100 Jahre Bauhaus

Ausstellungshighlights zum großen Bauhaus-Jubiläum 2019/ Von Elena Zompi

Links: Oskar Schlemmer, „Sitzende mit Bühnenmaske“; Marcel Breuer, „im Stahlrohrsessel“; um 1926

(Foto: Erich Consemüller, Bauhaus-Archiv Berlin / © Dr. Stephan Consemüller)

Rechts: Axel Foll, Collage unter Verwendung von Fotografien von Sailko, nach Lizenz CC-BY-3.0, 2018


Walter Gropius gründete 1919 in Weimar das Staatliche Bauhaus, die bedeutendste Schule für Architektur, Design und Kunst des 20. Jahrhunderts. Die Nationalsozialisten zwangen dann im Jahr 1933 die inzwischen in Berlin ansässige Kunstschule zur Selbstauflösung. Obwohl das Bauhaus in Deutschland also nur 14 Jahre bestand, werden seine Ideen jedoch seit 100 Jahren weitergetragen, seine Produkte neu aufgelegt, imitiert oder weiterentwickelt. Anlässlich dieses Jubiläums widmen sich zahlreiche Museen dem Bauhaus. ZEITKUNST stellt Ihnen einige Ausstellungs-Highlights vor.

 

Das Kunst Archiv Darmstadt ist, als Dokumentationsstelle zur bildenden Kunst, ein Ort lebendiger Kunstvermittlung in Darmstadt. Als regionales Kunst Archiv ist die Einrichtung, die überwiegend von Darmstädter Bürgern getragen wird, in dieser Form einmalig in Deutschland. Darmstadt ist eine Stadt der Kunst, begründet ist der Ruf als Kunststadt durch die bildende Kunst, von den Hofmalern Seekatz und Fiedler über Romantiker wie Carl Philipp Fohr und August Lucas, Realisten wie Bracht, Röth und Paul Weber. Später folgten die Expressionisten um die Künstler der Darmstädter Sezession. Vor allem aber prägte der Jugendstil nachhaltig den Ruf der Kunststadt. Am 10. Oktober 1984 gründete der Kunsthistoriker, Kurator und Galerist Claus K. Netuschil mit acht kunstliebenden Darmstädtern in den Bibliotheksräumen im Souterrain seiner Galerie die Vereinigung Archiv Darmstädter Künstler. Nach rund 10 Jahren im Hinterhaus in der Adelungstraße 16 erhielt das in Kunst Archiv Darmstadt umbenannte Archiv 1998 von der Stadt große Räume im Kennedy-Haus – dem heutigen Literaturhaus. Das gesammelte Dokumentationsmaterial und die Präsenzbibliothek erfassen rund 2.500 Künstler, die vom späten 17. Jahrhundert bis heute in Darmstadt gelebt und gearbeitet haben und leben und arbeiten. Vergessenen Künstlern nachzuspüren gehört ebenso zu den selbstgestellten Aufgaben des Kunst Archivs, wie der Blick auf die aktuelle Kunstszene. Die völlig neu gestalteten Räume bieten seitdem Platz für große Ausstellungen und aufwändige Veranstaltungen. Vom 20. Januar bis 30. März 2019 zeigt das Bauhaus Archiv in Darmstadt: Alfred und Gertrud Arndt, Zwei Bauhaus-Künstler in Darmstadt.

www.kunstarchiv.eu

 

Das Bauhaus-Archiv/ Museum für Gestaltung in Berlin besitzt die weltweit größte Sammlung zur Geschichte des Bauhauses. In einem vom Bauhaus-Gründer Walter Gropius entworfenen Gebäude präsentiert die Berliner Bauhaus Institution als Museum für Gestaltung Schlüsselwerke seiner Sammlung und erforscht als internationale Forschungsstätte Geschichte und Wirkung des Bauhauses. Anlässlich des Bauhaus-Jubiläums entsteht ein neuer Museumsbau. Das Bestandsgebäude von Walter Gropius wird denkmalgerecht saniert und soll künftig das Archiv, die Bibliothek und die Sammlungsmagazine beherbergen. Während der Zeit der Bauarbeiten wurde das temporary bauhaus-archiv in Berlin-Charlottenburg für Besucher eingerichtet. Die Jubiläumsausstellung, die in Kooperation mit der Berlinischen Galerie entstanden ist, zeigt vom 6. September bis zum 27. Januar 2020 bekannte und vergessene Bauhaus-Originale und erzählt die Geschichte hinter den Objekten. Zu sehen sind Kunst und Design aus der Sammlung des Bauhaus-Archivs, besondere Leihgaben aus internationalen Sammlungen und künstlerische Positionen, die das Bauhaus-Erbe neu betrachten. Ausgehend von 14 Objekten entfaltet die Ausstellung 14 Fallgeschichten: Wie wurde die Sitzende im Stahlrohrsessel zur berühmtesten Unbekannten des Bauhauses? Hat das Haus am Horn in Weimar einen heimlichen Zwilling? Wieso blieb das Tee-Extraktkännchen, als Prototyp für die Industrie geschaffen, immer Unikat? „original bauhaus“ beleuchtet, wie Unikat und Serie, Remake und Original in der Geschichte des Bauhauses unzertrennlich verbunden sind. Denn für die Bauhaus-Künstler waren Kunst und Technik keine Gegensätze. Vielmehr haben sie technische Innovationen genutzt, um einzigartige Kunstwerke zu schaffen, und die serielle Fertigung bei ihren Gestaltungsentwürfen von Anfang an mitgedacht. 

