Frischer Wind für die Hamburger Kunsthalle

Zum 150. Jubiläum äußert sich der neue Direktor Alexander Klar/ Von Nicole Büsing & Heiko Klaas


Links: Außenansicht der Hamburger Kunsthalle (Foto: Ralf Suerbaum)

Rechts: Ansicht der Ausstellung „Unfinished Stories” mit Werken von Gerhard Richter, Gregor Schneider, Allen Jones und Sol LeWittRichter. Zu sehen bis zum 30. August 2020 in der Hamburger Kunsthalle (© Gerhard Richter 2019 © Schneider u. LeWitt:

© VG Bild-Kunst, Bonn 2019 / Jones: © LEVY Galerie, Hamburg / Foto: Kay Riechers)


Am Wochenende um den 1. September war es in der Hamburger Kunsthalle richtig voll. Im wichtigsten Kunstmuseum der norddeutschen Metropole wurde unter dem Motto „Ein Fest für alle“ ausgelassen gefeiert. Bei hochsommerlichem Wetter und freiem Eintritt kam nicht nur der „Inner Circle“ der ausgewiesenen Kunstkenner. Knapp 30.000 Hamburger Bürger, Neugierige aus ganz Norddeutschland, Paare, Familien und auch Interessierte aus dem benachbarten, bunten Stadtteil St. Georg statteten dem hoch über der Alster thronenden Gebäudeensemble einen Besuch ab.

Anlass war ein Jubiläum: Vor 150 Jahren, 1869 also, wurde die Hamburger Kunsthalle als Bürgermuseum gegründet und zunächst unmittelbar vom Senat verwaltet. Ihren ersten richtigen Direktor, Alfred Lichtwark (1852-1914), erhielt sie erst 1886. Lichtwark war bekannt für seinen progressiven Kunstgeschmack. Er setzte in seiner 28 Jahre währenden Amtszeit wichtige Akzente und lockte die zeitgenössischen Avantgardisten wie den Deutschen Max Liebermann, aber auch die Franzosen Édouard Vuillard oder Pierre Bonnard nach Hamburg. Gezielt kaufte er auch Werke der deutschen Romantik, etwa von Caspar David Friedrich und Philipp Otto Runge, die bis heute zu den Herzstücken und Publikumslieblingen der Sammlung gehören.

Weitere hoch angesehene Kunsthistoriker wie etwa Lichtwarks Nachfolger Gustav Pauli (1866-1938) oder der legendäre Wiener Kunstwissenschaftler Werner Hofmann (1928-2013), der von 1969 bis 1990 die Geschicke der Hamburger Kunsthalle leitete, drückten dem Museum als Direktoren mit international beachteten Ausstellungen und wichtigen Ankäufen ihren Stempel auf. Unter der Direktorenschaft von Uwe M. Schneede, Jahrgang 1939, wurde im Jahr 1997 dann als weiteres Gebäude die vom Kölner Architekten Oswald Mathias Ungers als streng geometrischer Kubus entworfene Galerie der Gegenwart eröffnet. Schneede setzte den Schwerpunkt auf bahnbrechende Ausstellungen vor allem mit zeitgenössischer Kunst. Schlüsselwerke von Gerhard Richter, Sigmar Polke, Richard Serra, Annette Messager, Jannis Kounellis bis hin zu Bogomir Ecker wurden angekauft oder als Dauerleihgabe in die Sammlung der Kunsthalle integriert.

Schneedes Nachfolger, Hubertus Gaßner, Jahrgang 1950, verantwortete am Ende seiner Amtszeit eine umfassende, von dem Hamburger Mäzen Alexander Otto und der Stadt Hamburg finanzierte Renovierung der Kunsthalle, in deren Zuge die bisherigen drei Eingänge des Gebäudeensembles auf einen nunmehr repräsentativen Haupteingang im Gründungsbau reduziert wurden. Von 2016 bis 2018 gab dann der Kunsthistoriker Christoph Martin Vogtherr ein kurzes Intermezzo an der Kunsthalle, um sich von dort in seinen „Traumjob“ als Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg nach Potsdam zu verabschieden. Viele Hamburger waren von seinem Verhalten enttäuscht.

