Byzantinische Beziehungen

Das Freisinger Lukasbild verbringt Weihnachten in Venedig/ Von Marianne Hoffmann 

Links: Freising, Diözesanmuseum Freising, Silberretabel mit der Freisinger Lukasikone, von Engeln getragen, 1629

(Foto: Diözesanmuseum Freising, Walter Bayer)

Mitte: Florenz, Gallerie degli Uffizi, „Porträt Sultan Bayezid I. (1360.-1403)“, Cristofano dell’ Altissimo, vor 1560

(Foto: Uffizien, Florenz)

Rechts: Recklinghausen, Ikonen-Museum, Der hl. Lukas malt die Muttergottes, ca. 1500

(Foto: Ikonen-Museum Recklinghausen)


Es muss schon etwas Besonderes passiert sein, wenn sich der Erzbischof von München und Freising Reinhard Marx in der Vorweihnachtszeit nach Venedig aufmacht und im ehrwürdigen Markusdom auf dem Markusplatz eine Messe hält. Der Anlass war mehr als besonders, kehrte doch das im Diözesanmueum in Freising aufbewahrte Kleinod, das als Lukasbild bekannt ist, nach 600 Jahren nach Venedig zurück. 

1440 schenkte Nicodemus della Scala, damals Bischof von Freising, das Lukasbild, das der Legende nach der Evangelist Lukas selbst gemalt haben soll, dem Freisinger Mariendom. Dort ruhte es jahrelang in dessen Schatzkammer, wurde nur an hohen Festtagen zu Prozessionen mitgeführt und wird seit 1974 im Freisinger Diözesanmuseum aufbewahrt. Anfang des 17. Jahrhunderts wurde das Marienbild dann in einem mit Emailarbeiten verzierten Silberbeschlag gerahmt und im Elisabethaltar des Doms neu inszeniert. Nun kehrt die altehrwürdige Ikone nach Venedig zurück, um in einer Ausstellung gefeiert zu werden. Welcher Platz wird diesem byzantinischen Kleinod gerecht, hat man sich im Diözesanmuseum gefragt, wo diese Ausstellung jahrelang akribisch vorbereitet wurde. Es gibt in ganz Venedig nur einen Ort, der vom Ambiente und der Historie dem Lukasbild sprichwörtlich das Wasser reichen kann. Die Marciana Bibliothek im Museo Correr mit ihren prachtvollen Räumlichkeiten ist der ideale Ort, darin waren sich alle einig. Unter den Deckengemälden der repräsentativen Marcianaräumlichkeiten nimmt sich die gerade eröffnete Ausstellung als Gesamtkunstwerk aus. Natürlich gestaltete sich die Ausstellungseröffnung gänzlich anders als üblich. Normalerweise langweilt man sich bei einer Ausstellungseröffnung bei offiziellen Reden, Häppchen und einem Glas Wein, aber Kardinal Marx reiste mit einer Abordnung aus Freising an. Sie bestand aus 200 kunstinteressierten Persönlichkeiten und nicht zuletzt aus dem „who-is-who“ der Münchner Gesellschaft. Kurzerhand wurde die Eröffnung in den Markusdom verlegt und so wurde aus einer weltlichen Eröffnung ein feierlicher Gottesdienst, des ausgestellten Lukasbildes mehr als würdig. „Die letzten Tage von Byzanz“ ist der offizielle Ausstellungstitel, der so gar nicht auf das Meisterwerk, das Lukasbild, verweist. Wie schon erwähnt, stammt diese Marienverehrung, denn nichts anderes stellt das Lukasbild dar, aus einer stürmischen Zeit des Wandels und Umbruchs. Allein schon ihr Titel, „Die Hoffnung der Hoffnungslosen“, verliehen vom letzten byzantinischen Kaiser Manuel II., der selbst hoffnungslos war, verfolgt und von allerlei Nöten geplagt. So widmet sich die Ausstellung den Jahrzehnten vor der endgültigen Eroberung von Byzanz im Jahr 1453, der Reise Kaiser Manuels II in den Westen und den von ihm mitgeführten Geschenken. Weitere Schwerpunkte sind die Bedeutung von Ikonen für die orthodoxen Christen, der Kulturtransfer zwischen Byzanz und Venedig sowie byzantinische Reliquiare. Unter den ausgestellten Handschriften, Gemälden, Ikonen und Reliquiaren sind auch Objekte aus dem Pariser Louvre und den Uffizien in Florenz. Erstmals werden zudem die Ergebnisse der aufwendigen kunsttechnologischen Untersuchungen, die 2016 und 2017 am Lukasbild durchgeführt wurden, der Öffentlichkeit vorgestellt. Ein Mammutprojekt, jahrelang vom Freisinger Diözesanmuseum akribisch vorbereitet. Kardinal Reinhard Marx schreibt im Vorwort des Ausstellungskataloges, dass das Bild aufgrund des Konflikts dreier Kulturen, des östlichen und westlichen Christentums sowie des Islam, den Menschen Trost und Heil verheißend, heute für den Glauben an die Macht der Hoffnung stehen kann. Eine Hoffnung, die alle Religionen und Kulturen gleichermaßen bewegt und vereint, eine Hoffnung, die den Menschen Heil und Segen in einer oft verloren scheinenden Welt verheißt. Die Geschichte des Freisinger Lukasbildes zeige, „dass diese Hoffnung jedoch nicht einfach nur geschenkt wird, sondern auch vertrauensvoll erkannt, vermittelt und in eine gemeinsame Vision des Friedens eingelöst werden muss.“



