(Frei-)Raumstudien                                    am Canal Grande

In Venedig eröffnet die Architekturbiennale / Von Petra Schaefer


Oben: „Brücken Bauen – Building Bridges“ lautet das Thema eines Symposiums der Bundesstiftung Baukultur in Venedig

(Foto: Deutsches Studienzentrum in Venedig)

Unten: Ausstellungsansicht „Unbuilding Walls“ von GRAFT & Marianne Birthler im Deutschen Pavillon zur Architekturbiennale 2018

in Venedig (Fotos: Felix Torkar / GRAFT)


In Venedig mangelt es an freiem Raum, weshalb kaum neu und selten zur ungeteilten Freude der Stadtbewohner gebaut wird; zuletzt sorgte der spanische Architekt Santiago Calatrava mit der vierten Brücke über den Canal Grande für Schlagzeilen. Umso drängender ist die Auseinandersetzung mit dem Thema „Freespace“, welches die Architekturbiennale unter der Leitung von Yvonne Farrell und Shelley McNamara aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet – und mit welchem sie von der Lagunenstadt aus die Welt in den Blick nimmt. So beschäftigt sich der Deutsche Pavillon, den das Büro GRAFT von Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit kuratiert, mit den enormen räumlichen Leerstellen, die nach dem Fall der Berliner Mauer im Jahr 1989 entstanden. Gemeinsam mit der Politikerin Marianne Birthler, über ein Jahrzehnt Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, werfen die Kuratoren mit „Unbuilding Walls“ die Frage auf, ob und wie in den letzten dreißig Jahren dieses Gelände im rund 20 Meter breiten ehemaligen Mauerstreifen in Berlin genutzt wurde. Der Anlass für diese exemplarische Untersuchung ist eine zeitliche Symmetrie: 28 Jahre stand die Mauer, seit 28 Jahren ist sie gefallen. Eine der vieldiskutierten Leerstellen in der Stadt ist die im Zweiten Weltkrieg zerstörte Brommybrücke zwischen Kreuzberg und Friedrichshain, die bis heute nicht wiederaufgebaut wurde, obwohl immer wieder neue Projekte erarbeitet werden. Unter den 28 Themenfeldern figuriert außerdem der Checkpoint Charlie an der Grenze von Kreuzberg und Berlin-Mitte, der heute zwischen historischem Erbe und Touristenattraktion oszilliert. Die detaillierten Recherchen präsentiert das Team hinter hochrechteckigen schwarzen Paneelen, die im Eingangsbereich des hallenartigen Pavillons dank einer raffinierten Anamorphose selbst eine Mauer formen, die sich über zwei in den Nebenräumen eingepasste Spiegelflächen ins Unendliche wiederholt und den Todesstreifen evoziert. So erhält die wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas eine ästhetische und emotionale Schlagkraft, die sehr „instagrammable“ ist, sich also für die Multiplikation in den sozialen Netzwerken eignet, was dem Deutschen Pavillon eine hohe Aufmerksamkeit sichern dürfte. Bleibt zu hoffen, dass die Besucher auch in den beiden Seitenhallen verweilen, wo die Kuratoren über die eigene historisch-kulturelle Fragestellung hinaus eine Brücke schlagen zu den Orten, an denen nach wie vor Bevölkerungsgruppen durch Mauern aus- und eingegrenzt werden. Ein Kamerateam reiste unter anderem nach Israel, Zypern und Mexiko und interviewte Menschen beidseitig der Mauern. Auf lebensgroßen Screens berichten diese – auf Augenhöhe mit den Besuchern – in ihrer Muttersprache von dem Leben an der Grenze. So entsteht in den Seitenräumen ein vielstimmiger Sprachenklang, der zum Soundtrack der gewaltigen Mauerinstallation im Hauptraum wird. Wer sich mit den Einzelschicksalen beschäftigen möchte, kann die Filme dank der Untertitel gut verfolgen und sich viele Stunden im Pavillon aufhalten. 

Die Architekturbiennale in Venedig, die bis zum 25. November läuft, dient über die kuratierte Ausstellung und die Länderpavillons hinaus auch als interdisziplinäres und internationales Forum. Unter anderem tagt in Venedig traditionell die Bundesstiftung Baukultur, die in diesem Jahr zu einem Symposium zum Thema „Brücken Bauen – Building Bridges“ einlädt (26.-28. Juni). Brücken – die begehbaren wie die metaphorischen – fokussiert auch das Deutsche Studienzentrum in Venedig, das im Palazzo Barbarigo della Terrazza unter der Leitung von Marita Liebermann neue Sichtweisen der Realitäten und Mythen Venedigs entwickelt und diese in ein Verhältnis zu den Problemen der globalisierten Welt stellt. „Im Mittelpunkt steht die Migration“, so Liebermann, „die es in ihrer ganzen Bandbreite von der Flucht bis zum Tourismus zu reflektieren gilt: vom einen bis zum anderen Extrem der physischen Migration unserer Zeit, zwischen denen zahlreiche Erscheinungsformen sowohl körperlichen Migrierens als auch des Migrierens, im übertragenen Sinn, von Wissen, Ideen und kreativen Impulsen angesiedelt sind.“ Brücken werden dabei als Gegenentwurf zu Mauern betrachtet, aber deshalb nicht mit Symbolen des Friedens oder der Brüderlichkeit gleichgesetzt. Vielmehr sind sie ambivalente Schwebefiguren, die Kommunikation und Pluralität ermöglichen, insofern sie stets zugleich trennen und verbinden, also gerade keine Unterschiede einebnen – und je nach Standpunkt etwa als Freiraum oder als die Raumfreiheit einschränkendes, weil die Bewegung lenkendes Gebilde wahrgenommen werden. Eine entsprechend komplexe Angelegenheit ist der Brückenbau, wie auch die jüngsten Ereignisse in Venedig zeigen. Denn die neue Calatrava-Brücke, die einerseits eine willkommene zusätzliche Möglichkeit der Überquerung des Canal Grande schafft, bringt andererseits ein zentrales Problem mit sich, da sie die Besucherströme einseitig in die Stadtviertel Cannaregio – San Marco und Castello führt. Die Stadtverwaltung trifft jetzt an besucherstarken Tagen eine Gegenmaßnahme, um den Trend umzukehren und die Ströme auch in die Viertel Santa Croce – San Polo und Dorsoduro zu lenken: ausgerechnet mit der Errichtung von Einlasskontrollen, die den Freiraum von Anwohnern und Touristen deutlich einschränken.