Die Kunst des Dreidimensionalen

Aktuelle Ausstellungshighlights mit dem Schwerpunkt Skulptur/ Von Heiko Klaas & Nicole Büsing

Links: Bronzeplastik von Christiane von Kessel, aus der Ausstellung des Museum Stangenberg-Merck. (Foto: Norbert Miguletz)

Rechts: Blick in die Skulpturenausstellung der Galerie von Miller.


Ob aus Stein gemeißelt, aus Holz geschnitzt, aus Marmor gehauen, in Bronze gegossen oder aus Alltagsobjekten zusammenmontiert: die Skulptur als dreidimensionales Kunstobjekt erfährt von der Antike bis heute eine große Aufmerksamkeit. Das klassische Medium der Bildhauerei hat sich jedoch weiterentwickelt. Internationale Skulpturen-Ausstellungen wie die alle zehn Jahre stattfindenden Skulptur Projekte in Münster beweisen, dass gerade jüngere zeitgenössische Künstler den Begriff der Skulptur ganz neu interpretieren. In einem Skulpturen Spezial stellt die Zeitkunst fünf Skulpturen-Ausstellungen mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten vor. 

 

Gleich zwei große Jubiläen feiert in diesem Jahr die auf Stammeskunst aus Afrika und Ozeanien spezialisierte Galerie von Miller. Die Sammlerin und Galeristin Maritta von Miller eröffnete ihre Spezialgalerie vor 30 Jahren in Frankfurt am Main. Ihr Sohn Michael Miller betreibt seit nunmehr 20 Jahren die Münchner Dependance in der zentral gelegenen Prannerstraße unweit des Maximiliansplatzes. „Mit der außereuropäischen Kunst verbindet mich große Faszination und tiefe Leidenschaft“, sagt Maritta von Miller. „In ihrer Reduktion auf das Wesentliche überrascht sie mich immer wieder von Neuem. Verwurzelt in einer tiefen Religiosität und im Dienste der Gesellschaft, stellt sich die Kunst aus Afrika mal kubistisch, mal surreal dar, auch mal expressiv oder geometrisch. Mit Wenig wird ganz viel Lebenskraft übermittelt.“ Die erfahrene Galeristin, die ihr Geschäft mit großer Expertise betreibt, beschreibt die globale Wirkmächtigkeit der Afrikanischen Kunst folgendermaßen: „Die Auseinandersetzung mit dem Diesseits und dem Jenseits ist das zentrale und alles beherrschende Thema. 

Die Afrikanische Kunst hat ihren Platz in der Weltkunst eingenommen und wird als Initialzündung für die Klassische Moderne anerkannt.“ Die Jubiläumsausstellung „Maritta von Miller – Mein Leben mit Göttern und Geistern“ zeigt jetzt Kunstwerke Afrikanischer Kunst in höchster Qualität.

www.galerievonmiller.de

 

Der Name ist Programm: Der Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal vereint Naturerlebnis, organisches Bauen und Skulpturen von Weltrang. Der in Wuppertal lebende britische Bildhauer Tony Cragg hat das damals brach liegende, 14 Hektar große Areal 2006 erworben. Die formschöne Villa im anthroposophischen Stil ließ er behutsam renovieren. Im weitläufigen, an heimischen und exotischen Baumarten reichen Park präsentiert Cragg eine Auswahl eigener Skulpturen überwiegend aus jüngster Produktion. Noch bis zum 16. Juni können im Skulpturenpark Waldfrieden auch 21 lebensgroße Skulpturen des schweizerischen Malers und Bildhauers Martin Disler (1949-1996) besichtigt werden. Die verstörenden Figuren stammen aus seinem Nachlass und sind Teil seiner 66 Bronzefiguren umfassenden, zentralen Skulpturengruppe, die unter dem Titel „Häutung und Tanz“ Anfang der 1990er Jahre in mehreren internationalen Museen ausgestellt wurde. Der rastlos reisende Autodidakt Martin Disler hatte Wohnsitze in New York, Amsterdam, der Schweiz und in Mailand. 1980 hat er an der Biennale Venedig und 1982 an der documenta 7 in Kassel teilgenommen. 1996 verstarb er im Alter von nur 47 Jahren überraschend an den Folgen eines Hirnschlags.     

www.skulpturenpark-waldfrieden.de

 

