Die Linie zwischen Erfahrung  und Fiktion

Nominierte und Preisträger des Prix de dessin de la Fondation d’art contemporain Daniel et Florence Guerlain im Wilhelm Hack Museum Ludwigshafen


Marcel van Eeden, Untitled, 2012, 56 x 76 cm, Collection Florence et Daniel Guerlain, Paris


Die Zeichnung gilt als das künstlerische Ausdrucksmittel, das am unmittelbarsten die Eindrücke und Gedanken des Künstlers festhält. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass die meisten Künstler als Vorbereitung für Gemälde gezeichnete Skizzen anfertigen. Vielleicht ist auch dies der Grund, dass die Zeichnung erst in der jüngeren Vergangenheit die gleiche Aufmerksamkeit bekommt wie andere Gattungen der Grafik, Gemälde und die Bildhauerei.

Das Ehepaar Guerlain sammelt bereits seit Mitte der 80er-Jahre leidenschaftlich Zeichnungen von Künstlern aus aller Welt. Circa zwanzig Jahre später, im Jahr 2006, riefen Sie dann einen Preis zur Auszeichnung und Förderung der Zeichnung in der Kunst ins Leben, der 2007 das erste Mal verliehen wurde. Nun werden jedes Jahr von einem sechsköpfigen Expertengremium drei zeitgenössische Künstler ausgewählt und nominiert, die die Zeichnung als ihr hauptsächliches künstlerisches Ausdrucksmittel nutzen. Ein weiteres Kriterium der Auswahl ist, dass die Kunstschaffenden mit Frankreich verbunden sind, sei es durch Ausstellungen, Auslandsaufenthalte oder den Besuch einer Kunsthochschule. Diese drei Künstler werden anschließend einer jährlich wechselnden Jury aus neun internationalen Sammlern präsentiert, die den Preisträger bestimmt. Inzwischen ist der Preis zum Aushängeschild der Kunststiftung der beiden Sammler avanciert. 

Werke aller 33 Nominierten und Preistragenden des Prix de dessin de la Fondation d’art contemporain Daniel et Florence Guerlain (Preis für Zeichnungen der Stiftung für Zeitgenössische Kunst Daniel und Florence Guerlain) der letzten elf Jahre sind ab dem 17. November im Ludwigshafener Wilhelm Hack Museum zu sehen. Die Ausstellung trägt den Titel „Autofiktionen“, eine Begriffsschöpfung des französischen Schriftstellers und Literaturkritikers Serge Doubrovsky, die eine Kombination aus autobiografischer und fiktionaler Erzählung bezeichnet. In vier Kapitel unterteilt zeichnet die Ausstellung nach, wie autobiografische und fiktive Narrationen im Zeitalter von Digitalisierung und Social Media in die zeichnerische Praxis einfließen und dort verhandelt werden. 

Das erste Kapitel „Die Eloquenz der Linie“, zeigt hauptsächlich abstrakte Arbeiten, die experimentell die Möglichkeiten der Linie, dem Hauptmerkmal der Zeichnung, erkunden. Darunter finden sich unter anderem Werke von Silvia Bächli (Preisträgerin 2007), Susan Hefuna (Preisträgerin 2013), Catharina Van Eetvelde (Preisträgerin 2010) und Jorinde Voigt (Preisträgerin 2012). Unter der Überschrift „Körper und Seele: Intime Reflektionen“ wurden gezeichnete Reflexionen von menschlichen Körpern versammelt. Hier sind beispielsweise die Preisträgerin des Jahres 2009, Sandra Vásquez de la Horra, und eine der nominierten dieses Jahres, Juul Kraijer, vertreten. „Private Mythologien“ ist der Name des dritten Kapitels. In diesem Teil der Ausstellung werden Arbeiten der diesjährigen Preisträgerin Mamma Andersson aus Schweden gezeigt. Inspiriert von Fotografien, die sie sammelt, schafft Andersson in Kohle und gemischter Technik figurative Zeichnungen, die Stimmungen und Gefühle einfangen. Auch die Aquarellzeichnungen der in diesem Jahr nominierten Künstlerin Leiko Ikemura, die westliche und östliche Traditionen verbindet, werden hier präsentiert. Im Bereich „Storytelling“, ein Begriff der derzeit besonders im Marketing Hochkonjunktur hat, sind Zeichnungen ausgestellt, die wie die Kapitelüberschrift verrät, Geschichten zu erzählen scheinen. Oft finden sich in diesen auch Schriftelemente, so zum Beispiel in den Arbeiten des Preisträgers von 2011, Marcel Van Eeden, und von Pavel Pepperstein, der 2015 nominiert wurde. Das Titelmotiv der Ausstellung, „Untitled (Boy Showing Eels to Tourists)“ stammt aus der Hand des schottischen Künstlers Charles Avery und ist ebenfalls in diesem Kapitel zu bewundern.

Im Rahmen der Ausstellung hat der Schweizer Künstler Marc Bauer für die Wand an der Rampe im ersten Stock des Wilhelm-Hack-Museums eine Wandmalerei entwickelt, die auf seine in der Ausstellung präsentierte Werkserie „In the past, only“ Bezug nimmt. |lh|

 

Autofiktionen – Zeichnung der Gegenwart

17.11. bis 24.2.19

Wilhelm Hack Museum

Berliner Str. 23

67059 Ludwigshafen am Rhein

Di-Fr 11-18 h, Do 11-20 h, Sa-So u. Feiertage 10-18 h

www.wilhelmhack.museum