellt. Denn nicht umsonst gilt Fußmann als Maler der großen Natureffekte.

 

www.schloss-gottorf.de


Links: Jan Koblasa, „Klagemauer / Wailing Wall“, 1973, Bronze, Nordart 2018

Rechts: Giuseppe Penone, „Rovesciare i propri occhi/ To Turn Upside Down Your Own Eyes”, 1970, SW-Fotografie, 

39,5 x 29,5 cm, Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart – Berlin, Staatliche Museen 

zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz (© VG Bild-Kunst, Bonn 2018)


Am 9. Juni eröffnete die Nordart, eine Ausstellung für internationale Zeitgenössische Kunst, zum 20. Mal. Zum Jubiläum werden Bilder, Skulpturen, Fotografien und Installationen von insgesamt 200 ausgewählten Künstlern aus aller Welt ausgestellt. Dieses Jahr steht Tschechien im Länderfokus und passend dazu, der dort geborene Jan Koblasa als Fokus-Künstler. Der vergangenes Jahr gestorbene Bildhauer ist für die Nordart aus ganz persönlichen Gründen ein wichtiger Künstler, da er die Kunstausstellung von Beginn an unterstützte. Die Retrospektive ist als posthume Hommage an den Gegenwartskünstler gedacht. Insgesamt sind rund 1000 Kunstwerke von 200 Künstlern aus 50 Ländern zu sehen – beworben hatten sich rund 3000 Künstler. Dem Länderfokus entsprechend wird es einen Tschechischen Pavillon geben. Dort stellen 13 Künstler unter dem Motto „Entmaterialisierte Statuen und materialisierte Gemälde“ ihre Arbeiten aus. Diese wurden zuvor von den Prager Kuratoren Lucie Pangrácová und Michal Gabriel ausgewählt. Die Ausstellung „An den Grenzen von Unendlichkeit und Zukunft“ stellt Künstler vor, die in der digitalen Skulptur tätig sind, einer relativ neuen Kunstform, die die Abhängigkeit von der Masse sowie der Begrenztheit des Materials eliminiert. Als Kontrast dazu werden Maler, die die materiellen Aspekte des Gemäldes betonen und das Malmedium selbst zum Hauptthema machen, ebenfalls vorgestellt. Zudem ergänzen Fotografien, die die verborgenen Formen von Gesichtern und ihren Spiegelbildern offenbaren, die Sammlung.

 

www.nordart.de