www.bauhaus.de

 

Vom 5. Mai bis zum 4. August widmen sich die Kunstsammlungen Chemnitz der künstlerischen Tätigkeit der Bauhaus-Frauen in der Ausstellung „Bauhaus. Textil und Grafik 1919-1933“. Die Schau zeigt Textilien, die in den Jahren 1919 bis 1933 in der Weberei entstanden sind. Dabei stehen großformatige Behänge und Teppiche aus dem Bauhaus Weimar und Dessau von Künstlerinnen wie Benita Otte, Gunta Stölzl, Gertrud Arndt, Otti Berger, Else Mögelin und Ida Kerkovius im Mittelpunkt der Ausstellung. Ergänzt werden die Stoffe durch ein Musterbuch des wohl erfolgreichsten Produktes des Bauhauses Dessau : die Bauhaus-Tapete. In einer feinen Strukturierung aus Linien, Rastern oder Flecken wurden meist zwei Nuancen einer Farbe kombiniert. Im Gegensatz zu großflächigen Blumenmustern erweitern diese Tapeten durch matte Oberflächen und kaum auffällige Musterung den Raum. Grafiken und Fotografien von Vertretern des Bauhauses Weimar und dessen Umfeld wie Lyonel Feininger, Joost Schmidt, Max Pechstein und Kurt Schwitters zeigen weitere Aspekte, wie das berühmte Titelblatt „Kathedrale“ von Lyonel Feininger für das Manifest und Programm des Staatlichen Bauhauses Weimar von 1919 und außerdem die Meistermappe des Künstlers von 1921 mit zwölf Einzelblättern. Auch von der in Chemnitz geborenen Bauhauskünstlerin Marianne Brandt, die vor allem durch ihre Metallgestaltung berühmt wurde, sind zehn Originalfotografien aus ihrer Dessauer Bauhauszeit zu sehen.

www.kunstsammlungen-chemnitz.de

 

In Erfurt stehen anlässlich des hundertjährigen Jubiläums in gleich zwei Ausstellungen die Bauhaus-Frauen im Fokus. Das Projekt „Vier Bauhausmädels – Von der Lehre ins Leben“ thematisiert im Angermuseum vom 24. März bis zum 16. Juni das Staatliche Bauhaus als Raum für die künstlerische und persönliche Entfaltung der weiblichen Jugend. Zur weiblichen Jugend wurde in einer Zeitschrift von 1930 als „Bauhausmädels“ Studentinnen wie Gertrud Arndt, Marianne Brandt, Margarete Heymann und Margaretha Reichardt tituliert. Es wird gezeigt, wie emanzipiert die vier exemplarisch gewählten Bauhausmädels wirklich sind und welche unterschiedlichen Karrierewege sie nahmen. Viele hätten damals das Studium gewählt, wenige aber ihren Abschluss gemacht, andere seien wiederum sehr erfolgreich im Beruf gewesen. Parallel dazu läuft vom 19. April bis zum 14. Juli in der Kunsthalle Erfurt die Schau „Bauhaus Frauen“. Auch hier stehen nur die Frauen im Mittelpunkt der Ausstellung und damit sucht man  bewusst einen Vergleich zu den „Bauhausmädels“ im Angermuseum. Auf die dort aufgeworfenen Fragen, nach dem Werdegang der jungen, am Bauhaus ausgebildeten Frauen in den 1920er- und 1930er-Jahren, versucht die Schau in der Kunsthalle für die Gegenwart Antworten bereitzustellen. Dabei wirkt die Ausstellung komplementär zur


