Das Werk Egon Schieles im Zeichen von Eros und Thanatos

Egon Schiele Ausstellung in Paris in der Fondation Vuitton/ Von Valentin Bo


Anlässlich der Hundertjahresfeier des Todesjahres Egon Schieles (1890-1918), widmet ihm die Stiftung Louis Vuitton (Fondation Louis Vuitton) in Paris eine umfassende Ausstellung. In dieser Retrospektive werden ungefähr 100 Werke der gerade mal ein Jahrzehnt währenden Karriere des österreichischen Künstlers gezeigt. Sie situiert sich in diesem Jubiläumsjahr in der Fortsetzung  von Ausstellungen wie "Life in Motion: Egon Schiele/ Francesca Woodman" und vor allem "Egon Schiele – Die Jubiläumsschau", die in diesem Jubiläumsjahr in der Tate Liverpool und im Leopold Museum in Wien stattgefunden haben.

Egon Schiele zählt mit Gustav Klimt und Oskar Kokoschka zu den wichtigsten Künstlern der Wiener Moderne. Diese künstlerische Bewegung entstand um die Jahrhundertwende, in jener turbulenten Umbruchszeit, die den Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert markierte. Als einer der bedeutendsten österreichischen Maler des Expressionismus, grenzt sich Schiele sehr schnell und deutlich von der Tradition der konservativen Kunstkonzeption der Wiener Akademie der bildenden Künste ab, in die er im Jahre 1906 aufgenommen worden war. Er verschreibt sich voll und ganz den die Kunst revolutionierenden radikalen Infragestellungen und Ansätzen der sich allmählich herauskristallisierenden künstlerischen Avantgarde des beginnenden 20. Jahrhunderts, die sich in dieser Epoche politischer Spannungen, intellektueller tief greifender Veränderungen und im spezifischen Kontext einer bedrückenden Österreichisch-Ungarischen Monarchie situierte.

Um sein Werk in all seinen Dimensionen wahrzunehmen und zu schätzen, sollte der heutige Betrachter angesichts seiner komplexen, manchmal auch etwas befremdlichen Werke sowohl über Empathievermögen als auch über eine ausgeprägte Vorstellungskraft verfügen. Schieles Werke sind nämlich ebenso faszinierend wie erschütternd, poetisch und stimmungsvoll zugleich. Außerdem berühren einige seiner Gemälde Gefühlsdimensionen wie Furcht, Leid, Schmerz und Pein, also extreme menschliche Empfindungen, die sich letztendlich nur über Empathie nachvollziehen lassen, ohne gleich in eine ablehnende Abwehrhaltung umzuschlagen. Egon Schiele erneuert die Wahrnehmung des weiblichen Akts in seiner Darstellungsweise mittels einer sehr direkten Frontalansicht oder aber auch aus der Vogelperspektive, was ganz wesentlich dazu beiträgt, dass das bis dahin oft verbrämte oder gar negierte Potenzial der weiblichen Sexualität in seiner ganzen Vielschichtigkeit und Realität hier unverhüllt gezeigt wird. Des Weiteren unterscheidet sich Egon Schiele von anderen Malern und Zeichnern seiner Zeit – mit Ausnahme vielleicht seines Mentors Gustav Klimt – durch seinen spezifischen sehr persönlichen und intimistischen Stil, indem er sämtliche Facetten der menschlichen Sexualität schonungslos enttabuisiert, was zu seiner Zeit oftmals als Provokation empfunden werden konnte. Einige seiner Gemälde und Skizzen wurden noch bis in die sechziger Jahre hinein als obszön und pornographisch eingestuft, zensiert und beschlagnahmt, vor allem aufgrund des Onanie-Tabus, der offen erotischen Aktdarstellungen und auch der diversen Kinderakte. Morbide und seltsame Formen der menschlichen Erotik, Faszination gepaart mit Angst angesichts des Todes, sowie eine noch nie dagewesene Unverblümtheit in der Darstellung der leidenden, magersüchtig anmutenden, skurril verzerrten Körper kennzeichnen den Stil Schieles. Er stellt den Anspruch, die Wirklichkeit so darzustellen, wie er sie subjektiv wahrnimmt und zeigt einen ausgeprägten Sinn für starke Linienführung und harsche Konturen, die womöglich seine innere Zerrissenheit und existenzielle Ängste widerspiegeln. Es entsteht auf diese Weise eine besondere Art von Ästhetik durch dieses ständige Nebeneinander von Schönem und Hässlichem, von Lust und Leid. Welches auch immer die von ihm verwendete Technik ist, ob Temperafarbe, Aquarell, Pastellstift, Bleistift auf Papier oder Öl auf Leinwand, und welches auch immer das dargestellte Motiv sein mag, ob Porträt, Akt, Landschaften oder Städte, kreist Alles bei Egon Schiele letztendlich um ein einziges Thema, das sein ganzes Werk durchzieht. Dieses Thema ist die immer währende und alle Lebenselemente durchdringende Spannung zwischen Eros und Todestrieb (Thanatos). Auch die verzerrte Darstellung der Natur verweist auf diese existentiell grundlegende Problematik. Das Ölgemälde auf Leinwand „Herbstsonne“ (1914) scheint das durch die Fokussierung auf einige Details, Formen und Farben beispielhaft zu illustrieren, was die Expressivität des Dargestellten durch energische und ausdrucksvolle Bleistiftstriche, scharfe Konturen und klare puristische Kompositionen umso mehr zu verstärken scheint. Menschliche Körper werden mit breiter Strichführung grob umrissen, und die grüne Farbe der nackten Körper steigert den Eindruck makaberer Erotik, gepaart mit morbider Faszination des Todes, wie mit dem „Akt mit angezogenem Bein, Rückenansicht (Selbstbildnis)“ (1910). 

