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Interview mit Geschäftsführer Helmut Müller anlässlich des 10-jährigen Jubiläums des Kulturfonds Frankfurt RheinMain /   

Von Katrin Neuwirth


Links: Helmut Müller, Geschäftsführer des Kulturfonds Frankfurt RheinMain.

Mitte: Ausstellungsansicht „Schwarze Romantik. Von Goya bis Max Ernst“, Städel Museum, 2012 (Foto: Städel Museum)

Rechts: Ricardo Calero, „Espacio de pensamientos“, 2014, galvanisierter Karbonstahl, Farbe, 236 x 480 x 225 cm (courtesy Stiftung Blickachsen gGmbH, Bad Homburg, & Künstler)


Der Kulturfonds Frankfurt RheinMain feiert dieses Jahr sein zehnjähriges Bestehen. In den vergangenen Jahren konnte die gemeinnützige GmbH 489 kulturelle Projekte realisieren, in die sie rund 51 Millionen Euro investierte. Die Städte und Landkreise, die zu den Gesellschaftern des Kulturfonds gehören, entrichten derzeit zwei Euro beziehungsweise 1,60 Euro pro Bürger und Jahr. Im Sinne eines Matching-Fonds verdoppelt das Land Hessen dann diese Summe. Im Interview mit ZEITKUNST erzählt Helmut Müller, Geschäftsführer des Kulturfonds Frankfurt RheinMain, von vergangenen sowie künftigen Projekten und dem Förderprogramm „Kunstvoll“. 

 

Wie kann man sich die Zusammenarbeit von Kuratorium, Kulturausschuss und Geschäftsführung des Kulturfonds vorstellen?

Helmut Müller: Der Kulturausschuss, Aufsichtsrat unserer GmbH, hat außer der Beaufsichtigung der Geschäfte noch die Aufgabe, über die großen Projekte zu entscheiden. Dabei ist der Kulturfonds der Ort, wo ernsthaft über kulturpolitische Aktivitäten der Region gesprochen wird. Wir haben erfreulicherweise kaum strittige Abstimmungen im Kulturausschuss, was von guter Diskussionskultur zeugt und auch dazu beiträgt, dass wir ein sehr gut besetztes Kuratorium haben. Dieses hat die Aufgabe, für die großen Projekte Empfehlungen abzugeben. Das ist wichtig, da wir nicht auf bestimmte Bereiche festgelegt sind, sondern quer über alle Sparten fördern. Wir haben Kuratoriumsmitglieder aus der gesamten Bundesrepublik, die alle eine besondere Beziehung zur Rhein-Main-Region haben, aber ihren jeweiligen Hintergrund aus den Sektoren und Orten mitbringen, in denen sie arbeiten und leben. Vorsitzender des Kuratoriums ist Klaus-Dieter Lehmann, Präsident des Goethe-Instituts.

 

In den vergangenen zehn Jahren hat der Kulturfonds Frankfurt RheinMain zahlreiche Projekte realisiert. Welche Ausstellungen und Veranstaltungen zählen für Sie zu den bedeutendsten?

Müller: Wir haben Leuchtturm-Projekte auf der einen Seite und auf der anderen Seite Projekte in der Fläche, weil auch dies für das Fortbestehen des Kulturfonds sehr wichtig ist. Eines der Highlights ist für mich „Cresc“, ein Festival für moderne Musik, das wir wesentlich fördern und das sich in der Region inzwischen sehr gut etabliert hat. Die Ausstellung „Schwarze Romantik“ im Städel Museum fand ich ebenfalls sehr gelungen, da diese Art von Schau sehr modern ist. Denn es wurde eine Geschichte erzählt, die durch die Exponate illustriert und belegt wurde. Und bei der Schwarzen Romantik – eine urdeutsche, aber von den Deutschen nie thematisierte und wahrgenommene Seite der Romantik – wurde etwas sichtbar gemacht, was vorher so nicht evident war. Auch die „Blickachsen“ sind ein sehr interessantes Projekt, das vom Kulturfonds gefördert wird. Vor einigen Jahren schon fanden Gespräche zwischen Christian K. Scheffel, Gründer der „Blickachsen“, und meinem Vorgänger Herbert Beck statt. Es wurde darüber diskutiert, ob es nicht sinnvoll wäre, die Blickachsen-Region auszudehnen. Und ich finde, die Ausdehnung ist eine Erfolgsgeschichte. Was ich auch schön finde, ist, dass manche Exponate an ihren jeweiligen Standorten aufgekauft werden. Beim Kloster Eberbach beispielsweise stand eine Lüpertz-Plastik, die den Eindruck vermittelt, dass sie wie für ihre Umgebung gemacht sei. Was mir an dem Prinzip der „Blickachsen“ auch sehr gut gefällt, ist, dass man Menschen mit Kunst konfrontiert, die nicht wohlpräpariert in eine Ausstellung gehen, sondern in vielen Fällen einfach zufällig mit Kunst in Kontakt kommen.

