Sommer, Sonne, Sonderausstellungen

ZEITKUNST präsentiert Ihnen die Kunsthighlights der heißen Monate / Von Kathrin Albrecht


Links: Dieter Hacker, „Amateurfotografie“,  zu sehen im ZKM in Karlsruhe

Rechts: Das Schauwerk Sindelfingen zeigt in seinem ehemaligen Hochregallager 

aktuell rund 150 Fotoarbeiten aus der Sammlung. 


Beim Stichwort Sommer kommen den meisten Menschen im ersten Moment häufig Bilder von exotischen Stränden, erholsamen Urlaubstagen und kühlen Getränken in den Sinn. In unserem Sonderthema zeigt Ihnen ZEITKUNST welches konträre Bild einige aktuelle Sonderausstellungen in den kommenden Monaten zeichnen. Hier geht es vielmehr um Heimat auf der einen Seite und Heimatflucht auf der anderen. Es geht um Herkunft und Globalität. Sie dürfen auf einige poetische, politische, fundierte und packende Ausstellungen gespannt sein. 

 

Das Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, kurz ZKM, widmet ab dem 9. Juni (bis 16. September) einem sehr aktuellen Thema eine Sonderausstellung. Allerdings wirft es dabei einen retrospektiven Blick auf das Phänomen, das heute als „user generated content“ bezeichnet wird. Doch was bedeutet das genau? Das ZKM wird anhand von Fotografien, Texten, Zeichnungen und Objekten von Amateuren aus einem Zeitraum von 1971 bis 1984 die Diskussion anfachen, inwiefern Amateurkunst als „wahrhafte“ Kunst bezeichnet werden kann. Diese Arbeiten wurden seinerzeit vom namhaften Künstler Dieter Hacker zusammengetragen und in seiner revolutionären Produzentengalerie ausgestellt. In Zeiten von Instagram, Twitter, Snapchat und anderen Sozialen Netzwerken werden täglich mehrere 100 Millionen Bilder von der Weltbevölkerung mondial geteilt. Einige davon entsprechen tatsächlich kunstrelevanten Standards. Somit ist das Thema heute aktueller denn je. Diese Erscheinung fiel Dieter Hacker bereits in den 1970er-Jahren auf. Kurzerhand gründete er in Berlin eine Produzentengalerie, in der er die sogenannte neue Volkskunst, anders gesagt die Kunst der Amateure, ausstellte. „Volkskunst ist die Kunst, die eigenen Interessen zu artikulieren, möglichst wirksam und deshalb möglichst unkonventionell, möglichst fantasievoll, möglichst intelligent“, postulierte Hacker 1972. Mit der Ausstellung „Dieter Hacker: Alle Macht den Amateuren. 1971-1984“ des ZKM wird nun erstmals eine Auswahl der von Hacker in Zusammenarbeit mit Andreas Seltzer gesammelten Volkskunstwerke gezeigt. Da-runter Arbeiten von der Zeitungsausträgerin Frau B. bis zum ehemaligen Präsidenten der USA Ronald Reagan. 

www.zkm.de

 

Um Fotografie, die, wie die Direktorin Barbara Bergmann des Schauwerk Sindelfingen sagt, „formal, eher konzeptuell und bis ins kleinste Detail komponiert, gestaltet und/oder bearbeitet wurde“, geht es unter anderem in der aktuellen Ausstellung des Hauses. Unter dem Titel „Lichtempfindlich 2. Fotografie aus der Sammlung Schaufler“ werden dort bis zum 6. Januar 2020 rund 150 Fotoarbeiten deutscher und internationaler Künstler aus der Sammlung Schaufler gezeigt. Die Schau schließt damit an den ersten Teil mit gleichnamigem Titel aus dem Jahr 2011 an. Lichtempfindlichkeit, diese Eigenschaft ist Fotografien bis heute wahrlich zu eigen. Zum einen bedeutet das, dass eine fragile Alterungsbeständigkeit gegeben ist, es deutet jedoch auch darauf hin, wie Fotografie überhaupt erst entsteht: durch Licht. Auf beide Aspekte nehmen Titel und Schau Bezug. Im ehemaligen Hochregallager des Museums, das über eine Raumhöhe von mehr als 15 Metern und einen umlaufenden Aufgang verfügt, werden die Arbeiten aus der Kollektion durch spannende Sichtachsen optimal inszeniert. Zu sehen sind Arbeiten von insgesamt 32 Künstlern, darunter solche von Gursky, Höfer, Ruff und Tillmans. In der Sammlung Schaufler befinden sich alles in allem Arbeiten von 56 Künstlern – mit einem breiten Spektrum an Bildinhalten. Prozentual macht die Fotografie etwa zehn Prozent des Gesamtsammlungsbestandes aus. 

www.schauwerk-sindelfingen.de

 



