Nonchalant, referenzreich und sehr gelehrt

Werke von Julius von Bismarck und Julian Charrière im Kunstpalais Erlangen/ Von Ulla Fölsing


Julius von Bismarck und Julian Charrière, „Some Pigeons Are More Equal Than Others“, 2012, Druck auf Hahnemühle Museum Etching Papier, jeweils 27 x 36 cm (© VG Bild-Kunst, Bonn 2018, Courtesy Dittrich & Schlechtriem)


Als die beiden jungen Künstler 2012 auf dem Markusplatz in Venedig und wenig später mitten in Kopenhagen exotisch anmutende Vögel in die Lüfte schickten, hat ihr Einfall viel Aufmerksamkeit bei den Passanten ausgelöst. Bei genauem Hinsehen erkannten die Betrachter, dass es sich um gefärbte Tauben handelte. Dazu hatten Julius

von Bismarck (*1983) und der gebürtige Schweizer Julian Charrière (*1987) einen fallenartigen Apparat entwickelt, der Stadttauben anlockte, sie mit ungiftigen, flüchtigen Farbpigmenten besprühte und als bunte Paradiesvögel wieder fliegen ließ. Die temporäre Farbe bewirkte, dass die Allerweltstiere im Stadtbild neu und anders wahrgenommen wurden. Das Projekt „Some Pigeons Are More Equal Than Others“ (Abb.), das im Titel George Orwells „Animal Farm“ zitierte, gilt heute als Klassiker. 

Inzwischen haben sich Julius von Bismarck und Julian Charrière für vier weitere künstlerische Unternehmungen zusammengefunden: Von 2012 bis 2015 schrieben sie in ihrer „Kunst“-Serie der Landscape-Graffitis mit Riesen- Buchstaben Wörter wie „Wiese“, „Wald“ oder „Jungle“ auf entsprechende natürliche Orte. 2014-15 machten sie ein Rund aus zwölf Betonmischern zu der lärmenden, Staub spuckenden Erosionsmaschine „Clockwork“. 2016-2017 drehten sie in Farbe ihr hochartifizielles Endzeit-Video „Objects in the mirror may be closer than they appear“. Es zeigt die radioaktiv kontaminierte, menschenleere Natur um Tschernobyl aus dem Blick eines Hirsches, dem eine Kamera auf das Geweih geschnallt wurde, die ihr Objektiv auf seine Netzhaut richtete. Soeben entstand in imposanter nordamerikanischer Landschaft aus mehreren Filmen und Prints „I´m afraid I must ask you to leave“. Thema ist auch dort der Mensch, der die Natur durch seine Besitznahme zum Weichen zwingt, ihre Schöpfungen für sich beansprucht und symbolisch auflädt.

Die jüngste Arbeit steht im Mittelpunkt der ersten gemeinsamen Ausstellung der beiden Künstler und gibt ihr Titel wie Thema. Ort der Schau ist das Kunstpalais Erlangen. Die bald 300 Jahre alte Residenz, die seit 2010 auf 500 Quadratmetern zeitgenössische Kunst präsentiert, zeigt bis Februar 2019 die fünf bislang entstandenen Ko-Produktionen von 

Julius von Bismarck und Julian Charrière, ebenso passende individuelle Werke des Duos. So Charrières Filme „Ever since we crawled out“ und „And the postmodern collapse of time and space“, dazu Parts aus von Bismarcks Serien „I like Flowers“ sowie „Landscape Paintings“.

Der Rundgang beginnt mit einem Solo-Stück aus Julian Charrières Serie „The Blue Fossil Entropic Stories“, wo er einen riesigen Eisberg mit einem Gasbrenner zu schmelzen sucht. Passend assortiert  ist ein Print aus Julius von Bismarcks „Punishment“-Serie, auf dem dieser das Meer auspeitscht. Die Symmetrie beweist die intellektuelle Nähe der beiden Freunde, die sich in ähnlicher Weise, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten, an der Schnittstelle von Kunst, Wissenschaft und Abenteurertum bewegen. Ihr Ziel ist es, Nachdenken über menschliches Verhalten und gesellschaftliche Verantwortung gegenüber der Natur zu wecken. Sie lernten sich während ihres Studiums bei Olafur Eliasson an der Universität der Künste in Berlin kennen und teilen sich heute ein Atelier nahe dem Tempelhofer Feld. 

Julian Charrière, der sich selbst „Forschungsreisender“ nennt, ist fasziniert von Geologie und Archäologie. Für die Venedig

Biennale 2017 extrahierte er aus der bolivianischen Salzwüste Salar de Uyuni Sedimente und konstruierte damit seine zukunftsträchtige Salzwüsten-Landschaft „Future Fossil Spaces“. Denn in der Salzwüste warten die weltweit größten Lithium-Vorräte als wichtigster Rohstoff des digitalen Zeitalters auf Abbau. Julius von Bismarck bezeichnet sich selbst als „Möchtegern-Physiker“. Als eigenes Versuchskaninchen setzt er sich oft mit dem Phänomen von Bewegung auseinander. So richtete er sich in seinem „Egocentric System“ auf der Art Basel Unlimited 2015 tagelang mit Tisch, Stuhl und Handy sowie Essen und Trinken auf einer parabolförmigen Drehscheibe ein und rotierte wider alle Fliehkraft vor den Besuchern im Kreis. Mit anderen Projekten, so dem ästhetisch schönen Video über den Hurrikan „Irma“ in Florida, thematisierte er Naturgewalten, ihre Wahrnehmung und menschlichen Umgang mit der Natur.

Gemeinsamkeiten zwischen Charrière und von Bismarck gebe es viele, sagt Kunst¬palais-Chefin Amely Deiss, die die Erlangener Ausstellung kuratiert: „Beide beschäftigen sich in ihren Werken vor allem mit der Natur. Beide unternehmen für ihre Projekte weite, teilweise unglaubliche Reisen, für die sie kein Risiko scheuen. Beide setzen für ihre Projekte aberwitzige, unglaublich aufwändige Ideen um – und das jeweils in absoluter Perfektion.“ Die Werke beider seien in unaufdringlicher, nonchalanter Weise sehr gelehrt und in vieler Hinsicht referenzreich. Als Unterschied sieht sie: „Julian Charrière ist mehr Romantik und Barock, Julius von Bismarck mehr Dada und 

Rokoko.“


Julian Charrière und Julius von Bismarck. I‘m afraid I must ask you to leave

bis 24. 2.19

Kunstpalais Erlangen 

Marktplatz 1

91054 Erlangen

Di-So 10-18 h, Mi 10-20 h

www.kunstpalais..de