Das Abenteuer des „Blauen Reiter“

Franz Marc und August Macke im Musée de l’Orangerie in Paris/ Von Valentin Boyer


Franz Marc, „The Dream [Der Traum]“, 1912, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid (©: Museum de l’Orangerie)


Die Ausstellung „Franz Marc/August Macke. Das Abenteuer des ‚Blauen Reiter’“ ist eine Kooperation zwischen der Pariser Museen Musée d’Orsay“ sowie „Musée de l‘Orangerie“ und der „Neuen Galerie New York“. Sie präsentiert bis zum 17. Juni dieses Jahres im „Musée de l‘Orangerie“ in Paris zwei bedeutende Persönlichkeiten des deutschen Expressionismus und der Bewegung „Der Blaue Reiter“: Franz Marc (1880-1916) und August Macke (1887-1914). 

Im Gegensatz zu vorhergehenden Ausstellungen in Deutschland zum Werk dieser beiden Maler fokussiert diese Ausstellung im Musée de l‘Orangerie das Interesse eher auf ihre jeweiligen künstlerischen Inspirationen und Einflüsse in der Zeit der Bewegung des „Blauen Reiter“ als auf ihre Freundschaft. Obwohl Franz Marc und August Macke beide als Hauptvertreter des deutschen Expressionismus gelten und einen zentralen Platz in der deutschen und europäischen Kunstszene einnehmen, sind sie in Frankreich weitgehend unbekannt. Indes haben beide Künstler ein großes Interesse für Frankreich und die französische Kunst bekundet und mehrere Reisen nach Paris unternommen. Sie sind also eine wirkliche Neuentdeckung für das französische Publikum. Es werden in dieser Ausstellung etwa hundert Gemälde ausgestellt, von denen einige noch nie oder selten in Frankreich zu sehen waren. 

Ein gemeinsames Wandbild der beiden Künstler empfängt die Besucher am Eingang der Ausstellung und lädt sie ein, ihr Werk zu entdecken. Die beiden Kuratorinnen Cécile Debray, Hauptkuratorin und Direktorin dieses Museums, und Sarah Imatte, Kuratorin des „Musée de l‘Orangerie“, haben sich entschieden, die Ausstellung in vier thematischen und chronologischen Teilen zu gestalten. Nach einer kurzen Einführung über das Leben der beiden Künstler und den historischen Kontext wird der erste Teil der Ausstellung mit dem Titel „Une Amitié de Peintres“ (Eine Malerfreundschaft) eröffnet. Franz Marc und August Macke sind sich am 6. Januar 1910 in München erstmals begegnet. Trotz sehr unterschiedlicher Charaktere und Temperamente ist eine unmittelbare und intensive Freundschaft entstanden, da es in der Tat eine gewisse Komplementarität zwischen ihnen gibt: während bei Ersterem eine gewisse überspannte Lyrik ihren Ausdruck findet, erscheint Macke einfacher, nüchterner und weitaus formalistischer. Der zweite Teil der Ausstellung illustriert vornehmlich die Periode der Künstlerbewegung „Blauer Reiter“ mit einem Schwerpunkt auf der Entstehungsgeschichte des Almanachs, die dem Besucher ermöglicht anhand von Manuskripten, Zeichnungen und Modellen des Almanachs dessen Grundkonzepte und deren Umsetzung in all ihrer Komplexität anschaulich nachzuvollziehen. Zum Zeitpunkt ihrer Begegnung im Jahre 1911 mit Wassily Kandinsky und der Schaffung des Almanachs des „Blauen Reiter“ nahm ihre Malerei deutlich radikalere stilisiertere Form an. Franz Marc wendet sich fortan von der noch weitgehend realistischen Freilichtmalerei ab und wagt eine gänzlich neue Sicht- und Malweise, indem er seine weltberühmten blauen Pferde malt, die dann auch die Titelseite des Almanachs inspirieren. Die Protagonisten der Bewegung der „Blaue Reiter“ gaben anstelle der realistischen Darstellung des Wahrgenommnen jenem Konzept den Vorrang, das sie ihrerseits als „inneres Sehen/ Visionen“ oder „Spiritualität“ bezeichneten, was durch das theoretische Konzept Kandinskys bezüglich der abstrakten Kunst („Das Geistige in der Kunst“, 1911) theoretisch untermauert wurde. Darüber hinaus ist diese Bewegung gekennzeichnet durch einen frühen „ganzheitlichen Ansatz“: Verschmelzung aller Künste (Malerei, Theater, Dichtung, Musik), Aufhebung geografischer Grenzen (Miteinbeziehung außereuropäische Künste), zeitlicher Grenzen und Hierarchien ( „offiziell“ anerkannte Kunst versus „Volkskunst“). Macke schloss sich 1910 mit Franz Marc der Bewegung des „Blauen Reiter“ an und befreundete sich auch sehr schnell mit dem schon sehr bekannten russischen Künstler Kandinsky. Während Franz Marc mit Kandinsky an dem Almanach arbeitete, stellte August Macke die ethnographischen Bilder zusammen und schrieb eine Studie über afrikanische Masken. Der Name „Blauer Reiter“ ist vor Allem symbolisch und bezieht sich auf die Figur des den Drachen tötenden Heiligen Georg, wie er unter anderem auf einer russischen Ikone aus dem Jahr 1850 dargestellt wird, das ebenfalls im Musée de l’Orangerie zu sehen ist.