Im hessischen Bad Homburg wird ab dem 26. August (bis 24. Februar 2019) eine wirklich aufschlussreiche Ausstellung zu sehen sein. Unter dem Titel „Modelle einer Stadt – Bad Homburg in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ befasst sich das dort ansässige Museum Gotisches Haus mit der Geschichte der schönen Kurstadt. Anhand eines großen Stadtmodells, das aus dem Bestand des Planungsamtes stammt und circa 15 historischen aber auch aktuellen Modellen, die aus Ausschreibungen hervorgingen, wird die bauliche Entwicklung eindrücklich nachgezeichnet. Diese Genese gibt ihrerseits wiederum Aufschluss dar-über, wie sich die politischen und gesellschaftlichen Strukturen in Bad Homburg im Laufe der Jahre verändert haben. Das spektakulärste Modell wird das der heutigen Ritter-von-Marx-Brücke sein. Es zeigt beispielsweise auf, welche zukunftweisenden Veränderungen zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts durch den Bau einer Brücke entstanden. Das Bauwerk, das über der Altstadt errichtet wurde, ermöglichte etwa Kaiser Wilhelm II. die freie Fahrt mit seinem großen Automobil in den Schloss-innenhof. Zudem konnte durch die Brücke die Straßenbahnlinie in Richtung des Gotischen Hauses und der Saalburg ausgebaut werden. Solche historischen Fakten werden beim Betrachten der aufwendig erarbeiteten Modelle deutlich. Sie machen die Schau zu einem Gesamterlebnis – sowohl für Ansässige Bad Homburgs als auch für alle anderen Interessierten.

 www.bad-homburg.de

 

Die übergreifende Frage: „Wo kommen wir her, wo gehen wir hin?“ scheint nicht nur über der Bad Homburger Schau zu schweben. Auch in Backnang beschäftigt man sich im weitesten Sinne mit diesem Thema. In „Kehrseite(n) – von Meisterwerken, Sammlern und Marken. Die Graphiksammler Ernst Riecker (1845-1918) und Otto Freiherr von Breitschwert (1829-1910)“, die vom 9. Juni bis 19. August im Graphik-Kabinett Backnang zu sehen ist, geht es um ein besonderes Forschungsprojekt, das nun abgeschlossen ist. Wie der Ausdruck „Kehrseite“ erahnen lässt, wurden für das Projekt die Rückseiten von Grafiken aus dem Sammlungsbestand des Hauses genauer betrachtet. Genauer gesagt wurden 55 Meisterwerke aus der Kollektion wissenschaftlich untersucht. Darunter unter anderem Grafiken Albrecht Dürers und Rembrandt Harmensz van Rijns. Es wurde – mit gleicher Intensität, in der sonst die Vorderseite eines Werks beispielsweise auf ikonografische Merkmale hin betrachtet wird – geschaut, welche Stempelungen oder handschriftliche Bezeichnungen sowie Gebrauchsspuren und ähnliches auf dem Rücken der Arbeiten Aufschluss über deren Geschichte geben. Die Ergebnisse sind nun in der faszinierenden Ausstellung im Graphik-Kabinett zu sehen. 

www. galerie-der-stadt-backnang.de

 


Links: Eric Isenburger, „Portrait Jula Elenbogen“, 1926, Privatbesitz, zu sehen im Kunstmuseum Bayreuth

Rechts: Modell der Stadt Bad Homburg, zu sehen im Museum im Gotischen Haus


 

„Um sich zu erinnern, braucht man manchmal archäologische Werkzeuge der besonderen Art“, heißt es erklärend aus dem Off in der Videoarbeit des irakisch-kurdischen Künstlers Hiwa K., die ab dem 13. Juli bis zum 19. August im Kunstmuseum Ravensburg zu sehen sein wird. In diesem fesselnden Werk nimmt Hiwa K. die Rezipienten mit auf eine sehr persönliche und dadurch umso eindrücklichere Reise. Es ist der Weg seiner Flucht. In der Videoarbeit begleitet man –mit dem Blick – den Künstler selbst, während dieser zu Fuß durch weite Landschaften, über Straßen und Brücken die Stationen seines Entkommens aus dem Nordirak über die Türkei und Griechenland nach Italien abläuft. Die Tatsache, dass er dabei ein merkwürdiges Objekt auf der Nase balanciert, macht neugierig. Bei dem Objekt handelt es sich um einen langen Stab und mehrere Motorradspiegel, die seine Umgebung reflektieren. Sie dienen ihm als Navigationshilfe auf der einen Seite und symbolisieren – durch den prekären Akt des Balancierens – auf der anderen Seite die existenzielle Unsicherheit und die Orientierungslosigkeit, die mit einer solchen lebensgefährlichen Flucht einhergehen. Der Betrachter kann also allzu gut erahnen, welche Emotionen den politischen Flüchtling, der mittlerweile ein bedeutender Vertreter der Zeitgenössischen Kunst ist und im Westen für seine einprägsamen Werke gefeiert wird, begeleiteten. Noch realer werden für die Rezipienten die Empfindungen des Künstlers, wenn dieser persönlich, in bruchstückhaften Erzählungen, Ereignisse schildert, die wohl jeden Menschen zutiefst berühren dürften. So erzählt er von seiner Mutter, die mehrfach versuchte ihn abzutreiben, von der Nachricht des Todes seines Vaters und davon, wie seinen Cousin ein Fluchtversuch das Leben kostete. 

