Eintauchen in die Traumwelt des belgischen Symbolismus

Der Petit Palais in Paris zeigt Fernand Khnopff/ Von Margot Tomi


Fernand Khnopff, „I Lock My Door Upon Myself“, 1891, Öl auf Leinwand    


Die erste umfassende Retrospektive seit 40 Jahren über den bekannten symbolistischen belgischen Maler Fernand Khnopff findet derzeit im Petit Palais in Paris statt. Die in Zusammenarbeit mit den Musées Royaux des Beaux-Arts de Bruxelles gestaltete Ausstellung vereint fast 150 Werke aus privaten Sammlungen, aber auch aus bedeutenden Museen wie dem Musée d’Orsay, der Neuen Pinakothek, der Hamburger Kunsthalle, der Albertina und dem Metropolitan Museum. Diese Ausstellung ist längst überfällig, denn außerhalb Belgiens ist der Symbolist Khnopff kaum bekannt. Das gerade Paris eine Übersichtsaustellung zu Khnopff ausrichtet, könnte man beinahe als Sensation bezeichnen. Das rätselhafte und geheimnisvolle Werk dieses symbolistischen Künstlers in all seinen Dimensionen zu veranschaulichen, ist ein Versuch der Darlegung seines beeindruckenden Oeuvres, das sich durch eine besondere Farbpalette sowie weich fließende Formen seiner Wesen auszeichnet.

Fernand Khnopff wurde 1858 in Grembergen in Flandern geboren und ist 1921 in Brüssel gestorben. Als symbolistischer Maler war er gleichzeitig auch Zeichner, Bildhauer, Fotograf und Schriftsteller. Neben Khnopff gehört auch der belgische Maler James Ensor (1860-1949)zu denjenigen, die den belgischen Symbolismus begründeten. Im späten 19. Jahrhundert bildete sich eine künstlerische Bewegung, die sich „Die XX“ nannte und die Avantgarde in Belgien vereinte. Ensor entwarf das Plakat für die 8. Ausstellung jener Gruppe, auf dem auch Namen bekannter Zeitgenossen wie Rodin, Signac und Van de Velde zu finden sind. Ab 1889 knüpfte er nicht nur Kontakte zu den englischen Prä-Raffaeliten, sondern unterhielt auch enge Kontakte zu deutschen und österreichischen Künstlern seiner Zeit. Ab 1890 stellte er schon in München aus und schickte dann auch fünf seiner Werke an die 1892 entstandene Münchner Sezession. Nachdem er 1898 in der ersten Wiener Sezessionsausstellung mit über 20 Werken beteiligt war, war Khnopffs internationaler Karriere Tür und Tor geöffnet.

Die Szenografie der Ausstellung erinnert in ihrer Gesamtkonzeption an eine Residenz, in der e auch das Atelier des Malers zu finden war. Das Atelierhaus von Khnopff dient sowohl als Ausgangspunkt der Ausstellung als auch als thematische Leitlinie, da es einen dem „wahren Selbst“ des Künstlers gewidmeten Tempel verkörpert. An den tiefblauen Wänden prangen goldene Buchstaben, die den Besucher in diese für ihn typische rätselhafte Atmosphäre entführen. Der Besucher begibt sich auf eine Art Zeitreise, die alle Sinne erfasst. Parfums kommen zum Einsatz, ebenso akustische Zeugnissen aus dieser Zeit, damit ein plastischer Gesamteindruck entsteht und nachvollziehen lässt, in welcher Atmosphäre der Maler gearbeitet hat. Neben der auf Khnopffs Werk zentrierten Ausstellung ist einer der Räume einem symbolistischen Salon nachempfunden, der zur Begegnung mit dem europäischen Symbolismus am Ende des 19. Jahrhunderts einlädt.

