Abstraktion – was bedeutet das für die Kunst?

Eine Übersicht aufschlussreicher Ausstellungen von Abstraktionskunst/ Von Marianne Hoffmann


Links: Sabrina Haunsperg, o.T., 2008

Rechts: Maik und Dirk Löbbert, „Höhen und Tiefen“, 2010, Dispersionsfarbe auf Pfeiler


Das Wort Abstraktion, das wir immer wieder, vor allem in der bildenden Kunst so leichtfertig gebrauchen, wenn uns die Worte für eine Bilddarstellung fehlen, bezeichnet meist den induktiven Denkprozess des Weglassens von Einzelheiten und des Überführens auf etwas Allgemeineres oder Einfacheres. Daneben gibt es spezifische Verwendungen des Begriffes in bestimmten Einzelwissenschaften und einzelnen Theorien<, so jedenfalls erklärt es Wikipedia. Kunstrichtungen, die nach 1900 aufkamen, bekamen die Sammelbezeichnung abstrakte Kunst. Um diesen Begriff sinnvoll einzugrenzen, stelle ich Ihnen einige ausgewählte Ausstellungen vor. 

 

Das Museum Stangenberg Merck zeigt bis zum 16 Juni 2019 die Sonderausstellung „Ekkehard Wiegand. Bildhauer, Maler, Grafiker“, die den vielseitigen Künstler Ekkehard Wiegand aus Palling im Chiemgau in seiner ganzen Bandbreite repräsentiert. Wiegands Thema ist der Mensch in seiner Vielschichtigkeit. Verborgenes bringt er teils auf humorvolle Weise zum Ausdruck und animiert den Betrachter zum Schmunzeln ob der oft hintergründigen Botschaft. Seine ausdrucksstarken Skulpturen und Bilder bestechen durch Schlichtheit in Form und Ausdruck. Reduziert auf das Wesentliche, bilden die Arbeiten Wiegands eine unvergleichliche Kombination teils stark abstrahierter, teils realistisch geprägter Werke unverwechselbarer Einzigartigkeit. Die Bilder und Grafiken „befruchten“ die Skulpturen, der umgekehrte Prozess findet genauso statt. Seine ästhetischen und teilweise amüsanten Menschenplastiken, Skulpturen, grafischen Blätter und Gemälde zeichnen ihn als stilsicheren Künstler mit technischer Finesse aus, der überwiegend dem Figürlichen gekonnt Ausdruck verleiht. Sein Verständnis vom Abbild des Menschen ist ebenso von der Realität als auch von der Abstraktion gezeichnet, wenn er zum Beispiel die menschliche Büste auf waagerechte und senkrechte Formen beschränkt und ihnen Individualität durch Farbe verleiht.

www.museum-jugenheim.info

 

Mit einer fast ein Jahr dauernden Ausstellung der österreichischen Künstlerin Sabrina Haunsperg gibt das Schauwerk Sindelfingen eine Übersicht über das facettenreiche Schaffen der 1980 geborenen Künstlerin. Im Mittelpunkt der  Ausstellung stehen die Werke aus den vergangenen zehn Jahren. Darunter finden sich Arbeiten, die frisch aus dem Atelier kommen und erstmals öffentlich präsentiert werden. Haunsperg erstellt farbintensive, dynamische und meist großformatige Gemälde in unterschiedlichen Techniken und Materialien. Dabei legt sie großen Wert auf die Verwendung hochwertiger Farben, die sie nach traditionellen Rezepturen mischt. Die Farbe bringt sie mit Pinsel, Stift, Sprühpistole oder Schüttungen unter vollem Körpereinsatz auf die Leinwand. Im Zusammenspiel aus sorgfältiger Planung und Experimentierfreudigkeit entstehen sich in zahlreichen Schichten überlagernde Farbflächen, Farbgeflechte und energiegeladene Farbexplosionen. Diese ziehen den Betrachter in ihren Bann, bestechen durch ein spannungsvolles Verhältnis von Bildoberfläche und Bildtiefe und lassen Raum für vielfältige Assoziationen. Ihre Abstraktionen erzählen großartige Geschichten, die als einzige Ausdrucksmittel ihre Farbe haben und in der Text ist in die Farbgeflechte eingedacht. Sabrina Haunsperg studierte von 2001 bis 2008 Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf unter anderem bei Helmut Federle und war Meisterschülerin bei Herbert Brandl. Sie erhielt zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Haunsperg lebt und arbeitet in Düsseldorf.

www.schauwerk-sindelfingen.de

 

Es ist ungewöhnlich, was die 1974 geborene und in Paris lebende Künstlerin Ulla von Brandenburg in Stoff künstlerisch erarbeitet. Sie hat bis heute ein umfassendes, komplexes und charakteristisches Œuvre entwickelt, dem sich das Kunstmuseum Bonn und die Whitechapel Gallery London mit zwei unterschiedlichen Ausstellungen und einer gemeinsamen Publikation widmen. Die motivische Verdichtung im Werk Ulla von Brandenburgs, die aus der Formsprache von Folklore, Theater und Zirkus speist, korrespondiert mit einer außer¬gewöhnlich hohen medialen Vielfalt. Wenn man nun glaubt, dass sich hier liebliche Bilder zu dem verklärten Theater- oder Zirkusleben ins Museum verirren, der sei gewarnt. Ulla von Brandenburgs Arbeiten leben durch ihre intensive abstrakte Farbigkeit, gegliedert in klare Formen. In ihren Filmen, Installationen und Zeichnungen verwendet von Brandenburg Methoden des Theaters, um sich mit gesellschaftlichen und historischen Fragen aus¬einanderzusetzen. Facetten des Bühnenhaften und Theatralischen oder die Regelhaftigkeit des Spiels werden zu Metaphern des Zusammenlebens, in denen die Trennung zwischen Zuschauer und Akteur, Realität und Illusion stets hinterfragt und stellenweise durchbrochen wird. Ulla von Brandenburgs Referenzen an das Theater führen uns immer wieder auf die Grundfragen unserer Existenz und Gesellschaft zurück: Wer sind wir? Welche Rolle spielen wir? Welche Position wird uns durch unsere Rolle zugewiesen? Uns wird ein Blick hinter die Bühnen des Lebens gewährt, ohne dabei die Faszination für das eigene Spiel zu zerstören. Mit jedem Bild, das von Brandenburg als Illusion, als Schatten oder Spiegelbild entlarvt, entsteht ein ebenso vielschichtiges neues.