Der dritte Teil des Parcours stellt die beiden Künstler im Kontext einer „europäischen Avant-Garde“ dar. Die Kunst von Marc und Macke, geprägt von einer sehr universellen Inspiration, ist eine Art Synkretismus von Stilrichtungen, Motiven und unterschiedlichsten künstlerischen Techniken, die je nach individueller Rezeptionsweise bei Marc und Macke zu einer jeweils sehr spezifischen Form von Symbiose dieser Inspirationsquellen in ihrem eigenen Schaffensprozess führten, und sie aufgrund dessen dann auch einen entsprechend individuell sehr unterschiedlichen und charakteristischen Stil entwickeln ließen.  

Anhand der sich einerseits gegenseitig inspirierenden und andererseits im Stil klar  differenzierenden Werke der beiden Künstler illustriert die Ausstellung ebenfalls persönliches Einvernehmen sowie eine gewisse Harmonie zwischen diesen beiden Künstlern, die augenfällig wird, wenn dem Besucher im Laufe der Ausstellung die Möglichkeit eröffnet wird, sich bewusst zu werden, inwiefern die Stilrichtungen der beiden Künstler in ihren Werken Ähnlichkeiten, Abweichungen oder Variationen aufweisen. Franz Marc hat eine besondere Vorliebe für das Thema des Pferdes, das schon den französischen romantischen Maler Eugène Delacroix inspirierte. Während die fast mystisch das Wesen der Pferde erfassenden Darstellungen noch eine gewisse Lyrik auszudrücken scheinen, verschmelzen die meditativ anmutenden Formen der Tiere im Laufe der Jahre mit den Formen der Landschaft. Diese symbiotische Sicht- und Darstellungsweise ermöglicht die Annäherung an eine Art von Abstraktion, die bei Kandinsky explizit wird, während Marc ganz offensichtlich bemüht ist, die „Seele“ der Dinge und nicht das „Geistige“ wiederzugeben. Im Gegensatz zu diesen eher zum Mystischen und Abstrakten tendierenden Kunstformen verschreibt sich August Macke einer positiven Darstellung des Lebens in klaren kontrastierenden Farben und Formen. Durch die Kürze seines Lebens und die Intensität seines Schaffensprozesses könnte man es gewissermaßen als Quintessenz der Bewegung „Blauer Reiter“ charakterisieren. Mackes Malweise ist grobflächig mit sehr kontrastierenden von innen heraus leuchtenden Farben, deren Lichtquelle nicht zu situieren ist, so dass seine chromatische Kühnheit stark an die von Delaunay gemahnt. Macke scheint in seiner Darstellungsweise vor Allem einen gewissen Hedonismus vermitteln zu wollen. Unter dem Einfluss seiner fast schon legendären Tunesienreise mit Paul Klee läßt ihn das mit seinen leuchtenden Aquarellen als einen der lebensfreudigsten unter den deutschen Expressionisten erscheinen. Während Franz Marc der Darstellung von Menschen keinerlei Ästhetik abgewinnen konnte, war für August Macke die Darstellung von Menschengestalten eines seiner beliebtesten Sujets. Ab 1913 lässt sich in der Tat eine diametral entgegengesetzte Entwicklung feststellen, indem sich Marc der Abstraktion verschreibt, während Macke sich von der künstlerischen Spiritualität von Kandinsky distanzierte, was insbesondere im letzten Teil des Parcours der Ausstellung „Auf dem Weg zur Abstraktion“ illustriert wird.

Die bedeutendsten Sammlungen der Werke dieser beiden Künstler befinden sich in Deutschland. Für diese Ausstellung kommen Kunstwerke aus Mannheim, Ludwigshafen, Frankfurt a.M., Berlin, Münster, Karlsruhe aber darüber hinaus auch aus Bern, Paris, New York, Madrid, Oslo und Den Haag, was die internationale Verbreitung der Werke dieser beiden Künstler in den großen Museen weltweit unter Beweis stellt. 


Franz Marc / August Macke. L‘aventure du Cavalier bleu

bis 17.6.

Musée de l‘Orangerie

Jardin des Tuileries

Place de la Concorde

75001 Paris

Mi-Mo 9-18 h

www.musee-orangerie.fr