Oben: Einblick in die Präsenzbibliothek des Kunstarchivs Darmstadt

UNten links: László Moholy-Nagy, Lichtrequisit für eine elektrische Bühne, 1930, Nachbau 2006, Harvard Art Museums/Busch- Reisinger Museum, Hildegard von Gontard Fund (Foto: Imaging Department, © President and Fellows of Harvard College)

Unten rechts: Otti Berger, Kinderzimmerteppich, 1929, Leinwandbindung, Baumwolle, merzerisierte Baumwolle, 185 x 109 cm

(Foto: bpk/Kunstsammlungen Chemnitz/May Voigt)


historischen Analyse, denn in der Gegenwart ist weitgehend Wirklichkeit geworden, was sich die weibliche Avantgarde vom Beginn des 20. Jahrhunderts wünschte. Die Ausstellung präsentiert aktuelle Werke von starken „Bauhaus Frauen“ unserer Zeit. Es werden Arbeiten von 35 Lehrerinnen und Absolventinnen der Fakultäten Kunst und Gestaltung sowie Architektur der Bauhaus-Universität Weimar gezeigt.

www.kunstmuseen.erfurt.de

 

Unter dem Titel „Bauhaus und Amerika. Experimente in Licht und Bewegung“ untersucht das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster, wie das Bauhaus die Kunst der USA bis heute beeinflusst hat. Anhand von 150 Arbeiten von 50 Künstlern aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Fotografie und Film wird dargestellt, welchen Einfluss die Bauhaus-Künstler auf die amerikanische Kunstszene hatten, denn nach 1933 emigrierten viele der ehemaligen Bauhäusler nach Amerika. Als Professoren an wegweisenden Kunstinstitutionen wie dem Black Mountain College in North Carolina oder dem New Bauhaus in Chicago brachten sie bedeutende, vom Bauhaus geprägte Ideen in die USA und entwickelten sie dort weiter. Die Ausstellung konzentriert sich besonders auf das bisher wenig beachtete Feld von Licht- und Bewegung, die zwei zentral-ästhetische Kategorien der künstlerischen Avantgarde der 1920er-Jahre sind. Die Bauhausbühne mit ihrem abstrakten Tanz, zum Beispiel Oskar Schlemmer, und mechanischen Bühnen- und Lichtapparaten, aber auch die innovativen Fotografie- und Filmprojekte am Bauhaus zeugen hiervon. Auch in den amerikanischen Nachfolgeinstitutionen entstehen mit Licht- und kinetischer Kunst, experimenteller Film- und Videokunst sowie Tanz- und Performancekunst neue künstlerische Experimentierfelder. Doch die Schau zeigt auch die Rückwirkung dieser vom Bauhaus geprägten Kunstströmungen aus den USA auf die europäische und insbesondere deutsche Kunst sowie ihr weitreichender Einfluss auf die Gegenwartskunst. Präsentiert werden hierfür unter anderem Arbeiten von Tauba Auerbach, Daria Martin, Barbara Kasten, Marcel Dzama und Johanna Reich.

www.lwl.org/LWL/Kultur/museumkunstkultur

 

Kartiert man das Bauhaus und sein globales Netzwerk, so gehört Stuttgart zu den Orten, die ihm bedeutende Impulse gegeben hat und selbst wesentlich durch das Bauhaus beeinflusst ist. Zum Jubiläum begeben sich internationale Künstler in Zusammenarbeit mit der Staatsgalerie Stuttgart unter dem Titel „Weissenhof City – Von Geschichte und Gegenwart der Zukunft einer Stadt“ auf die Suche nach Spuren des vorausschauenden Bauhauses und seiner imaginierten Zukunft, die  heute unsere Gegenwart ist. In und von Stuttgart aus setzen sich die Künstler mit dem Bauhaus-Kosmos, also den Protagonisten und das Bauhaus reflektierende Reformern, Orten und Bauten, Archiven und Dokumenten, Geschichte(n) und Mythen, auseinander. Im Vordergrund steht die Frage, wie wir den utopischen Überschuss des Bauhauses und Universalismus der Moderne für unsere Gegenwart neu denken können. In ihren Beiträgen nehmen die Künstler das Publikum mit in das Museum und den Stadtraum – jenseits bekannter Pfade. Es entstehen Arbeiten in verschiedenen Medien wie Video, Installation, Arbeiten auf Papier, Exkursion, etc. Als Vorbilder für die sich entwickelnden Projekte sind Adolf Hölzel, Lehrer von Oskar Schlemmer an der Akademie in Stuttgart, und Schlemmer selbst, Meister am Bauhaus und auch in Stuttgart eine prägende Figur der Moderne, gewählt worden.

www.staatsgalerie.de