Beeindruckendes Dreigespann

Werke von Sabine Becker, Marc Peschke und Dierk Maass bei The View 


Links: Sabine Becker, „o.T.“, 2018, Kobaltpigment/Acryl auf Packpapier, 100 x 140 cm, Mitte: Marc Peschke, „Pansa for President“, 2012, C-Print auf Aluminium unter Acrylglas, Ed. 13/15, Auflage 15+2, Größe variabel, Rechts: Dierk Maass, “27° 21' 36.760" S 70° 17' 50.610" W”, 2013, Fine Art Print on Dibond, 60 x 160 cm, ID 2707


Am 1. November eröffnet die Ausstellung „Zwischen Farbe, Form und Abenteuer“ im The View – Contemporary Art Space. Sie vereint die Arbeiten dreier zeitgenössischer Künstler aus Deutschland und zeigt Arbeiten aus deren jüngerer Vergangenheit: Gemälde, Foto-Objekte und Fotografien.

Sabine Becker erschafft mit blauem Pigment – genauer Kobaltblau – Texturen und Strukturen auf ihren Bildern. Dabei erforscht sie sensibel die Materialität von Farbe und eröffnet so einen Zugang in die Farbwelt. Es ist ein akribisches Arbeiten mit dem wertvollen Pigment. Ganze Bücher füllt sie mit dem Rezept für die Verarbeitung, ähnlich wie es viele Künstler vor ihr getan haben, denn es kommt auf das richtige Mischungsverhältnis von Pigment und Bindemittel an, für das man häufig jahrelang experimentieren muss. Ein Prozess, der chemisches wie künstlerisches Wissen verbindet. Sabine Becker ist sich der wechselhaften Geschichte der Farbe bewusst und sorgt sich auch um den ethischen Abbau des Rohstoffes. Viel Zeit verbringt die Künstlerin mit der Recherche darüber, woher sie diesen erhält. Derzeit ist der Rohstoff, der unter anderem für die Herstellung von Batterien verwendet wird, so gefragt und rar, dass sie ihre Lieferanten häufiger wechseln muss. In Anbetracht der steigenden Preise lagert die Künstlerin das Pigment inzwischen in weiser Voraussicht eimerweise in ihrem Atelier. 

Die Faszination für Blau hat in der Kunstgeschichte Tradition: Der expressionistische Maler Wassily Kandinsky schrieb 1910 in seinem berühmten Buch „Über das Geistige in der Kunst“: „Die Neigung des Blaus zur Vertiefung ist so groß, dass es gerade in tieferen Tönen intensiver wird und charakteristischer innerlich wirkt. Je tiefer das Blau wird, desto mehr ruft es den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm die Sehnsucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem.“ Sabine Becker verbindet die Farbe Kobaltblau mit Freiheit. In ihren monochromen Werken findet sie Raum für Kontemplation – und was steht schon über der Freiheit, seinen eigenen Gedanken frei von Ablenkungen nachgehen zu können?

Marc Peschkes Fotografien dagegen setzen sich mit Abstraktion, Transformation und Verschlüsselung von Vorgefundenem auseinander. Die kubischen Foto-Objekte lassen den Betrachter durch ihren Illusionismus staunen. Seine Kuben verweisen auf die heutige Zeit, auf die Wandlungen in unseren Städten, Konsumkritik und Kommunikation. 

Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie Künstler Innovationspotenzial in einem Medium wie beispielsweise der Fotografie finden. Marc Peschke gibt der fotografischen Flachware einen skulpturalen Körper, indem er die hochglänzenden Diasecs fräst und so die Sujets isoliert. In seiner 2012 entstandenen Serie „Liquidación total!“ sehen wir Fotografien von Verpackungen und Kartons. Er nimmt sie aus ihrem ursprünglichen Kontext heraus und speist sie in einen Neuen ein. Kontextverschiebungen sind in der Kunst eine häufig gewählte Form der Irritation, durch welche man eine erhöhte Konzentration erzeugt. In seiner kubischen Geometrie lenkt Marc Peschke unsere Aufmerksamkeit auf Teilbereiche unserer Konsumgesellschaft, die sonst nicht im Fokus stehen: Verpackungen und Kartons. 

Im Sommer dieses Jahres konnte Dierk Maass sich der Reihe ehrwürdiger Künstler anschliessen, die ihre Arbeiten in Venedig ausstellen durften. Die traditionsreiche Biblioteca Nazionale Marciana gab Einblicke in sein Schaffen und zog mit der Schau zahlreiche Besucher an. Die Fotografien von Dierk Maass passten gut zur einzigartigen Lagunenstadt und eröffneten einen Dialog mit der langen Tradition an Entdeckern, die von dort in die Welt fuhren. Nun präsentiert The View eine Auswahl dieser Werke. Es sind Koordinaten, die sich wie ein roter Faden durch das Œuvre von Dierk Maass ziehen. Sie sind nicht nur titelgebend für seine Werke, sondern verorten diese auch und symbolisieren den Teil der Persönlichkeit des Schweizers, der für Neugierde und Abenteuerlust steht. Seine Fotografien entführen den Betrachter meist an abgelegene Orte und eröffnen ihm den Blick auf eine oft unbekannte Welt. Dabei erzählen die Fotografien von Dierk Maass die unterschiedlichsten Geschichten: vom Leben der Menschen an extremen Orten, von der Erhabenheit der Natur, dem Eingreifen des Menschen in die Landschaft und den kulturellen Ausprägungen von Menschen an unterschiedlichen Orten. Die Bilder geben dabei einen Einblick, wie der Künstler die Welt betrachtet. 

In einer Zeit, in der wir täglich von Bilderfluten umgeben sind, ist es fast schon erfrischend, dass der Künstler seine Werke nicht nachträglich bearbeitet. Ihm dient einzig die Kamera als Werkzeug für alle Effekte. Wie ein Maler seinen Pinsel, nutzt er die Kamera als sein Medium. Vielleicht ist dieses rare Bekenntnis zum Echten der Grund, warum seine Werke solch eine Präsenz ausstrahlen. |zk| 

 

Zwischen Farbe, Form und Abenteuer

Sabine Becker | Marc Peschke | Dierk Maass

1.11. bis 29.11.

The View Contemporary Art Space

Fruthwilerstrasse 14

CH-8268 Salenstein

www.the-view-ch.com