Was bedeutet Heimat?

Stefan Strumbles Werke im Museum Art.Plus 


Das Museum Art.Plus in Donaueschingen zeigt in seinem 2-RAUM vom 18. November bis 24. März 2019 aktuelle Arbeiten des Offenburger Künstlers Stefan Strumbel. Mit einer Mischung aus Volkskunst, Pop Art und Street Art hat sich Strumbel, der seine Wurzeln in der Graffiti-Szene hat, im internationalen Kunstbetrieb fest etabliert. Unter dem Leitspruch „What the fuck is ‚Heimat‘?“ schuf er unverwechselbare Arbeiten, die das Thema „Heimat“ und die damit verbundenen Sinnbilder konventioneller Traditionen und Wertvorstellungen behandeln. Kuckucksuhren, Urbilder deutscher Tradition, die als Symbol einer „heilen Welt“ sowohl die heimischen Wohnzimmer bevölkern als auch millionenfach von Touristen als typisch deutsches Souvenir in die Welt getragen werden, stellte er in einen neuen, oft überaus provokanten Kontext, indem er sie in seiner ganz persönlichen Handschrift mit grell bunten Farben, subtilen Texten und teils morbiden Schnitzereien überzeichnete. Mit Luftgewehr oder Baseballschläger bewaffnete Schwarzwaldmädel mit Bollenhut konterkarieren ihren folkloristischen Hintergrund. Aufgewachsen am Rande des Schwarzwalds, wo der Heimatbegriff sowohl identitätsstiftend als auch Wirtschaftsfaktor ist, drängte sich dem Künstler dieser Themenkomplex geradezu auf. 2015 vollzog sich im Werk Stefan Strumbels ein Bruch, der auch darin begründet ist, dass sich sein Heimat-Thema zur mittlerweile tausendfach kopierten Marke entwickelt hatte. Er wollte weg vom Vergänglichen und fortan Dinge schaffen, die Beständigkeit besitzen. Projekte im öffentlichen Raum wie „Das kalte Herz“ in Göppingen und das „Denkmal für Karl III. Wilhelm von Baden-Durlach“ in Karlsruhe, beide aus dem Jahr 2015, legen Zeugnis über diese neue Haltung ab. Seine Werke wurden zunehmend abstrakt und entwickelten eine universellere Bildsprache, die jedoch immer noch Spuren seines bisherigen Themenspektrums aufweist. Der Heimatbegriff schwingt stets mit, wenn auch unterschwelliger. Die Arbeiten, die das Museum Art.Plus in seiner Ausstellung zeigt, machen diesen Wandel anschaulich. So sind die präsentierten Neonarbeiten, die an Lebkuchenherzen vom Jahrmarkt erinnern und mit teils derben Statements den Betrachter direkt ansprechen, in ihrer Reklamehaftigkeit noch tief in Strumbels früherem Pop-Vokabular verwurzelt. Eine andere Sprache sprechen Wandobjekte aus facettierten Spiegeln, die Umraum und Betrachter dekonstruieren und ihm ein Verorten im Raum unmöglich machen. Es ist das Spiel mit den Sehgewohnheiten des Betrachters, das sich durch das gesamte Schaffen Strumbels zieht. Indem er diese durchbricht, regt er zum Nachdenken an. Das gilt auch für seine aktuelle Werkphase, in deren Zentrum die heute allgegenwärtige Luftpolsterfolie steht. Für Stefan Strumbel steht sie sinnbildlich für den Schutz von allem, was man transportieren und bewahren will, seien es nun Werte, Inhalte, Überzeugungen oder Gefühle. Was vor- und umsichtig verpackt ist, dem haftet von vornherein die Aura des Wertvollen und Bedeutenden, aber auch, und hier schließt sich der Kreis zu den Spiegelarbeiten, des Zerbrechlichen an. Strumbel verpackt Alltagsgegenstände, aber auch kulturelle Artefakte in das schützende Material. Es sind Leinwände, Spiegel, Kruzifixe oder Madonnenstatuen, aber auch seine eigenen Kuckucksuhren, die längst selbst „Kult“ geworden sind. Die sorgsam mit Klebeband verschnürten Pakete überträgt er in Bronze- und Aluminiumgüsse. Dergleich veredelt, wird die Verpackung selbst zum Kunstobjekt, die einen enormen taktilen Reiz auf den Betrachter ausübt. Strumbel transformiert das alltägliche Material, das normalerweise Wertvolles umhüllt, in etwas Zeitloses und Hochwertiges. Das Schützenswerte, der Raum, der Körper, die Idee, das Gefühl oder der Gedanke, findet seine formale Entsprechung in der Unzerstörbarkeit des verwendeten Materials. Für den Betrachter werden die unbetitelten Werke zu Rätselspielen, die die Fantasie anregen und zur Reflexion animieren. Denn Stefan Strumbel begibt sich nicht auf die Erzählebene. Über die Frage nach dem, was die rätselhafte Hülle wohl verbergen mag, stellt sich ganz von selbst ein Nachdenken über die ganz eigenen Werte ein, die wir in unserer schnelllebigen, globalisierten Welt bewahrt wissen wollen. Sich zu fragen, was einem Heimat bedeutet, was es zu schützen und zu bewahren gilt und vor allem warum, ist in einer Zeit, in der der Heimatbegriff einen Rechtsruck erlebt und einer beunruhigenden Volkstümelei Platz zu machen droht, aktueller denn je. |zk|

(Abb.: Stefan Strumbel, „Ohne Titel“, 2017, Aluminium patiniert, 162 x 80 x 70 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2018  )

 

Stefan Strumbel

18.11. bis 24.3.19

Museum Art.Plus 

Museumsweg 1 /Ecke Josefstraße

78166 Donaueschingen

Mi-Fr 13-17 h, Sa-So 11-17 h, jeden 1. Do im Monat 13-20 h

www.museum-art-plus.com