Starke Worte für eine Kirche, die der breiten Öffentlichkeit immer wieder durch höchst unangemessene Vorfälle ins Gedächtnis gespült wurde und wird, und eine Ausstellung in einem Land, das sich in einer schwerwiegenden Finanzkrise befindet und durch Naturkatastrophen geschwächt ist. Vielleicht ist gerade deshalb der Name „Die Hoffnung der Hoffnungslosen“ ikonografisch gut gesetzt. Aber worauf hatte Manuel II. gesetzt, als er in den Westen reiste, im Gepäck wertvollste Kulturgüter und Kunstgegenstände? Sein Ziel war es, Truppen zu requirieren, die im finalen Kampf um Byzanz kämpfen sollten. Doch Europa hat ihn im Stich gelassen. Es stand schlecht um das byzantinische Reich, das im Verlauf der Spätantike, nach der sogenannten Reichsteilung von 395, im östlichen Mittelmeerraum entstanden war. Das von der Hauptstadt Konstantinopel – auch Byzanz genannt – aus regierte Reich erstreckte sich während seiner größten Ausdehnung Mitte des 6. Jahrhunderts von Italien und der Balkanhalbinsel bis zur Arabischen Halbinsel und nach Nordafrika, war aber seit dem 7. Jahrhundert weitgehend auf Kleinasien und Südosteuropa beschränkt. Mit der Eroberung von Konstantinopel durch die Osmanen im Jahr 1453 endete das Reich. Schon im 8. Jahrhundert, als die Konflikte sich im byzantinischen Reich verstärkten, tauchte zum ersten Mal der Begriff Bilderstreit auf. Es ging darum, dass Kirche und Kaiserhaus sich um Ikonen stritten, womit die Abbildungen von Heiligen gemeint waren, die verboten werden sollten. Stattdessen sollten Kreuze aufgehängt werden. Verglichen mit dem Ende des großen Byzanz war das zwar nur ein kleiner Aufruhr, jedoch der erste Alarm, der darauf hindeutete, dass in diesem Großreich etwas faul war. So ist es nicht verwunderlich, dass ein Schwerpunkt der Venedig-Ausstellung die Bedeutung von Ikonen für die orthodoxen Christen und der Kulturtransfer zwischen Byzanz und Venedig ist. Das einstige Byzanz, später Konstantinopel, war im 15. Jahrhundert nunmehr ein Schatten des einst so mächtigen Oströmischen Reiches. Über Jahrhunderte hinweg, bis zur Eroberung durch die Ritter des vierten Kreuzzuges 1204, hatte Byzanz zahlreichen Invasoren aus dem Osten und Norden getrotzt, Persern, Awaren, Bulgaren, Slawen und Warägern und vor allem den Heeren des Islam. Und selbst nach der Rückeroberung Konstantinopels 1261 behaupteten sich die östlichen Erben Roms noch gegen das Vordringen der Türken. Für nicht wenige Historiker war es das Verdienst dieses Bollwerks, dass das mittelalterliche Europa sich selbständig entwickeln konnte. Byzanz war in seiner Entwicklung der restlichen Welt weit voraus. Dass da Neid aufkommt, ist