In der Ausstellung in der Fondation Vuitton wird in einem Parcours von vier Räumen anhand unterschiedlicher Themen das Œuvre Egon Schieles anschaulich illustriert. Die französische Hauptkuratorin der Ausstellung Suzanne Pagé, der Gastkurator Dieter Buchhart und der assoziierte Kurator für diese Ausstellung in Paris Olivier Michelon haben sich entschieden, diese Retrospektive Schieles in Form eines Panoramas vielfältiger Themen zu gestalten. Diese Ausstellung hat zum Ziel, die verschiedenen Aspekte sowie Einfluss- und Inspirationsquellen zu zeigen, die sein Werk, sein turbulentes Leben und seine kurze Karriere geprägt haben. Es handelt sich in der Tat um einen überaus produktiven Künstler – vor allem was seine Zeichnungen anbetrifft (annähernd 3000) – der über immer wiederkehrende Motive und Themen gearbeitet hat, wie zum Beispiel die zahlreichen Selbstporträts, die Darstellungen nackter Frauen und Männer, ebenfalls von Natur, Dörfern und städtischen Infrastrukturen. Vier sukzessive Hauptstilphasen lassen sich deutlich in seiner knapp ein Jahrzehnt andauernden Karriere unterscheiden. In einer ersten Phase finden sich noch einige dekorative Elemente des Jugendstils (von 1908 bis 1909), die ganz deutlich den Einfluss Gustav Klimts durch klare Linien, kolorierte Flächen und dekorative Formen und Elemente widerspiegelt, wie „Nackter Knabe, auf gemusterter Decke liegend“ (1908). In einer zweiten Phase (von 1910 bis 1911) entwickelt er sich hin zu einem eher expressionistischen Stil, der seinerseits durch scharf umrissene Formen und kontrastierende Konturlinien gekennzeichnet ist. Der Einfluss von dem österreichischen Malern Oskar Kokoschka (1886-1980) kennzeichnet diese Phase. „Stehender Knabe in gestreiftem Hemd“ (1910) oder „Selbstbildnis mit Pfauenweste, stehend“ (1911) gehören zu dieser Periode. In der Zeit zwischen 1912 und 1914 scheint Schiele auf der Suche nach einem neuen Gleichgewicht zu sein, nachdem der Nonkonformismus seines Werkes Zensur und die brutale Ablehnung seines konservativen Umfelds zur Folge gehabt hatte. Das Kunstwerk „Liegende mit roten Strumpfbändern“ (1913) zeigt die Entwicklung seines neuen Stils. Schließlich entwickelt sich eine letzte Hauptstilphase zwischen 1915 und 1918, in der Figuren und Hintergrund vollkommen gegeneinander ausgespielt werden, wie es das „Bildnis der Frau des Künstlers ihren rechten Fuß haltend“ (1917) beispielhaft illustriert. 

Ikone der Modernen Kunst und gequältes Genie, gilt Egon Schiele als einer der bedeutendsten und einflussreichsten Figuren der Expressionisten Österreichs. Außerdem zählt er zu den berühmten Künstlern der Wiener Moderne. Diese anlässlich der Hundertjahresfeier seines Todes organisierte originelle Ausstellung in der Fondation Louis Vuitton in Paris, eröffnet die Möglichkeit, das Werk dieses überaus produktiven Künstlers unter einem neuen Blickwinkel zu entdecken.

(Abb.: Egon Schiele. „Selbstbildnis mit Pfauenweste, stehend“, 1911. Gouache, Aquarell und Wachsmalstift auf Papier, auf Karton aufgezogen, 51,5 x 34,5 cm. Ernst Ploil, Wien.)

 

Egon Schiele

3.10. bis 14.1.19.

Fondation Louis Vuitton, 

8 Avenue du Mahatma Gandhi, 

F-75116 Paris 

Mo, Mi-Do 11-20 h, Fr 11-21 h, Sa-So 9-21 h 

www.fondationlouisvuitton.fr