Venezianische  Zwischentöne

Jost Wischnewski porträtiert die Lagunenstadt vom (Flug)Hafen aus / Von Petra Schaefer


Jost Wischnewski, „Venedig BLOCK I“, 2019


Wer in diesem Kunstbiennale-Jahr nach Venedig fährt, wird nur unschwer den Touristenmassen aus dem Weg gehen können, denn auch die Wege zur Kunst führen mitten durch die Stadt. So liegen unter anderem der Fondaco dei Tedeschi mit der Installation von Barnaba Fornasetti an der Rialtobrücke und die historische Biblioteca Nazionale Marciana mit großartigen Wechselausstellungen am Markusplatz. Dass man trotzdem eine menschenleere Stadt erleben kann, zeigen die neusten Fotografien von Jost Wischnewski, der bis Ende September als Kunststipendiat des Deutschen Studienzentrums in Venedig lebt und arbeitet. „Morgens um fünf ist die Stadt wie ausgestorben“, so Wischnewski, der dann allerdings nicht auf den Markusplatz geht, wo schon die ersten Fotografen mit asiatischen Brautpaaren zu Shootings unterwegs sind, sondern zum Flughafen in der Nordlagune, zum zentralen Bahnhof S. Lucia, zum Hafen, der bis an die Altstadt grenzt, oder zum Industriegebiet Porto Marghera auf dem Festland. Jost Wischnewski, der an der Kunstakademie Düsseldorf als Meisterschüler von Klaus Rink zum Bildhauer ausgebildet wurde, hat einen exzellenten Blick für Baukörper und skulpturale architektonische Elemente. Die 2019 in Venedig entstandene Arbeit Venedig „BLOCK I“ zeigt eine Vielzahl von Elementen, die im Alltag oft nur unbewusst wahrgenommen oder übersehen werden. Die meisten Besucher richten ihren Blick auf die historisch gewachsene Altstadt mit den Gebäudeensembles von Frühgotik bis Spätbarock, die sich im Wasser der Kanäle spiegeln. Wischnewski dagegen interessiert sich für die Transformationsprozesse Venedigs an der Schnittstelle von Wirtschaft, Industrie und Kultur. Seine Aufnahmen richten das Auge des Betrachters auf Details: die Bodenstrukturen, die die Bremsspuren der Parkdecks am Flughafen zeigen, die gläsernen Fassaden im Industriegebiet und die gelben Docks der M.O.S.E.-Dammelemente, die auf ihre Verankerung im Lagunenboden warten. „Venedig“, so Wischnewski, „kann sehr einsam sein“. 


Installation von                      Mia Florentine Weiss

„Kreuz Weg“ im Museum Nikolaikirche


Mia Florentine Weiss , Modell:  „Kreuz Weg“ 

(© & Foto Mia Florentine Weiss)


Die Nikolaikirche prägt seit fast 800 Jahren das Nikolaiviertel und das Zentrum von Berlin: einst als Gotteshaus, jetzt als Museum der Kirchen-, Bau- und Stadtgeschichte. Die aus Felsteinen gemauerten, für Besucher zugänglichen Untergeschosse des Doppelturms gelten als die ältesten Räume Berlins, die heute noch erhalten sind. Anlässlich des 100. Jahrestages des Friedensvertrags von Versailles transformiert die Berliner Künstlerin Mia Florentine Weiss das Hauptschiff der Nikolaikirche in einen universellen Kreuzweg. Assoziationsreich reflektiert die raumgreifende Installation eines begehbaren, auf einem Erdhügel ruhenden Kreuzes die Folgen eines Krieges, in den die deutschen Soldaten „mit Gott“ gezogen waren, sowie die Auswirkungen des anschließenden Versailler „Friedens“. Dabei schlägt die Künstlerin den Bogen bis zu den heutigen Debatten um ein vereintes Europa. Die Erde, auf der das Kreuz aufgebahrt ist, hat die Künstlerin aus 47 europäischen Staaten nach Berlin gebracht. Das physische Erlebnis dieses Kreuzweges konfrontiert die Besucherinnen und Besucher mit Fragen ihrer kulturellen Identität. Zugleich vermittelt es Erfahrungen von Begegnung und Aussicht. Unter dem Hastag #LOVEUROPE ist die Dokumentation der Performance weltweit nachzuerleben.


Kreuz Weg

6.9. bis 24.11. 

Museum Nikolaikirche

Nikolaikirchplatz

10178 Berlin

Mo-So 10-18 h

www.stadtmuseum.de