 

Bisher gab es drei Themenschwerpunkte, in deren Rahmen der Kulturfonds Projekte unterstützte. Nach welchen Kriterien werden diese Themenschwerpunkte festgelegt? 

Müller: Mein Vorgänger hat sich für kunsthistorische Epochen entschieden. Er hat mit dem Expressionismus angefangen und sich damit beschäftigt, was die Region zu dieser Stilrichtung beigetragen hat. Anschließend ging es dann um das Thema Romantik in der Region. Das ging damals mit einer kommunalpolitischen Debatte in Frankfurt einher, die sich mit dem Bau eines Romantik-Museums auseinandersetzte. Am Anfang der Debatte stand oft die Frage, was hat Frankfurt mit der Romantik zu tun? Nach der regionalen Debatte und unserem temporären Schwerpunkt ist sicherlich evident geworden, dass die deutsche Romantik ohne die Beiträge der Region kaum vorstellbar wäre. Es war ganz wichtig, der Region wieder etwas zu zeigen, was vielleicht nicht mehr präsent war. 

 

Und welche Überlegungen flossen in den noch aktuellen, bis Ende des Jahres 2018 andauernden Schwerpunkt „Transit“ mit ein?

Müller: Jetzt befinden wir uns in der letzten Phase von „Transit“. Ich hatte mir damals überlegt, dass wir aus der Geschichte kunsthistorischer Epochen herausgehen und uns vielmehr einen Begriff überlegen, der etwas mit der Region zu tun hat – aber auf einer anderen Ebene als nur wirtschaftlich oder politisch gesehen werden kann. Aber Transit bedeutet ja auch das Treffen von Menschen an bestimmten Orten wie Messen, Kreuzungen und Verkehrsknotenpunkten. Dann kommt es zwangsläufig zu einem Austausch von Ideen und das interessierte mich an dem Thema Transit. Auch Migration hat hier von Anfang an eine Rolle gespielt, wobei ich damals an Hugenotten, Geflüchtete, Vertriebene sowie Gastarbeiter der 1960er-Jahre gedacht hatte. 

 

Was ist für die Jahre 2019 bis 2021  geplant?

Müller: Die jetzige Überlegung lautet „Erzählung. Macht. Identität“. Dahinter steht die Rolle von Erzählung für die Herausbildung von Identitäten und vor allen Dingen die Frage der Macht und danach, welche Erzählungen sich durchsetzen. Ich glaube, dass das ein sehr aktuelles Thema ist. Die ersten Diskussionen mit unseren Projektpartnern fanden bereits statt. Voraussichtlich Mitte oder Ende nächsten Jahres werden dann die ersten Ausstellungen und Veranstaltungen zu sehen sein. 

 

Wie kam es zur Gründung von „Kunstvoll“ im Jahr 2013 und welche Zielsetzung steht dahinter?

Müller: Die Idee dahinter ist die Überzeugung, dass alle Institutionen, die mit Kultur zu tun haben, eine Bringschuld haben. Man sollte Kindern und Jugendlichen den Schlüssel zur Welt der Kunst möglichst früh in die Hand geben. Wir sind der Meinung, dass – wenn wir das von anderen fordern – wir das auch selbst machen müssen. Und wir haben uns für einen bestimmten Typus entschieden, nämlich Projekte, die für eine Schulklasse oder eine Jahrgangsstufe ein Schuljahr lang dauern. In dieser Zeit besteht dann eine echte Arbeitsbeziehung zwischen der Kulturseite und den Schülern. Und dies lief bei den Projekten, die ich bis jetzt miterlebt habe, wirklich phänomenal gut. Wir schreiben das Projekt aus und bekommen daraufhin Vorschläge, die von einer kleinen Jury geprüft werden. Wir haben einen Etat von unserem Aufsichtsrat von 230 000 Euro und können damit immer etwa 20 bis 22 Projekte jährlich fördern. Außerdem veranstalten wir alle zwei Jahre ein Symposium zur kulturellen Bildung, zu dem wir viele der Institutionen, die wir fördern, aber auch Künstler und Lehrer einladen.


Kulturfonds Frankfurt RheinMain

Ludwig-Erhard-Anlage 1-5

61352 Bad Homburg

www.kulturfonds-frm.de