Kunst und Natur gehen an dem Kulturort Weiertal unweit der schweizerischen Stadt Winterthur eine besondere Allianz ein. Zu verdanken ist dies der ausgebildeten Psychotherapeutin und Kunstförderin Maja von Meiss. Sie hat aus Begeisterung für die Kunst, insbesondere für die Skulptur, im Jahr 2001 auf einem idyllischen Anwesen aus Familienbesitz eine Galerie eröffnet. Seit 2009 organisiert die engagierte Kunstfreundin hier alle zwei Jahre eine Skulpturen-Biennale. Für die 6. Ausgabe 2019 konnte sie den Zürcher Publizisten und Ausstellungsmacher Christoph Doswald als Kurator gewinnen. Der 1961 geborene Spezialist für Kunst im öffentlichen Raum wählte für die im Mai startende Biennale den Titel „Paradise, lost“. Doswald hat die eingeladenen Künstler, zu denen unter anderen die Schweizer Olaf Breuning, Daniele Buetti, Martin Senn und Kerim Seiler gehören, eingeladen, das 6.000 Quadratmeter große Gelände des Skulpturenparks mit seinen Bäumen, Bachläufen und Weihern zu erkunden. Aktuelle gesellschaftliche Themen verbinden sich hier mit der Lust auf neue Formfindungen im Medium Skulptur. Christoph Doswald dazu: „‚Paradise, lost‘ handelt vom neuen Bezug zur Wirklichkeit, die sich jenseits des Gartenzauns findet.“

www.skulpturen-biennale.ch

 

Seit seiner Eröffnung im Jahr 2010 werden im privaten Museum Stangenberg Merck an der Bergstraße unweit von Darmstadt in einer liebevoll renovierten Villa mit rund 600 Quadratmetern Fläche auf drei Etagen Ausstellungen gezeigt. Im Mittelpunkt hier steht das Werk der Malerin Heidy Stangenberg-Merck (1922-2014), die in diesem Haus aufgewachsen ist. Ab Mai präsentiert das Museum Stangenberg Merck nun eine Sonderausstellung der 1929 in Darmstadt geborenen Bildhauerin Christiane von Kessel (geb. Merck). Die Künstlerin absolvierte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine Ausbildung zur Holzbildhauerin in Garmisch-Partenkirchen. Nach einem Studienaufenthalt in Florenz in den 1950er Jahren erhielt sie an der Akademie der Bildenden Künste in München noch eine Ausbildung in Bronzeguss. Die Ausstattung von sakralen Räumen nimmt einen wichtigen Fokus in Christiane von Kessels Werk ein. Im Museum Stangenberg Merck wird jetzt anlässlich ihres 90. Geburtstags ein Querschnitt ihres Lebenswerks mit Bronzeplastiken, Holzschnitten, Monotypien und Aquarellen zu sehen sein.

www.museum-jugenheim.info

 

Mitten in Schleswig-Holstein liegt Arkadien. So bezeichneten die Stifter Brigitte und Herbert Gerisch gerne ihren Skulpturenpark in Neumünster. Zwischen verschlungenen Pfaden, Seerosenteichen und Vergissmeinnicht trifft man auf zeitgenössische Skulpturen von Bogomir Ecker, Ian Hamilton Finlay oder Tjorg Douglas Beer. Die Stiftung wurde 2001 gegründet, um aus einem verwilderten Landschaftspark einen Skulpturengarten von internationaler Bedeutung zu schaffen. Am Sonntag, dem 5. Mai wird in der Gerisch Stiftung eine umfangreiche Retrospektive mit über 100 Werken des schleswig-holsteinischen Bildhauers Manfred Sihle-Wissel eröffnet. Der 1934 im estnischen Tallinn geborene Künstler studierte in den 1950er Jahren an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Seine gegenständlichen und ungegenständlichen Holz- und Bronzeskulpturen setzen sich kraftvoll mit dem Raum auseinander. Sie sind geprägt von antiken Trümmerfeldern und archaischen Landschaftsformationen, wie Manfred Sihle-Wissel sie auf seinen Reisen, vorzugsweise nach Anatolien, erlebte. Außerdem in Neumünster zu sehen sind Reliefs, Collagen, Zeichnungen und Aquarelle des renommierten Bildhauers, der 1972 den Edwin-Scharff-Preis der Freien und Hansestadt Hamburg erhielt.

www.gerisch-stiftung.de