Kein leichtes Erbe also für Alexander Klar, der am 1. August 2019 kurz vor dem Jubiläumsfest seinen Posten als neuer Direktor der Hamburger Kunsthalle antrat. Der 1968 in Waiblingen geborene Kunsthistoriker mit Stationen in den USA, Großbritannien, Venedig und Deutschland leitete von 2010 bis 2019 das Museum Wiesbaden. Die Frage nach den Stärken und Schwächen seines neuen Hauses beantwortet er im Zeitkunst-Interview abwägend: „Die Hamburger Kunsthalle ist ein Bürgermuseum, also keine fürstliche Gründung mit einem durch ein großes Vermögen konsequent erworbenen Sammlungskern. Die Hamburger Kunsthalle ist ein demokratisches Museum, und entsprechend fällt die Sammlung vielschichtig und mehrstimmig aus. Diese „Mehrstimmigkeit“ macht es bisweilen schwer, die Kunsthalle unter einer Überschrift zusammenzufassen, dafür bildet unser Haus sowohl die Möglichkeiten und Stärken Hamburgs, als auch die Kunstgeschichte in ihrer Breite ab: Hier wurde und wird zusammengetragen, was Kuratoren, schenkende Sammler sowie Künstler dem Haus zugedacht haben. Den Direktoren oblag und obliegt es, diese Erwerbungen zusammen zu denken und die daraus entstandene und entstehende Sammlung in den Kontext der Kulturgeschichte einzuordnen und zu interpretieren.“

Alexander Klar ist gerade dabei, sich in der Hamburger Kunsthalle mit ihren rund 100 Mitarbeitern und auch in der Hansestadt neu zu orientieren. Klar wurde freundlich und mit abwartendem Respekt aufgenommen – typisch hanseatisch eben. Mittlerweile hat er aber auch erste Grundüberlegungen für Ausstellungsprojekte entwickelt: „Mir liegt am Herzen, mit den Kuratoren gemeinschaftlich ein stimmiges Ausstellungsprogramm aufeinander bezogener Ausstellungen zu erarbeiten. Ich möchte das Museum wieder mehr als einen Ort kunsthistorischer Forschung etablieren, deren Ergebnisse sich in guten Ausstellungen niederschlagen. Themen, die mich dabei interessieren, sind zum Beispiel die Umbruchszeiten der Geschichte, die dann in der Kunst ihre Bilder fanden. Und mich interessieren besonders Ausstellungsprojekte, die gemeinsam mit Künstlern entstehen – keine Retrospektiven oder Auftragsproduktionen von Werken, sondern veritable Zusammenarbeit, die in Projekten mündet, die nur ein Museum mit Künstlern umsetzen kann.“

Nicht nur in Hamburg wird über die hohen Eintrittspreise in Museen heftig diskutiert. Der Hamburger Senat verkündete unlängst, dass es zumindest einen Tag mit kostenlosem Eintritt pro Monat geben solle. Auch Alexander Klar hat sich schon konkrete Gedanken darüber gemacht, ob ein freier Eintritt helfen würde, Menschen mit Schwellenängsten ins Museum zu locken: „Der freie Eintritt würde sicher helfen, auch Menschen ins Museum zu holen, die sich die 14 Euro Eintritt nicht leisten können oder wollen. Die Hamburger Kunsthalle bietet bereits heute freien Eintritt für Kinder unter 18 Jahren sowie Ermäßigungen für viele Besuchergruppen und an Donnerstagabenden. Wer in Hamburg lebt und gerne regelmäßig in die Kunsthalle geht, entscheidet sich oft für eine Mitgliedschaft bei den Freunden der Kunsthalle: Die über 18.000 Mitglieder dieses Vereins besuchen das ganze Jahr über die Sammlungen und Sonderausstellungen, ohne Eintritt bezahlen zu müssen. Prinzipiell gilt: Menschen gehen an Orte, die sie interessieren, die für sie relevant sind, die sie locken oder über die sie etwas gehört haben. Ein solcher Ort muss auch das Museum sein, und die Hamburger Kunsthalle ist das mit über 350.000 Besuchern im Jahr auch heute schon in hohem Maße.“

Um diese Besucherzahlen zu halten und bestenfalls noch zu steigern, muss die Hamburger Kunsthalle neben der Präsentation ihrer Sammlung auch kontinuierlich an einem attraktiven Ausstellungsprogramm arbeiten. Neue Ausstellungsformate, aktuelle Themenausstellungen und die Neu- und Wiederentdeckung richtungweisender Künstler sind hier nur drei Stichworte. Auch Alexander Klar ist sich dieser Situation bewusst und bringt zu Beginn seiner Direktorenschaft schon einmal die Notwendigkeit eines möglichen Erweiterungsbaus ins Spiel: „Ich sehe ein großes Desiderat in der Schaffung gut proportionierter Räume für große Sonderausstellungen und die Infrastruktur dafür.“ Bleibt zu hoffen, dass dieser Wunsch des Direktors im Schulterschluss zwischen der Stadt und privaten Mäzenen in absehbarer Zeit realisiert werden kann.


Hamburger Kunsthalle

Glockengießerwall 5

20095 Hamburg

Di-So 10-8 h, Do 10-21 h

www.hamburger-kunsthalle.de