www.kunstmuseum-bonn.de


Links: Ulla von Brandenburg, „It Has A Golden Sun and An Elderly Grey Moon“, (Filmstill), 2017

Rechts: Hendrik Nicolaas Werkman, Fassade, 1925 


Die Städtische Galerie im Park in Viersen geht auf eine spannende Reise in die abstrakte Welt des Brüderpaares Maik und Dirk Löbbert. Für das Brüderpaar ist die „Wahrnehmung des Besonderen im Alltäglichen“ das zentrale Thema ihrer Kunst. Im Mittelpunkt steht häufig die Auseinandersetzung mit dem Ausstellungsort oder dem Umfeld im öffentlichen Raum. Installationen und Fotoarbeiten bieten optische Überraschungen, Geometrie stößt auf die Realität, reine Fläche auf dreidimensionale Bilder. Im Mittelpunkt der Arbeit von Maik und Dirk Löbbert steht das Alltägliche und Unauffällige, das insofern eine ungewohnte Aufmerksamkeit erfährt, als es vom Betrachter mit des Künstlers Auge zu sehen ist. Außerdem setzen sich die Löbberts immer mit dem Ort, an dem sie ausstellen und/oder vorübergehend leben, auseinander und nehmen oft auf seine Geschichte Bezug. So entstehen auf den jeweiligen Raum bezogene Arbeiten, die auch aus verändernden Eingriffen in die architektonische Substanz bestehen. Doch ist die Architektur dabei nicht Bildträger, Podest oder Podium künstlerischer Leistung. Sie ist vielmehr Teil einer Gesamtkonzeption, in das die Brüder Löbbert sowohl Skulpturales als auch Malerisches einflechten, allerdings immer unter Bezugnahme auf den Bewohner der Architektur, also den Menschen. Schon in den frühen Arbeiten ist die intensive Beschäftigung mit dem von der Architektur geprägten menschlichen Umfeld sichtbar. Die „Sperrmüllarbeiten“ von 1985 bis 1987 beziehen sich deutlich auf ihre unmittelbare Umgebung. Die Artefakte der Ensembles, gefundene Möbel und sonstige, alltägliche Gegenstände könnten im Sinne von objet trouvé interpretiert werden und somit außerhalb der jeweiligen Komposition keine eigenständige, künstlerische Bedeutung haben. Seit 1985 arbeiten beide zusammen, seit 2001 leiten sie gemeinsam die Klasse für Bildhauerei und Kunst im öffentlichen Raum an der Kunstakademie Münster. Maik Löbbert ist seit 2005 Rektor der Kunstakademie Münster. 

www.viersen.de

 

Das Staatliche Museum Schwerin zeigt in Kooperation mit dem Groninger Museum und dem Museum Spendehaus in Reutlingen mit der Ausstellung „Hot Printing“ bis zum 24. Februar 2019 Werke des Künstlers und Grafikers Hendrik Nicolaas Werkman. Er war eine der herausragenden Persönlichkeiten der niederländischen Avantgarde und gilt in seinem Heimatland, den Niederlanden, als einer der Wegbereiter der Moderne und Protagonist auf dem Feld experimenteller Druckgrafik. Außer typografischen Arbeiten umfasst das Werk von Werkman auch Lithografien, Radierungen und Gemälde sowie Schablonen- und Walzendrucke. Neben Karten und Plakaten schuf er außerdem kalendarische Arbeiten sowie eine eigene Interpretation des Türkenkalenders, in dessen Text er nicht nur seine große Freiheitsliebe, sondern auch versteckte Kritik an der Besetzung der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht zum Ausdruck brachte. Einem breiteren internationalen Publikum bekannt wurde er 1926 als Herausgeber der Zeitschrift „The Next Call“. In Deutschland wurde der Kunstschaffende in den 1960er-Jahren bekannt. HAP Grieshaber (1909-1981), einer der wichtigsten Grafiker der Nachkriegszeit, initiierte mehrere Ausstellungen und Publikationen. Neben Einzelausstellungen war Werkman 1964 auf der documenta III vertreten, ebenso in der 15. Europarat-Ausstellung „Tendenzen der zwanziger Jahre“ 1977 in Berlin. In Schwerin wird das Schaffen des Künstlers in den wöchentlichen Rendezvous-Veranstaltungen unter vielfältigen Blickwinkeln betrachtet. Eine kleine Druckerei in der Ausstellung ermöglicht den Besuchern, unter Anleitung eigene Druckwerke herzustellen – inspiriert von den sie umgebenden Drucken Werkmans.

www.museum-schwerin.de