www.kunstmuseum-ravensburg.de

 

Das gleiche Schicksal der lebensbedrohlichen Flucht ereilte bekanntermaßen im vergangenen Jahrhundert viele Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland. Der jüdischstämmige Maler Benno Berneis (geboren 1883) starb zu früh, als dass er die Leiden und Ungerechtigkeiten des Zweiten Weltkriegs noch hätte miterleben können. Er kämpfte dafür im Ersten Weltkrieg für Deutschland, trat gar aus der Jüdischen Gemeinde aus – Lebensentscheidungen, die sich selbstverständlich programmatisch in seinem Œuvre niederschlagen. Seine Werke sind einzigartig und daher nicht eindeutig zuzuordnen. Die damaligen Kritiker verorteten ihn dennoch zwischen Impressionismus und Expressionismus und bescheinigten ihm zudem romantisches Talent. Geboren wurde der Künstler in Fürth. Nun, genau um den Zeitraum seines 102-jährigen Todestages, widmet die Kunst Galerie Fürth dem berühmten Sohn der Stadt eine Sonderschau. „Benno Berneis – Dunkle Sehnsüchte, romantisches Talent“ ist der Name der Ausstellung, die vom 21. Juli bis 26. August in der kleinsten, professionell geleiteten kommunalen Galerie Deutschlands zu sehen ist. Mit dem Projekt würdigt die Galerie Fürth, die trotz ihrer geringen Größe einen – vor allem für die Region – großen kunsthistorischen und gesellschaftlichen Wert hat, einen Künstler, der in Berlin bei Malern wie Liebermann, Corinth und Slevogt studierte. 

In der Kunst Galerie Fürth werden jährlich in sechs bis acht Wechselausstellungen Werke von in Deutschland lebenden Künstlern, mit besonderer Berücksichtigung von Kunstschaffenden aus der Region sowie ergänzend auch internationale Positionen, gezeigt. Eröffnet wurde die Institution im Jahr 2002.

www.kunst-galerie-fuerth.de

 

Auch in Bayreuth geht es indirekt um Flucht. Das dort beheimatete Kunstmuseum Bayreuth beschäftigt sich seit langem intensiv mit der Thematik der als „entartet“ verfemten Kunst. In der Dr. Helmut und Constanze Meyer Kulturstiftung verwahrt das renommierte Kunstmuseum Arbeiten von bekannten Künstlern der Moderne, die eben wegen ihrer Herkunft oder ihrer politischen Einstellung verfolgt und geächtet wurden. In diese Reihe muss auch das Werk des Frankfurter Künstlers Eric Isenburger und seiner Frau Jula gestellt werden. Noch kurz vor dem Zweiten Weltkrieg feierte Eric Isenburger mit seiner Malerei, die von gegenständlichen Porträts – vor allem von Jula – aber auch Landschaften und Stillleben geprägt war, große Erfolge. Ihn und seine Frau, die Tänzerin war, zog es nach Berlin. Dort stellt Eric Isenburger seine Arbeiten erstmals 1933 im großen Stil in der Galerie Wolfgang Gurlitts aus. Bereits wenige Jahre später musste das Paar aus politischen Gründen in die USA fliehen. Die einfühlsamen Werke des Frankfurters sowie einige begleitende Veranstaltungen, wie etwa eine Tanzperformance über das Leben des Künstlerpärchens, sind ab dem 10. Juni (bis 14. Oktober) unter dem Titel „ Eric und Jula Isenburger. Von Frankfurt nach New York“ im Kunstmuseum Bayreuth zu sehen. Parallel dazu, allerdings erst ab dem 4. Juli beginnend, zeigt das Haus außerdem bis zum 26. August mit dem Namen „suchen| probieren | machen – Plakate von Volker Noth“ eine Kunstrichtung, die häufig viele andere Kunstformen begleitet: die Plakatkunst. Häufig findet man Plakate beispielsweise im Zusammenspiel mit der darstellenden Kunst. Im Fokus der Schau stehen hier die Arbeiten des Berliner Grafikers Volker Noth. Der genaue Ausstellungsort ist die Ausstellungshalle des Bayreuther Rathauses. 

www.kunstmuseum-bayreuth.de