Die Moderne am Main

Bauhaus-Ausstellung im MAK Frankfurt/ Von Marianne Hoffmann


Das Bauhaus-Jubiläum zu feiern bedeutet nicht, dass es ausschließlich um Ausstellungen zu den zahllosen Sparten der Bauhauskultur deutschlandweit gehen sollte. Wie man Bauhaus auf eine ganz andere und sehr subtile Art feiern kann, die dann auch noch die Stadt in den Mittelpunkt stellt, die ganz Europa als die Stadt der Banken kennt, das ist dem Museum für angewandte Kunst in Frankfurt und seinem umtriebigen Direktor Professor Matthias Wagner K gelungen. Zusammen mit den Kuratoren Grit Weber, Annika Sellmann, Prof. Dr. Klaus Klemp und im Zusammenschluss mit  drei weiteren Frankfurter Museen – dem deutschen Architekturmuseum, dem Historischen Museum Frankfurt und dem neu gegründeten Forum Neues Frankfurt – ist es ihnen gelungen, einen Überblick über eine für Frankfurt besondere Zeit zu geben. Unter dem Namen „Das Neue Frankfurt“ wurde zu Beginn der 1920er-Jahre in Frankfurt ein beispielloses Programm ins Leben gerufen, das weit über die Grenzen der Stadt wahrgenommen wurde, denn in der neugegründeten Weimarer Republik ging es nicht nur um eine bauliche, sondern um eine von Grund auf kulturelle Erneuerung. In Frankfurt entstand ein dem Bauhaus gleichwertiges, weltbekanntes Zentrum der Avantgarde, und die Stadt entwickelte sich zu einem Vorzeigemodell der modernen Großstadt. Zwar gilt das Bauhaus bis heute vielen als die Wiege der Moderne im 20.Jahrhundert, aber was Ernst May in dem von ihm geleisteten Wohnungsbauprogramm erschaffen hat, ist mehr als eine Gestaltungsutopie und mehr als die berühmte Frankfurter Küche von Margarete Schütte-Lihotzky. Zu dieser Großstadtutopie, die Frankfurt nachhaltig verändert hat, gehörte der universale Anspruch, neue Gestaltungsformen zu verwirklichen, die alle Bereiche des menschlichen Lebens erfassen  und damit eine neue urbane Gesellschaft auf den Weg bringen. Dieser Anspruch fand seinen Niederschlag im Produkt-, Interieur,- Industrie- und Kommunikationsdesign, in den angewandten Künsten genauso wie in den freien, aber auch in den neuen Medien, in Fotografie, Rundfunk und Film. Aus ihrer Gegenwart – weniger aus der Vergangenheit – leiteten die Protagonist*Innen das für die Moderne am Main so Spezifische ab: die Einheit von Gestaltung und sozialem Engagement. Aus heutiger Sicht lässt sich sagen, dass es in den 1920er Jahren wohl kaum eine Stadt gab, in der so sehr der Geist des Neuen wehte wie in Frankfurt am Main. Denken wir an die Architektur des Bauhauses, so handelt es sich um die vorzugsweise schnörkellosen weißen kubischen Gebäude mit Flachdächern und schmalen, um die Ecke laufenden Fensterbändern. Für den Siedlungsbau, der für große neue Bevölkerungsschichten hätte geschaffen werden müssen, war diese Bauweise nicht denkbar, eher für individuelle Häuser, wenn man zum Beispiel an die Künstlerhäuser auf der Mathildenhöhe in Darmstadt denkt. Zwar waren ästhetisch und sozial die Ansätze des „Neuen Frankfurt“ denen des Bauhauses eng verwandt, doch die  Farbkonzepte sahen ein wenig anders aus. In Weimar und in Dessau kam es zu einer Realisierung von Musterhäusern, – anders als in Frankfurt, wo Siedlungen gebaut wurden. Was war also in dieser Zeit in Frankfurt, einem wichtigen Zentrum des Bauens, eigentlich los, dass dies so umgesetzt werden konnte?  Viele Faktoren sprechen für ein neues Bewusstsein in Frankfurt, ein bahnbrechendes Beispiel ist sicherlich die wiedererstandene Messe, , die Internationalität nach Frankfurt bringt. Die Kunstschule Frankfurt, die unter Fritz Wichert eine bedeutende Neuausrichtung erfährt und auch Lehrkräfte des Weimarer Bauhauses nach Frankfurt bringt. Nicht zuletzt wurde die Bedeutung des städtischen Hochbauamtes neu bewertet, und große Firmen wie das Telekommunikationsunternehmen Fuld und Co oder der Lampenproduzent Bunte&Remmler oder die Bauersche Gießerei trugen zur Neugestaltung Frankfurts aktiv bei. Mit mehr als 500 Objekten und Entwürfen, Fotografien und Reproduktionen, Zeichnungen, Gemälden, Filmen und Tonaufnahmen von über 40 privaten Leihgeber*Innen, öffentlichen Archiven und Museumssammlungen erzählt das Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt die Geschichte des Neuen Frankfurt in so noch nie gesehener Fülle und Dichte. Acht thematische Kapitel zeichnen auf 1200 Quadratmetern ein facettenreiches Bild von einem Aufbruch in die Gestaltungsmoderne, der von Zukunftsoptimismus und Weltoffenheit geprägt war. Wenn das Bauhaus die Akademie der Moderne war, dann war das Neue Frankfurt ihre Werkstatt. Hier hatte man die neuen Ideen in einen stadtgesellschaftlichen Diskursraum gestellt und ein praktisches Experimentierfeld geboten. Von 1926 bis 1933 entstanden 12 000 neue Wohnungen  und damit auch einheitlich gestaltete, intelligent konzipierte Siedlungen wie die Bruchfeldstraße („Zickzackhausen“), Praunheim, die Römerstadt, Westhausen, der Bornheimer Hang, die Heimatsiedlung und schließlich die Hellerhofsiedlung. So etwas in der Kürze der Zeit auf die Beine zu stellen, ist heute überhaupt nicht mehr vorstellbar, noch nicht einmal einen einzigen Komplex, wie der Berliner Flughafen nachhaltig beweist. 

(Abb.: Ausstellungsansicht “Moderne am Main 1919-1933”)

 

Moderne am Main. 1919-1933 

bis 14.4.

Museum für angewandte Kunst 

Schaumainkai 17

60594 Frankfurt am Main

www.museumangewandtekunst.de