Die Ausstellung zeigt die unterschiedlichen Schaffensphasen des Künstlers und beginnt in einem Raum, der vornehmlich Landschaftsbilder zeigt, die der Maler in einem kleinen Dorf in den belgischen Ardennen geschaffen hat. Diese vor Ort gemalten Bilder spiegeln bereits eine Neigung zur Innenschau und Einsamkeit wider, die zu seinem Markenzeichen wird. Ein weiterer Raum veranschaulicht das umfassende Porträtwerk des Malers mit Gemälden voller Zärtlichkeit und Melancholie. Seine Schwester Marguerite, seine Muse, diente bereits als Modell für Du Silence, das den Besucher zur Stille und Selbstbeobachtung einlädt. Darüber hinaus gibt es einen Raum, der durch zahlreiche Skizzen sowie eine überaus originelle Video-Animation des Werkes Memories, einen Überblick über Werke gibt, die aus konservatorischen gründen nicht mehr ausgestellt werden können. Die bedeutende fotographische Produktion Khnopffs wird umfassend dargestellt, da sie einen ganz entscheidenden Einfluss auf seine Schaffensweise haben sollte, angesichts der Tatsache, dass er in einer Epoche lebte, in der der Fotografie mit künstlerischen Experimenten und neuen Techniken eine ganz besondere Bedeutung zukam. Einige Arbeiten kombinieren die fotographische Technik des als Alexandre bekannten belgischen Fotograf Albert-Edouard-Drains (1855-1925) mit der Verwendung von Farbstiften und ergeben so gestaltet jene geheimnisvollen Werke, gekennzeichnet durch Unschärfe und weiche fließende Formen.

Hypnos, der Gott des Schlafes, faszinierte den Künstler ebenso wie andere symbolistische Maler. Viele Werke zeugen von seiner Faszination für die antike Scopas zugeschriebene Hypnos-Bronzemaske, manchmal als Hauptmotiv, manchmal als Nebenmotiv, wie in „I Lock My Door Upon Myself“, wo sich eine Frau mit braunrötlichen Haaren der Träumerei hingibt, indem sie sich, umgeben von diversen Symbolen von der Außenwelt gänzlich abschließt und in ihre eigene Welt eintaucht. Das Symbol der Masken wird hier mit Rätsel, aber auch Lüge und Vortäuschung assoziiert. Ein weiteres fast schon emblematisches Werk ist das berühmte Gemälde L’Art oder Des Caresses, das durch seine originelle Ikonographie, die Begegnung von Ödipus und der Sphinx darstellend, eine so seltsam geheimnisumwitterte Atmosphäre auszustrahlen scheint. Eine von Khnopffs Spezialtäten, genauso wie Frauen und weibliche Akte. Die fließenden verschwommenen Konturen von Khnopffs Körpern stehen allerdings im diametralen Gegensatz zu den linearen und scharf umrissenen Zeichnung des österreichischen Malers Gustav Klimt, der hier zum Vergleich mit zwei Werken vertreten ist. In Khnopffs Werk gibt es keine Trivialität, sondern nur poetische Ästhetik. Die Ausstellung endet mit einem Raum, der den von der flämischen Malerei inspirierten träumerischen Eindrücken und Landschaftsdarstellungen gewidmet ist, wie Ansichten von Brügge, wo er als Kind lebte. Die Atmosphäre dieser Bilder wirkt eher melancholisch und desillusioniert und erinnert in dieser Hinsicht an die romantischen Gemälde des Anfangs. Die Gestalten wirken schematisch, fast gespenstisch umgeben von verödeten Landschaften. Die letzten ausgestellten Werke zeigen Frauen in religiös anmutenden Haltungen, deren Bedeutung weitgehend rätselhaft bleibt. Aber so undurchdringlich wie sein meditatives Werk auch erscheinen mag, so fasziniert es dennoch bis zum heutigen Tage durch seine ganz besondere Poesie.  

 

Fernand Khnopff – Der Meister der Rätselhaften

bis 17.3.19  

Petit Palais, Paris 

Di-So 10-18 h, Fr 10-21 h

www.petitpalais.paris.fr