vorherzusehen, und die mehr als brutalen Kreuzzüge, die unter der christlichen Symbolik des Kreuzes durchgeführt wurden, taten ein Übriges, Länder zu schwächen und Menschen wie Vieh abzuschlachten. Und trotz allem gibt und gab es immer wieder Herrscher, die ein friedliches Miteinander leben konnten, wenn auch immer nur so lange, bis der Nachwuchs an die Macht kam. Liest man die Geschichte des byzantinischen Reiches, dann sind die Parallelen zu dem, was im 21. Jahrhundert weltweit geschieht, verblüffend und vor allem erschreckend. Kardinal Marx schreibt dazu: „Politisches, wirtschaftliches und persönliches Machtstreben, verbunden mit Krieg, Gewalt und religiösen, sowie kulturellen Konflikten, sind keinesfalls Geschichte, sondern von ungebrochener Aktualität.“ Es ist Herrschern wie Manuel II. zu verdanken, dass nicht alles, was eine erfolgreiche Dynastie kulturhistorisch ausmachte, ausradiert, vernichtet oder vergraben wurde. So geschehen mit dem Lukasbild, das seine Existenz in Bayern dem kunstsinnigen Bischof Nikodemus della Scala und seinem Bruder Brunoro zu verdanken hat. Von den letzten Tagen des byzantinischen Reiches ist folgendes überliefert: „Der plötzliche Lärm war schreckenerregend. Die Türken stürzten entlang der gesamten Mauerlänge zum Angriff vor und stießen dabei ihre schrill kreischenden Schlachtrufe aus, indes Trommeln, Trompeten und Pfeifen sie ermutigend antrieben. Die christlichen Truppen hatten lautlos gewartet; doch als die Wachposten auf den Türmen das Alarmzeichen gaben, begannen die Kirchen in der Nähe der Mauern ihre Glocken zu läuten, und überall in der ganzen Stadt nahm eine Kirche nach der anderen das Warngeläute auf.“ So schildert Kritobulos von Imbros, ein byzantinischer Geschichtsschreiber in türkischen Diensten, den Beginn des 28. Mai 1453. Der letzte Tag von Konstantinopel als Hauptstadt eines mehr als tausend Jahre alten christlichen Reiches war angebrochen. (Die Welt) Über die Geschichte dieses einmaligen Reiches gibt der aufwendige Katalog noch einmal Aufklärung. Darüber hinaus erläutert er die ausgestellten, wichtigsten Exponate in wissenschaftlich fundierten und doch für jeden veständlichen Texten. Es ist dem Freisinger Diözesanmuseum und seinem Direktor Christoph Kürzeder und natürlich der Direktion der Marciana Bibliothek, Stefano Campagnolo, zu verdanken, dass ein großes Stück Kulturgeschichte in unser Bewusstsein zurückkehrt. 

 

Die letzten Tage von Byzanz – Das Freisinger Lukasbild in Venedig 

bis  5.3.19 

Diözesanmuseum Freising 

Biblioteca Nazionale Marciana

Piazza San Marco 7

I-30124 Venedig

Mo-Fr 8-19 h, Sa 8-13.30 h

 

 

https://marciana.venezia.sbn.it/